Fremd-gemachte Männlichkeit im Migrationskontext

Symbolbild Mann hält Scherbe eines Spiegels; Bild: unsplash.com/Jurien HugginsNicht selten werden männliche Migranten in Medien als homogene und fremdartige Masse dargestellt, die es für die weiße Mehrheitsgesellschaft als Problem zu bewältigen gilt. Der Geschlechterforscher Dr. Paul Scheibelhofer hat untersucht, welches Geflecht aus Privilegierungs- und Abwertungsmechanismen sich hinter der Problematisierung männlicher Migranten verbirgt.

Männliche Migranten und Geflüchtete stehen immer wieder im Fokus des öffentlichen Interesses: “Was macht diese Männer aus? Wie leben sie? Woran glauben sie?” In den Antworten auf diese Fragen erscheinen migrantische Jungen und Männer oftmals als homogene Gruppe, die sich vermeintlich grundlegend von Männern ohne Migrationserfahrungen unterscheidet. Um solche problematischen Verallgemeinerungen zu überwinden, braucht es eine andere Perspektive auf Männlichkeitskonstruktionen im Migrationskontext und auf die Rolle, die Dynamiken des Fremd-Machens hier spielen.[1]

Von dominanten und “anderen” Männlichkeiten

Bereits vor Jahrzehnten hat die Feministin Simone de Beauvoir [2] mit dem Satz “Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu” auf den gesellschaftlich konstruierten Charakter des sozialen Geschlechts hingewiesen. Was es heißt, eine Frau zu sein und ein Leben als Frau zu führen, leitet sich in diesem Sinne nicht aus körperlichen Eigenschaften ab – wie wären sonst historische Veränderungen und kulturelle Unterschiede von weiblichen Lebensentwürfen erklärbar? Vielmehr sind dafür soziale Strukturen und gesellschaftliche Normen verantwortlich. Was de Beauvoir über Frauen gesagt hat, ließe sich auch auf Männer übertragen: Auch sie werden nicht “als Männer geboren”, sondern sind mit Erwartungen und Normen konfrontiert, die ihre Geschlechtlichkeit prägen. Die Tatsache, dass Männer als Gruppe noch immer gesellschaftlich machtvolle Positionen (in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc.) innehaben, schlägt sich dabei in der Konstruktion von Männlichkeit nieder. So gibt es überall, wo es männliche Herrschaft gibt, auch bestimmte Vorstellungen von “richtiger Männlichkeit”, die Männer zu erfüllen haben. Die australische Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell [3] bezeichnet dies als Idealbild “hegemonialer” (d. h. “vorherrschender”) Männlichkeit, welches eng mit weißer Hautfarbe, Macht, Konkurrenz und Erfolg verbunden sei. Mit der Ausrichtung am männlichen Ideal geht das Versprechen auf eine “patriarchale Dividende” einher. Mit diesem Begriff bezeichnet Connell den “allgemeinen Vorteil, der den Männern aus der Unterdrückung der Frauen erwächst”.[4] Diese Dividende drückt sich etwa in einem Mehr an Anerkennung, Entscheidungsmacht oder Bezahlung für Tätigkeiten in “männlichen” Berufsfeldern aus.

Für eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit im Migrationskontext ist die Beobachtung zentral, dass diese gesellschaftlich konstruierten Idealbilder auch genutzt werden können, um jene Männer abzuwerten, die der hegemonialen Norm nicht entsprechen (können oder wollen). Männliche Herrschaft basiert demnach auf einer doppelten Abwertungsstruktur: Einerseits gegenüber Frauen, andererseits gegenüber “anderen” Männern. Historisch und aktuell zeigt sich, dass unterschiedliche Gruppen von Männern zu solchen “Anderen” gemacht wurden, etwa “vagabundierende”, jüdische, homosexuelle oder eben migrantische Männer. Ein intersektioneller Blick [5], der das Zusammenwirken unterschiedlicher Formen und Dimensionen von Ungleichheit, Differenz und Herrschaft berücksichtigt, zeigt: Klassenverhältnisse, Heteronormativität (d. h. die Vorstellung von Heterosexualität als gesellschaftlicher Norm), Rassismus und andere Machtverhältnisse schaffen auch unter Männern Hierarchien. Sie positionieren dadurch “andere” Männer am Rand der Gesellschaft, wo sie oftmals Ausgrenzung, Diskriminierung und auch Gewalt erfahren. Begleitet und legitimiert wird dieser Ausschluss durch weit verbreitete Bilder und Diskurse, die ihnen negative und oftmals bedrohliche Eigenschaften zuschreiben.

