Interview: Ramadan trifft Schule
13. März 2024 | Demokratie und Partizipation, Religion und Religiosität

Symbolbild; Bild: Rauf Alvi/ Unsplash

Am Abend des 10. März hat in diesem Jahr der muslimische Fastenmonat Ramadan begonnen. Für die meisten Muslim*innen ist er eine Zeit der Besinnlichkeit und ein Fest der Familie und Gemeinschaft, auf das sie sich freuen, egal ob sie mehr, weniger oder gar nicht religiös sind. Im Schulalltag bringt der Fastenmonat wiederkehrende Fragen und Unsicherheiten mit sich. Wie kann ich als Lehrkraft meine Schüler*innen während des Ramadan am besten unterstützen und eine wertschätzende Atmosphäre schaffen? Welche Möglichkeiten habe ich, Rücksicht auf die Fastenpraxis zu nehmen? Nicole Schweiß, Lehrerin und Host des Podcasts „Kleine Pause“, gibt wertvolle Impulse und berichtet, wie sie diese Zeit an ihrer Schule erlebt.

 

Maike Tragsdorf (ufuq.de):

Liebe Nicole, inwiefern ist der Fastenmonat Ramadan auch in deiner Klasse Thema?

Nicole Schweiß:

Momentan bin ich Klassenlehrerin einer 9. Die Motivation für das Planen gemeinsamer Aktivitäten oder Aktionen hält sich bei uns zur Zeit in Grenzen. Daher wünsche ich den Schüler*innen, die den Ramadan begehen, einfach gute Wünsche, biete der Klasse an, dass wir gemeinsam etwas planen können, wenn sie denn möchten (bspw. ein Fastenbrechen), sage ihnen, dass sie mit mir und meiner Co-Klassenlehrerin sprechen können, falls es im Laufe des Monats zu irgendwelchen Vorfällen, diskriminierenden Kommentaren etc. kommen sollte. Ich versuche stets den Umgang mit heterogenen Lebensrealitäten in meinen Lerngruppen zu normalisieren, ohne dabei Ungleichheitsverhältnisse unsichtbar zu machen. Wir sprechen und lernen (hoffentlich zumindest) daher oft darüber, welche Rechte die Schüler*innen haben, wie sie Diskriminierung erkennen und benennen und sich ein Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten erarbeiten können. Das Überwältigungsverbot gilt natürlich auch in Hinblick auf religiöse Feiertage, die nicht der Dominanzkultur zuzuordnen sind. Daher finde ich Dinge wie einen Ramadankalender ähnlich schwierig wie einen Adventskalender für die gesamte Klasse. All dies muss auf Freiwilligkeit aller Schüler*innen und in Zusammenarbeit mit den Eltern geplant und durchgeführt werden.

Maike Tragsdorf (ufuq.de):

Was sind deine bisherigen Erfahrungen und Beobachtungen als Lehrkraft im Hinblick auf die Ramadanzeit?

Nicole Schweiß:

Das Schulsystem insgesamt ist, anders als oft proklamiert, selbstredend alles andere als neutral und eindeutig von der christlich-weißen Dominanzstruktur geprägt. Dies ist zunächst mal eine reine Tatsachenbeschreibung ohne Wertung. In der Praxis führt diese Prägung aber ganz logisch zu Ungleichheitsverhältnissen, die wiederum zu pädagogischen Spannungsfeldern und in Teilen zu struktureller und institutioneller Diskriminierung führen. Während Schüler*innen und Lehrkräfte, die beispielsweise Ostern feiern möchten, automatisch frei haben, müssen sich Schüler*innen zu Eid beurlauben lassen, eigentlich sogar schon zu Beginn des Schuljahres. Mein Gefühl ist, dass Diversitätssensibilität und Diskriminierungskritik in den letzten Jahren weiter in den Fokus rücken und immer mehr Kolleg*innen sowie Mitglieder der Schulgemeinschaft erkennen, dass wir einen adäquateren Umgang mit der Heterogenität einer pluralen Gesellschaft brauchen. Gleichzeitig kommt es aber auch zu Abwehrreaktionen und einer Art Verteidigungshaltung einer phantasierten Leitkultur, die wiederum zu Konflikten führen können. Am Beispiel des Ramadan ist diese gegenwärtige Situation gut erkennbar. Immer mehr Lehrkräfte geben dem Thema Raum, informieren sich genauer, organisieren gemeinsames Fastenbrechen und so weiter. Gleichzeitig steigt aber bei einigen auch der Widerstand.

Maike Tragsdorf (ufuq.de):

Auf viele Termine (z. B. für Abschlussprüfungen) habe ich als Lehrkraft nur bedingt Einfluss, weil sie fest vorgegeben sind. Worauf kann ich in der Zeit des Ramadan dennoch achten, um wertschätzend mit den religiösen Bedarfen meiner fastenden Schüler*innen umzugehen?

Nicole Schweiß:

Zum Umgang mit dem Ramadan im Schulkontext sowie zur Sensibilisierung von Lehrkräften habe ich gemeinsam mit meinen Kolleg*innen Mehmet Ermayasi und Christina Schreck sowie einigen weiteren Stimmen eine Handreichung zusammengestellt sowie eine Podcastfolge zum Thema veröffentlicht, in welchen es genau um diese Fragestellung geht. Alles hier zu benennen würde den Rahmen sprengen. Meine Schlagworte wären daher an dieser Stelle zunächst einmal Sensibilisieren UND Informieren. Es gibt viele Vorurteile, was den Ramadan betrifft. Diese müssen auch in Schulen dringend abgebaut werden.

Weiterführende Materialien

Kleine Pause“ & Mehmet Ermayasi (2021): Ramadan in der Schule. Eine Folge zum sensiblen und diskriminierungskritischen Umgang mit dem Fastenmonat im Kontext Schule.

ufuq.de (2021): Online-Schaubild: „Wie, schon wieder Ramadan!?“ – Themen und Fragen rund um den Ramadan.

ufuq.de (2022): Kartenset: „Wie, schon wieder Ramadan!?“ (bestellbar über bestellung@ufuq.de).

 

 

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Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX).
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