Radikalisierung – (k)ein Jugendphänomen?
7. Januar 2026 | Demokratie und Partizipation, Radikalisierung und Prävention

Minimalistische Zeichnung von Personen im Gespräch/ KI-generiertes Bild mit Midjourney

Radikalisierung betrifft nicht nur junge Menschen. Empirische Befunde zeigen, dass vor allem auch Menschen in der zweiten Lebenshälfte von Radikalisierungsprozessen betroffen sein können. Der Beitrag von Anna Strohmeier beleuchtet zentrale Einflussfaktoren wie gesellschaftliche Rollenveränderungen oder Sinnsuche und diskutiert daraus resultierende Herausforderungen sowie Bedarfe für die Präventionsarbeit.

Bisherige Forschungsarbeiten gingen häufig – zumindest implizit – davon aus, dass vor allem jüngere Menschen von Radikalisierungsprozessen betroffen sind (Friedrich 2025, 2). Die Annahme, Radikalisierung sei in erster Linie ein Jugendphänomen, ist nicht unbegründet. Mit zunehmendem Alter sinkt erwiesenermaßen die Bereitschaft, Straftaten zu begehen (Fiebig und Köhler 2019, 27-28).

Über Radikalisierungen bei Menschen über 50 liegen hingegen nur wenige Erkenntnisse vor (Pohl und Wiedemann 2025, 21). Dieser Bereich gewinnt jedoch zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Ein Beispiel dafür ist das vor kurzem erschienene Buch: „Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“ von Sarah Pohl, Leiterin von ZEBRA, der Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg, und Mirijam Wiedemann. Anhand von exemplarischen Fällen aus der Beratungspraxis beleuchten sie das Phänomen ausführlich (Pohl und Wiedemann 2025).

Für den Begriff der Radikalität gibt es keine einheitliche Definition in der wissenschaftlichen Praxis (Friedrich 2025, 2). Dieser Artikel benutzt die von Pohl und Wiedemann verwendete Auslegung, nach der Radikalisierung als ein „Entwicklungsprozess extremer Ideen und Überzeugungen“ (Pohl und Wiedemann 2025, 23) zu verstehen sei, der Gewaltbereitschaft beinhalten kann, aber nicht muss. Entscheidend ist, dass die Frage, weshalb sich eine Person radikalen Weltanschauungen zuwendet, immer individuell zu beantworten ist (Pohl und Wiedemann 2025, 29).

Reichsbürgerbewegung: Gewaltbereitschaft im höheren Lebensalter

Ein Beispiel für extremistisch motivierte Straftaten in der zweiten Lebenshälfte ist die Reichsbürgerbewegung. In Baden-Württemberg, einem der Bundesländer, in dem die Szene am stärksten repräsentiert ist, überschritten 2021 beispielsweise 76% der Szeneangehörigen das 40. Lebensjahr (Pohl und Wiedemann 2025, 39). Der aktuelle Verfassungsschutzbericht aus dem Jahr 2024 stellt fest, dass bundesweit rund zehn Prozent der insgesamt 26.000 Personen in der Selbstverwalter- und Reichsbürgerszene als gewaltbereit gelten. (Verfassungsschutz 2024, 31). Die Daten zeigen, dass es ein nennenswertes Potenzial gewaltbereiter Personen jenseits der 40 gibt. Dass ein solcher Zusammenhang auch besteht, wird deutlich, wenn man die Ergebnisse der Studie Fiebigs und Köhlers über die Reichsbürgerszene betrachtet. Das Durchschnittsalter der gewalttätig gewordenen Szeneangehörigen lag in vier der sechs untersuchten Jahre in der Altersgruppe der über 50-Jährigen (Fiebig und Köhler 2019, 28). Die Annahme, Radikalisierung sei ein reines Jugendphänomen, wird damit widerlegt.

Warum radikalisieren sich Menschen in der zweiten Lebenshälfte?

Es lassen sich einige übergreifende Faktoren erkennen, die eine Radikalisierung begünstigen können und besonders ältere Menschen betreffen.

