Der Krieg im Unterricht oder: „Wie geht es dir?“
3. März 2026 | Demokratie und Partizipation

Abstrakte Illustration von Jugendlichen, die im Klassenzimmer in einem Stuhlkreis sitzen und diskutieren/ KI-generiertes Bild mit Midjourney

Wie sehen Jugendliche im „globalen Klassenzimmer“ die Ereignisse im und um den Iran, welche Emotionen werden wachgerufen und wie können Lehrer*innen damit umgehen?

von ufuq.de

Am Samstag haben die USA und Israel einen Krieg gegen den Iran begonnen. Alle Welt redet darüber und die Nachrichten sind unübersichtlich – ebenso wie die von ihnen hervorgerufenen Emotionen:  Wir hören und lesen von „Luftschlägen“ mit Explosionen und hunderten Toten im Iran, und von iranischen Gegenangriffen auf Israel und arabische Staaten, in denen US-Militär stationiert ist, denen ebenfalls Soldat*innen und vor allem Zivilist*innen zum Opfer gefallen sind. Wir lesen, dass der Krieg gegen den Iran völkerrechtswidrig sei, gleichzeitig aber auch, dass deutsche Politiker*innen die Angriffe wegen der Unterdrückung im Iran und der iranischen atomaren Vernichtungsdrohung gegen Israel begrüßen und ihrerseits den Iran wegen der Gegenangriffe verurteilen. Wir sehen, dass viele Iraner*innen in Deutschland aber auch im Iran selbst jubeln, weil sie sich ein Ende der Diktatur im Iran erhoffen, während andere die Trauerfeier zum Tod von Ali Khamenei besuchen. Wieder andere bringen ihre Sorge vor einem „Flächenbrand“ in der Region und einem Bürgerkrieg im Iran zum Ausdruck. Und wir nehmen Anteil an den Ängsten und Nöten von Tausenden deutscher Tourist*innen, die in Dubai festsitzen…

Zur komplexen und widersprüchlichen Sach- und Nachrichtenlage kommt hinzu, dass viele Jugendliche ihre Informationen und Eindrücke vor allem über Social-Media-Kanäle beziehen, die oft sehr viel direkter, eindimensionaler und monoperspektivisch berichten. Das fördert zusätzlich Emotionen, die von Jubel, Freude und Hoffnung über Mitleid, Sorge und Trauer bis zu Verständnislosigkeit, Ohnmacht und Wut reichen. In der Schulklasse könnten zum Beispiel Jugendliche mit iranischer Familiengeschichte die Angriffe feiern, während viele andere mit palästinensischer Geschichte noch unter dem Eindruck des Geschehens seit dem 7. Oktober 2023 stehen und eher Israel und die USA verurteilen.

Solche Emotionen haben ihre Berechtigung. Und wo, wenn nicht in der Schule, wäre der Ort, sie aufzugreifen und ernst zu nehmen – nicht zuletzt als Voraussetzung dafür, dass Jugendliche sich in einem zweiten Schritt eigene Gedanken machen und Positionen entwickeln können. Aber gerade weil in der Schule, wie an kaum einem anderen Ort, so ganz unterschiedliche Perspektiven, Emotionen und Gedanken zusammenkommen und aufeinandertreffen, ist der Austausch hier besonders anspruchsvoll.

Ziel einer solchen „aktuellen Stunde“ wäre es nicht, Wissen zu vermitteln oder auf Grundlage dieses Wissens zu einer Position oder einem Urteil zu gelangen. Es geht nicht darum, über das Völkerrecht nachzudenken, die Unterdrückung im Iran zu diskutieren oder Argumente darüber auszutauschen, wer aus welchem Grund über Atomwaffen verfügen darf oder wer nicht… Vielmehr möchten wir pädagogische Fachkräfte dazu ermutigen, zunächst Zeit und einen geschützten Raum für die unterschiedlichen und widersprüchlichen, verunsicherten und verunsichernden Emotionen „ihrer“ Jugendlichen anzubieten und sie damit nicht sich selbst (oder anderen Angeboten) zu überlassen.

