Die Debatte um zivilgesellschaftliche Islamismusprävention verhärtet sich in einer kontraproduktiven „Lagerbildung“. Dabei zeigt ein Blick in die Praxis: Die Differenzen liegen oft weniger im pädagogischen Handeln als in der Sprache und Bewertung einzelner Vorfälle. Ein fiktives Treffen in Königswinter dient als Gedankenexperiment: Wie könnte auf dem gemeinsamen Fundament aufgebaut und Fachdebatten so konstruktiver geführt werden?
Die in den letzten etwa 15 Jahren etablierte Praxis der Islamismusprävention in Deutschland sieht sich seit dem Regierungswechsel und den damit verbundenen Diskursverschiebungen scharfer Kritik ausgesetzt. Diese setzt am Förderprogramm „Demokratie leben!“ im Allgemeinen und den zivilgesellschaftlichen Organisationen der Islamismusprävention im Besonderen an. Diese würden nämlich, so lautet im Kern der meist eher pauschal erhobene Vorwurf, Islamismus gar nicht erst erkennen, sondern ihn stattdessen verharmlosen und bagatellisieren. Mehr noch: Wenn von politischer oder medialer Seite mehr repressive Maßnahmen gegen islamistische Akteure, ihre Ideologie und konkrete Erscheinungsformen von Islamismus gefordert werden, würden solche Forderungen von Trägern der Präventionsarbeit als antimuslimischer Rassismus an den Pranger gestellt. Auf diese Weise würden, so lässt sich die Kritik zuspitzen, ausgerechnet staatlich geförderte Präventionsträger die Gefahren unter den Teppich kehren, die von islamistischen Organisationen und ideologischen Positionen ausgehen – wie etwa Gewalt und Terror, Demokratiefeindlichkeit, Wahrheits- und Überlegenheitsansprüche oder antisemitische, sexistische, frauen- und homofeindliche Einstellungen. Stattdessen würden alle Muslim*innen und auch Islamist*innen in paternalistischer Manier in Schutz genommen.
Aus Sicht vieler zivilgesellschaftlicher Träger, die seit Jahren in der universellen, selektiven und indizierten Islamismusprävention arbeiten, fällt es schwer, nicht polemisch auf diese Vorwürfe zu reagieren. Tatsächlich zeigt schon ein kurzer Blick auf die Webseiten der Projekte, die über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Bereich der Islamismusprävention gefördert werden sowie auf die Vielzahl von Fachbeiträgen und der von ihnen erstellten Praxismaterialien für Fachkräfte, dass sie sich seit Jahren systematisch und kontinuierlich mit genau den Themen im Kontext von Islamismus beschäftigen, von denen nun behauptet wird, sie würden sie systematisch ignorieren. In Deutschland ist in den vergangenen Jahren ein einzigartiges Netzwerk zivilgesellschaftlicher und staatlicher Träger entstanden, die im Feld der Islamismusprävention tätig sind und deren Stärke gerade auch in multidisziplinären Ansätzen und erprobten Strukturen des Wissenschafts-Praxis-Transfers besteht.
Was den Unterschied macht
Jenseits der polarisierenden Dynamik gegenseitiger Zuschreibungen stellt sich die Frage, welche sachlichen Differenzen in der Analyse von Islamismus und welche unterschiedlichen Vorstellungen über gelingende Präventionsansätze der laufenden „Lagerbildung“ eigentlich zugrunde liegen. Dazu ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns eine Fachkonferenz vor, sagen wir in Königswinter am Rhein, die allein der fachwissenschaftlichen und praxisbezogenen Klärung sowie dem konstruktiven Austausch aller Beteiligten dienen soll. In allgemeiner Form wird man sich dort unter den geladenen Expert*innen aus Theorie und Praxis recht schnell darauf verständigen können, was Islamismus ist, wer in Deutschland die relevanten Akteure sind und wie sie versuchen, junge Menschen für sich, ihre Positionen und ihre Angebote zu gewinnen. Auch darüber, dass es in der Regel eine ganze Reihe individueller und gesellschaftlicher Faktoren sind, die bei einzelnen Menschen in Hinwendungs- und Radikalisierungsprozesse münden können, wird man sich auf dieser Konferenz verständigen können. Ebenso darüber, dass Prävention sich immer der Gefahr von Stigmatisierung ihrer Zielgruppen bewusst sein muss. (Große Teile des hier zusammenfließenden Wissens und der praktischen Erfahrungen wurden in der Vergangenheit im Übrigen von eben den so massiv infrage gestellten zivilgesellschaftlichen Trägern generiert.) Sogar über Formen und Inhalte der weitgehend in der Unterstützung von Fachkräften bestehenden Praxis der universellen Islamismusprävention ließe sich vermutlich unter Expert*innen mehr Einigkeit feststellen als es markige Ansagen in Politik und Medien zunächst vermuten lassen. Diese sprechen von „klarer Kante“, von „Klartext“ oder von „roten Linien“, mit denen man Jugendlichen begegnen müsse, die konfliktive Positionen religiös begründen – womit diese Ansagen suggerieren, dass es grundlegende Alternativen zur gängigen pädagogischen Praxis von universeller Prävention geben würde.Es gibt sie aber nicht.
