TikTok hat eine enorme Reichweite: In Deutschland nutzen knapp 23 Millionen Menschen die Plattform, weltweit sind es rund 1,6 Milliarden. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt TikTok eine zentrale Rolle für Meinungs- und Identitätsbildung. Gleichzeitig verbreiten sich dort zunehmend extremistische Hetze und antifeministische Inhalte. Wie kann Medienbildung darauf reagieren und Jugendliche stärken, digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen und Gegenentwürfe einzubringen? Das Projekt Unlearning Anti-Feminism on TikTok bietet praxisorientierte Bildungsmaterialien, die genau hier ansetzen. Sophie Leubner stellt das Projekt und die Materialien vor.
Antifeministische Narrative, misogyn codierte Lifestyle-Ideale und rechtspopulistische Weltbilder sind in sozialen Medien längst keine Randphänomene mehr. In viralen Kurzvideos, scheinbar persönlichen Erfahrungsberichten oder Coaching-Angeboten für „echte Männer“ werden Ideologien verbreitet, die Gleichberechtigung und Meinungsvielfalt gezielt abwerten. Dabei präsentieren sich Creator*innen und ihr Content nicht immer als offensiv politische Propaganda, sondern in massentauglicher “Ich bin ja nur ehrlich”-Mentalität oder als retrostylisches Empowerment, persönliche Entscheidung oder harmlose Unterhaltung. Gerade Plattformen wie TikTok bieten Jugendlichen Räume zur Identitätsentwicklung – fördern jedoch zugleich die schleichende Normalisierung demokratiefeindlicher Haltungen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie schulische und außerschulische Bildungskontexte auf diese Entwicklungen reagieren können, ohne Social Media grundsätzlich als gefährlich zu bewerten, zu verbieten oder abzulehnen. Wie können Jugendliche dazu befähigt werden, digitale Inhalte kritisch zu reflektieren und eigene, emanzipatorische Perspektiven einzubringen?
Das Projekt Unlearning Anti-Feminism on TikTok, das als gemeinsame Taskforce aus Wissenschaft und Bildungspraxis von der Universität zu Köln und medialepfade.org konzipiert wurde, widmete sich genau diesen Fragen. Unser Ansatz war es, die wissenschaftlich fundierte Analyse der sich stetig wandelnden Realitäten auf der Social Media Plattform TikTok als Ausgangspunkt für die Entwicklung konkreter und praxisnaher Bildungsmaterialien zu nehmen.
Aufgrund der enormen Reichweite und der spezifischen Mechanismen stand TikTok im Fokus des Projekts. Um der komplexen Ausgangslage gerecht zu werden, entschieden wir uns bewusst für einen transdisziplinären Ansatz. Ziel war es, herauszufinden, in welchen Formen Antifeminismen Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf TikTok begegnen – und wie Bildungsangebote und -materialien gestaltet sein müssen, um ihre Handlungsfähigkeit im Umgang mit solchen Inhalten und Diskursen auf der Plattform zu stärken. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben wir praxisorientierte Handlungsempfehlungen und Methoden für die medienpädagogische Arbeit entwickelt.
Zunächst: Was meinen wir, wenn wir von „antifeministischen Phänomenen auf TikTok“ sprechen?
Antifeminismen in sozialen Medien: Erscheinungsformen und Herausforderungen
Antifeminismus zeigt sich auf TikTok in verschiedenen Formen – mal subtil verpackt, mal offen zur Schau gestellt. Im Rahmen unseres Projekts haben wir zwei besonders prominente antifeministische Spielarten untersucht: sogenannte Tradwives und selbsternannte Männer-Coaches.
