Jamal al-Khatib: Terror – Ein Diskussionsteaser für das Thema „Schweigeminute in Schulen nach terroristischen Anschlägen“

Jamal al-Khatib ist zurück. Mit „Terror“ folgt ein weiteres spannendes Video aus der Schmiede des österreichischen Präventionsträgers turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention. ufuq.de durfte das erste Video der mittlerweile dritten Staffel von Jamal al-Khatib vor seiner Onlinepremiere begutachten und hat ein paar Tipps für die Einbettung des Videos im Unterricht.

Im neuen Video geht es um das leider immer wieder aktuelle Thema „terroristische Anschläge“ und wie im Kontext Schule mit solchen Ereignissen umgegangen werden kann. Auch anlässlich der Enthauptung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty wurde die Diskussion um Gedenkminuten an Schulen wieder neu aufgelegt. In der Webtalkreihe „Islamistische und rassistische Anschläge – ein Thema für Schule und Unterricht?“ hat sich auch ufuq.de diesem aufwühlenden Thema angenommen und diskutiert u.a. gesellschaftliche und schulrechtliche Rahmenbedingungen, in denen diese Themen pädagogisch aufgegriffen werden können. „Terror“ stellt einen praktischen Beitrag dar, wie das Thema mit Jugendlichen diskutiert werden kann – gerade wenn Widerstand aus der Schüler*innenschaft spürbar ist.

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Aufnahme aus „Terror“

Jamal al-Khatib ist eine fiktive Person, die trotzdem sehr authentisch wirkt. Dies liegt daran, dass die Gedanken Jamals tatsächlich aus der Zusammenarbeit mit Jugendlichen entspringen, die im Rahmen ihrer eigenen Ausstiegsarbeit an dem Projekt des Wiener Vereins turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention partizipieren. Jamal al-Khatib hat also hinsichtlich von Prävention mehrere Dimensionen: Die Zusammenarbeit mit (ehemals) gefährdeten Jugendlichen fand im Rahmen von sekundärer Prävention statt, während die Videos selbst für die Arbeit in „ganz normalen Schulklassen“ geeignet sind und daher unter das Label primärer Prävention bzw. Universalprävention fallen (Anmerkung) . Ebenso ist dem Video eine kritische wissenschaftliche Begleitung anzusehen, das dem Zorn der Jugendlichen Raum geben möchte, aber dabei unterstützt, diesen konstruktiv zu verarbeiten.

Der Verein turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention wurde 2017 mit dem Ziel gegründet, Projekte im Rahmen von Online-Streetwork durchzuführen. Gleichzeitig sollen niederschwellige sozialarbeiterische Betreuungsangebote geschaffen werden. Neben den an den Projekten teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat sich ein transdisziplinäres Netzwerk herausgebildet, das Expert*innen aus den Bereichen Jugendsozialarbeit, Islamwissenschaft, Soziologie, Filmproduktion, Psychologie, Psychotherapie, Sozialpädagogik, Musikproduktion, Grafik Design, Politikwissenschaft und Digital Management umfasst.

Kontakt: info@turnprevention.com

Der Verein selbst versteht die Videos als „Alternative Narrative“. Obwohl sich Jamal explizit von islamistischen Gruppierungen abwendet – was für ein sogenanntes „Counter Narrative“ sprechen würde – bietet er gerade muslimischen Jugendlichen die Alternative, eine traditionelle muslimische Identität nicht aufgeben zu müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Dies ist neben der Partizipation der Jugendlichen ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der professionell umgesetzten Videos, die damit einzigartig im deutschsprachigen Raum sind. Die Videos sind auch für Fortbildungen mit pädagogischen Fachkräfte interessant, da sie einen Einblick in die Gefühlswelt vieler Jugendlicher zeigen. Ein Interview, in dem einer der Projektverantwortlichen, der Politologe Rami Ali, diesen Ansatz erklärt, ist hier nachzulesen.

Vieles was Jamal äußert, resultiert also aus einem authentischen Reflexionsprozess – sollte jedoch keinesfalls einfach unkommentiert stehen bleiben. Das Video eignet sich aber wie von turn vorgesehen gerade wegen seiner Kontroversität als Diskussionsteaser, um mit Jugendlichen im Sinne politischer Bildungsarbeit ins Gespräch zu kommen. Hier sollte es nicht um eine Bewertung der Aussagen der Jugendlichen gehen, sondern darum, einen Raum zu schaffen, in dem sie ihre Meinungen austauschen und reflektieren können. Die Rolle der Lehrkraft ist hier also zunächst eher eine moderierende. Im Folgenden ist eine mögliche Einbettung des Videos im schulischen Kontext dargestellt.

