Der Kinofilm „Womit haben wir das verdient?“ – Schüler_innen diskutieren über Beleidigungen, Religion und Regeln

Vorletzte Woche startete der Kinofilm „Womit haben wir das verdient?“ der österreichischen Regisseurin Eva Spreitzhofer in den deutschen Kinos. Im Trailer wird er angekündigt als „Culture-Clash-Komödie“, die „Rebellion“ und „Überforderung“ zeigt. Doch wer rebelliert gegen was und wer ist von wem überfordert?

Die Schülerin Nina lebt in einer atheistischen Patchworkfamilie in Wien. Eines Tages offenbart sie dieser, dass sie zum Islam konvertiert ist und das Kopftuch trägt. Nach erster impulsiver Ablehnung und verschiedenen Umstimmungsversuchen bemüht sich ihre Mutter Wanda, die vermeintlich neue Lebenswelt ihrer Tochter zu verstehen. Sie kauft halal ein, geht zum Fastenbrechen in die Moschee und kauft ihr einen Burkini für den Schwimmunterricht. Nina selbst ist auf der Suche, was es eigentlich bedeutet muslimisch zu sein – wie und wann sie betet, was sie isst und trägt, welche Regeln es gibt – und muss dabei vor allem erst einmal herausfinden, was ihr selbst wichtig ist und wer sie sein möchte.

ufuq.de wollte wissen, was Jugendliche über den Film denken, und hat eine 9. Klasse der Augsburger Kerschensteiner Mittelschule ins Kino eingeladen. Das Nachgespräch führten unsere Kolleginnen Regina Graf und Clara Riecke. Ein Gesprächsprotokoll.

Regina: Zum Einstieg interessieren wir uns für eure ersten Eindrücke vom Film. Dafür könnt ihr euch im Raum aufstellen – wenn ihr die Frage bejaht, geht ihr nach links, wenn ihr sie verneint nach rechts. Erste Frage also: Fandet ihr den Film gut? (Die Jugendlichen verteilen sich im Raum.) Super, dass ihr so verschieden steht! Wer mag denn sagen, warum er oder sie dort steht?

Adisa: Ich fand den Film nicht so gut, weil er ein bisschen verletzend für Muslime war. Da war zu viel Spaß im Film, auch wenn es eine Komödie war, ich fand das beleidigend.

Konstantin: Ich finde auch, dass man das Thema Muslime und ihre Religion viel ernster angehen sollte.

Lisa: Ich finde, dass der Film an sich gut gemacht worden ist und er auch lustig war. Ich finde aber auch, dass man nicht so viel Spaß machen sollte über Religion.

Regina: Fandet ihr den Film denn realistisch? Könnte das in echt so passieren?

Nesrin: Das könnte schon passieren. Ich denke aber nicht, dass das Konvertieren so übertrieben ist wie im Film, zum Beispiel kann man ja auch anders beten als die Nina im Film.

Cem: Ich glaube schon, dass es zu Konflikten kommen könnte, wenn einer aus der eigenen Familie seine Religion wechselt, aber nicht so extrem.

Regina: Habt ihr denn verstehen können, warum Nina konvertiert?

Yasemin: Weil ein Mädchen wegen ihres Kopftuchs gemobbt wurde und Nina sie dann unterstützen und zeigen wollte, dass es nicht schlimm ist, das Kopftuch zu tragen.

Adisa: Ich finde, man kann auch anders unterstützen, als die Religion zu wechseln. Nur um zu zeigen, dass es komplett normal ist, muslimisch zu sein, da gibt es auch andere Unterstützungsmöglichkeiten für Muslime.

Clara: Was ist eurer Meinung nach denn die Botschaft des Films?

Lisa: Dass man die Entscheidung eines Menschen akzeptieren sollte, egal ob man homosexuell ist oder auf einmal ein Kopftuch trägt.

Bene: Ja, dass man alle Religionen tolerieren soll.

Clara: Würdet ihr denn sagen, dass der Film eine positive Botschaft hat?

Lisa: Einerseits schon und andererseits auch nicht, weil man das Thema nicht so richtig ernst genommen hat und ich nicht weiß, ob das so richtig ist.

Nesrin: Nach dem Film ist es jetzt so, dass manche denken, dass die Muslime ganz anders sind als sie wirklich sind, dass die irgendwie lustiger sind, und die dann nicht so ernst genommen werden.

Konstantin: Der Film sollte Integration darstellen, aber das ist echt schlecht rübergekommen.