Porträtfoto Paul Scheibelhofer; Bild: privatDr. Paul Scheibelhofer ist Assistenzprofessor für Kritische Geschlechter­forschung am Institut für Erziehungs­wissenschaft der Universität Innsbruck. Er befasst sich in Forschung, Publikationen und Lehre mit den Themen kritische Männlichkeits­forschung, Geschlechter­verhältnisse und Sexualität, Migration und Rassismus sowie emanzipa­torische Pädagogik und Sexual­pädagogik.

Fremd-gemacht

In medialen Diskursen finden sich immer wieder stereotype Darstellungen von problematisierter fremder Männlichkeit, die diesen Männern negative Eigenschaften zuschreiben. Seit einiger Zeit sind im deutschsprachigen Raum dabei insbesondere muslimische Jungen und Männer als Problemgruppe identifiziert worden, denen archaische Geschlechtervorstellungen und eine gefährliche Tendenz zum Fundamentalismus zugeschrieben werden. Dass diese Bilder oftmals mit Annahmen gefährlich fremder Sexualität einhergehen, zeigte sich etwa in den Debatten über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht.[6] Um die vermeintliche Andersartigkeit von migrantischen Männern zu begründen, wird die zugeschriebene Fremdheit im Bereich von Kultur oder Religion verortet. Ein näherer Blick auf die dominanten Bilder zeigt jedoch, dass hier Begriffe wie Kultur, Tradition oder Religion mitunter dieselbe diskursive Funktion übernehmen wie der frühere “Rasse”-Begriff, um ganze Personengruppen als andersartig zu markieren und sie aufgrund zugeschriebener Eigenschaften abzuwerten.[7]

Dominante Bilder über gefährliche männliche Migranten und Geflüchtete bleiben dabei nicht ohne Wirkung. Sie werden etwa in der Politik zur Legitimation restriktiver Asylgesetze heraufbeschworen [8] und können auch Begegnungen in Schule, Beruf und Alltag prägen. Geflüchtete und Migranten werden in diesen Darstellungen als “nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechende” Jungen und Männer markiert und problematisiert. Dieses Fremd-Gemacht-Werden erschwert nicht nur ihre gesellschaftliche Teilhabe, sondern auch – um mit Connell zu sprechen – ihren Zugang zur “patriarchalen Dividende”.

Die dominanten Repräsentationen hegemonialer Männlichkeit begleiten und verschärfen jene Exklusionserfahrungen, die viele Migranten und Geflüchtete aufgrund ihrer prekären Lebenssituation machen. Unsichere Bleiberechtsperspektiven und Restriktionen im Zugang zu Bildung und Arbeit erschweren etwa ein selbstbestimmtes Leben und das Entwickeln von Zukunftsperspektiven. Diese Einschränkungen können sich auch auf geschlechtliche Selbstverständnisse auswirken. So hat die Anthropologin Melanie Griffiths [9] in ihrer Studie mit geflüchteten Männern gezeigt, dass diese das “verordnete Nichtstun” während ihrer Asylverfahren auch als Entmännlichung erfuhren. Niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit etc. können für männliche Migranten mitunter auch zu einer Schwächung ihrer Position innerhalb der Familie und zu Verschiebungen von Machtbalancen führen.[10] Diesen Veränderungen begegnen manche Männer mit einem verstärkten Einfordern einer dominanten männlichen Position und stützen diese auch durch Verweise auf Kultur und Tradition.[11] Andere nutzen ihren Körper, um auf Exklusionserfahrungen mit hypermaskulin-bedrohlichem Auftreten, straffälligem Verhalten oder Gewalt zu antworten und sich dadurch, zumindest situativ, eine Position der Macht zu erarbeiten.[12] Gleichwohl gestalten sich Männlichkeitskonstruktionen im Migrationskontext nicht ausschließlich in Reaktion auf Erfahrungen mit ausgrenzenden Zuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern können auch unabhängig davon erfolgen. Wenn migrantische Jungen etwa Männlichkeitsentwürfe aufgreifen, die sich aus rigiden patriarchalen Strukturen und Traditionen der eigenen oder elterlichen Herkunftskontexte speisen, kann dies zu einer Zustimmung zu hierarchischen Geschlechterrollenverständnissen führen, einer Überbetonung von Männlichkeit (wie es etwa die Autorin Sineb El Masrar in ihrem Interview beschreibt) oder zu Selbstethnisierung im Zuge einer identitätsstabilisierenden Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft.

Es gibt jedoch auch ganz andere Wege, wie Geschlechtsidentitäten gelebt und Männlichkeiten entworfen werden können. So zeigte etwa Sozialwissenschaftler Michael Tunç [13] die große Bandbreite unterschiedlicher Vaterschaftskonzepte, die migrantische Männer leben. Der Soziologe Zülfukar Çetin [14] zeichnet die Strategien nach, die homosexuelle Migranten im Umgang mit multiplen Diskriminierungserfahrungen entwickeln. Die Soziologen Árdís Ingvars und Ingólfur Gíslason [15] verdeutlichen wiederum, wie junge geflüchtete Männer auf ihre prekäre Lebenssituation mit Praktiken von Solidarität, Verantwortung und gegenseitiger Sorge reagieren.

