JAMIL – Mit Streetwork gegen salafistische Ansprachen

Bremen gilt als Hochburg der salafistischen Szene. Auf etwa 360 Personen wird die Zahl ihrer Anhänger_innen geschätzt. Mindestens 26 Jugendliche und junge Erwachsene sind von hier nach Syrien und in den Irak ausgereist, viele von ihnen sind inzwischen dort gestorben. Erst kürzlich berichtete Die Zeit ausführlich über die Wege in die Radikalisierung in der Hansestadt. JAMIL ist ein Projekt, das diesem Trend entgegenwirken will: Mit Workshops für Jugendliche, engagierte Streetworker_innen und ein Jugendcafé. Das Projekt heißt JAMIL – „schön“ auf Arabisch. Im Interview erklären David Aufsess, Mehlike Eren-Wassel und Meriç Suna wie sie arbeiten. Aylin Yavaş hat mit ihnen gesprochen.

Was ist JAMIL und wie arbeitet ihr? 

David: JAMIL heißt ja schön. Es ist aber auch eine Abkürzung: Es steht für Jugendarbeit in muslimischen und interkulturellen Lebenswelten. Wir sind ein Modellprojekt, das 2015 vom Verein VAJA e.V gestartet wurde. Das Projekt  wird vom Bundesprogramm Demokratie Leben finanziert und arbeitet in der Prävention islamistischer Orientierungen und Handlungen junger Menschen. Ein anderes Projekt unter dem Dach von VAJA ist Kitab. Dies ist ein Beratungsnetzwerk, das Angehörige und Betroffene zum Thema Islamismus unterstützt.

Bildschirmfoto 2016-10-26 um 15.09.15

Mehlike: Bei uns stehen die Jugendlichen mit ihren Alltagssorgen und Problemen im Mittelpunkt. Wir folgen und begleiten Jugendliche zu ihren Treffpunkten und in ihrer Freizeit. Durch unsere akzeptierende, anerkennende und wertschätzende Haltung und durch regelmäßigen Kontakt wird eine Beziehung zu den Jugendlichen geschaffen, die von gegenseitiger Akzeptanz geprägt ist. Deswegen können wir gemeinsam mit den Jugendlichen über menschenfeindliche und gruppenbezogenen abwertende Haltungen reden und uns damit auseinandersetzen. Wir bieten freizeit- und erlebnispädagogische Aktivitäten (beispielsweise Sport und Freizeitfahrten) mit Cliquen und Gruppen von Jugendlichen – aber auch Einzelfallhilfe und Unterstützung bei Problemen in Familie, Schule, Ausbildung und im Freundeskreis. Wir arbeiten niedrigschwellig und es geht darum, Beziehungen aufzubauen. Dies ist die Grundlage für eine tiefergehende und langfristige Auseinandersetzung über Wertvorstellungen, Haltungen und Meinungen.

Meriç: Uns ist wichtig zu betonen, dass JAMIL keine Präventionsarbeit im Sinne einer „Salafismusfeuerwehr“ betreibt: Wir greifen also nicht nur dort ein, wo Lehrkräfte oder Sozialarbeiter_innen salafistisch radikalisierte Jugendliche vermuten. Wir sehen uns als eine demokratiepädagogische, transkulturelle und auf die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt ausgerichtete Jugendarbeit, die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklungsprozesse junger Menschen unterstützt. Wir konzentrieren uns auf zwei Stadtteile: Bremen-Gröpelingen/Walle und Bremen-Osterholz-Tenever. Statt als Salafismusfeuerwehr hier und dort punktuell einzuspringen, konzentrieren wir uns auf die Arbeit in unserem begrenzten Gebiet.

Wie stellt ihr denn den Kontakt zu Jugendlichen her?

Mehlike: Den ersten Kontakt stellen wir durch aufsuchende Arbeit in den beiden genannten Stadtteilen her. Die Streetworker_innen von VAJA beobachten schon länger, dass die muslimischen Jugendlichen einen großen Bedarf an Auseinandersetzung zu Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Glaube haben. Außerdem ist in diesen Stadtteilen eine salafistische Szene präsent, die ganz gezielt Jugendliche anspricht. Da ist es wichtig, dass die Jugendlichen uns als Ansprechpartner_innen haben für alle Fragen rund um Identität, Zugehörigkeit und Glaube.

David: Den Zugang zu Jugendlichen bekommen wir zum Beispiel durch die Workshops, die wir in Schulen machen. Diese gehen über mehrere Wochen und wir treffen die Jugendlichen zu ganztägigen Workshops. Darüber können wir Beziehungen aufbauen. Vertieft werden sie durch unsere regelmäßige Präsenz in den Schulen und durch Freizeitangebote. Für die Schüler_innen sind wir vertraute Gesichter, die ihnen Wertschätzung und Akzeptanz entgegenbringen und sie sehen uns als Ansprechpartner_innen für Themen, die sie ansonsten als kompliziert wahrnehmen.

Im Rahmen der aufsuchenden Jugendarbeit versuchen wir, die Jugendlichen anzusprechen, die nicht schon in Jugendzentren oder Moscheen eingebunden sind.  Diese Jugendlichen suchen sich in der Regel Treffpunkte, an denen ihre Clique unter sich ist. Dies ist von Stadtteil zu Stadtteil und von Clique zu Clique unterschiedlich – mal ist es eine Straßenbahnhaltestelle, mal die Umgebung einer Schule, mal die Nähe zu einer Moschee oder vor einem beliebten Café.