Clara: Das Ziel wäre also, Akzeptanz zu zeigen, und ihr seht schon, das haben die Filmemacher_innen versucht, aber so richtig hat es nicht geklappt. (Alle lachen und nicken.) Was glaubt ihr denn, welches Bild von muslimischem Leben entsteht im Film?

Adisa: Der Islam wird nicht ernst genommen – Religion ist nur ein Spaß.

Ali: Die Eltern nehmen aber schon ernst, dass Nina ihre Religion gewechselt hat, was ich sehr gut finde. Vor allem die Mutter und ihr leiblicher Vater.

Nesrin: Die Mutter hat zu viele Emotionen gezeigt, was nicht so gut ist, wohingegen die Stiefmutter es locker genommen hat, was ich gut fand.

Cem: Der Stiefvater oder der Vater, die haben sich am Anfang nicht so richtig dafür interessiert. Sie haben in der Situation immer zu ihren Frauen gesagt, das ist nicht so schlimm und das ist eine Phase und so, das konnte ich nicht nachvollziehen.

Melina: Ich glaube, die Mutter wollte sich in Nina reinversetzen und sie verstehen und deswegen hat sie z.B. halal eingekauft und versucht, es ihr nachzumachen.

Konstantin: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Eltern so reagieren würden und dann halal einkaufen und ihr Kind mit 16 heiraten lassen würden, könnte ich mir null vorstellen. Also so wie ich meine Eltern kenne, würde ich sagen: Never.

Lisa: Ich habe eine vegane Freundin und ihre Eltern kaufen für sie vegan ein und unterstützen sie da vollkommen.

Konstantin: Das ist doch was ganz anderes! Vegan zu werden ist, sag ich mal, menschlicher als die Religion zu wechseln, das kommt nicht komisch rüber.

Frau Meier: Wenn ich sage, ich esse vegan, dann lacht mich auch erstmal jeder aus.

Konstantin: Aber wenn Sie am Donnerstag mit Kopftuch zur Schule kommen, dann wären alle noch ganz anders drauf.

Cem: Ich finde, es ist schon das gleiche, also vegan zu werden oder die Religion zu wechseln, weil je nach Religion isst du auch anders und gewöhnst dich um. Und wenn du vegan bist, veränderst du dich auch, isst anders und denkst anders über Sachen nach. Wenn man mal beides vergleicht, ändert man von Grund auf seine Lebenseinstellung.

Konstantin: Ich finde das voll den großen Unterschied, weil wenn man eine Religion annimmt, speziell den Islam jetzt, dann ist es ja nach dem Gesetz auch gut, wenn man fünf Kinder hat und wenn man schon mit 16 heiratet. Ich glaube nicht, dass man als Veganer fünf Kinder haben und morgen heiraten muss und solche Sachen.

Clara: Das ist eine ganz gute Überleitung: Wenn man mal das nimmt, was du gesagt hast, dann lernt man im Film also, dass man als Muslim_in fünf Kinder kriegen, mit 16 heiraten und Kopftuch tragen muss. Ist das so?

Nesrin: Ich bin selber Muslimin und ich trage kein Kopftuch. Aber ich kann auch an Gott glauben und tue das, was Gott sagt. Im Film wird das so übertrieben dargestellt, dass die Nina ihr Leben komplett geändert hat, mit ihrer Aussprache und den Begriffen.

Yasemin: Und eigentlich sagt man solche Sprüche schon, also zum Beispiel „Bismillah“ vor dem Essen, aber bei uns zu Hause ist das nicht so streng. Aber im Film machen sie sich darüber lustig.

Konstantin: Also ich würde da nicht beitreten, weil es so viele Regeln gibt. Ich könnte mir kein Leben unter so vielen Regeln vorstellen, da gibt es doch keine Privatsphäre. Wenn mein größter Freund Allah ist und wenn ich mal reden muss, geh ich beten. Keine Ahnung, wie man sich das vorstellt, wisst ihr, was ich meine? Oder dass man so voll gebunden ist an Gebetszeiten und so.

Cem: Du sagst, du kannst dir kein Leben mit so vielen Regeln vorstellen, aber du triffst überall auf Regeln, denen kannst du aber nicht entgehen.

Yasemin: Und nicht bei jedem Muslim ist es zu Hause so, dass du fünfmal am Tag beten musst. Das ist für jeden seine eigene Sache, was du machst oder was du nicht machst. Außerdem finde ich, dass es in jeder Religion eigentlich zu viele Regeln gibt, die man einhalten muss.