Soweit zunächst eine kursorische Übersicht über bestehende Gemeinsamkeiten, auf die sich Islamismus- und Präventionsexpert*innen vermutlich in der einen oder anderen Form verständigen könnten, wenn sie tatsächlich zu einem fachlichen Austausch zusammenkämen. Was aber, so möchte man fragen, bleibt denn dann eigentlich noch an Differenzen, die im Hintergrund der so emotional, öffentlich und oft ideologisch geführten Auseinandersetzungen stehen? Im Wesentlichen sind das wohl drei Punkte:
Erstens würde in Königswinter wohl unterschiedlich bewertet, welche Aussagen und Verhaltensformen denn überhaupt als „islamistisch“ oder als islamistisch beeinflusst interpretiert werden sollten.
Zweitens würde unterschiedlich gewichtet, welche Rolle Religion und Herkunft auf der einen und individuelle und gesamtgesellschaftliche Faktoren wie Diskriminierungs- und Entfremdungserfahrungen auf der anderen Seite bei der Entstehung islamistischer Strömungen in Deutschland und für ihre Attraktivität bei jungen Menschen spielen.
Drittens bedienen sich die beiden „Lager“ einer sehr unterschiedlichen Sprache, wenn es um junge Menschen mit konfliktiven Positionen geht, die sie mitunter religiös begründen. Auf der einen Seite steht da das Gros der zivilgesellschaftlichen Träger, wie sie unter anderem in der BAG RelEx organisiert und im EU Knowledge Hub on Prevention of Radicalisation (Nachfolger des Radicalisation Awareness Network der EU) international vernetzt sind: Im Rahmen von universeller Prävention sprechen diese meist davon, zunächst mit „ganz normalen” Jugendlichen zu arbeiten, deren Sensibilität für antidemokratische und antipluralistische Positionen sie stärken wollen. Auf der anderen Seite stehen solche Akteure, die vor allem im medialen und politischen Diskurs sichtbar sind und sich etwa im Umfeld des AK POLIS (Arbeitskreis Politischer Islam) bewegen: Hier werden religiös begründete Positionen oft schnell und lautstark als Gefahr für die Demokratie und Jugendliche als Islamist*innen dargestellt.
„Hier regiert der Islam“
Ein Beispiel zur Illustration: „Hier regiert der Islam” sollen in einer Berliner Grundschule muslimische Schüler gerufen und damit Beschimpfung und Ausgrenzung eines homosexuellen Lehrers begründet haben. Ein klarer Fall von Islamismus oder zumindest des Einflusses islamistischer Ideologie, sagen die einen. Sie verweisen auf die Bedeutung eines traditionalistischen Islamverständnisses, in dessen Kontext viele Jugendliche aufwüchsen, sowie auf reichweitenstarke salafistische Prediger und junge Influencer*innen, die mit sexistischen und homofeindlichen Einstellungen daran anknüpfen könnten. Deren Einfluss gelte es zu reduzieren. Dazu rufen viele Vertreter*innen des AK POLIS auf politischer und medialer Bühne nach „klarer Kante” und fordern die Verteidigung „roter Linien” gegen Feinde der Demokratie, gegen die „Islamisierung der Gesellschaft” oder gegen Islamismus.
