In der Präventionsarbeit geht es meist um die Verhinderung von Gefahren für die Demokratie. Kritisiert wird daran oft, dass sie dabei zwangsläufig von einer Logik der Sicherheit und Verteidigung geprägt ist. Was aber wäre, wenn wir uns als Gesellschaft und auch in Pädagogik, politischer Bildung und Prävention mehr der Zukunft zuwenden würden und der Frage: Wie wollen wir eigentlich zusammenleben, wenn wir uns etwas wünschen dürften? Gedanken darüber hat sich die politische Bildnerin und muslimische Theologin Ana Gjeci gemacht.
„Menschen ohne Hoffnung lassen sich leichter kontrollieren.“ (Gmork, in: Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1984)
Auf einer meiner wöchentlichen Zugfahrten zwischen Augsburg und der Schweiz – jene Stunden, in denen sich Arbeit, Gedanken und Müdigkeit langsam sortieren – klickte ich mich eher zufällig durch das Unterhaltungsangebot der Deutschen Bahn. Zwischen Serien und Filmen tauchte plötzlich ein Titel auf, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte: „Die unendliche Geschichte“, basierend auf dem Roman von Michael Ende. Ein Lieblingsbuch meiner Kindheit. Und gleichzeitig eines, das ich lange vergessen hatte.
Gegen Ende des Films findet eine kurze, aber bemerkenswerte Szene statt: ein Gespräch zwischen dem jungen Krieger Atreyu und dem Wolf Gmork, einem Diener des „Nichts“. In der Filmversion ist der Dialog relativ kurz. Im Roman ist er deutlich länger, düsterer und politischer. Dort erklärt Gmork, dass das „Nichts“ nicht einfach eine zerstörerische Kraft sei. Es entstehe vielmehr dort, wo Menschen ihre Hoffnung und ihre Vorstellungskraft verlieren. Und er fügt einen Satz hinzu, der hängen bleibt: Menschen ohne Hoffnung lassen sich leichter kontrollieren.
Während der Zug weiter durch die dunkler werdende Landschaft fuhr, musste ich plötzlich an einen ganz anderen Text denken – einen Beitrag der Religionswissenschaftlerin Liz Bucar, den ich vor einiger Zeit auf Instagram gesehen hatte. Darin greift sie eine Beobachtung von Trevor Noah auf: dass progressive Politik oft Schwierigkeiten habe, Hoffnung zu vermitteln.
Bucar verbindet diese Beobachtung mit einem Gedanken des katholischen Theologen David Tracy, der von einer „analogen Imagination“ spricht und damit eine eingeübte Fähigkeit meint, in der Gegenwart Möglichkeiten zu erkennen, die noch nicht sichtbar sind. Religiöse Traditionen, so das Argument, hätten Menschen über Jahrhunderte genau darin geschult: Hoffnung zu praktizieren, auch wenn die Realität wenig Anlass dazu gibt. In ihrem Beitrag verweist Bucar in diesem Zusammenhang auch auf die politische Kraft religiöser Sprache in der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr., die mit der Vision der „Beloved Community“ eine Zukunft entwarf, die damals für viele kaum vorstellbar war.
Aber vielleicht stellt sich damit eine noch grundlegendere Frage: Was passiert eigentlich politisch, wenn Gesellschaften die Fähigkeit verlieren, sich eine andere Zukunft vorzustellen?
Kaum hatte Bucar den Begriff Hoffnung ins Spiel gebracht, begann bei mir eine gedankliche Assoziationskette. Mehrere Namen tauchten auf, die sich in ganz unterschiedlichen Disziplinen mit genau dieser Frage beschäftigt haben: der Philosoph Ernst Bloch, der vom „Prinzip Hoffnung“ sprach und Hoffnung als Orientierung auf das „Noch-Nicht-Bewusste“ verstand, als Fähigkeit, in der Gegenwart Möglichkeiten einer anderen Zukunft zu erahnen. Der Sozialphilosoph Cornelius Castoriadis, der mit seinem Begriff des „sozialen Imaginären“ darauf hinwies, dass Gesellschaften nicht nur von Institutionen und Regeln leben, sondern auch von gemeinsamen Vorstellungen darüber, wer „wir“ sind und welche Zukunft möglich erscheint. Der Pädagoge Paulo Freire, der in der Bildungsarbeit von einer „kritischen Hoffnung“ sprach. Einer Hoffnung, die Menschen dazu befähigt, gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen und gleichzeitig an ihre Veränderbarkeit zu glauben. Und schließlich der Philosoph Charles Taylor, der beschreibt, wie moderne Gesellschaften von gemeinsamen „sozialen Imaginationen“ getragen werden – geteilten Vorstellungen davon, wie Zusammenleben funktionieren kann und welche Zukunft wir uns überhaupt vorstellen können.