Mögliche offene Fragestellungen für ein Gespräch in der Klasse wären:

  1. Wie geht es euch, wenn ihr die Nachrichten hört und die Bilder seht über den Krieg? Was sind eure Gefühle dabei?
    Als eine Methode empfehlen wir hier den „Kochtopf der Emotionen“, wobei es zunächst einmal „nur“ darum geht, die unterschiedlichen Emotionen der Jugendlichen sichtbar zu machen – für jede*n selbst und für die Gruppe.
    https://www.bildungsbausteine.org/fileadmin/assets/PDF/BildungsBausteine/zdzh_Emotionskochtopf_IPK.pdf
  2. Was denkt ihr, wie geht es den Menschen im Iran gerade? Aber auch den Menschen in Israel oder anderen Regionen, die vom Krieg betroffen sind? Seht ihr Möglichkeiten, ihnen Solidarität und Anteilnahme auszudrücken?
  3. Was wünscht ihr euch für die Menschen im Iran?
    Eine solche Frage kann helfen, sich auf eine gemeinsame Grundlage zu verständigen, allen Opfern und Betroffenen gute Wünsche zu schicken (ähnlich wie ein Gebet) und das Gespräch an dieser Stelle abzuschließen, um sich wieder den alltäglichen Schuldingen zuwenden zu können.

Hinweise:

Wenn Sie zum ersten Mal ein solches Format anbieten: Begründen Sie, warum Sie das tun. Gestehen Sie ruhig ein, dass Sie das vielleicht auch an anderer Stelle schon hätten tun können (und beugen Sie damit Skepsis und entsprechenden Fragen vor) und geben Sie eigene Unsicherheiten zu erkennen.

Signalisieren Sie, dass das Gespräch auf Freiwilligkeit beruht und niemand sich äußern muss. Vereinbaren Sie eventuell ein Escape-Signal, mit dem Jugendliche zeigen können, wenn es ihnen zu viel wird.

Bedenken Sie die Heterogenität ihrer Gruppe. Die Jugendlichen werden im Einzelnen sehr unterschiedlich (oder auch gar nicht) von den Ereignissen betroffen sein (oder sich zeigen). All diese Reaktionen sind in Ordnung und sollten nebeneinanderstehen können. Das gilt auch für Desinteresse (das u.U. dem Selbstschutz dienen kann).

Achten Sie darauf, nicht von „den Iraner*innen“, „den Israelis“ oder „dem Westen“ zu sprechen, sagen sie zum Beispiel „viele Iraner*innen“ oder „die amerikanische Regierung“. Bedenken sie z.B. auch, dass etwa Jugendliche kurdischer Herkunft sich betroffen zeigen können, obwohl es in ihrer Familie womöglich keinen direkten Bezug zum Iran gibt.

Fordern Sie Ihre Schüler*innen auf, reflektiert mit den Medien umzugehen, die sie nutzen und deren Gehalt zu prüfen (z.B. Gegencheck).

Nehmen Sie sich selbst soweit wie möglich zurück. Intervenieren Sie in angemessener Weise, wenn es zu Relativierung, zu Generalisierung, Ablenkungen oder zu Diskriminierungen und Beleidigungen oder zu Gewaltverherrlichungen kommt, etwa wenn Jugendliche den Krieg oder die Gegenangriffe feiern.

Zeigen Sie sich als Ansprechpartner*in für die, die das wollen – auch in den kommenden Tagen und Wochen und ggf. auch für Eltern „ihrer“ Jugendlichen.

Weitere Empfehlungen:

Deutsches Schulportal: „Über Krieg reden“. Krieg in der Schule thematisieren,
https://www.youtube.com/watch?v=MIM4mu3xTIE

ufuq.de (2023): Über die Proteste im Iran sprechen. Impulse für einen diversitätssensiblen und diskriminierungskritischen Umgang im Schulkontext,
https://www.ufuq.de/aktuelles/ueber-die-proteste-im-iran-sprechen-impulse-fuer-einen-diversitaetssensiblen-und-diskriminierungskritischen-umgang-im-schulkontext/

Bildungsserver Rheinland Pfalz: Wie man mit Kindern über Krieg redet – Links und Materialien, https://bildung.rlp.de/krisen/ueber-krieg-reden

Kompetenzzentrum Schulpsychologie Hessen (zum Russland-Ukraine-Krieg): Schulpsychologische Hinweise zum Umgang mit Verunsicherungen und Ängsten, https://kultus.hessen.de/schulsystem/themenseite-ukraine/hinweise-zum-umgang-mit-dem-krieg-gegen-die-ukraine-in-der-schule/schulpsychologische-hinweise-zum-umgang-mit-verunsicherungen-und-aengsten

Sara Bildau (2025): Mama, kommt der Krieg auch zu uns? Wie wir Kindern Nachrichten erklären, die wir oft selbst nicht begreifen, https://www.berlin.de/politische-bildung/publikationen/suche/index.php/detail/1111

 

© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild

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