Cem: Zu Konstantin noch, du hast ja gesagt, dass du wegen der Regeln nicht beitrittst. Das sagst du, glaube ich auch nur deswegen, weil du deine Religion gewohnt bist. Du hast ja auch so viele Regeln, seitdem du ein Kind bist, aber die kennst du halt.

Adisa: Also, meiner Meinung nach sollte Religion ganz abgeschafft werden. Jeder würde dann akzeptiert, weil es gibt dann nicht die einen Regeln und die anderen, sondern nur Regeln, die jeder befolgt. Dann gibt es auch kein „Ich gehöre zu denen, ich gehöre zu jenen“.

Clara: Dazu gingen gleich ein paar Hände hoch.

Lisa: Ich finde, wenn keiner an Gott glauben würde, dann wären die Leute nicht mehr so gut drauf. Zum Beispiel bei uns in der Kirche, wenn wir alle beten, danach sind alle viel glücklicher, es ist einfach so. Also ohne Religion, ich glaub, das wär gar nichts.

Nesrin: Ich glaube auch, dass ohne Religion einfach kein Leben wäre, weil z.B. wenn manche keine Lust und Energie mehr haben, dann fühlen sie sich einfach viel wohler, wenn sie eine Religion haben. Für mich ist das genauso.

Cem: Es ist ja so, dass Gott für viele Menschen eigentlich der einzige Ansprechpartner ist, den man hat. Und für viele Menschen ist Religion einfach der Sinn im Leben. Das wäre schlecht, wenn man so was abschafft. Was würden die Leute tun, die traurig sind, oder die jemanden verloren haben?

Clara: Dann kommen wir doch nochmal zum Film zurück. Wenn ihr Filmemacher_in wärt – was hättet ihr anders gemacht?

Adisa: Ich hätte ihn nicht gemacht!

Melina: Ich würde nicht so viele Beleidigungen erwähnen.

Yasemin: Ich würde auch Leute mitspielen lassen, die mit so was Erfahrung haben. Leute, die halt wirklich Kopftuch tragen.

Bene: Ich finde, die Schauspieler sollten bleiben, weil die, die das in echt erleben, würden den Film gar nicht machen wollen, weil die Religion da schlecht dargestellt wird. Ich weiß nicht, ob die das wollen.

Cem: Ich finde auch, die Schauspieler sollte man eigentlich lassen, aber man sollte darauf achten, dass die Person, die es spielt, auch mitfühlt, wie es sein könnte für die Person, die es in echt erlebt.

Konstantin: Ich hätte ein paar Szenen nicht gemacht.

Clara: Was wäre eine Szene gewesen, die ihr nicht gemacht hättet?

Konstantin: Wo die Nina mit der Salami gebetet hat, also weil sie doch Schweinefleisch gegessen hat, das ist wirklich wie eine Verarsche.

Yasemin: Als sie in der Moschee waren und von dem einen Mann beim Gebet das Handy geklingelt hat, das war nicht schön.

Adisa: Ich fand am Schluss, das war zwar lustig, wo der schwule Junge gesagt hat, er zieht bei Ninas Familie ein, aber er hat so ein Kopftuch getragen und ich finde mit dem Kopftuch ist auch nicht zu spaßen.

Regina: Würdet ihr den Film jemandem empfehlen und wenn ja, wem und wem nicht?

Konstantin: Ich würde es keinem echten Muslim empfehlen, weil der sich nur aufregen würde über den Film, ich würde es eher nicht-muslimischen Leuten empfehlen, weil die würden drüber lachen.

Yasemin: Ich würde es eher keinem zeigen, weil wenn man es Nicht-Muslimen zeigt, dann haben die so ein falsches Bild. Wenn man sich z.B. auf der Straße begegnet und die dann an den Film denken, würden sie Muslime nicht so ernst nehmen.

Adisa: Ich würde es jedem empfehlen. Wenn man aber wissen will, wie Muslime wirklich sind, dann soll man woanders hingehen.

Cem: Also ich würde es nicht meinem Vater und meiner Familie und so empfehlen. Die würden dann denken, dass ich mich über sie lustig mache und dass ich das cool finde, was in dem Film ist.

Lisa: Ich würde den Film jemandem empfehlen, der alle Religionen respektiert und nicht rassistisch ist. Und dann würde ich den Film mit der Person zusammen angucken und danach auch so wie jetzt diskutieren, weil das macht voll Spaß.

Clara: Wir möchten uns bei euch herzlich für die Diskussion bedanken – ihr seid eine super motivierte Gruppe und es war spannend zu erfahren, was ihr von dem Film haltet!