„Kann sein”, sagen dagegen die anderen, dass islamistischer Einfluss hinter solchen Parolen steht, „muss aber nicht”. Die Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Träger von Prävention verweist dabei zunächst auf universell eingeschriebene und tradierte sexistische und patriarchale Denkmuster. Diese bedürften in jedem Fall einer pädagogischen Intervention. Es sei aber falsch, betonen sie, solche Denkmuster in erster Linie Muslim*innen zu unterstellen, direkt auf Islamismus zu schließen und die notwendige Intervention daran auszurichten.
Vielmehr verweisen die Träger auf die Gefahr, durch pauschale Projektionen gesamtgesellschaftlicher Probleme auf Muslim*innen und Migrant*innen rassistische Diskurse zu befördern. Außerdem, fügen sie hinzu, ließe sich aus pädagogischer Perspektive der zitierte Ausruf auch als provozierender Versuch der Selbstbehauptung von Jugendlichen interpretieren, die vor dem Hintergrund von Flucht- oder klassistischen und rassistischen Diskriminierungserfahrungen nach Orientierung, Anerkennung und Selbstwirksamkeit suchen. Ihre Erfahrungen aus der Praxis mit Jugendlichen zeigen ihnen, dass Islamismus jedenfalls nur selten hinter solchen Fällen steht. Deshalb warnen die Träger vor den Folgen vorschneller und stigmatisierender Zuschreibungen.
Bekleidungsnormen, insbesondere das Kopftuch, wären ein weiteres, sehr prominentes Beispiel für solche Debatten:
Einigkeit unter allen Akteuren wird hier darüber bestehen, dass zu keiner Zeit und an keinem Ort Druck auf Mädchen und Frauen ausgeübt werden darf – auch in dem Wissen, dass es zu keiner Zeit und an keinem Ort einen tatsächlich herrschafts- oder machtfreien Diskurs über solche und andere Fragen geben wird. Wie im ersten Beispiel werden allerdings die einen das Kopftuch in erster Linie als Symbol von Traditionalismus, Macht (über Frauen) und eines zunehmenden identitätspolitischen Konformitätsdrucks durch einen „politischen Islam” beziehungsweise durch islamistische Akteure problematisieren. Ganz Unrecht haben sie damit nicht. In der Folge wenden sie sich allerdings nicht allein gegen Traditionalismus, Dogmatismus und die Ungleichheit von Frauen, sondern sehen etwa in kopftuchtragenden Lehrerinnen eine Gefahr für die Demokratie, weshalb sie diese auch öffentlich vehement bekämpfen.
In diskriminierungs- und patriarchatskritischen Perspektiven, wie sie den Praxisansätzen vieler Präventionsträger zugrunde liegen, wird demgegenüber zunächst auf die Religionsfreiheit verwiesen. Schließlich kann ein, das betonen sie, freiwillig getragenes Kopftuch schlicht Ausdruck von individueller religiöser Überzeugung und von Diversität in der Migrationsgesellschaft sein. Vor dem Hintergrund von Diskriminierungserfahrungen sei es überdies für viele junge, gut ausgebildete Trägerinnen nicht nur Symbol emanzipatorischer Selbstbehauptung, sondern gerade diese Lehrerinnen könnten für die Prävention von Islamismus im Einzelfall deutlich mehr bewirken als ein stigmatisierend wirkendes Verbot. In der Folge setzen sich viele Präventionsträger (im Einklang mit dem Bundesverfassungsgericht) dafür ein, dass Lehrerinnen Kopftuch tragen können.
Unabhängig von jeweilig zu bewertenden Einzelfällen betonen und gewichten also beide „Lager“ unterschiedliche Aspekte und ziehen unterschiedliche Schlussfolgerungen. Im Zuge der Debatte erklären dann beide, dass die eigene Position zur Prävention von Islamismus beitrage, während sie der anderen vorwerfen, den Islamismus eher noch zu befördern.
„Protest, Provokation oder Propaganda?“
Also noch einmal nach Königswinter: Einigkeit bestünde in weiten Teilen der hier versammelten Expert*innen aus Theorie und Praxis der Islamismusprävention darüber, dass das (vor)schnelle Labeln etwa von Parolen, Bekleidungsformen oder anderen Äußerlichkeiten als „islamistisch“ aus pädagogischer und universalpräventiver Sicht nicht zielführend ist. Vielmehr könnten Zuschreibungen und Stigmatisierungen Entfremdungs-, Rückzugs- oder im Einzelfall auch Radikalisierungsprozesse noch verstärken.