Tradwife-Inhalte präsentieren ein konservatives Ideal der gehorsamen (Ehe-)Frau. Sie inszenieren sich ästhetisch ansprechend, gestalten ihren Content emotionalisierend und verknüpfen antifeministische Ideologien mit Alltagsthemen wie Kochen, Kindererziehung oder Dating-Tipps. Die Inszenierung von Harmonie, Fürsorge und Hausarbeit wirkt zunächst wie eine harmlose Lifestyle-Entscheidung – ist aber häufig Teil eines rechten, antifeministischen Diskurses, in dem Gleichberechtigung als Bedrohung für Selbstbestimmung inszeniert wird (vgl. Bellinger & Kramer 2024).
Nicht alle Tradwives sind per se antifeministisch. Doch die ästhetisierte Darstellung eines Ideals von Weiblichkeit – etwa als fürsorgliche, häusliche Ehefrau – wird gezielt von (rechts-)populistischen Akteur*innen aufgegriffen. Sie nutzen diese Ästhetik, um traditionelle Geschlechterrollen zu romantisieren. Gleichzeitig verknüpfen sie ihre Vorstellung von Geschlechterverhältnissen mit Ideologien der Ungleichwertigkeit (vgl. Zahay 2022, Bauer & Rösch 2023).
Ein zentrales Stilmittel dieser Strategie ist das sogenannte Derailing: Diskussionen werden in Kommentarspalten gezielt „entgleist“, indem feministische Kritik mit vermeintlich sachlichen Gegenargumenten, Provokationen oder Whataboutism (dem Ablenken durch scheinbare Gegenargumente) untergraben wird. Hinzu kommt der Einsatz von Hashtags und Emojis als multimodale Codes, die innerhalb bestimmter Szenen konnotiert sind und für Eingeweihte klare Signale senden. Sie werden gezielt platziert, um Ursprungsinhalte subtil mit weiteren antifeministischen oder verschwörungsideologischen Botschaften aufzuladen. Diese Symbolik erschließt sich Außenstehenden häufig nicht sofort – genau darin liegt ihre Wirkmacht.
Männer-Coaches hingegen bedienen sich einer anderen Rhetorik: Sie propagieren ein patriarchales Männlichkeitsideal und rufen dazu auf, die eigene „natürliche Dominanz“ auszuleben. Begriffe wie „Alpha-Mann“ oder „Beta-Mann“ sind in diesen Formaten gängige Marker. Gleichstellung wird als „Schwächung der Männlichkeit“ oder gar als „gesellschaftliche Gefahr“ inszeniert (vgl. Rothermel 2020). Diese Inhalte überschneiden sich häufig mit Ideologien der sogenannten Manosphere. In dieser Online-Community werden Frauenverachtung, Queerfeindlichkeit und antidemokratische Positionen offen artikuliert.
In beiden Fällen ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Darstellungsform problematisch: Die Beiträge wirken anschlussfähig, weil sie aktuelle Plattformtrends aufgreifen, etwa durch Sounds, visuelle Filter oder humorvolle Präsentation. In vielen Fällen wird Antifeminismus durch Ironie, Emojis oder popkulturelle Codes als „Meinung“ oder „Witz“ getarnt. Das erschwert Widerspruch – und normalisiert problematische Aussagen.
Radikalisierung in den Kommentarspalten
Vor allem die Kommentarspalten spielen für eine schleichende Radikalisierung eine zentrale Rolle. Auf vermeintlich harmlose Aussagen folgen schnell frauenverachtende, queerfeindliche oder verschwörungsideologische Kommentare. Begriffe wie „Cancel Culture“, „Woke-Ideologie“ oder „Genderwahn“ dienen dabei als Chiffren für die Ablehnung demokratischer Aushandlungsprozesse.
TikTok selbst verstärkt diese Dynamik: Die algorithmusgesteuerte For-You-Page – der personalisierte Startfeed, in dem Nutzer*innen Videos vorgeschlagen bekommen – belohnt Inhalte mit hoher Interaktion, auch wenn diese auf Provokation und Polarisierung beruhen. Dadurch erhalten besonders zugespitzte, emotionalisierende und kontroverse Inhalte mehr Sichtbarkeit. Jugendliche berichten in unseren Interviews, die im Rahmen des Projekts durchgeführt wurden, dass sie viele antifeministische Inhalte zunächst gar nicht als solche wahrnehmen. Die Beiträge erscheinen unterhaltsam, vertraut und sind Teil ihres digitalen Alltags.
