Aufbruch Neukölln: „Am Anfang denken sie, sie könnten den Automaten kontrollieren, später werden sie vom Automaten kontrolliert.“

Kazım Erdoğan ist Vorsitzender des Vereins Aufbruch Neukölln in Berlin. Der Verein bietet Spielsüchtigen seit Anfang des Jahres die Möglichkeit, sich in verschiedenen Sprachen beraten zu lassen. Erdoğan schätzt den Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte unter den Spielsüchtigen auf 65%, für die es wenig gezielte Beratungsangebote gibt. Dabei sind auch Kinder und Jugendliche von dem Problem betroffen. Aylin Yavaş und Sindyan Qasem haben sich mit Herrn Erdoğan getroffen und mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

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Herr Erdoğan, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit dem Thema Spielsucht zu beschäftigen?

Kazım Erdoğan: Ich habe mal allein in der Karl-Marx-Straße über 100 Spielhöllen und Wettbüros gezählt und da habe ich gesagt: Das kann nicht sein, dass unsere Kinder mit diesen schönen Farben und Werbungen aufwachsen und gelockt werden. Außerdem begegne ich so oft Kindern, die nicht mal 50 Cent für den Wandertag haben, weil ihre Eltern spielsüchtig sind. Ich wollte die Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam machen, das Millionen Menschen betrifft.

Der Staat nimmt dabei fleißig Geld ein: Vergnügungssteuern und Einkommenssteuern – 75% der Einnahmen landen in der Staatskasse, aber der Staat übernimmt wenig präventive Projekte. Jedes Jahr kommen mehrere hundert Menschen zu mir, Frauen vor allem, die unter der Sucht ihrer Männer leiden. Oft ist das auch ein Scheidungsgrund und kann ein Auslöser für Gewalt in der Familie sein.

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie man ein kleines Brötchen backen kann. Ich werde das Thema Spielsucht alleine nicht bewältigen können, obwohl das mein Wunsch wäre. Es ist ein großes Problem, dass nur sehr wenige sich outen und sagen: „Ja, ich bin spielsüchtig. Ja, ich habe mein ganzes Geld in den Automaten geworfen. Ja, ich habe 500€ auf ein Galatasaray-Spiel gesetzt.“ Aus diesen Gründen haben wir gesagt, wir müssen die Menschen und die Öffentlichkeit erst mal sensibilisieren und uns überlegen, welche Maßnahmen wir ergreifen können. Im Januar haben wir dann dieses Projekt gestartet. Das ist jetzt in sieben verschiedenen Sprachen verfügbar.

Wir bieten eine anonyme Online-Beratung, für diejenigen die noch nicht bereit sind, sich zu outen. Wir haben auch die telefonische Beratung, das ist die zweite Säule. Jede Woche bekomme ich 2-3 Anrufe von Müttern und Frauen, die sagen: Mein Mann ist spielsüchtig. Oder die Betroffenen selbst rufen mich an. Es geht darum, dass wir den Menschen, die keine Beratungsmöglichkeit haben, eine Möglichkeit dazu geben, denn in vielen kleinen Orten in Deutschland, gibt es keine Beratungsangebote. Außerdem ist das auch ein Angebot für Menschen, die nicht mit dem Internet umgehen können. Wir haben auch eine dritte Säule: Jeden Montag von 16-18 Uhr trifft sich unsere Selbsthilfegruppe, da kommen wir mit Betroffenen zusammen und machen uns gemeinsam Gedanken darüber, wie wir uns gegenseitig helfen können. Unser Ziel ist eigentlich, dass Vertrauensverhältnis so zu stärken, dass die Betroffenen auch in die Selbsthilfegruppe kommen und wir sie dann später auch als Multiplikatoren einsetzen, wenn es Bedarf danach gibt, zum Beispiel in Schulen, Cafés usw.

Spielsüchtige versprechen sehr viel. Wenn sie zu mir kommen, schwören sie bei Gott, bei ihren Liebsten und legen ihre Hand auf den Koran, dass sie aufhören zu spielen. Aber all das zählt nicht. Statt leeren Versprechungen sollten sie es versuchen. Erst mal ist wichtig, dass wir im Gespräch sind und uns vertrauen.

Wenn Sie sagen, dass Sie das Angebot in sieben verschiedenen Sprachen anbieten, dann klingt das ja so als sei das ein Problem, von dem Menschen mit Einwanderungsgeschichte stärker betroffen sind.

Kazım Erdoğan: 65% der Spielsüchtigen haben eine sogenannte Einwanderungsgeschichte. Und dass das gerade bei türkisch-, russisch-, arabischsprechenden Menschen ein größeres Problem ist, wissen wir. Aber das Thema Spielsucht kennt keine Religion, Ethnie, Sprache. Jeder kann betroffen sein. Gerade die Menschen, die aus Armutsverhältnissen kommen oder die sogenannten „Importbräutigame“ aus der Türkei oder aus dem Libanon, die durch die Heirat nach Deutschland kommen und isoliert leben und dann mit Cafés und Spielhöllen in Berührung kommen, sind besonders gefährdet. Die Gefahr ist bei ihnen viel, viel größer als bei Menschen, die die Spielhallen und Wettbüros seit ihrer Geburt in ihrer Nachbarschaft haben. Und Neugier, falsche Freunde, Männercafés sind auch Faktoren. Dort sieht man, dass jemand 5€ reinwirft und mit 500€ rauskommt, dann denkt man, das sei Gang und Gäbe.

Viele gehen auch nach einem Streit mit der Frau in ein Café. Sie lassen sich dazu überreden, wenn ein Freund sagt: „Komm, wirf auch 2€ rein, da kann man Geld gewinnen.“ Also die Gründe, sich animieren zu lassen, sind vielfältig. Aber Fakt ist, dass bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte die Zahl der Spielsüchtigen viel höher ist und es bisher kaum Angebote in der Muttersprache für diese Menschen gibt. Das ist der zweite Grund, warum wir das Angebot mehrsprachig zur Verfügung stellen. Wenn jemand weiß, dass ich türkisch spreche und dass ich „einer von ihnen“ bin, kann das ein Türöffner sein. Dann fällt es den Menschen natürlich leichter, sich zu öffnen.

Wie sieht ein typischer Suchtverlauf aus?

Kazım Erdoğan: Es fängt mit Spaß an, mit 5€, mit 10€, dann werden es 20€ und immer mehr. Irgendwann will man alle Verluste wettmachen und investiert immer mehr. Dann fängt man irgendwann an, sich von Freunden Geld zu leihen, weil man selbst keines mehr hat – 40€, 100€ und immer heißt es dann, dass es das Geld nächste Woche zurückgibt. Und plötzlich hat man bei mehreren Leuten Schulden, sodass man dann die Gegend meidet, die Menschen meidet. Am Anfang denken sie, sie könnten den Automaten kontrollieren, später werden sie vom Automaten kontrolliert.

Es ist selten, dass wirklich jemand einen Schlussstrich zieht. Erst wenn sie alles verloren haben, wenn die Frau droht, sie zu verlassen, weil sie die Miete nicht zahlen können, die Räumungsklage ansteht – und auch wenn sie akzeptieren, dass das ein Problem ist, fällt es schwer, sich helfen zu lassen. Oft gehen sie davon aus, dass sie nicht süchtig werden können. Sie reden sich ein, dass sie selbst nicht so stark betroffen sind wie andere, weil sie nicht 500€ in den Automaten stecken, sondern nur 100€.

Es gibt zum Beispiel viele Taxifahrer, die spielsüchtig sind. Sie fahren drei mal, haben 50€, machen eine Pause, gehen und werfen alles in den Automaten, kommen ohne einen Cent raus und fahren weiter. Dann haben sie wieder ein paar Fahrten und 80€ im Portemonnaie, sie gehen wieder in die Spielhalle. So geht das weiter. Und am Ende des Monats stellen sie fest, dass sie das Geld, das ihnen selbst zusteht, verspielt haben und auch den Anteil des Besitzers nicht mehr abführen können – und so machen sie Schulden. Daran arbeiten wir. Ich rate ihnen dann zum Beispiel, das Geld an eine vertraute Person zu geben, sobald es eingenommen wurde. Manchen rate ich auch, sich einen alten Automaten zu kaufen und damit zuhause zu spielen. Nach ein paar Monaten können wir den Automaten dann öffnen und sehen, wie viel Geld die Person jetzt verspielt hätte.

Wir können die Schulden der Menschen natürlich nicht bezahlen. Aber wir sagen: „Stellen Sie sich mal vor, sie kommen heute nach Deutschland mit 0 Cent und fangen bei Null an. Wollen wir heute bei Null anfangen?“ Es gibt da verschiedene Herangehensweisn.

Natürlich kommt dann Langeweile auf, wenn sie nicht mehr spielen. Dafür empfehlen wir Betroffenen, dass sie gemeinsame Aktivitäten mit ihren Familien unternehmen, sie können in unsere Vätergruppe kommen. Sie können mich anrufen und mich fragen, ob ich eine sinnvolle Tätigkeit für sie habe. Wir können gemeinsam einen Film schauen, wir können gemeinsam Tavla oder Karten spielen, ohne dass es um Geld geht. Wir versuchen, sinnvolle Freizeitgestaltung zu basteln, je nach Bedarf. Bisher haben sie ja nur mit dem Automaten kommuniziert.

Veränderung beginnt mit dem ersten Schritt. Aber dieser erste Schritt muss gemacht werden, dabei muss man sich eingestehen, dass es auch Rückschläge geben wird. Wenn wir drei Schritte machen und 2 ½ wieder zurück, dann haben wir immer noch einen halben Schritt vorwärts gemacht. Das ist zwar schade, aber kein Weltuntergang. So versuchen wir, die Menschen durch Gespräche zu überzeugen und zu sensibilisieren.

Sie sagten ja, dass Sie Spielsucht nicht alleine bekämpfen können, was würden Sie sich dann wünschen, zum Beispiel von Lehrerinnen und Lehrern?

Kazım Erdoğan: Einem Kind, dessen Eltern spielsüchtig sind, dem muss man die Möglichkeit geben, darüber zu sprechen und sich zu öffnen. Jugendliche, die solch eine Last auf ihren Schultern tragen, die kann man auch nicht tagtäglich für den Unterricht motivieren und von ihnen erwarten, dass sie die Leistung erbringen. Man muss erst mal verstehen, wie es diesen Menschen geht. Und wenn man das thematisiert und sie ermuntert zu reden statt zu schweigen, dann können sie sich wieder auf ihre Leistung konzentrieren. Projekttage zum Thema Spielsucht an Oberschulen sind hier zum Beispiel eine Möglichkeit. Da könnten dann Experten eingeladen werden, die darüber sprechen, welche Relevanz das Thema hat, welche Rolle es spielt und wer diejenigen sind, die gefährdet sind. Aber man muss auch darüber sprechen wie sich junge Menschen fühlen, deren Eltern spielsüchtig sind. Wir sind dabei, Lehrer und Lehrerinnen zu motivieren, dass es auch im Unterricht thematisiert wird.