Mit Halstuch und Knoten für ein besseres Zusammenleben: der Bund Moslemischer Pfadfinder_innen

Sich engagieren, mitbestimmen, aktiv werden: In unseren ufuq.de-Workshops ermuntern wir Jugendliche, ihre Umwelt mit zu gestalten. Wer zusammen mit anderen das Ziel verfolgt, das Zusammenleben in der Gesellschaft positiv zu verändern, ist auch weniger anfällig für Hassparolen und Schwarz-Weiß-Denken. Insofern ist Empowerment zu einem eigenen Engagement ein wichtiger Baustein unserer universellen Präventionsarbeit. Aktiv werden können Jugendliche zum Beispiel auch bei den Moslemischen Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Deutschland. Das ist eine Organisation, die jungen Muslim_innen Freizeitangebote macht, ihnen bei der Suche nach einer muslimischen Identität hilft und sie zugleich in ständigen Kontakt mit Jugendlichen anderer Konfessionen bringt. Im ufuq.de-Gespräch mit Julia Gerlach erklärt Fouad Hartit vom Vorstand des 2010 gegründeten Verbandes, was ihnen wichtig ist.

fouad Hartit

Guten Morgen Herr Hartit, es ist 8 Uhr 15 am Sonntagmorgen am Berliner Hauptbahnhof. Was machen Sie hier?

Guten Morgen, ja, es ist früh, aber wir Pfadfinder haben immer viel vor. Ich war hier in Berlin beim Vorbereitungstreffen für den Evangelischen Kirchentag, der im Mai stattfinden soll. Wir sind im Ordnungs- und Sicherheitsteam. Gerade nach dem Terror-Anschlag im Dezember, der uns alle sehr getroffen hat, ist Sicherheit ein wichtiges Thema bei solchen Großveranstaltungen. Wir beteiligen uns da gerne. Wir werden aber auch inhaltlich auf dem Kirchentag präsent sein: Wir machen eine Kampagne, um einen Internationalen Tag des Zusammenlebens ins Leben zu rufen. So ein Tag kann natürlich nicht die Welt verändern, aber es ist ein Zeichen. Ähnlich wie der internationale Frauentag.

Sie waren schon bei den Anfängen der Moslemischen Pfadfindern dabei, oder?

Ja, ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern. Es war eine Gruppe von Freunden aus dem ganzen Bundesgebiet, manche sind seit den 1990er Jahren immer einmal wieder bei den französischen Moslemischen Pfadfindern zu Gast gewesen. 2009 haben wir dann begonnen, unseren eigenen Verband aufzubauen. Wir haben uns bald mit den bestehenden Pfadfindern zusammengetan und haben von ihrer Erfahrung profitiert. Wir wollten das Rad nicht neu erfinden und bei der Pfadfinderei ist 95 Prozent gleich, egal, zu welcher Religion sie gehören.

Und was ist mit den restlichen fünf Prozent?

Das ist die Spiritualität und da geht es uns natürlich darum, den Islam zu vermitteln. Es geht um die Gebete und die Werte. Wir stehen aber für einen weltoffenen Islam der Begegnung und wir unterscheiden auch nicht zwischen den verschiedenen islamischen Richtungen. Bei uns sind alle dabei. Konkret bieten wir immer wieder auch Seminare zu islamischen Themen an, unsere Betreuer bekommen eine spezielle Fortbildung in diesem Bereich.

Wie ist es denn mit der Trennung zwischen Jungen und Mädchen bei Ihnen?

Wir sind koedukativ und das ist uns auch wichtig. Wir bemühen uns, Frauen in Leitungsfunktionen zu haben, damit dieser koedukative Charakter auch deutlich sichtbar ist. Nur in den Zeltlagern, da schlafen Jungen und Mädchen natürlich in getrennten Zelten.

Na, sonst würden die Eltern ihre Töchter bestimmt auch nicht mitfahren lassen.

Da brauchen wir uns nichts vorzumachen: Die Frage, ob Teenie-Mädchen mit auf Zeltlager fahren dürfen ist natürlich ein Thema. Deswegen ist es uns so wichtig, dass wir viele Mädchen als Leiterinnen haben. Für viele muslimische Familien hier spielt die Religion nun einmal eine große Rolle und insofern ist es auch wichtig, dass wir eine muslimische Vereinigung sind: Da geht es um das Vertrauen. Die Eltern vertrauen uns das Teuerste an, was sie haben: ihre Kinder. Wir sind uns dieser Verantwortung sehr bewusst.

Gibt es denn in islamischen Ländern Vorbilder?

Ja, in der arabischen Welt ist die Pfadfinderei sehr verbreitet. Es gibt geschätzte 13 Millionen Pfadfinder und Pfadfinderinnen in den islamisch geprägten Ländern. Das ist kein Wunder, schließlich sind die Pfadfinder die größte Jugendbewegung der Welt. Egal, wo man hinkommt, findet man Pfadfinder und man kann überall Gruppen finden, mit denen man Gemeinsamkeiten hat. Dabei sind die meisten Pfadfinder konfessionell orientiert. In Deutschland gibt es auch andere Gruppen, aber die meisten Jugendlichen sind bei den evangelischen oder bei den katholischen Pfadfindern.

Beschreiben Sie doch bitte einmal, wer typischerweise bei Ihnen mitmacht. Sind es eher Kinder vom Gymnasium oder von anderen Schultypen, eher reichere Kinder oder aus ärmeren Schichten?

Bei uns sind die Jugendlichen sehr gemischt, alle Schichten und alle Bildungsformen sind vertreten. Viele Eltern schicken uns ihre Kinder, weil sie hoffen, dass wir ihnen helfen, hier in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Das ist es, wofür wir stehen. Wir wollen verantwortungsbewusste Menschen erziehen, die sagen, ich bin deutsch und ich bin muslimisch. Ich bin Teil dieser Gesellschaft und setze mich dafür ein, dass das Zusammenleben hier klappt. Ich bin bereit, dafür auch etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.

Wie machen Sie das denn, diese Identitäten zu versöhnen?

Ich persönlich bin damit aufgewachsen. Meine Eltern sind in den 70er Jahren aus Marokko gekommen und mein Vater hat sich immer sehr dafür engagiert, dass wir uns integrieren, aber dabei unsere Wurzeln nicht vergessen. Das ist lange her. Wenn ich mir die Jugendlichen heute anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass dies für die meisten selbstverständlich ist. Für die ist es keine Frage, dass sie dazugehören.

Ich meinte meine Frage eigentlich eher im Bezug auf ihre pädagogische Arbeit in den Gruppen.

Ach so. Da legen wir viel Wert auf Austausch. Wir machen sehr viele Projekte und Treffen mit anderen Pfadfindergruppen. Das fängt schon mit der Vorbereitung an. Letztes Jahr haben wir ein gemeinsames Lager mit den katholischen Pfadfindern gemacht. Das wurde über eineinhalb Jahre vorbereitet, es kamen 150 Jugendliche. Besonders war der religiöse Austausch. Wir haben ein Freitagsgebet gemacht und hinterher gab es eine Fragerunde: „Frag den Imam“ und die christlichen Jugendlichen konnten Fragen stellen. Am Sonntag gab es dann eine Messe und wir haben zugeschaut und konnten hinterher auch Fragen stellen. Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu finden und vor allem auch den anderen zu respektieren.

Kann man das Bild des Pfadfindercamps auch symbolisch benutzen: Da kommen Jugendliche verschiedener Religion zusammen und alle haben ihr festes Zelt, ihre feste Basis und können sich dann mit anderen austauschen, ohne zu fürchten, sich dabei zu verlieren?

So ungefähr. Es ist wichtig, dass man eine gute Basis hat und dann kann man gut den anderen begegnen. Viel wichtiger ist aber noch etwas anders: Ein Pfadfinder ist ein Pfadfinder und man versteht sich auch auf Anhieb. Die Gemeinsamkeiten sind viel wichtiger als die Unterschiede und es herrscht eine unglaubliche Harmonie. Das müsste man einmal auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hinbekommen! Dann hätten wir viele Probleme gelöst.

Was ist denn das Geheimnis?

Das Geheimnis sind die gemeinsamen Werte. Dass man gegenüber Gott verspricht, Verantwortung zu übernehmen. Dass man den anderen respektiert und den Schwächeren hilft und dass man Menschlichkeit zeigt. Dass man den Egoismus zurückstellt.

Das sind eigentlich Werte, die wohl die meisten Menschen für sich unterschreiben würden, aber vielleicht ist der Unterschied, dass die Pfadfinder durch ihr Ehrenwort und ihr Halstuch immer daran erinnert werden. Ich habe aber noch eine andere Frage: Ihr Verband gilt ja als Vorbild für andere muslimische Organisationen wegen ihrer Professionalisierung.   

Es gab früher viel Kritik, weil der Standard der muslimischen Jugendarbeit manchmal nicht so professionell war. Das wollen wir anders machen: Bei uns darf niemand eine Gruppe leiten, der keine Ausbildung hat. Es ist eine spezielle Pfadfinderausbildung, die aber den Standard der Juleica hat. Einen Teil der Ausbildung, machen wir mit den katholischen Pfadfindern, hinzu kommen dann unsere spirituellen Themen. Insgesamt dauert es rund zwei Wochen. Zur Professionalisierung gehört auch, dass wir seit diesem Jahr zwei Stellen finanziert bekommen. Eine vom Familienministerium und eine von der Robert-Bosch-Stiftung. Eine bundesweite Organisation mit jetzt rund 300 Mitgliedern kann man eben nicht mehr ehrenamtlich verwalten. Zudem versuchen wir, uns in den lokalen Strukturen zu engagieren. Stadtjugendringe und ähnliches sind sehr wichtig: um dazuzugehören, mitzugestalten und auch, um Finanzierungsmöglichkeiten zu bekommen.

So viele Mitglieder zu verwalten, ist sicherlich viel Arbeit.

Wir kriegen auch unglaublich viele Projektanfragen. Das Thema Islam in Deutschland ist ja sehr aktuell und viele wollen sich mit uns austauschen. Wir stehen dafür, uns für ein besseres Zusammenleben einsetzen, dass wir uns nicht spalten lassen wollen, weder von Populisten noch von Extremisten.

Sie machen ja eigentlich Präventionsarbeit, aber sie würden das Wort nicht verwenden, oder?

Genau. Da brauchen wir nicht groß darüber zu reden. Wir begleiten die Kinder von klein auf und wer damit aufwächst, dass man andere respektiert und dass keine Religion besser ist als die andere, der kommt gar nicht erst auf die Idee, andere zu hassen. Vor ein paar Jahren hatten wir das Projekt „Flamme der Hoffnung“. Da wurde eine olympische Fackel durch Deutschland getragen, das Finale war damals in Berlin an der Gedächtniskirche. Der Anschlag vom Dezember hat uns auch deswegen so getroffen, weil er genau an der Stelle geschah, wo wir damals das große Fest für ein besseres Zusammenleben gefeiert haben.