Einig wären sich die Konferenzgäste aber auch darüber, dass jede Form der Abwertung anderer oder Parolen wie „Hier regiert der Islam“ immer Anlass zur pädagogischen Intervention geben muss. Ähnlich diskutieren, so wird angemerkt, ließe sich über polarisierende Positionen zum Nahostkonflikt, über Probleme in der Schule beim Fasten im Ramadan und über viele andere Fragen und Konflikte.
In der Regel werden dann die Praktiker*innen aus Pädagogik, politischer Bildung und Prävention „problematische“ Positionen und Vorfälle zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie der Schutz von Betroffenen (etwa an der Schule) gewährleistet werden kann; und darüber, wie Sensibilität für demokratische Werte des pluralistischen Zusammenlebens und für unterschiedliche Formen von Ausgrenzung und Diskriminierungsformen zu vermitteln und zu fördern sind, was en passant die Grundlage auch für gelingende Prävention wäre. In flugs begründeten Arbeitsgruppen könnte an dieser Stelle die pädagogisch-didaktische Fachdiskussion darüber beginnen, welche Ziele die pädagogische Intervention verfolgen und wie sie diese zwischen Dialog und Repression erreichen kann….
Zurück in der Realität zeigt sich also, dass fachliche Differenzen unter Expert*innen häufig wohl weniger die Praxis von Prävention betreffen. Vielmehr beruhen sie auf Unterschieden in Analyse und Bewertung einzelner Vorfälle und Konflikte sowie in der Sprache, in der solche Vorfälle und Konflikte dann öffentlich beschrieben werden: Sind sie auf ideologisierte Eigenheiten und Eigentümlichkeiten von Islam und Muslim*innen zurückzuführen, die mit Deutschland, der Demokratie und pluralistischer Gesellschaft (noch) nicht genügend zurechtkommen? Oder reagieren Jugendliche auf ungleiche Machtverhältnisse, fehlende Zugehörigkeit und Diskriminierungen, die sie in ihrem Alltag erfahren? Handelt es sich also um „Protest und Provokation“ oder um „Propaganda”, wie wir bei ufuq.de in Fortbildungen die mit solchen Positionen konfrontierten Fachkräfte fragen? Steht also hinter „problematischen“ Positionen von Jugendlichen ein Ausdruck ihres Bedürfnisses nach Beachtung und Anerkennung ihrer (kleinen oder großen) Besonderheiten oder eine antidemokratische und antipluralistische Ideologie mit Wahrheitsanspruch?
Das sind in der Tat schwierige Themen, die in der Regel nur im jeweiligen Einzelfall zu klären und zu bearbeiten sind. Umso mehr stellt sich die Frage, inwiefern die oft pauschal und zugespitzt geführten Angriffe auf zivilgesellschaftliche Träger der Islamismusprävention pädagogisch und politisch zielführend sind oder ob sie in erster Linie kontraproduktiv wirken.
Vor dem Hintergrund also durchaus gravierender analytischer, politischer und sprachlicher Differenzen der hier nur grob und vereinfachend als „Lager“ skizzierten Positionierungen zum Islamismus und seiner Prävention in Deutschlandgehen in den öffentlich geführten Auseinandersetzungen die unter Expert*innen durchaus bestehenden fachlichen Gemeinsamkeiten oft unter. Die mit dieser Dynamik einhergehende „Lagerbildung“ bringt die Praxis von Pädagogik, politischer Bildung und Prävention nicht voran. Daher ein Vorschlag zur Güte: Vielleicht ließe sich ja unter Fachleuten an einem, zwei, drei, ganz vielen Orten wie Königswinter am Rhein zunächst auf den sachlich bestehenden Gemeinsamkeiten aufbauen und anschließend herausfinden, wie wir in Politik und Öffentlichkeit besser über die Prävention von Islamismus und Rassismus, aber auch über viele andere große und kleine Konflikte in der „superdiversen“ Migrationsgesellschaft sprechen und mit ihnen umgehen können.
Ein frommer Wunsch? Den wird man zum Jahresanfang ja wohl noch äußern dürfen.
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