Diese Entwicklungen stellen die politische Bildungsarbeit vor große Herausforderungen. Denn es geht nicht um platte Propaganda, sondern um Inhalte, die als Trend, Meinung oder Unterhaltung wahrgenommen werden. Durch ihre spezifische Darstellungsform schleichen sie sich unbemerkt in die For-You-Pages von Jugendlichen ein. So werden sie Teil ihres digitalen Alltags und entfalten dort ihre Wirkung besonders effektiv.
Warum TikTok? Plattformmechanismen und Content-Dichte
TikTok ist mit knapp 23 Millionen Nutzer*innen in Deutschland (Kemp 2024) und weltweit rund 1,6 Milliarden aktiven Accounts ein zentraler digitaler Ort für Meinungsbildung, Identitätsentwicklung und Popkultur – insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene (vgl. Bösch 2023; JIM-Studie 2023). Für das Projekt Unlearning Anti-Feminism on TikTok lag es daher nahe, diese Plattform in den Mittelpunkt zu stellen – nicht nur wegen ihrer enormen Reichweite, sondern vor allem aufgrund ihrer spezifischen Funktionsweise der Inhaltsverbreitung, die sich deutlich von anderen sozialen Netzwerken unterscheidet:
TikTok zeigt Nutzer*innen jeweils ein einziges Video im Vollbildmodus – ohne Ablenkung durch Kommentare, Beschreibungstexte oder parallele Inhalte. Die Navigation erfolgt durch Wischen nach oben („Swipen“) und ermöglicht einen nahtlosen Übergang zum nächsten Video. Dadurch wird die Relevanz eines Inhalts oft innerhalb von drei bis fünf Sekunden beurteilt (vgl. Ypulse 2023; JFF 2022). Der Algorithmus reagiert sensibel auf diese Mikrointeraktionen und passt die individuelle For-You-Page kontinuierlich an. Das Ergebnis ist ein hochdynamischer, personalisierter Feed.
Diese Gestaltung erzeugt eine besonders hohe Content-Dichte: Während zum Beispiel auf Instagram mehrere Formate wie Story, Feed, Werbung oder Kommentare nebeneinander existieren, präsentiert TikTok Inhalte in schneller Abfolge – fokussiert auf visuelle und auditive Einzelreize. Die JIM-Studie 2023 (Jugend, Internet, Medien) weist TikTok dabei gleichzeitig als die Plattform mit der höchsten durchschnittlichen Nutzungsdauer pro Tag bei Jugendlichen aus – vor YouTube, WhatsApp und Instagram.
Gerade die hohe Taktung, visuelle Verdichtung und emotionalisierte Inszenierung auf TikTok erschweren eine differenzierte Auseinandersetzung mit politischen Inhalten. Komplexe, erklärende Beiträge gehen schnell unter. Provokante, vereinfachende Aussagen – darunter auch antifeministische Inhalte – erzielen dagegen leichter Aufmerksamkeit. Politische Bildungsarbeit muss diesen Dynamiken mit Formaten begegnen, die die Wahrnehmung verlangsamen und Reflexion ermöglichen – wie es auch die Handlungsempfehlungen dieses Projekts vorschlagen.
Bildungsansätze für TikTok entwickeln
Die enge Verknüpfung von politischer Bildung und Medienpädagogik spiegelt die wachsende Bedeutung medialer Öffentlichkeiten für die politische Meinungsbildung wider (vgl. Berlenbach et al., o. J.; Bröckling et al., 2024; Dander, 2024; Möller & Lange, 2021; Zentralen für politische Bildung, 2022). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie demokratische und medienpädagogische Bildungsansätze auf die spezifischen Herausforderungen reagieren können, die digitale Plattformen wie TikTok mit sich bringen.