Meriç: Darüber kamen wir dann auf die Idee, das „Café Jamil“ zu gründen. Es ist vor allem ein Ort, wo die Jugendlichen sich untereinander und mit uns treffen können. Wir bieten zudem Filmnachmittage, laden Expert_innen – z.B. eine Jugendarbeiterin der Jüdischen Gemeinde Bremen – ein oder machen Aktionen und Fahrten, die die Diskussion und Auseinandersetzung unter den Jugendlichen stärken.

Und welche Fragen beschäftigen eure Zielgruppe besonders?

Meriç: Auch „unsere“ Jugendliche beschäftigen sich vor allem mit den typischen Fragen von Jugendlichen in diesem Alter: Freundschaft, Familie, Schule, Liebe und das Leben im Stadtteil bzw. der Stadt. In diesem Zusammenhang kommen häufig Diskussionen über Geschlechter- und Rollenbilder auf, bei denen vor allem die männlichen Jugendlichen mit einem sehr maskulin und patriarchalisch geprägten Rollenverständnis auffallen. Interessanterweise sind es dann in den Schulklassen häufig die Mädchen, die diese Vorstellungen kritisch hinterfragen und die Jungs zur Diskussion herausfordern.

Viele Jugendliche interessieren sich stark für gesellschaftliche und politische Fragen. Sehr oft werden aktuelle Themen wie der Syrien-Krieg, Anschläge im Namen der Religion, die politischen Entwicklungen in der Türkei oder auch Einfluss der Vereinigten Staaten oder Russlands im Nahen Osten angesprochen.

David: Grundsätzlich ist Glaube bzw. Religion ein wichtiges Thema für muslimische Jugendliche, wobei das Interesse über den Islam hinaus auch anderen Religionen gilt. Wir von JAMIL verstehen Religion als Ressource in der Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung von Jugendlichen. Wir versuchen dieses Interesse dem Alter und Abstraktionsniveau entsprechend aufzugreifen. Oft geht es um konkrete Fragen der Ausübung des Glaubens, wie Beten oder Fasten und deren Vereinbarkeit mit dem Schul- oder Ausbildungsalltag. Wir diskutieren aber auch tiefergehende Fragen wie den Sinn einer Religion, deren Bedeutung für das eigene Leben und theologische Konzepte wie „Dschihad oder „Scharia. Oft entspinnt sich die Diskussion an sehr lebensweltbezogenen Fragen wie “Ist ein Tattoo im Islam verboten?”, “Darf man eine Freundin haben?” oder “Ist Schwarzfahren haram?‘”

Mehlike: Immer wieder sind zudem die Diskriminierungserfahrungen junger Menschen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland ein Thema. Nicht selten sind dabei die alltäglichen Erfahrungen junger Musliminnen mit Kopftuch ein langes Gesprächsthema. Unser Anliegen ist es, für die Jugendlichen Räume zur Auseinandersetzung und Diskussion dieser Fragen zu schaffen und ihnen in diesen Prozessen als Ansprechpartner_innen zur Verfügung zu stehen.

Welche Rolle spielt denn dabei das Streetworkteam?

Mehlike: In den Gruppendiskussionen nehmen wir eine moderierende Rolle ein. Wir fragen sehr viel nach und hören viel zu. Dabei versuchen wir, die Jugendlichen auch mit anderen Perspektiven zu konfrontieren. Wir bewerten bzw. beurteilen nicht ständig ihre Meinungen oder Positionen, ziehen bei rassistischen, sexistischen oder anderen menschenfeindlichen Haltungen aber klare Grenzen. Ganz wichtig ist für uns, die jungen Menschen dabei zu fördern, ihre eigene Meinung zu entwickeln und auch zu vertreten. Dabei sind wir nicht nur passiv, sondern formulieren auch eine eigene Meinung und Haltung, an der sie sich orientieren können.

Meriç: Im Rahmen der Cliquenarbeit kommen immer wieder einzelne Jugendliche zu uns Der eine will über die Situation zuhause in der Familie reden, die andere hat Stress mit ihrem Klassenlehrer, und wieder andere brauchen dringend noch einen Ausbildungsplatz. Hier können wir beraten und unterstützen und auf unser Netzwerk  Netzwerk mit Schulen, Bildungsträgern und Beratungsstellen zurückgreifen, um Lösungen zu finden.

Wie diskutiert ihr über religiöse Fragen?

Mehlike: In unserer Arbeit haben wir keinen Anspruch auf theologische Aufklärung. Wir versuchen, die Diskussionen stets auf einer lebensweltlichen Ebene zu führen. Religion findet für die Jugendlichen ja in den meisten Fällen mit Bezug zur Familie, dem Umfeld und im Alltagsleben statt. Hier setzen wir an. Zum Beispiel beschäftigen wir uns beim Thema Geschlechterrollen nicht mit religiösen Quellen, sondern sprechen über ihre Rollen als Mädchen oder Junge in der Familie, inwieweit sie mit dieser Rolle glücklich sind und ob sie ihre Kinder anders erziehen würden oder nicht. Allerdings gibt es auch Diskussionen, in denen es um theologische Grundlagen und religiöse Fragestellungen geht. Wenn es zum Beispiel um Fragen à la “Wie funktioniert das Gebet?” oder “Wofür steht der Begriff Dschihad?” geht, können wir auf Grund unseres persönlichen und fachlichen Hintergrundes und unserer Erfahrungen in der Religions- und Demokratiepädagogik darauf eingehen.