Fazit

Migrantische und geflüchtete Männer sind gesellschaftlich widersprüchlich positioniert: Als Männer gehören sie einer dominanten sozialen Gruppe an, gleichzeitig erfahren sie auf diskursiver sowie auf institutioneller Ebene vielfach Abwertungen. Das daraus resultierende Geflecht aus Privilegierungs- und Abwertungserfahrungen prägt den widersprüchlichen Rahmen für Männlichkeitskonstruktionen im Migrationskontext. Um diese Konstruktionen zu verstehen, gilt es, essentialistische Bilder des “Eigenen” und des “Fremden” zu überwinden und Prozesse des Fremd-Machens in den Blick zu nehmen. Diese Perspektive ändert Fragestellungen: Statt zu fragen “Wie sind fremde Männer, was macht sie aus?” kann gefragt werden, wie migrantische Männer mit Erfahrungen widersprüchlicher sozialer Positionierungen umgehen und welche geschlechtlichen Selbstverständnisse dabei entstehen. Doch hier sollte die Auseinandersetzung nicht stehen bleiben, sondern der Blick auf das vermeintlich Selbstverständliche gerichtet werden. Denn die Prozesse des Fremd-Machens reproduzieren nicht nur die Marginalisierung migrantischer Männer, sondern sichern auch die gesellschaftlich dominante Position weißer (hegemonialer) Männlichkeit ab, in dem sie diese als “unmarkierte” sowie unhinterfragte Norm setzt. Die Auseinandersetzung mit Männlichkeitskonstruktionen im Migrationskontext kann damit Aufschluss über die gesamtgesellschaftlichen Strukturen (weißer) männlicher Herrschaft geben und dabei helfen, diese Herrschaft zu überwinden.

Fußnoten

1.

Ausführlicher in: Scheibelhofer, Paul (2018): Der fremd-gemachte Mann. Konstruktionen von Männlichkeit in der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden: Springer VS.

2.

Beauvoir, Simone de (2000 [1949]): Das Andere Geschlecht. Hamburg: Rowohlt.

3.

Connell, Raewyn W. (2015): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer VS.

4.

Ebenda, S. 133.

5.

Lutz, Helma/Herrera Vivar, María Teresa/Supik, Linda (Hg., 2013): Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes. Wiesbaden: Springer VS.

6.

Messerschmidt, Astrid (2016): “Nach Köln” – Zusammenhänge von Sexismus und Rassismus thematisieren. In: Castro Varela, María do Mar/Mecheril, Paul (Hg.): Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart. Bielefeld: transcript.

7.

Hund, Wulf D. (2007): Rassismus. Bielefeld: transcript.

8.

Vgl. Scheibelhofer (2018), S. 68 ff.

9.

Griffiths, Melanie (2015): ‘‘Here, Man Is Nothing!’’, Gender and Policy in an Asylum Context’. Men and Masculinities, Jg. 18, Nr. 4, S. 468-88.

10.

Crossley, Paul/Pease, Bob (2009): Machismo and the Construction of Immigrant Latin American Masculinities. In: Donaldson, Mike, et al. (Hg.): Migrant Men. New York: Routledge.

11.

Ewing, Katherine (2008): Stolen Honor. Stigmatizing Muslim Men in Berlin. Stanford: Stanford University Press.

12.

Spindler, Susanne (2006): Corpus Delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag von jugendlichen Migranten. Münster: Unrast Verlag.

13.

Tunç, Michael (2018): Väterforschung und Väterarbeit in der Migrationsgesellschaft. Rassismuskritische und intersektionelle Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS.

14.

Çetin, Zülfukar (2012): Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierungen am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin. Bielefeld: transcript.

15.

Ingvars, Árdís/Gíslason, Ingólfur (2018): Moral Mobility: Emergent Refugee Masculinities among Young Syrians in Athens. Men and Masculinities, Jg. 21, Nr. 3, S. 383–402.

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Über die Vereinbarkeit von Queerness und Muslimisch-Sein: ufuq.de veröffentlicht neues Video-Modul „LGBT… What?!?“, www.ufuq.de, Juni 2020.

Das Sprechen über den Islam zwischen demokratischer Kritik und antimuslimischem Rassismus, www. ufuq.de, Januar 2020.

Muslimische Väter – Zwischen stereotypen Rollenbildern und progressiver Männlichkeit, www.ufuq.de, Juni 2019.