Wie eingangs erwähnt, war das Ziel des Projekts, auf Grundlage der qualitativen Forschung ein medienpädagogisches Angebot zu entwickeln. Dieses sollte antifeministische Narrative auf TikTok sichtbar machen und zur kritischen Auseinandersetzung mit ihnen anregen. Zudem sollte verdeutlicht werden, wie antidemokratische Akteur*innen Plattformmechanismen strategisch nutzen, um Inhalte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu verbreiten. Ein weiteres zentrales Anliegen war, TikTok als Plattform mit spezifischen Funktionsweisen und Reizlogiken zu analysieren – und ihre Rolle bei der Verbreitung problematischer Inhalte offen zu legen.
Die Herausforderung bestand darin, Methoden didaktisch zu entwickeln, die sowohl der Komplexität der Thematik gerecht werden als auch in unterschiedlichen Bildungskontexten einsetzbar sind – sei es in Schulen, Jugendzentren oder bei Fortbildungen. Als Grundlage diente eine qualitative Interviewstudie mit 16 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 22 Jahren. Die Interviewten nutzten TikTok regelmäßig und wurden bewusst hinsichtlich Geschlechtsidentität, Bildungsgrad und Wohnort ausgewählt, um möglichst vielfältige Perspektiven einzubeziehen.
Eine zentrale Erkenntnis aus diesen Gesprächen war, dass das Wissen über Antifeminismus stark variierte – und häufig direkt von den individuellen Vorstellungen des Begriffs „Feminismus“ abgeleitet wurde. Während einige Jugendliche Feminismus als Einsatz für Gleichbehandlung aller Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen verstanden, bezogen andere den Begriff vor allem auf die Gleichstellung von Frauen. Antifeminismus wurde in der Regel als Gegenbewegung zu progressiven oder feministischen Bestrebungen beschrieben. Die gesellschaftliche Relevanz feministischer Themen wurde überwiegend anerkannt, doch die Einschätzungen darüber, wie weit Gleichberechtigung bereits erreicht sei, gingen auseinander.
Diese Erkenntnisse machten deutlich, dass eine bloße Konfrontation mit problematischen Inhalten nicht ausreicht. Es braucht eine pädagogische Vorarbeit: Begriffe müssen geklärt, historische Entwicklungen nachvollzogen und gesellschaftliche Diskurse eingeordnet werden. Erst auf dieser Basis kann eine kritische Reflexion aktueller TikTok-Inhalte sinnvoll stattfinden. Die Methodenentwicklung orientierte sich daher an mehreren Leitfragen: Wie können wir Jugendliche und junge Erwachsene beim Erkennen antifeministischer Inhalte unterstützen? Wie lässt sich deren strategische Verbreitung erklären? Und wie kann das eigene Denken und Handeln im digitalen Raum gestärkt werden?
Ein Methodenset für vielfältige Zugänge
Das im Rahmen von Unlearning Anti-Feminism on TikTok entwickelte Methodenset umfasst 13 praxiserprobte Methoden und eine ergänzende Ressourcensammlung. Die Methoden sind nach Zeitaufwand (zwischen 15 und 120 Minuten), Komplexität (einfach, mittel, komplex) und Funktion (Einstiegs-, Vertiefungs- oder Reflexionsmodul) sortiert. Dabei war uns besonders wichtig, TikToks hohe Content-Dichte nicht zu reproduzieren, sondern ihr pädagogisch etwas entgegenzusetzen: stark verlangsamte Rezeption der Inhalte sowie Räume für Reflexion, Analyse und Gestaltung. Im Folgenden stellen wir exemplarisch vier methodische Zugänge vor, die sich aus unseren Forschungserkenntnissen ergeben haben.
