Warum ist es so schwer, „und“ zu sagen? Öffentlicher Diskurs und pädagogische Praxis zum Nahostkonflikt
20. März 2024 | Unkategorisiert

Symbolbild; Bild: Tormius/Unsplash

Der Terror der Hamas und der Krieg in Gaza haben in den letzten Monaten polarisierende Debatten ausgelöst. Zuletzt haben das die Auseinandersetzungen um die Berlinale, die Position von Judith Butler oder um Begriffe wie Genozid oder Apartheid gezeigt. Grau- und Zwischentöne drohen im öffentlichen Diskurs unterzugehen. Jochen Müller, Co-Geschäftsführer von ufuq.de, kommentiert, dass es ohne Perspektivwechsel und Ambiguitätskompetenz kein Miteinander geben kann – nicht in der Schule, nicht in der Gesellschaft und auch nicht in internationalen Konflikten.

Zuletzt waren es die Diskussionen um die Berlinale und die jüngsten Positionen von Judith Butler zum Nahostkonflikt, die gezeigt haben, wie verfahren und fruchtlos Debatten sind, wenn sie nach einem Entweder-Oder-Schema verlaufen: „Team Israel“ oder „Team Palästina“? Oder wie eine unserer Teamer*innen beim Workshop in einer 7. Klasse von einer Schülerin gefragt wurde: „Bist du für Israel oder für Palästina?“ Woher sollen die Schüler*innen es auch besser wissen? Stellen sich doch derzeit allzu viele Debatten in Politik und Öffentlichkeit ähnlich verfahren dar. So hatte Butler erklärt, der Angriff der Hamas am 7. Oktober sei kein terroristischer und kein antisemitischer Angriff gewesen, sondern ein Akt des Widerstands gegen fortwährende Unterdrückung. Es soll an dieser Stelle nicht um das weltgeschichtliche Verhältnis von Widerstand und Terror und dessen Bewertung aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven gehen. Vielmehr geht es um beinahe reflexhafte Positionierungen und Empörungsspiralen, die letztlich hervorrufen und bestärken, was am Ende dann alle unisono beklagen, nämlich die Polarisierungen im öffentlichen Diskurs.

Das fängt hier mit der Position von Butler selbst an, die angesichts ihres immer engagierten und dabei grundsätzlich philosophischen Denkens kaum erklärlich ist: Warum kann sie nicht sagen, dass der Angriff vom 7.Oktober sowohl terroristisch als auch antisemitisch motiviert und ein Akt des Widerstands war? Jenseits von Gut und Böse wäre eine solche Widersprüchlichkeit ja sehr gut nachvollziehbar, weil in dem Sinne zutiefst menschlich, dass sie jedem und jeder von uns Engeln und Bestien allzu bekannt ist. (Auch wenn die „Bestien“ dann meistens doch die anderen sind). Kein Wunder also, dass viele Reaktionen auf Butlers Perspektive ähnlich polarisiert ausfielen, indem sie die Philosophin für Hamas-Sympathien verdammten, die sie mit ihrer Aussage vermeintlich demonstriert hätte. Auch die Diskussionen um – bleiben wir beim Nahostkonflikt – die Begriffe von Genozid, Apartheit und Kolonialstaat verlaufen nach dem Muster „Which side are you on?“. Dabei gibt es genauso gute und ganz unterschiedlich motivierte Gründe, diese Begriffe nicht zu verwenden, wie es gute und unterschiedlich motivierte Gründe gibt, sie für legitim zu erachten. Wer also die Verwendung dieser (und anderer) Begriffe als Beschreibung für israelische Politik und Kriegführung ablehnt, ist deswegen ebenso wenig „Team Israel“, wie jemand „Team Palästina“ sein muss, der die möglicherweise dahinter stehende Perspektive für nachvollziehbar erachtet.