Ein Beispiel ist die verstärkte Beschäftigung mit existenziellen Fragen. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, ernsthaft zu erkranken, und Menschen werden stärker mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert (Pohl und Wiedemann 2025, 27ff). Dies kann dazu führen, dass sie sich beispielsweise esoterischen Angeboten zuwenden, die Gesundheit und Wohlbefinden versprechen. Selbstverständlich ist nicht jedes esoterische Angebot Ausdruck eines Radikalisierungsprozesses. Dennoch überschneiden sich verschwörungstheoretische Konzepte und esoterische Angebote oft inhaltlich (Pohl und Wiedemann 2025, 37). Die zunehmende Fragilität der eigenen Gesundheit und des eigenen Lebens bringt Menschen in eine vulnerablere Position, die sie für radikale, sinnstiftende Angebote empfänglicher machen können.

Ein weiterer Faktor, der eine Radikalisierung begünstigen kann, ist die sich verändernde Position in der Gesellschaft. Ältere Personen können eine deutliche Diskrepanz zwischen ihrer Rolle in der Gesellschaft in einem jüngeren Alter, etwa im Berufsleben, und ihrer aktuellen Situation wahrnehmen.  Der Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand kann sich negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken. Eine extreme Weltanschauung zu teilen oder das Engagement in einer als wichtig empfundenen Gruppe kann diese Lücke füllen.

Auch die neue verfügbare Zeit, die gestaltet werden muss, ist ein Vulnerabilitätsfaktor. Studien zeigen, dass ein gesteigertes Maß an Langeweile den Glauben an Verschwörungserzählungen begünstigt. Gleichzeitig nimmt bei älteren Menschen häufig der Wunsch zu, sich gesellschaftlich zu engagieren. Auch wenn die Partizipation an radikalen Weltanschauungen und Gruppen aus unserer Perspektive nicht als gesellschaftliches Engagement gelten mag, kann dies aus Sicht der Beteiligten durchaus so empfunden werden.

Ein weiterer Risikofaktor, der mit zunehmendem Alter auftreten kann, ist Vereinsamung. Die Anzahl sozialer Kontakte nimmt tendenziell ab. Teil einer Gruppe zu sein, die eine radikale Weltanschauung teilt, verspricht Gemeinschaft und schafft ein Zugehörigkeitsgefühl. Auch kann aus der jahrelangen Berufstätigkeit und dem daraus folgenden Verständnis, man habe viel für die Gesellschaft geleistet, eine Erwartungshaltung an das Gemeinwesen entstehen, die diese vielleicht nicht erfüllt. Die daraus resultierende Enttäuschung kann Menschen empfänglicher für radikale Ideen machen. Dies kommt auch zum Tragen, wenn sie sich durch die Gesellschaft oder das politische System direkt vernachlässigt fühlen, beispielsweise durch Rentenkürzungen.

Unterschätzt werden darf auch nicht, dass Personen über 50 im Gegensatz zu den jüngeren ‚Digital Natives‘ mit immer mehr technischen Veränderungen in ihrer Lebenswelt konfrontiert werden, sei es durch die zunehmende Digitalisierung des Alltags oder die Verwendung künstlicher Intelligenz. Überforderung und daraus resultierende Ablehnung können folgen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Weltanschauungen attraktiv, die einen vermeintlich traditionellen Lebensentwurf befürworten (Pohl und Wiedemann 2025, 27-29).

Gesellschaftlicher Umgang mit der Radikalisierung älterer Menschen

Wie in jedem Fall, in dem sich eine Person einer radikalen Weltanschauung zugewandt hat, hängt eine angemessene Reaktion stark davon ab, in welchem Kontext man auf die Person trifft und welche Art von persönlicher Beziehung besteht. Auch sollte man sich im Klaren darüber sein, mit welcher eigenen Intention man in das Gespräch tritt.

Auf institutioneller Ebene fällt auf, dass bestehende staatliche Förderprogramme meist auf junge Erwachsene zugeschnitten sind. (Beispielhaft ist das im Rahmen der Demokratiebildung und Extremismusprävention bedeutende Bundesprogramm „Demokratie leben!“) (Friedrich 2025, 2).

Zusätzlich dazu ist es schwieriger, ältere Menschen zu erreichen. Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter erreicht man relativ unkompliziert über die Schule. Eine solche Einrichtung, in der Partizipation verpflichtend ist, ist im Lebensverlauf einmalig (Pohl und Wiedemann 2025, 119). Menschen für ein freiwilliges Angebot zu gewinnen, die staatlichen Institutionen aufgrund ihrer gewählten Weltanschauung kritisch gegenüberstehen, stellt hingegen keine leichte Aufgabe dar.

