Wie können Schüler*innen ihre eigene Haltung in Konfliktsituationen erkennen und selbstkritisch hinterfragen? Und wie gelingt es, die Reaktionen und Perspektiven der anderen besser nachzuvollziehen? Bénédicte de Gruben stellt Übungen vor, mit denen Kinder lernen können, konstruktiv mit Konflikten umzugehen.
Fähigkeiten, um mit Konflikten umzugehen, werden bereits in der frühen Kindheit entwickelt. Sie prägen das Individuum und beeinflussen das eigene Verhalten, das von Dominanz über Kompromiss, Vermeidung und Zustimmung bis hin zur Kooperation reichen kann. Das Modell von Thomas-Kilmann unterscheidet fünf verschiedene Arten, um auf Konflikte zu reagieren. Jede beruht auf einer bestimmten Haltung, die jeweils Vor- und Nachteile hat. Dabei ist es in einem ersten Schritt für die Lehrkraft wichtig, die Grundprinzipien des Modells selbst zu verinnerlichen und die Haltung bei sich selbst und beim anderen zu erkennen.
De Gruben B., 2024. „Konfliktraster nach Thomas-Kilmann” in: mateneen 8 Konflikte bearbeiten, Zentrum fir politesch Bildung (Hg.), 1. Auflage, S. 12.
Um das Konfliktverhalten mit Jugendlichen (und sogar Erwachsenen) zu analysieren, können Tierbilder das Modell von Thomas und Kilmann leicht veranschaulichen. In der Arbeit mit Kindern stellen vier Tiere jeweils eine Haltung in Konfliktsituationen dar. Der Kompromiss, die fünfte Haltung, wird hier als Kooperation betrachtet. Die Tiersymbolik erlaubt den Beteiligten, die Reaktionen anderer besser zu verstehen. Sie lernen, das eigene Verhalten selbstkritisch und bewusst zu reflektieren und gegebenenfalls eine andere Haltung einzunehmen
Konfliktprävention mit Kindern: Hilfsmittel und Übungen
Die Konfliktverhaltensmodi sowie die Tierkarten sind ein praktisches Hilfsmittel, um mit Schüler*innen die Konfliktanalyse anhand vergangener Situationen zu üben, aber auch, um sie bei der Bearbeitung eines bestehenden Konflikts zu begleiten. Sie können ihre Haltung mitteilen und mit dieser bestmöglich umgehen. Schlussendlich können sie Wege finden, um konstruktiv mit dem Konflikt umzugehen.
Der Löwe brüllt auf verschiedene Arten. Er schreit, brüllt, weint oder jammert. Er sucht den eigenen Vorteil und erreicht, was er will. Seine Haltung nimmt keine oder nur wenig Rücksicht auf andere. Indem er allzu oft tut, was er will, kann er der Beziehung schaden. So wird der Löwe je nach Art der Beziehung Furcht, Ablehnung, Zurückweisung, Sabotage und bei manchen auch Bewunderung hervorrufen.
Das Chamäleon passt sich jener Lösung an, die die andere Person für den Umgang mit dem Konflikt vorschlägt, und stellt seine eigenen Interessen zugunsten einer guten Beziehung zurück. Im Extremfall verliert das Chamäleon durch die ständige Anpassung schließlich die eigenen Ziele und Wünsche aus dem Blick. Es vergisst, wer es ist und was es wirklich will. Auf die Spitze getrieben: Wer wird am Ende das Chamäleon berücksichtigen?
Die Schildkröte zieht sich im Konfliktfall zurück. Dadurch wird eine direkte Konfrontation vermieden und man kehrt zur Ruhe zurück. Dieses Verhalten kann die Schildkröte auf Dauer ins Abseits drücken: Rückzug, dann Isolation, schließlich selbstzerstörerisches Verhalten. In der systemischen Mobbinganalyse wird die Schildkröte als „stiller Zeuge“ bezeichnet. Während der Rückzug für einen Moment lebensrettend sein kann, riskiert das lange Verweilen darin, zerstörerisch zu werden.