Was lernen wir daraus für unsere pädagogische Arbeit? Alles fängt mit dem Zuhören und dem Bemühen um das Verstehen und Anerkennen anderer Perspektiven an. Und mit der Erkenntnis, dass diese anderen Perspektiven – genau wie die eigenen – niemals neutral, rational oder universell, sondern immer nur objektiv und subjektiv sein können. (Auch subjektiv, das zeigen Studien, sind für uns ja meistens eher die anderen.) Ein Beispiel: Für mich – ich schreibe diese Zeilen als weißer Deutscher, Jahrgang 1963 – ist der Begriff des Genozids so eng mit dem des Holocaust verbunden, dass mir der begriffliche Vergleich mit dem Gaza-Krieg abwegig und mitunter auch verdächtig erscheint. Wozu, frage ich mich, soll dieser Vergleich gut sein? Das heißt aber nicht, dass der Begriff von anderen Menschen – mit anderen Biografien und anderem Genozid-Verständnis – nicht verwendet werden dürfe, um (in durchaus zuspitzender Absicht) auf die Folgen des Krieges und auf Ziele der israelischen Rechten hinzuweisen und diese zu skandalisieren. Beide hier im Widerspruch zueinander stehenden Perspektiven erscheinen mir legitim. In Gespräch und Debatte möchte ich dann zunächst nur, dass meine Perspektive genauso anerkannt und respektiert wird, wie ich andere anerkenne. Der kompetente Umgang mit solchen Widersprüchen und Ambiguitäten – nicht zu verwechseln mit indifferenter Positions- oder Haltungslosigkeit  – ist anspruchsvoll und muss nicht zuletzt in der Schule erst erlernt und eingeübt werden. Das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven und Positionen wirkt aber gegen Polarisierungen, ermöglicht erst die Suche nach Gemeinsamkeiten (Wie wollen wir leben?) und ist damit eine zentrale Voraussetzung des Miteinanders.

Eine andere Voraussetzung besteht in der Einhaltung der viel beschworenen „roten Linien“.  Positionen und Verhaltensformen, die andere Menschen und deren Perspektiven nicht anerkennen, die mit einem Wahrheitsanspruch antreten, andere abwerten, diskriminieren und auf die eine oder andere Art vernichten wollen überschreiten diese „roten Linien“. Mit einem bloßen Bekenntnis ist es aber nicht getan. Abgesehen davon, dass sie sich im Einzelfall nicht schnurgerade ziehen lassen, müssen diese „roten Linien“ mit Jugendlichen – und nicht nur mit ihnen – immer wieder geklärt, begründet und vermittelt werden. Diese Mühe müssen wir uns in der pädagogischen Praxis ebenso geben wie im öffentlichen Diskurs. Reflexhaftes Proklamieren abstrakter Begrifflichkeiten, wie etwa dieses oder jenes sei „antisemitisch“, „islamistisch“ oder „rechtsextrem“, hilft jedenfalls nicht weiter, sondern schließt eher Räume der Kommunikation, bevor diese erst begonnen hat.

In der Migrationsgesellschaft gehören Auseinandersetzungen mit globalen Konflikten zum Alltag – man denke nur an Schüler*innen mit türkischer Herkunft, von denen viele Kurd*innen oder Armenier*innen sind. Auch im Nahostkonflikt ist eine Voraussetzung für wie auch immer geartete „Lösungen“, dass unterschiedliche Geschichten, Perspektiven, Narrative und ihre Implikationen anerkannt werden und (zumindest zunächst) nebeneinanderstehen können – zum Beispiel, wenn Bedürfnisse nach Sicherheit bei den einen neben solchen nach Gerechtigkeit bei den anderen sichtbar werden. Wenn es uns also gelingt, die eigene und die anderen Perspektiven zu sehen und sie unter Beachtung und Erklärung der „roten Linien“ ins Gespräch zu bringen, dann kann uns die Auseinandersetzung mit Konflikten in Schule, Politik und Gesellschaft als Lerngelegenheit dienen, statt selbst zum Austragungsort zu werden.

 

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