Anregungen für die pädagogische Praxis

1. Die Schüler*innen (SuS*) schauen den Film bis 5:15 Minute. Es gibt ein erstes offenes Gespräch, in dem der Film kurz zusammengefasst wird und die SuS* erste Eindrücke schildern.
Die SuS* schauen den zweiten Teil des Films und führen erneut ein offenes Gespräch über die Inhalte des Filmes. Die SuS* schildern ihre Eindrücke und Fragen.

2. Die SuS* erhalten verschiedene Beobachtungsbögen. Sie schauen den Film erneut und bearbeiten diese als Gruppenpuzzle:
Die SuS* werden den Abschnitten 1-4 zugeteilt und beantworten die entsprechenden Fragen auf dem Bogen. Nach dem Schauen des Filmes setzen sich die SuS* in ihren Stammgruppen zusammen, in denen alle die selbe Frage bearbeitet haben. Sie tauschen sich über ihre Beobachtungen aus und ergänzen sie ggf.
Schließlich finden sich die Gruppen in Expert*innengruppen zusammen: Jedes Gruppenmitglied hat eine andere Frage bearbeitet. Die SuS* tauschen sich über ihre Beobachtungen aus und ergänzen die Beobachtungen der Mitschüler*innen.
Schließlich tauschen sich die SuS* im Plenum über folgende Frage aus: Was ist ein angemessener Umgang mit Terroranschlägen?

1. Welche verschiedenen Gruppen tauchen in dem Film auf? Welche Ansichten haben die verschiedenen Gruppen? In welchem Verhältnis steht Jamal zu ihnen?
2. Welche Rolle spielen Terroranschläge in Jamals Kindheit und Jugend? Welche Kritik hat Jamal an der Schweigeminute? Wie denkt Jamal zum Ende über sein eigenes Verhalten?
3. Welche unterschiedlichen Umgangsweisen haben die Protagonist*innen mit Terroranschlägen? Wie gehen Medien laut Jamal mit Terroranschlägen um? Welche Umgangsweise schlägt Jamal vor?
4. Wie empfindet Jamal den Umgang mit Terroranschlägen an seiner Schule? Welche Kritik hat er daran? Wie fühlt sich Jamal im Laufe des Films?
Die SuS* führen eine Fishbowl-Diskussion zu der Frage „Wie kann unsere Schule gut mit Terroranschlägen umgehen?“ durch.

3. Die Moderation notiert diese Leitfrage an die Tafel. Es wird eine Diskussionsgruppe aus etwa 6 SuS* gebildet. Sie setzen sich in einen Kreis in der Mitte des Raumes, ein weiterer Stuhl bleibt dabei frei. Dieser kann von einer*m neuen Diskussionsteilnehmenden eingenommen werden. Nun muss dafür ein*e andere*r Diskussionsteilnehmende*r den Platz verlassen, sodass immer ein Stuhl freibleibt.
Die Moderation gibt dabei folgende Impulsfragen in die Diskussion:

Wie gehen Medien eurer Meinung nach mit Terroranschlägen um?
Was seht ihr kritisch am Umgang mit Terroranschlagen an unserer Schule und in den Medien?
Welche verschiedenen Perspektiven sollten beim Umgang mit Terroranschlägen berücksichtigt werden?
Was wünscht ihr euch, wenn es um den Umgang mit Terroranschlägen in Medien und Schule geht?

Aufnahme aus „Terror“

Quellen:

Bag Relex (2017): Zivilgesellschaftliche Präventionsarbeit im Themenfeld religiös begründeterExtremismus


Fanden Sie die Hilfestellung hilfreich? Schreiben Sie uns gerne Ihre Erfahrungen an info@ufuq.de. In jedem Fall ist es wichtig, mit Jugendlichen über dieses herausfordernde Thema ins Gespräch zu kommen, oder wie es Jamal ausdrückt: „Schweigen ist ein starkes Zeichen, aber bevor wir schweigen, sollten wir miteinander geredet haben.“


 

Zum Weiterlesen

„Konfrontative Religionsausübung“ als Synonym für Islamismus?, www.ufuq.de, April 2021.

Bilder der Gewalt: Künstlerische Auseinandersetzungen als pädagogischer Zugang, www.ufuq.de, März 2021.

Radikaler Respekt? Überlegungen zu Emotionen in Pädagogik und politischer Bildung am Beispiel von antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus, www.ufuq.de, Februar 2020.

„Es ist gut, zornig zu sein“ – Ein Interview mit dem österreichischen Politikwissenschaftler Rami Ali, www.ufuq.de, März 2019.


Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes Islamistischer Extremismus / KN:IX.