“Warum fragen mich alle, woher ich komme?”

Jenny Omar findet diese Frage nervig – und nicht nur das: Die Frage ärgert und verletzt sie. Schließlich, so sagt sie, interessiere es die Fragenden oft gar nicht, ob sie aus Hamburg, Berlin-Steglitz oder gerade vom Bahnhof komme. Sie wollen Informationen über ihre Abstammung. Warum? Jenny Omar, die für ufuq.de Workshops an Berliner Schulen moderiert, sieht darin eine versteckte Form des Rassismus. In ihrem Kommentar erklärt sie warum und wie sie und andere Jugendliche mit dieser Form der Ausgrenzung umgehen.  

Bildschirmfoto 2017-09-14 um 22.08.03In Deutschland hat jede_r fünfte Einwohner_in und jedes dritte Kind einen so genannten Migrationshintergrund – das bedeutet: Mindestens ein Elternteil oder ein Großelternteil dieser Menschen wurde nicht in Deutschland geboren. Das erscheint im Einwanderungsland Deutschland zunächst gar nicht so erstaunlich.

jenny OmarJenny Omar ist Teamerin bei ufuq.de. Sie studiert “Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik” an der Alice-Salomon Hochschule Berlin und arbeitet als Sozialpädagogin in einer Notunterkunft für Geflüchtete.

Und doch sind wir – Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund – immer wieder mit der Frage nach unserer Herkunft konfrontiert. Diese persönliche Frage scheint unter Menschen der weißen Mehrheitsgesellschaft ein gängiger Einstieg ins Gespräch mit Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund zu sein. So werden wir in der Mensa, an der Bushaltestelle, beim Arzt oder auf einer Party gefragt „Und wo kommst du her?“

Natürlich weiß jede_r, und so auch ich, worauf diese Frage abzielt, trotzdem antworte ich oft:

„Aus Hamburg, und du?“

„Ach so, aus Hamburg. Ja, da war ich auch schon mal. Ja, aber wo kommst du eigentlich her?“

„Okay, eigentlich bin ich nur in der Nähe von Hamburg aufgewachsen.“

Doch meine Antwort scheint mein Gegenüber immer noch nicht zufriedenzustellen. So setzt er zur nächsten Frage an:

„Ja, aber wo kommen denn deine Eltern her?“

„Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater kommt aus Malaysia“.

Das ist nun die von meinem Gegenüber lang ersehnte Antwort und das Gespräch ist beendet.

Dieser so genannte Herkunftsdialog läuft meistens nach einem ähnlichen Frage-Antwort-Schema ab. Diejenigen, die sich der erwarteten Antwort der fragenden Person verweigern, müssen oft mit dem Vorwurf der Überempfindlichkeit rechnen. Was bleibt, ist ein komisches Gefühl.

Warum ist es so wichtig, eine genaue Information über meine Abstammung zu erhalten?

Es geht bei der Frage nicht darum, wo ich herkomme. Den Fragenden ist es egal, ob ich aus Hamburg, Steglitz oder gerade vom Bahnhof komme. Sie interessiert meine Abstammung. Es geht darum, mir einen Platz zuzuweisen, mich einzuordnen – denn so wie ich aussehe, muss ich nicht-deutscher Herkunft sein. Dass es sich bei der Frage nach Familienverhältnissen und Familiengeschichte oft um eine sehr persönliche Frage handelt, wird einfach ignoriert.

In der Rassismusforschung werden diese Fragen nach der Herkunft „Identifikationsrituale […], genannt, bei denen die Anderen als Fremde identifiziert werden“ (Rommelspacher 2009, S. 531).

Die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ zu stellen, bedeutet auch immer, der angesprochenen Person zu bedeuten, sie gehöre nicht dazu; denn „von hier“ scheint sie ja schon mal nicht zu kommen. Sonst müsste die Frage nicht gestellt werden.

Die Annahme, dass jemand „nicht von hier“ komme, gründet sich häufig auf ein nicht typisch-deutsches Aussehen oder einen vermeintlich ausländisch klingenden Namen. Doch was ist ein typisch-deutsches Aussehen in unserer heutigen Welt, die von Migration und Flucht geprägt ist?

Dieses „Anders-Sein“ soll nun mithilfe der Frage nach der Herkunft genauer definiert werden. Häufig geht es dabei nicht um ein wirkliches Interesse an der angesprochenen Person, sondern eher um einen Abgleich der eigenen Vermutungen mit der Realität.

So zeigen sich die Fragenden häufig erstaunt, dass wir Wurzeln in der Türkei/Kolumbien/Indonesien u. ä. haben, sie hätten doch gedacht, wir kämen aus Marokko/Spanien/China u. ä. Die Einordnung hat also schon vor dem eigentlichen Gespräch stattgefunden.

Irritierend und oft auch verletzend ist es vor allem für jene, die in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben und für die Migration nur noch eine Geschichte ist.

Eine Frage und ihre Antworten

Durch die ständige Konfrontation mit dem Herkunftsdialog, werden wir immer wieder mit unserem vermeintlichen „Anders-Sein“ konfrontiert und damit in einer ständigen Position der „Nichtzugehörigkeit“ gehalten. Die meisten von uns haben sich so an die Frage gewöhnt, dass sie fast schon mechanisch antworten: „Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern kommen aus…“. Andere reagieren auf die ständige Ausgrenzung, indem sie von sich sagen: „Ich bin Türk_in“, obwohl sie in Deutschland geboren sind und oft auch ihre Eltern und Großeltern hier leben. Diese Antwort wird dann leicht als Ausdruck mangelnden Integrationswilles missverstanden. Dabei spiegelt sie nur, welcher Platz diesen Jugendlichen von der Gesellschaft zugewiesen wird. Während die einen also Verständnis für die Fragenden entwickeln, reagieren die anderen mit Wut.

Vor dem Hintergrund der steigenden Anzahl von Geflüchteten und dem Erstarken rechtsradiaker und nationalistischer Bewegungen in Europa, muss eine stärkere Auseinandersetzung mit dieser Frage stattfinden. Wer andere nach ihrer Herkunft fragt, sollte sich darüber bewußt sein, dass diese Frage auch immer eine gesellschaftliche Platzzuweisung bedeutet.

Dies soll nicht heißen, dass die Frage nach der Herkunft gar nicht mehr gestellt wird. Doch sollte sie nicht mehr ausschließlich dazu dienen, die eigenen Vorurteile abzugleichen. Stattdessen müsste Raum gegeben werden für wirkliches Interesse und offene Interaktionen. Solch ein Raum für Geschichten und Interaktionen hat seinen Platz, aber natürlich nicht in einer Kennenlernsituation auf dem Flur, sondern setzt Zeit und vorallem auch ein bestimmtes Vertrauensverhältnis voraus.

Es spricht nichts gegen Gespräche über die eigene Herkunft und die Herkunft der Eltern kann ebenfalls Thema sein. Ich wünsche mir aber, dass das nicht die erste Frage ist, die mir gestellt wird. Oft kommt sie, bevor ich noch nach meinem Namen gefragt werde. Wichtig ist auch, dass die Frage nicht kontextlos gestellt wird.

In den USA, das noch viel mehr als Deutschland durch viele Einwanderungswellen geprägt ist, wird oft gefragt „What’s your family history?“. So formuliert wird die Dimension der Frage deutlich. Und es wird klar, dass es keine Frage ist, die meistens mit einem kurzen Antwortsatz geklärt wäre. In Deutschland hingegen fehlt die Sensibilität, dass es auf die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ keine knappe und erst recht keine einfache Antwort gibt.

Die Vielfalt in unserer Gesellschaft ist wichtig und eine große Bereicherung für alle. Doch bevor wir diese Vielfalt feiern, sollten wir die Zugehörigkeit aller Menschen zu dieser Gesellschaft akzeptieren und nicht immer wieder auf der Frage beharren, woher die Menschen denn nun eigentlich kommen.

 

Ufuq.de bietet Workshops rund um die Themen Islam, anti-muslimischer Rassismus und Islamismus in Schulen an. Sie werden von Teamer_innen moderiert und bieten einen Raum, um über unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt stehen – religiöse und nicht-religiöse – Werte und die Frage: “Wie wollen wir leben?”. In der Regel dauern die Workshops drei mal 90 Minuten; entweder an einem Projekttag oder verteilt auf mehrere Tage. Anfragen bitte an: aylin.yavas@ufuq.de.