Neue ufuq.de-Handreichung: „Anregungen für eine diversitätsorientierte Pädagogik im Kontext von Islam in der Grundschule“

Stapel der ufuq.de-Broschüre "Anregungen für eine diversitätsorientierte Pädagogik im Kontext von Islam in der Grundschule"; Bild: ufuq.deMit der neuen ufuq.de-Veröffentlichung „Anregungen für eine diversitätsorientierte Pädagogik im Kontext von Islam in der Grundschule“ erhalten pädagogische Fachkräfte Wissen und Handlungssicherheit, um den Herausforderungen einer vielfältigen Schüler*innenschaft begegnen und Kontakt und Austausch zwischen Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern fördern zu können.

Während die demographischen Veränderungen im Zuge der Migrations- und Fluchtbewegungen der jüngeren Zeit auch in Klassenzimmern sichtbar werden, haben in den Lehrkollegien nur wenige Lehrkräfte eine eigene oder familiäre Migrationsgeschichte. Dies stellt große Herausforderungen für die Schule und die pädagogischen Fachkräfte dar, die sehr engagiert an einer für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sensiblen und bedeutsamen Stelle arbeiten.

Um diesen Herausforderungen in Grundschulen zu begegnen, hat das ufuq.de-Projekt „Protest, Provokation und Propaganda – Fortbildungen, Begleitungen und Beratungen für pädagogische Fachkräfte in der Islamismusprävention in Berlin“ Ende Dezember 2019 die Broschüre „Anregungen für eine diversitätsorientierte Pädagogik im Kontext von Islam in der Grundschule“ veröffentlicht. Viele Herausforderungen können nur in Zusammenarbeit von Lehrkräften, Eltern und Schüler*innen bewältigt werden – in einem Prozess der gegenseitigen Annäherung, des aufeinander Zugehens und voneinander Lernens. Ziel dabei ist, Vielfalt schon in der Grundschule als Chance in der pädagogischen Arbeit zu verstehen und dabei auch religiösen Fragen Raum zu geben.

Die Broschüre hat einen Umfang von 64 Seiten im Format A5 und behandelt folgende Themenbereiche:

  • Grundschulen heute: Von der Integration zur Inklusion
  • Neutralität, Demokratie und Religiosität
  • Schule als Institution und Lebenswelt
  • Eltern als Akteur*innen
  • Umgang mit Diversität
  • Die Rolle von Religion – in Alltag und Unterricht
  • Und wenn’s mal knirscht …

Zahlreiche Anregungen nennen ganz praktische Maßnahmen, wie Lehrkräfte den schulischen Alltag so gestalten können, dass Konflikte und Missverständnisse vermieden werden und Raum für Neugier und Kreativität entsteht.

Download und Bestellung

Sie können die Broschüre hier herunterladen (pdf). Berliner*innen können das Druckexemplar gegen Erstattung der Versandkosten (2,50 Euro für 1 bis 2 Exemplare, 3,50 Euro für 3 bis 4 Exemplare, Versandkosten für mehrere Exemplare auf Anfrage) unter bestellung@ufuq.de bestellen.


Drei Fragen an Julia Schwieder-Rietdorf, eine der Autor*innen der Broschüre und verantwortlich für die redaktionelle Umsetzung

Porträtfoto Julia Schwieder-Rietdorf; Bild: ufuq.deWorin bestand die Motivation, diese Broschüre zu erstellen?

Julia Schwieder-Rietdorf: In unseren Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte wird sowohl über den Umgang mit Fragen zu Religion, Identität oder Rassismus als auch über mögliche Anzeichen von religiös begründeter Radikalisierung und Präventionsansätze gesprochen.

In den vergangenen Jahren erreichten uns zunehmend Nachfragen nach Fortbildungs- und Beratungsangeboten von Pädagog*innen aus Grundschulen. Dabei geht es natürlich nicht um „Radikalisierungen“ und „Extremismus“ einer Grundschülerin oder eines Grundschülers, aber eben sehr wohl um Konflikte, die mit Religion, Identität, Gemeinschaft oder mit Rassismus zu tun haben.