Diese Gedanken führten mich zu einer weiteren Frage, die uns auch in der politischen Bildungsarbeit immer wieder begegnet: Bei der Attraktivität extremistischer Ideologien geht es nicht nur um Ideologie, Identität oder Feindbilder. Vielleicht geht es auch um etwas anderes, nämlich darum, wer heute überzeugend von Zukunft sprechen kann.
Diese Beobachtung lässt sich auch politisch lesen. Die Theoretikerin Hannah Arendt beschrieb bereits vor Jahrzehnten, dass politische Krisen nicht nur dort entstehen, wo materielle Probleme wachsen, sondern auch dort, wo Menschen das Gefühl verlieren, dass ihr Handeln noch Bedeutung hat. Wo Sinn verloren geht, entstehen Leerräume und diese Leerräume werden selten lange leer bleiben. Vielleicht lässt sich das „Nichts“ aus „Die unendliche Geschichte“ auch so lesen: als Metapher für eine gesellschaftliche Erfahrung von Sinnverlust, Ohnmacht und politischer Perspektivlosigkeit.
In solchen Situationen gewinnen besonders jene Bewegungen an Attraktivität, die einfache und klare Zukunftserzählungen anbieten. Extremistische Ideologien funktionieren dabei erstaunlich ähnlich, unabhängig davon, ob sie zum Beispiel religiös, nationalistisch oder verschwörungsideologisch geprägt sind. Sie versprechen Ordnung, Zugehörigkeit und Bedeutung. Sie bieten klare Erklärungen für komplexe Probleme und identifizieren eindeutige Schuldige. Vor allem aber erzählen sie eine Zukunft, in der das eigene Leben wieder Sinn, Würde oder Macht gewinnt.
Gerade in religiösen Narrativen spielen solche Zukunftserzählungen eine besondere Rolle. Sie verfügen über eine Sprache der Hoffnung, der Erlösung und der moralischen Klarheit, die Menschen emotional erreichen kann. Dieselben religiösen Traditionen, die historisch Bewegungen für Gerechtigkeit und Befreiung inspiriert haben, können jedoch auch für ausschließende oder gewaltlegitimierende Zwecke instrumentalisiert werden.
Hinzu kommt, dass viele junge Menschen – gerade jene, die in der politischen Bildungsarbeit und Präventionsarbeit eine Rolle spielen – Erfahrungen von Ausgrenzung, Diskriminierung oder gesellschaftlicher Abwertung machen. Solche Erfahrungen führen nicht automatisch zu Radikalisierung. Sie können jedoch das Gefühl verstärken, gesellschaftlich keinen Platz zu haben und damit auch die Attraktivität einfacher Zukunftsversprechen erhöhen. In der Folge zeigt sich immer wieder, dass es weniger um ein „Zuviel“ oder „Zuwenig“ an Bildung geht. Auch gut ausgebildete, sozial integrierte junge Menschen können sich von solchen Narrativen angesprochen fühlen. Entscheidend scheint vielmehr eine andere Erfahrung zu sein: das Gefühl, dass die eigene Zukunft unklar, begrenzt oder nicht gestaltbar ist und dass man selbst keinen wirklichen Platz in der Gesellschaft hat.
Gerade in der Arbeit mit Jugendlichen zeigt sich häufig, dass hinter provokanten Aussagen, politischen Zuspitzungen oder radikalen Positionierungen oft genau diese Erfahrungen stehen – das Gefühl, nicht gehört zu werden, nicht dazuzugehören oder ständig unter Rechtfertigungsdruck zu stehen. Extremistische Bewegungen bieten darauf eine einfache Antwort, indem sie klare Schuldige, klare Identitäten und eine klare Zukunft benennen.
Politische Bildung steht daher vor einer anspruchsvolleren Aufgabe. Sie muss nicht nur Ideologien widersprechen, sondern Räume eröffnen, in denen Konflikte, Frustrationen und gesellschaftliche Widersprüche überhaupt ausgesprochen und reflektiert werden können. Räume, in denen junge Menschen lernen, Ambivalenzen auszuhalten, Perspektiven zu wechseln und eigene Vorstellungen von Zukunft zu entwickeln.
In diesem Zusammenhang hilft vielleicht auch ein Gedanke des tschechischen Schriftstellers und späteren Präsidenten Václav Havel. Havel beschreibt Hoffnung nicht als die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird. Vielmehr sei Hoffnung die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, unabhängig davon, wie es ausgeht. Hoffnung ist bei ihm keine Prognose über die Zukunft, sondern eine Haltung zum Handeln in der Gegenwart.
Für die politische Bildung könnte genau hier ein wichtiger Ansatzpunkt liegen. Junge Menschen brauchen die Erfahrung, dass gesellschaftliches Engagement Sinn macht, selbst dann, wenn Veränderungen langsam, widersprüchlich oder unvollständig bleiben.
Denn vielleicht entscheiden weniger Argumente, Institutionen, Programme oder Prosperität über die Attraktivität demokratischer Gesellschaften als vielmehr die Frage, ob sie überzeugende Geschichten über Zukunft erzählen können. Dann würde die wichtigste Aufgabe politischer Bildung heute also nicht nur darin bestehen, extremistischen Ideologien zu begegnen, sondern der Ausbreitung des „Nichts“ etwas entgegenzusetzen – nämlich die Fähigkeit, sich gemeinsam eine andere Zukunft vorzustellen.
Anhang
Im Folgenden haben wir Materialien und Ansätze herausgesucht, in denen Erwartungen, Wünsche, Möglichkeiten und Hoffnungen im Mittelpunkt stehen. Die Frage, wie sich Zukunft als offen und gestaltbar denken lässt und wie Räume für Imagination und Teilhabe entstehen können, ist dabei nicht neu. Auch das Workshop-Format „Wie wollen wir leben?“ von ufuq.de orientiert sich daran. Im Folgenden verweisen wir auf bestehende Angebote, die sich in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen bewährt haben:
Ein internationaler Bildungsansatz, der Kinder und Jugendliche dazu befähigt, eigene Projekte zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu entwickeln. Die „I CAN“-Methode stärkt Selbstwirksamkeit und Handlungskompetenz und verbindet Zukunftsvorstellungen mit konkretem Handeln.
Hier werden anhand von Fallbeispielen gesellschaftliche Konflikte in Vergangenheit und Gegenwart mit Fragen und Perspektiven für die Zukunft verbunden. Lernende reflektieren ihre Verantwortung und ihre Rolle in einer demokratischen Gesellschaft: wie sie diese aktiv gestalten möchten und welche Handlungsspielräume dazu bestehen und notwendig sind.
Ein etabliertes partizipatives Format, das von Robert Jungk entwickelt wurde. Es arbeitet in drei Phasen: Kritik, Utopie und Umsetzung. Teilnehmende analysieren zunächst bestehende Probleme, entwickeln visionäre Zukunftsbilder und übertragen diese in konkrete Handlungsschritte. Zukunftswerkstätten werden in verschiedenen Kontexten eingesetzt, etwa in Projekten zur Arbeitswelt oder in der politischen Bildung.
Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT)
Das IZT arbeitet zu Fragen nachhaltiger Zukunftsentwicklung (Zukunftsforschung) und zu Transformationsprozessen – etwa im Bildungsbereich (Schule der Zukunft). Die Publikationen bieten Analysen sowie Impulse für die pädagogische Arbeit mit Zukunftsszenarien und gesellschaftlichem Wandel.
Auch das Futurium in Berlin stellt seine Forschung und Bildungsarbeit unter die Frage „Wie wollen wir leben?“. Es bietet Materialien und Workshops, die insbesondere mit Jugendlichen Zukunftsszenarien entwickeln (Drei-Zukünfte-Modell) und zur aktiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Wandel anregen. Dabei entwickeln und diskutieren Teilnehmende unterschiedliche Zukunftsszenarien (bestmögliche, schlimmste und wahrscheinlichste Entwicklung). Zur Umsetzung bieten sich Szenariotechniken als Methode an.
Die UNESCO fördert mit dem Konzept der „Futures Literacy“ die Fähigkeit, unterschiedliche Zukünfte zu denken und zu reflektieren. Ziel ist es, Zukunft als offenen Möglichkeitsraum zu verstehen, der durch menschliches Handeln mitgestaltet werden kann. Dazu schreiben Teilnehmende einen fiktiven Brief aus der Zukunft (z. B. aus dem Jahr 2035) und beschreiben gesellschaftliche Entwicklungen sowie ihre eigene Rolle darin. Anschließend werden die unterschiedlichen Zukunftsbilder gemeinsam reflektiert.
© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild
