„Ganz nebenbei“ – Pädagogische Arbeit und Prävention bei ufuq.de im Spiegel migrationsgesellschaftlicher Entwicklungen

Schematische Darstellung der Arbeitsfelder und Projekte von ufuq.de 2020; Bild: ufuq.deMit Beginn des Jahres hat ufuq.de seine Arbeitsfelder und Projekte neu aufgestellt. Neue Projekte sind hinzugekommen, bestehende wurden mit der neuen Fachstelle in Berlin in einen anderen Organisationsrahmen gestellt. Wie sehen pädagogische Arbeit und Prävention bei ufuq.de im Spiegel migrationsgesellschaftlicher Entwicklungen inzwischen aus? In welchem Verhältnis stehen pädagogische Angebote und „universelle“ Prävention? Dazu äußern sich Canan Korucu und Jochen Müller von der ufuq.de-Geschäftsführung im Interview.

Frage: ufuq.de arbeitet seit seiner Gründung im Bereich der universellen Prävention von Islamismus. Welche Entwicklungen standen da zuletzt im Mittelpunkt politischer Diskussionen und der Projektarbeit?

Jochen Müller: Tatsächlich ist die universelle Islamismusprävention seit jeher ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Viel diskutiert wurde da in den letzten Monaten das Verhältnis von Prävention und politischer Bildung: Verkürzt gesagt geht es um die Frage, wieviel politische Bildung in der Prävention steckt und wieviel Prävention in der politischen Bildung. Dahinter stehen aber auch Interessenskonflikte um die Vergabe öffentlicher Mittel. So kritisieren Träger der politischen Bildung, dass zuletzt viele Mittel in den Bereich der Prävention flossen, die politische Bildung demgegenüber aber oft zu kurz käme. In unserer praktischen Arbeit – also den Workshops für Jugendliche sowie den Fortbildungen und Materialien für Fachkräfte, die wir bundesweit anbieten – stellt sich die Frage nach der Abgrenzung von politischer Bildung und Prävention nicht so sehr. Wir verbinden hier spezifische Aspekte von politischer Bildung, Pädagogik und universeller Prävention miteinander, achten aber zum Beispiel auch darauf, mit welchen Begrifflichkeiten wir unsere Angebote beschreiben und Mittel dafür beantragen. So wäre es fatal, wenn unsere Workshops an Schulen unter dem Label der „Islamismusprävention“ stattfänden, weil das stigmatisiert und viele Jugendliche darauf zurecht sehr sensibel reagieren.

Im Schaubild der ufuq.de-Projekte 2020 (pdf, mit Legende) ist ja ganz unten eine Leiste eingefügt, die das Spektrum der Themen- und Handlungsfelder von ufuq.de andeutet.

Canan Korucu: Genau, die Leiste im Schaubild stellt das Spektrum dar, was unter dem Begriff „universelle Prävention“ verstanden werden kann: Projekte auf der einen Seite, in denen das Ziel der Islamismusprävention explizit ausgewiesen ist; und solche, in denen es eher um Pädagogik zu Fragen und Aushandlungsprozessen im Kontext von Migrationsgesellschaft geht. In der Praxis von Schule und Jugendarbeit zeigen sich dabei wie gesagt große Schnittmengen und dennoch ist ein kritischer Umgang mit den jeweiligen Ansätzen und Zielen für die pädagogische Arbeit unabdingbar. „Präventiv“ im weiten Sinne von Demokratiestärkung, Förderung von Partizipation und Anerkennung sowie Sensibilisierung für Diskriminierungen, Menschenfeindlichkeit und Ideologisierungen sollen ja alle unsere Angebote und Materialien wirken. Dazu muss aber „Prävention“ nicht das ausgewiesene Ziel einer Maßnahme sein, geschweige denn, als Label oben draufstehen.

Worin besteht denn eigentlich das „Universelle“ an der Prävention?

Canan Korucu studierte Erziehungswissenschaften und Gender Studies und hat ein Aufbaustudium der Islamwissenschaften absolviert. Sie ist Co-Geschäftsführerin von ufuq.de. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem rassismuskritische Bildungsarbeit, Online-Prävention sowie antimuslimischer Rassismus.

 

Dr. Jochen Müller ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer und Co-Geschäftsführer von ufuq.de. Er konzipiert Materialien und Fortbildungen im Themenfeld von Islam, antimuslimischem Rassismus und (universeller) Islamismusprävention. Weitere Interessen- und Arbeitsschwerpunkten sind Kolonialismus und Postkolonialismus, Nahostkonflikt und Antisemitismus sowie Pädagogik in der Migrationsgesellschaft.

Jochen Müller: In der „universellen“ Islamismusprävention verstehen wir Islamismus zunächst als Krisenphänomen, also als eine Ideologie, die auf gesamtgesellschaftliche Krisen reagiert bzw. diese spiegelt. Sehr weit gefasst ließe sich vielleicht formulieren, dass gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte die für Menschen existenzielle Balance von Bindung und Autonomie verschoben haben. Dazu gehören auch spezifische Widersprüche im Werden von Migrationsgesellschaft. Diese Entwicklungen bringen individuelle Erfahrungen von Ohnmacht, Entfremdung oder Nichtzugehörigkeit mit sich, die bei vielen Menschen und insbesondere auch bei Jugendlichen für Gefühle von Schmerz und Wut sorgen und in Zorn und Gewalt, aber eben auch in Polarisierungen, Ideologien und diverse einfache Welt- und Feindbilder münden können. Demgegenüber sollen unsere pädagogischen Angebote Erfahrungen von Partizipation, Selbstwirksamkeit, Respekt, Empathie, Anerkennung und Solidarität ermöglichen und auf diese Weise ganz nebenbei und allgemein, das heißt „universell“ präventiv wirken. Neben kritischer Reflexion und Wissensvermittlung geht es also ganz wesentlich auch um Emotionen. Wobei wir uns natürlich auf unsere spezifische Expertise konzentrieren – also das Themenfeld Islam, antimuslimischer Rassismus und Islamismusprävention im Kontext der deutschen Migrationsgesellschaft.

Hier geht es ufuq.de in besonderer Weise um Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrungen von Jugendlichen mit muslimischer Familiengeschichte. In welchem Verhältnis steht die Antidiskriminierungsarbeit zur Prävention?

Canan Korucu: Unsere Arbeit findet nicht im luftleeren bzw. machtfreien Raum statt, sondern spiegelt die Diskurse um migrationsgesellschaftliche Macht- und Differenzverhältnisse wider. Wenn Jugendliche aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihrer – oft zugeschriebenen – Religion oder „Kultur“ Diskriminierungserfahrungen machen, dann ist das ein Thema von großer gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. So stammen ein Teil der in den letzten Jahren gemeldeten Fälle von Diskriminierung und Rassismus aus dem Sozialraum Schule und dem Bildungsbereich. Hier machen als „muslimisch“ gelesene Jugendliche immer wieder Erfahrungen von Ausgrenzung, Diskriminierung und rassistischer Zuschreibungen. Wenn also Migrationsgesellschaft gelingen und das Versprechen nach Bildungsgleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe für die Jugendliche glaubhaft sein soll, gehören diese Erfahrungen auch auf die pädagogische Agenda. Hier sollen unsere Angebote in erster Linie dazu beitragen, Jugendliche zu stärken und zu empowern.

Sie „wirken“ aber auch präventiv: Gewissermaßen „nebenbei“, wie mein Kollege es gerade formuliert hat, können sie Jugendliche auch vor „problematischen“ Ideologien schützen, wenn sich nämlich junge Menschen in Such- und Übergangsprozessen und vor dem Hintergrund rassistischer Erfahrungen von Eindeutigkeitsangeboten angezogen fühlen – also von Ansprachen ideologischer Gruppen etwa aus dem islamistischen oder aus nationalistischen Spektren. Rassismuskritische Bildungsarbeit wirkt dann in einem sehr universellen Sinne präventiv. Dabei betrachten wir Islamismus weder als Folge von Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen, noch geht es in unseren Angeboten um eine Sensibilisierung für „den“ Islam. Im Mittelpunkt steht vielmehr, das Verstehen für das Denken und Handeln von Jugendlichen zu fördern und ihnen Raum für ihre Erfahrungen und Fragen zu geben.

Jochen Müller: Das „Verstehen“ wird aber oft missverstanden. Wenn wir von „verstehen“ sprechen, wollen wir „problematische“ Positionen und Verhaltensformen nicht rechtfertigen oder banalisieren, sondern es geht darum, Ansatzpunkte für pädagogisches Handeln zu finden.

Nun sitzen in Schulklassen ja nicht nur „muslimische“ Jugendliche mit ihren Lehrer*innen …

Canan Korucu: Deshalb reden wir zum Beispiel viel über Werte – die können religiös oder nichtreligiös begründet sein und vor allem über ihre Gemeinsamkeiten. Und wir stellen die Frage „Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?“, statt beständig Differenzen und Konflikte zu betonen. Außerdem stehen ja auch nichtmuslimische Jugendliche unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Islamdiskurse. So hat die Studie „Islamfeindlichkeit im Jugendalter“ gezeigt, dass die Themen „Unterdrückung und Islamismus“ das Islambild vieler Jugendlichen prägen. Deshalb sind unsere Angebote für Jugendliche zu den Themen Islam, antimuslimischem Rassismus und anderen Diskriminierungserfahrungen und – mittlerweile weniger – zur Islamismusprävention immer Angebote für alle Jugendlichen, weil wir in unseren Angeboten jugendspezifische Fragestellungen nach Sinn und Gemeinschaft aufgreifen, weil wir einen lebensweltlichen Alltagsbezug herstellen und weil wir Fragen und Themen im Kontext von Migrationsgesellschaft aufgreifen. Das geht alle etwas an.

Lässt sich das konkreter beschreiben?

Jochen Müller: Wir bekamen in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Anfragen vor allem aus dem schulischen Bereich. Schulen und Fachkräfte schilderten Probleme und Konflikte und fragten sich und uns, ob es sich bei bestimmten Aussagen oder Verhaltensweisen um Symptome von Radikalisierungsprozessen vor allem bei muslimisch gelesenen Jugendlichen handeln könne. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund islamistischer Anschläge und des Medienechos darauf war das verständlich. In der Praxis zeigte sich dann, dass es in den Schulen zwar ernst zu nehmende Fragen und Auseinandersetzungen gab, mit denen sie sich im Sinne eines gelingenden Miteinanders und eines gelingenden Unterrichts auseinandersetzen müssen – mit Islamismus im Sinne einer komplexen Ideologie oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene hatten sie jedoch selten zu tun. Viel häufiger ging es um Fragen, die sich im Zusammenhang von Migrationsgesellschaft stellen, etwa bei religiös begründeten Positionen Jugendlicher, der Rolle von Religion in der pädagogischen Arbeit oder bei Konflikten von Jugendlichen untereinander. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Angebote stärker auf diese alltäglichen Probleme und Fragen ausgerichtet. In Workshops können Jugendliche über Identität und Zugehörigkeit oder über einfache Weltbilder sprechen – und zwar unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit oder einer eventuellen Migrationsbiografie. In den Materialien für Fachkräfte, wie dem Kartenset „The Kids are alright“ geht es um einen zugewandt-reflektierten und nicht-stigmatisierenden Umgang mit oftmals herausfordernden Fragen zum Fasten im Ramadan, zum Sportunterricht oder zu Geschlechterthemen.

Was hat sich in der Arbeit von ufuq.de in den vergangenen Jahren verändert?

Canan Korucu: Es findet eine Verschiebung in Richtung politischer Bildung mit einem inhaltlichen Schwerpunkt zum antimuslimischen Rassismus statt. Wir arbeiten ja seit unserer Gründung in einem Themenfeld, das wir damals mit den Buchstaben III abgekürzt haben, also Islam, Islamismusprävention und Islamfeindlichkeit. Und wir haben bereits vor zehn Jahren erklärt, dass wer zu Islamismus pädagogisch-präventiv arbeiten will, über Islamfeindlichkeit – heute würden wir sagen: antimuslimischen Rassismus – nicht schweigen darf. Über die Jahre hat sich das bestätigt, und wir haben unsere pädagogischen Konzepte entsprechend weiterentwickelt. Das verläuft nicht ohne Widersprüche und auch nicht ohne interne Auseinandersetzungen im Team.

Könnt ihr ein Beispiel dafür nennen?

Jochen Müller: Na, wenn es zum Beispiel um den Antisemitismus „von Muslim*innen“ geht. 2007 stand eine unserer ersten Veranstaltungen unter dem Titel „Antisemitismus unter jungen Muslimen“ – damals noch ungegendert. Aus heutiger Sicht ist das in verschiedener Hinsicht schiefgelaufen, denn es greift „junge Muslime“ als vermeintlich besondere und über die Religion zu definierende Problemgruppe heraus und blendet den gesamtgesellschaftlichen Kontext aus, in dem Antisemitismus immer steht. Das Thema holt uns aber immer wieder ein – zuletzt im Kontext der Diskussionen um Geflüchtete: Da kritisieren zwar alle den pauschalisierenden Sprachgebrauch von „den Muslimen“, als habe moderner Antisemitismus ursächlich mit Religion zu tun. Einige finden aber, dass Antisemitismus zum Beispiel angesichts der spezifischen Diskurse im Nahen und Mittleren Osten durchaus ein Thema für politische Bildungsarbeit mit Geflüchteten sein könnte. Andere betonen eher das Problem der stereotypen Zuschreibungen, die mit entsprechenden Maßnahmen lediglich Bestätigung fänden und nicht zuletzt dazu dienen, den Antisemitismus in Deutschland auf eine bestimmte Gruppe zu projizieren. Meiner Meinung nach – das sehen aber nicht alle so – haben beide recht. Es kommt dann in der Praxis sehr auf den Inhalt und die Rahmung einer etwaigen Maßnahme an. Solche Diskussionen mögen mitunter äußerst mühsam sein, aber sie schärfen das jeweilig vielschichtige Problembewusstsein.

Dann nochmal die Frage nach den Veränderungen bei ufuq.de in den vergangenen Jahren …

Jochen Müller: Das sind vielleicht keine grundlegenden aber schon weitreichende Veränderungen. So sind heute weniger „junge Muslim*innen“ unsere Zielgruppe als Jugendliche in der (Post-)Migrationsgesellschaft. Ebenso stehen der Islamismus als Ideologie und dessen Repräsentant*innen weniger im Mittelpunkt unserer Arbeit als der migrationsgesellschaftliche Kontext insgesamt. Religion sehen wir vor allem als Ressource, und antimuslimischer Rassismus steht wie gesagt thematisch stärker im Fokus unserer Arbeit ebenso wie intersektionale Perspektiven und Praxisformate. Über die Jahre gesehen geht es also nicht nur um veränderte Begrifflichkeiten und Akzentverschiebungen, sondern auch um das Grundverständnis gesellschaftlicher Fragen und Kontroversen und entsprechend gestaltete Angebote für die pädagogische und damit auch die universell-präventive Arbeit.

Und wie stellen sich diese Verschiebungen anhand der aktuellen Projekte und Arbeitsfelder dar?

Canan Korucu: Auf der einen Seite arbeiten wir zusammen mit zwei anderen Trägern, der BAG RelEx und Violence Prevention Network (VPN), in einem Kompetenznetzwerk des Programms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend explizit im Themenfeld „Islamistischer Extremismus“ bzw. dessen „universeller“ Prävention. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen zwei Modellprojekte: kiez:story (ebenfalls gefördert durch „Demokratie leben!“) und DO Dein Ort (Bundeszentrale für politische Bildung). In diesen geht es gar nicht um Islamismus, sondern um Empowerment und Partizipation junger Menschen durch die Auseinandersetzung mit Biografien und Migrationsgeschichte. Zielgruppen sind dabei zum einen Jugendliche im „heterogenen Klassenzimmer“ (kiez:story), zum anderen junge Geflüchtete (DO).

In den Angeboten unserer beiden Fachstellen in Berlin (gefördert von „Demokratie leben!“ und der Landesantidiskriminierungsstelle der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung) und in Bayern (gefördert von „Demokratie leben!“ und dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales) findet alles unter einem Dach statt. So wurden in Berlin seit diesem Jahr die Einzelprojekte mit Jugendlichen (Workshops „bildmachen“ und „Wie wollen wir leben?“) und pädagogischen Fachkräften („Protest, Provokation oder Propaganda“) in der neu gegründeten „Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, antimuslimischem Rassismus und Islamismus“ gebündelt. Das klingt vielleicht etwas kompliziert – aber mit diesem Titel sind die gegenwärtigen Schwerpunkte unserer Arbeit ganz gut beschrieben.

Zum Weiterlesen

„Ihr betreibt Identitätspolitik“ – ein Streitgespräch mit Kurt Edler zu antimuslimischem Rassismus, Lobbyismus und den Grenzen von Religiosität im öffentlichen Raum, ufuq.de, Dezember 2019.

ufuq.de-Fachtag: Von der Auseinandersetzung mit Kolonialismus bis zur Kritischen Weißseinsforschung und antimuslimischem Rassismus – Was hat das mit Islamismusprävention zu tun?, ufuq.de, Oktober 2019.

Memes und politische Bildung – Wie passt das zusammen? Wir berichten aus einem Berliner bildmachen-Workshop, ufuq.de, Januar 2019.