Konkrete Beispiele sind Beschimpfungen, die auf Herkunft oder Religion abzielen, die Verweigerung des Mitsingens von Liedern in der Weihnachtszeit oder die Teilnahme am Schwimmunterricht, an Klassenfahrten, was seitens der Schüler*innen und/oder Eltern dann religiös begründet wird. Auch das Fasten oder eben auch Nicht-Fasten während des Ramadans ist eines der Themen, bei denen es knirschen kann. Es kann passieren, dass sich die Kinder bereits in der Grundschule gegenseitig unter Druck setzen, wovon wir dann erfahren und um Unterstützung im Umgang damit gebeten werden. Fragen zur Zusammenarbeit mit Eltern sind auch immer wieder Thema, besonders wenn es um muslimisch gelesene Familien und/oder Familien nicht deutscher Herkunft geht. All das sind schwierige Themen, die natürlich erst einmal nichts mit Radikalisierung oder Extremismus zu tun haben, sondern in pluralen Kontexten fast zwangsläufig auftauchen.

Uns ging es daher darum, eine praxisnahe Broschüre für alle pädagogischen Fachkräfte an Grundschulen zu erstellen, die einige Erfahrungen aus den Fortbildungen aufgreift und bündelt.

Was ist die Kernaussage der Broschüre?

Die Schüler*innen und ihre Familien sind sehr vielfältig – die Pädagog*innen an Schulen sind häufig sehr engagiert, reflektiert und sensibel, und trotzdem knirscht es manchmal im Schulbetrieb und es treten Konflikte oder Probleme auf, bei denen Herkunft oder Religion eine Rolle spielen können. Eine ebenso große Rolle spielt aber die eigene Haltung, mit der ich als Pädagogin oder Pädagoge auf die Schüler*innen zugehe und durch welche Brille ich die jeweilige Situation sehe und interpretiere. Und vor allem, wie ich und meine Einrichtung allgemein mit Themen wie Diversität, Religiosität oder Migrationsbiografien umgehen. Mit konkreten Anregungen wollen wir die Pädagog*innen dabei unterstützen, Diversität von Anfang an auf allen schulischen Ebenen mitzudenken und Schule – vom Gebäude bis zu Schulfeiern – dementsprechend zu gestalten.

Denn eine diversitätsorientierte oder -sensible Pädagogik und ein anerkennender und wertschätzender Umgang mit den Schüler*innen ist Voraussetzung dafür, dass sich alle Schüler*innen – aber auch ihre Eltern – als gleichwertige Mitglieder der Schulgemeinschaft und der Gesellschaft verstehen können. Letztlich geht es darum, dem Entstehen von „Wir und die anderen“-Diskursen entgegenzuwirken und ein inklusives „Wir“ stark zu machen.

Welche überraschenden Erkenntnisse gab es?

Inhaltlich gab es im Autor*innen-Team immer wieder Diskussionen um einzelne Begrifflichkeiten, Definitionen oder welchen Anteil Religion respektive der Islam in der Broschüre einnehmen kann oder soll. Das war auch für uns nochmal ein wichtiger Klärungs- und Verständigungsprozess.

Ich glaube, wir alle im Team hatten uns das Erstellen oder Schreiben dieser Broschüre einfacher vorgestellt. Beim Schreiben wurde dann aber deutlich, dass wir auch im Team mit unterschiedlichen Blicken und Erfahrungen auf das Thema schauen, was eben sehr stark vom persönlichen Kontext abhängt und auch kaum allgemeingültige One-fits-all-Lösungen erlaubt. Es geht sehr viel um Sensibilität, Abwägen, Perspektivwechsel und Selbstreflexion. Insofern war der Prozess des Schreibens auch ein Spiegelbild dessen, was wir in der Broschüre versuchen, stark zu machen: zuhören, ernstnehmen, beteiligen.


Herausgeber der Handreichung ist ufuq.de im Rahmen des Projekts „Protest, Provokation und Propaganda – Fortbildungen, Begleitungen und Beratungen für pädagogische Fachkräfte in der Islamismusprävention in Berlin“. Das Projekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für die Förderung des Modellprojektes im Rahmen des Bundesprogrammes „Demokratie leben!“ sowie von der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung und der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung.