„Migranten sind krimineller“ – Wie aus Statistik ein politisches Narrativ wird
31. März 2026 | Demokratie und Partizipation, Diversität und Diskriminierung

Bunte Balken mit schwebenden Sprechblasen, Frage- und Ausrufezeichen darüber; KI-generiertes Beitragsbild

 Zuletzt waren es Berichte über Gewalt in Schulen und sexualisierte Gewalt in einem Neuköllner Jugendzentrum, die erneut eine Debatte entfacht haben. Dabei ist nicht die Frage, ob über solche Vorfälle gesprochen wird, sondern in welcher Weise und mit welchem Ziel das geschieht. Wenn mediale Sprache und politische Rhetorik komplexe soziale Probleme auf Religion und Herkunft reduzieren und Gewalt kulturalisiert wird, gefährdet das den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan plädiert vor diesem Hintergrund für einen differenzierten Blick auf Kriminalitätsstatistiken.

Der Satz „Migranten sind krimineller“ hat längst den Weg aus populistischen Rändern in die Mitte politischer Debatten gefunden. Er wirkt klar, scheinbar objektiv und eindeutig. Und gerade deshalb ist er in dieser Form analytisch verkürzt und gesellschaftlich gefährlich.

Es ist richtig, dass nichtdeutsche Tatverdächtige in kriminalstatistischen Erhebungen teilweise überrepräsentiert sind. Doch diese Feststellung allein erklärt nichts. Sie beschreibt lediglich eine Oberfläche, ohne die dahinterliegenden Strukturen sichtbar zu machen. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Zahlen ohne Kontext interpretiert und politisch aufgeladen werden.

Denn wir vergleichen häufig Gruppen, die strukturell nicht vergleichbar sind. Migrantische Populationen sind im Durchschnitt jünger, häufiger männlich und überdurchschnittlich oft in sozial benachteiligten Lebenslagen. Diese Faktoren gehören zu den stärksten Prädiktoren für Kriminalität, unabhängig von Herkunft oder kulturellem Hintergrund. Wer diese Unterschiede nicht berücksichtigt, produziert zwangsläufig verzerrte Bilder.

Hinzu kommt ein methodischer Aspekt, der im öffentlichen Diskurs nahezu vollständig ausgeblendet wird. In kriminalstatistischen Erhebungen erscheinen auch Personen, die nicht Teil der hier lebenden Bevölkerung sind. Dazu zählen Touristen, Durchreisende oder mobile Tätergruppen. Gerade bei Eigentumsdelikten spielen diese eine erhebliche Rolle. Sie erhöhen statistisch den Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger, ohne dass daraus Rückschlüsse auf die in Deutschland lebende migrantische Bevölkerung gezogen werden können. Wird dieser Unterschied nicht benannt, entsteht ein verzerrtes Gesamtbild. Gleichzeitig wird Migration in der politischen Kommunikation häufig als homogene Kategorie behandelt.

Dabei handelt es sich um eine hochgradig differenzierte Realität. In Deutschland leben rund 26 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie stammen aus unterschiedlichen Weltregionen, gehören verschiedenen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen an und unterscheiden sich in ihren Lebensverläufen erheblich. Menschen mit Wurzeln in Europa, dem Nahen Osten, Afrika oder Asien leben unter völlig unterschiedlichen Bedingungen. Muslime, Christen, Jesiden, Aleviten oder säkulare Menschen bilden keine einheitliche Gruppe, sondern eine vielfältige gesellschaftliche Realität.

Entscheidend ist dabei ein oft übersehener Punkt: Die überwältigende Mehrheit dieser rund 26 Millionen Menschen tritt kriminalstatistisch nicht in Erscheinung. Sie lebt integriert, arbeitet, gründet Familien, engagiert sich gesellschaftlich und trägt zur Stabilität dieser Gesellschaft bei. Diese Mehrheit bleibt im öffentlichen Diskurs weitgehend unsichtbar, während sich die Aufmerksamkeit auf kleinere, auffällige Gruppen richtet.

Gleichzeitig gilt ebenso klar: Kriminalität darf weder relativiert noch verharmlost werden. Straftaten müssen verhindert, verfolgt und im Rahmen des Rechtsstaats konsequent geahndet werden unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Hintergrund. Der Rechtsstaat lebt von seiner Verlässlichkeit und Gleichbehandlung. Genau deshalb ist es notwendig, präzise zu analysieren, wer warum straffällig wird, statt pauschale Zuschreibungen vorzunehmen.

Was wir derzeit beobachten, ist weniger eine Krise der Fakten als eine Krise der Einordnung. Einzelne Ereignisse prägen das kollektive Bewusstsein stärker als differenzierte Analysen. Wahrnehmung ersetzt Erkenntnis. Emotion ersetzt Differenzierung. Wenn der Bundeskanzler Begriffe wie „Paschas“ verwendet oder auf ein verändertes Stadtbild verweist, dann sind das keine beiläufigen Formulierungen. Sprache ist niemals neutral. Sie strukturiert Wahrnehmung und beeinflusst gesellschaftliche Deutungsmuster. Solche Begriffe knüpfen an bestehende Narrative an, in denen Migration mit Kontrollverlust, kultureller Abweichung und sozialer Problematik verknüpft wird.

Diese Muster sind nicht neu. In gesellschaftlichen Krisenzeiten wiederholt sich immer wieder dieselbe Dynamik. Komplexe Probleme werden auf bestimmte Gruppen projiziert. Begriffe werden emotional aufgeladen. Aus statistischen Auffälligkeiten entstehen kulturelle Zuschreibungen. Dass sich diese Muster in ähnlicher Form wiederholen, legt nahe, dass hier mehr als Zufall im Spiel ist.

Die gesellschaftliche Wirkung solcher Verkürzungen ist erheblich. Wenn ein Drittel der Bevölkerung, nämlich Menschen mit Migrationshintergrund, in politischen Debatten pauschal oder indirekt problematisiert wird, entsteht ein Klima des Misstrauens. Zugehörigkeit wird infrage gestellt. Differenzierung geht verloren. Die Folge ist eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung.

Dabei liegt die eigentliche Herausforderung nicht in der Existenz von Problemen, sondern in ihrer Interpretation. Kriminalität muss benannt und analysiert werden. Aber sie muss auch richtig verstanden werden. Sie ist kein kulturelles Phänomen, sondern ein soziales und strukturelles. Sie entsteht dort, wo Perspektivlosigkeit, fehlende Teilhabe und soziale Ungleichheit zusammentreffen. Eine verantwortungsvolle politische Kommunikation unterscheidet daher zwischen Ursache und Zuschreibung. Sie benennt strukturelle Defizite, ohne daraus kollektive Urteile abzuleiten. Sie schafft Orientierung, statt Verunsicherung zu verstärken.

Die Aufgabe politischer Führung besteht darin, komplexe Realitäten einzuordnen, nicht sie zu vereinfachen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung braucht es eine Sprache, die differenziert, verbindet und erklärt. Denn am Ende geht es nicht nur um Zahlen. Es geht um Vertrauen. Und um den Zusammenhalt einer Gesellschaft, die nur dann stabil bleibt, wenn sie ihre Unterschiede versteht, ohne sie gegeneinander auszuspielen.

 

Hinweis: Dieser Text erschien zuerst auf dem LinkedIn-Account des Autors.

© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild.

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