Hier können Kooperationen mit bestehenden Institutionen sinnvoll sein, die in der Lebenswelt der Zielgruppe eine Rolle spielen, wie Vereine oder Volkshochschulen etc. (Friedrich 2025, 5). Pohl und Wiedemann verweisen auf die Notwendigkeit, niedrigschwellig Begegnungen zwischen der Person im Radikalisierungsprozess und Andersdenkenden zu ermöglichen. Direkter Kontakt kann helfen, eigene Denkmuster zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bewerten (Pohl und Wiedemann 2025, 120f). Ebenso wichtig sind Bildungsangebote, die die Medienkompetenz von älteren Menschen stärken (Pohl und Wiedemann 2025, 122-123). So gibt es zum Beispiel Hinweise darauf, dass Fake News von älteren Personen seltener identifiziert werden als von jüngeren (Pohl und Wiedemann 2025, 24f).

Radikalisierung im persönlichen Umfeld

Ob im Freundeskreis oder in der Familie – Menschen, die radikale Weltanschauungen teilen, können Spannungen im sozialen Umfeld und in persönlichen Beziehungen hervorrufen. Diese emotionale Belastung kann durch das Alter der radikalisierten Menschen verstärkt werden: Vertraute Personen wie Onkel, Großmütter oder Väter, zu denen man früher aufschaute, teilen plötzlich Ansichten, die stark von der eigenen Perspektive abweichen.

Pohl und Wiedemann empfehlen dennoch, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Eine Radikalisierung geht häufig mit einer Verengung des Weltbildes einher, Menschen konsumieren zunehmend Inhalte, die ihre Sicht auf die Welt bestätigen und festigen. Ein Kontakt außerhalb dieser ‚Filterblase‘ kann entscheidend sein, falls sich die Person später von ihrer radikalen Haltung distanzieren möchte.

Generell halten Pohl und Wiedemann fest: „Sie können am besten beim anderen etwas bewirken, indem Sie sich Zeit nehmen, zuhören, sich zumuten, nachfragen und aushalten. Nicht, indem Sie zustimmen. Nicht, indem Sie in Diskussionen eintreten.“ (Pohl und Wiedemann 2025, 106). Dabei bedeutet „zumuten“ , dem Gegenüber offen zu spiegeln, wie Aussagen auf einen selbst wirken. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Eine Veränderung der Weltanschauung kann nur die betroffene Person selbst vornehmen.  Das Umfeld kann lediglich eine unterstützende Atmosphäre schaffen (Pohl und Wiedemann 2025, 106f).

Wer sich im Umgang mit radikalisierten Personen unsicher oder überfordert fühlt, sollte frühzeitig Hilfe suchen. Sei es als Angehörige*r, Fachkraft im Seniorenheim oder im Arbeitsumfeld. In Deutschland bieten zahlreiche Stellen kostenlose, spezialisierte Unterstützung an, zum Beispiel Zebra-BW.

Fazit

Wie dieser Artikel gezeigt hat, werden Radikalisierungsprozesse von Menschen in der zweiten Lebenshälfte in der Forschung bislang nur unzureichend beachtet. Ihre Auswirkungen innerhalb der Gesellschaft – etwa Konflikte in Familien oder ein mögliches Gewaltrisiko – sind jedoch spürbar. Es braucht mehr Forschung und gezielte Präventionsangebote in diesem Bereich, die sich explizit an Menschen richten, die eben nicht Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene sind. Ziel sollte es sein, Radikalisierungsprozesse älterer Menschen ernst zu nehmen, die damit verbundenen Risiken sachlich einzuschätzen und angemessene Unterstützungsangebote zu entwickeln – unabhängig vom eigenen Alter oder Erfahrungshintergrund.

Literaturverzeichnis:

Fiebig, Verena und Daniel Köhler. 2019. Taten, Täter, Opfer.  Eine Studie der Reichsbürgerbewegung auf  Grundlage einer Presseauswertung. Stuttgart: Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration.

Friedrich, Benedikt. 2025. „Leerstelle (R)Age? Radikalisierung in der zweiten Lebenshälfte  als Herausforderung für die Distanzierungs-  und Ausstiegsarbeit “  dist[ex] Policy Paper (1):1-8.

Pohl, Sarah und Mirijam Wiedemann. 2025. Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Verfassungsschutz, Bundesamt für. 2024. Verfassungsschutzbericht 2024 . Fakten Und Tendenzen. Berlin: Bundesministerium des Inneren.

© Bildnachweis: KI-generiertes Bild mit Midjourney

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