Der Delfin setzt auf die gleichberechtigte Beteiligung beider Parteien. Durch Kooperation und Einfühlungsvermögen versuchen die beiden Delfine, mehrere Lösungen zu finden und eine gemeinsam auszuarbeiten, die für ihn, den anderen und die Gruppe in Ordnung ist. Dies wird die gemeinsame Lösung sein. Eine solche Haltung erfordert Zeit, Energie und soziale Fähigkeiten.
Das Spiel Der Tierpark von Leo und Lea ermöglicht es den Teilnehmenden, die verschiedenen Haltungen besser zu erkennen und so zu entscheiden, ob man in der Tierhaltung verharrt oder andere Wege in Betracht zieht.
Verschaffen Sie sich hier einen Überblick über die Materialien und laden Sie die Übungen hier (Konfliktverhaltensmodi, Tierkarten, Tierpark) und hier (Konfliktkarten) als PDF herunter.
Checkliste
Ziele:
- Die eigene Haltung und die des anderen angesichts einer Meinungsverschiedenheit (Streit, Konflikt) erkennen.
- Die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen abwägen.
- Die Sinnhaftigkeit der gefundenen Lösungen für sich selbst, den anderen und die Gruppe beurteilen.
- Bewusst die Haltung wechseln, wenn es angebracht ist.
Dauer: Einführung (je nach Alter und Größe der Gruppe) von 3 Sekunden direkten Feedbacks bis zu 20 Minuten (thematische Übungen).
Vorgehen:
- Das Schema für sich selbst verinnerlichen.
- Im Stundenplan einen Zeitrahmen für Konfliktbearbeitung/Gesprächskreis/Klassenrat einrichten.
- Ein Klima des Vertrauens schaffen (Einfühlungsvermögen, aktives Zuhören, Fakten äußern, …)
- Befragungsmethode: Alle Haltungen sind möglich, sie sind je nach Umständen und Wiederkehr angemessen oder nicht.
Tipp: Stühle in einen Kreis stellen und eine konkrete Situation mit Handpuppen, Playmobil oder Schleich-Tieren nachspielen: „Im Konflikt habe ich gesehen und gehört…“. Die Antworten der vier Tiere einfließen lassen. Humor nutzen: „Ich brauche ein paar Chamäleons, die mir helfen, die Bänke wieder an ihren Platz zu stellen.“ Übungen zum Thema präventiv und abwechselnd einsetzen. Bewusst zwischen den vier Haltungen springen.
Praxisbeispiel: Pausen-Buddys & Patenschaften
Ältere Schüler*innen übernehmen Verantwortung für Schüler*innen: Dies kann durch die Patenschaft für eine jüngere Klasse oder auch einzelne Schüler*innen geschehen, in deren Rahmen die älteren Kinder oder Jugendlichen den jüngeren das Einleben in die neue Schule erleichtern, ihnen bei Fragen oder in Konflikten beratend zur Seite stehen, gemeinsame Klassenausflüge gestalten oder in den Pausen darauf achten, dass es allen gut geht.
An einzelnen Schulen wird das Peer-to-Peer-Modell auch dafür genutzt, Schüler*innen als Streitschlichter*innen in akuten Konfliktfällen auf dem Pausenhof einzusetzen. Die älteren Schüler*innen werden auf ihre Aufgabe durch ein Kommunikations- und Konflikttraining vorbereitet und während des Schuljahrs durch eine Lehrkraft begleitet. Die Kompetenzen und Erfahrungen, die sie als „Buddys“ erwerben, und das Gefühl, Verantwortung übernehmen zu können, stärken ihre Persönlichkeitsentwicklung und ein Gemeinschaftsgefühl in der gesamten Schule. (Karl Schulz)
© Bildnachweis: KI-generiertes Bild mit Midjourney
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift mateneen – Praxishefte demokratische Schulkultur im Rahmen der Ausgabe „Konflikte bearbeiten“ (8/2023). Wir danken den Herausgeber*innen und der Autorin für die Erlaubnis, den Beitrag hier wiederzuveröffentlichen.