Niedrigschwellige Einstiege: Kennenlernen und Gesprächsanlässe
Methoden wie Digital Reflections, ein dialogisches Kartenset zur Reflexion persönlicher Medienerfahrungen, oder 1–2–4–All: Common Ground, ein strukturierter Gruppenprozess zur Erarbeitung gemeinsamer Kommunikationsregeln, schaffen einen niedrigschwelligen Einstieg in die Auseinandersetzung mit sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Teilnehmenden, eigene Perspektiven einzubringen und eröffnen Gesprächsanlässe, ohne gleich eine thematische Tiefe vorauszusetzen. Besonders für Workshopformate mit heterogenen Gruppen eignen sich diese Methoden, um erste Zugänge zu schaffen und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu etablieren.
Klärung zentraler Begriffe: Feminismus historisch und gegenwärtig
Eine grundlegende Erkenntnis aus den Interviews war, dass das Wissen über Antifeminismus stark mit den individuellen Vorstellungen von Feminismus verknüpft ist – und diese wiederum sehr unterschiedlich ausfallen. Um eine gemeinsame inhaltliche Grundlage für die Auseinandersetzung mit antifeministischen Phänomenen zu schaffen, entwickelten wir neben einer Ressourcensammlung zum Antifeminismus-Begriff die Methode Zeitstrahl feministischer Errungenschaften. Hier recherchieren die Teilnehmenden in Kleingruppen historische feministische Erfolge und antifeministische Rückschläge, ordnen sie zeitlich ein und visualisieren sie. Diese Einbettung in einen größeren gesellschaftlichen Kontext hilft, aktuelle Phänomene besser zu verstehen und einzuordnen.
Entschleunigung als pädagogischer Gegenentwurf zur Content-Dichte
Ein zentrales Ziel war es, Workshopmethoden zu entwickeln, die die extreme Geschwindigkeit und Reizfülle auf TikTok bewusst unterbrechen. In der Methode TikTok Puzzle wird ein TikTok-Video in seine Einzelbestandteile wie Bild, Text, Ton, Hashtags oder Kommentarspalten zerlegt und schrittweise gemeinsam analysiert. So entsteht Raum für differenzierte Beobachtung und Reflexion: Was genau wird vermittelt? Welche Plattformmechanismen sind am Werk? Welche impliziten Aussagen transportiert der Inhalt? Gerade die in den Interviews gezeigte Ambivalenz gegenüber Formaten wie denen von Männer-Coaches oder Tradwives zeigt, wie wichtig diese Form der Auseinandersetzung ist. TikTok Puzzle liegt in zwei Varianten vor und bildet das Herzstück unseres Methodensets.
Handlungsoptionen eröffnen und kreative Gegenentwürfe gestalten
Viele Jugendliche gaben in den Interviews an, Strategien entwickelt zu haben, um unerwünschtem Content auf TikTok zu entgehen – etwa durch das Trainieren des Algorithmus oder bewusste Nutzungspausen. Im Projekt entwickelten wir aber auch gestalterische Methoden, die Jugendliche einladen, eigene Perspektiven sichtbar zu machen und sich kreativ mit gesellschaftlichen Vorstellungen auseinanderzusetzen. Die Methode Feministische Utopie versus KI greift diesen Wunsch auf, indem sie die Teilnehmenden dazu einlädt, eigene Visionen für feministische, inklusive Orte zu entwickeln und mithilfe von KI-Bildgeneratoren zu visualisieren. Der Abgleich mit den oft normativen Bildwelten der KI wird zum Ausgangspunkt für eine kritische Reflexion über gesellschaftliche Vorstellungen und ihre mediale Reproduktion.
Auch die Methode Make your Meme come true fördert kreative Handlungsmöglichkeiten. Die Teilnehmenden gestalten ein sogenanntes „Dream-Meme“, das auf positiven, feministischen Botschaften basiert. Ausgehend von einer “Konzeptkarte” werden Meme, Emojis, Hashtags, Sounds und Texte ergänzt, bis ein vollständiger, bestärkender Beitrag entsteht. Dabei lernen die Teilnehmenden spielerisch, wie virale Mechanismen auf TikTok funktionieren – und wie diese sowie eine gute Prise Humor für emanzipatorische Inhalte genutzt werden können.
Fazit: Jugendliche fordern interaktive Bildungsformate zu Antifeminismus
Die im Projekt geführten Interviews machten deutlich, wie groß der Wunsch Jugendlicher nach Bildungsangeboten ist, die Räume und Anlässe bieten, um sich vertieft und differenziert mit problematischen Inhalten auseinanderzusetzen. In der Vorbereitung der Methodenentwicklung baten wir die Jugendlichen auch um Vorschläge für präventive Bildungsangebote. Besonders häufig wurde der Wunsch geäußert, gemeinsam TikTok-Videos zu analysieren und diese als Gesprächsanlass zu nutzen. Es ging weniger um frontale Wissensvermittlung als vielmehr um interaktive Formate mit Abwechslung, Gruppenarbeit und Raum für Diskussion.
Den Jugendlichen war wichtig, dass Antifeminismus nicht dramatisiert, aber auch nicht verharmlost wird. Sie forderten eine sachliche, differenzierte Auseinandersetzung – insbesondere im Sinne eines offenen Umgangs mit Halbwahrheiten, Stereotypen und geschönten Darstellungen. Als geeignete Orte für solche Angebote wurden mehrheitlich Schulen genannt, vereinzelt auch Jugendzentren oder Workshops im außerschulischen Bereich. Entscheidend war für viele, dass möglichst viele junge Menschen erreicht werden – unabhängig von Vorwissen oder Haltung.
Mit dem entwickelten Methodenset wollen wir pädagogische Fachkräfte darin unterstützen, genau solche Räume zu schaffen: Räume, in denen Antifeminismus als Teil aktueller gesellschaftlicher Diskurse sichtbar und bearbeitbar wird – nicht abstrakt, sondern konkret, nicht belehrend, sondern befähigend. Unser Ansatz versteht Social Media nicht als „gefährlichen Ort“, den es zu meiden gilt. Stattdessen betrachten wir die sozialen Medien als Teil jugendlicher Lebenswelten, der pädagogisch begleitet, kritisch erschlossen und aktiv gestaltet werden kann.
Unlearning Anti-Feminism on TikTok
Über das Projekt:
Das Projekt entwickelt offene Bildungsmaterialien und empirisch fundierte Handlungsempfehlungen für die politische Medienbildung. In der Kooperation von Wissenschaft und Praxis wird Transferwissen zur drängenden gesellschaftlichen Frage erarbeitet, wie Jugendliche und junge Erwachsene im Umgang mit antifeministischen Diskursen aus dem rechten Spektrum auf Social Media gestärkt werden können. Weitere Informationen zum Projekt unter: https://www.antiantifeminism.org/
Handlungsempfehlungen und Bildungsmaterialien für die medienpädagogische Arbeit:
Handlungsempfehlungen: https://www.antiantifeminism.org/index.php/handlungsempfehlungen/
Methodenset (13 Module) und Ressourcensammlung: https://www.antiantifeminism.org/index.php/oer/
Glossar: https://www.antiantifeminism.org/index.php/xyz123456789/
Weiterführende Publikationen: https://www.antiantifeminism.org/index.php/publikationen/
Literatur
Bauer, Mareike Fenja/Rösch, Viktoria (2023): Self-Care, Mental Health und Antifeminismus – visuelle Strategien antifeministischer Influencerinnen auf TikTok und Instagram. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Netzkulturen und Plattformpolitiken, Band 14. Jena, 60–77.
Berlenbach, Nadine/Eder, Sabine/Fries, Rüdiger/von Gross, Friederike: Berliner Plädoyer für mehr Medienkompetenz und Demokratiebildung. Mehr Medienkompetenz – Petition für mehr Medienkompetenz. Abrufbar unter: https://mehr-medienkompetenz.gmk-net.de [Stand: 13.02.2025].
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