Salafitische Gruppen werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als geschlossen und einheitlich beschrieben. Die Reaktionen innerhalb dieser Gruppen auf die Konversion des maskulinistischen Influencers Andrew Tate zum Islam zeigen jedoch ein differenzierteres Bild. Mira Menzfeld untersucht, welche internen Debatten über digitale Männlichkeitsideale und religiöse Integrität dadurch ausgelöst wurden, und leitet daraus Impulse für die Praxis ab.
Der maskulinistische Influencer Andrew Tate trat zeitweise zum Islam über, nach eigenem Bekunden zur Salafiyya (alltagssprachlich auch „Salafismus“). Diese Strömung des Islam zeichnet sich durch das Ideal einer sehr strikten Nachahmung der ersten drei Generationen von Muslim*innen aus. Tates öffentlich inszenierte Konversion löste in salafitischen Kontexten intensive Diskussionen aus. Der Influencer diente dabei als Diskursschärfer: Er bot einen Anlass, grundlegende Fragen zu religiöser Autorität, moralischer Integrität und sozialer Orientierung innerhalb dieser Gruppen zu verhandeln.
Religiöse Akteur*innen, auch aus als extrem wahrgenommenen Milieus, reagieren auf gesellschaftliche Debatten, mediale Figuren und digitale Öffentlichkeiten. Insbesondere wenn ein Bezug zum Islam oder zur Salafiyya besteht, entstehen normative Fragen:
- Wer gilt als religiös glaubwürdig?
- Welche Formen von Männlichkeit oder Weiblichkeit werden akzeptiert oder abgelehnt?
- Und wie werden externe Impulse bewertet, die sich an die eigene Gruppe richten, aber nicht aus dem eigenen religiösen Umfeld stammen?
Dieser Beitrag beleuchtet diese Dynamiken am Beispiel von Andrew Tate: Er zeigt, wie salafitische Gruppen digitale Männlichkeitsideale, öffentliche Inszenierungen und religiöse Normen bewerten und einordnen und welche moralischen Grenzziehungen dabei sichtbar werden.
Salafitische Gruppen: Strukturen und interne Unterschiede
Salafitische Kontexte werden in öffentlichen Debatten häufig als ideologisch geschlossen und starr dargestellt. Empirisch zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Zwar existieren verbindliche theologische Bezugspunkte, doch diese werden in unterschiedlichen Subgruppen (und teils sogar innerhalb der Gruppen) unterschiedlich interpretiert und gewichtet. Salafitische Gruppen lassen sich daher trotz theologischer Rigidität in mancherlei Hinsicht als deutungsdynamische Räume verstehen, in denen religiöse Normen kontinuierlich ausgehandelt werden und sich auch intergenerational sowie je nach Lebensphase der jeweiligen Gruppenangehörigen teils deutlich unterscheiden.
Besonders relevant für meine Arbeit, im Rahmen derer ich unter anderem Langzeit-Feldforschungen mit Salafis durchführe und ihr religiös konnotiertes Emotionsmanagement analysiere, ist die sogenannte Madkhaliyya, die zahlenmäßig größte salafitische Gruppe im deutschsprachigen Raum. Madkhalis legen besonderen Wert etwa auf religiöse Alltagsdisziplin, Loyalität gegenüber intern anerkannten Autoritäten (meist Texte, weniger Personen), das Abstandnehmen von vermeintlich „falsch“ Glaubenden und einer gleichzeitigen Vermeidung öffentlicher Unglaubensvorwürfe gegenüber anderen Gruppen. Politisch-aktivistische Zurückhaltung und moralische Selbstkontrolle gelten als theologisch klar geboten. Religiöse Authentizität bemisst sich weniger an öffentlicher Inszenierung, sondern am individuellen Streben nach religiöser Regelkonformität. Diese Orientierung ist nicht repräsentativ für alle Salafis im deutschsprachigen Raum, und ihre Angehörigen sind für Nicht-Salafis eher selten sichtbar. Sie bestimmt jedoch aufgrund ihrer Größe diverse Diskurslinien innerhalb der Salafiyya insgesamt.
Andrew Tate und die Manosphere
Für meine Forschung im Kontext der Madkhaliyya und generell der Salafiyya ist Andrew Tate weniger als Person, sondern als diskursives Phänomen interessant. Er steht exemplarisch für eine Form von Männlichkeit, die sich über Selbstoptimierung, materiell-finanzielles Vermögen, genderbezogene Machtansprüche und die Abwertung von Frauen definiert.
Diese Ideale sind zentral in der sogenannten Manosphere, einem heterogenen Netzwerk aus Online-Foren, Influencer*innen und Communities. Die Manosphere ist kein einheitliches ideologisches Feld, sondern umfasst unterschiedliche Strömungen. Einige betonen Selbsthilfe-Narrative, andere propagieren explizit misogyne Diskurse, zum Beispiel zur Straffreiheit von Vergewaltigungen. Wieder andere sind von verschwörungsideologischen Elementen geprägt. Gemeinsam ist allen die Vorstellung, dass aktuelle gesellschaftliche Bedingungen im sogenannten Westen Männer benachteiligen und ein aggressiv gelebtes Gegenmodell notwendig sei.
Tates Konversion: Akzeptanz und Ablehnung in salafitischen Kontexten
Andrew Tates Inhalte sind stark in digitalen Männlichkeitsdiskursen verankert, die zunächst nicht unbedingt religiös geprägt sein müssen. Mit seiner zeitweiligen Konversion zum Islam testete er jedoch beiderseitig die Anschlussfähigkeit der Manosphere-Ideale mit dem, was er als „Salafismus“ adressierte. Dadurch entstand eine neue Konstellation: Ein individualistisches, nicht-religiös geprägtes Männlichkeitsideal wurde mit strengislamischer Zugehörigkeit verknüpft.
Für salafitische Gruppen stellte sich hiermit nicht nur die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Tates Konversion, sondern auch nach der grundsätzlichen Vereinbarkeit solcher Männlichkeitsbilder mit ihren religiösen Normen und theologischen Rahmenbedingungen. Einzelne Aspekte – etwa seine Kritik an liberalen Geschlechterdiskursen – wurden als grundsätzlich anschlussfähig gesehen. Andere Punkte stießen auf deutliche Ablehnung. Besonders problematisch erschienen Tates Betonung von Status, Reichtum und sexueller Verfügbarkeit von Frauen.
Ein wiederkehrendes Motiv in meinen Gesprächen mit Salafis war die Abwägung zwischen medialer Reichweite und religiöser Legitimität.
Einige argumentierten pragmatisch und sahen Tates öffentliche Identifikation mit dem Islam als Chance, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Menschen zur vertieften Beschäftigung mit islamischen und insbesondere salafitischen Inhalten zu bewegen. Im Vergleich häufiger wurde jedoch betont, dass religiöse Zugehörigkeit eben nicht bedeute, die eigene Konversion öffentlichkeitswirksam darzustellen und sich nicht wirklich (geschweige denn demütig) mit den religiösen Inhalten auseinanderzusetzen. In der Madkhaliyya bemisst sich Glaubwürdigkeit an religiösem Wissen, gelebter Glaubenspraxis und moralisch-emotionsbezogener Selbstdisziplin. Tates provokative Inszenierung galt somit vielen als unehrlich und als bedauerlicher Mangel an religiöser Integrität.
Moralische Grenzziehungen und der Begriff shirk
Besonders viel Ablehnung lösten Tates Aussagen zu Geschlechterverhältnissen, Sexualität und Macht aus, die er auch nach seiner Konversion weiter vertrat. Obwohl salafitische Gruppen die nuancierte, aber doch grundsätzliche Unterordnung von Frauen als Gotteswunsch begreifen, bringt dieses Ideal eine Vielzahl an Pflichten und Restriktionen für Männer mit sich. Tates hyperindividualistische und konsumorientierte Inszenierung einer Männlichkeit, die grundsätzlich ein Verfügungsrecht über Frauen im Allgemeinen mit sich bringen soll und dabei keine regelbasierte Kontrolle der männlichen Impulse kennt, wurde von vielen Befragten als unvereinbar mit islamischen Idealen beschrieben.
In diesem Zusammenhang wurde etwa mit dem Konzept shirk (Beigesellung, Götzendienst – in der Binnenlogik das Schlimmste, was man tun kann, da dabei jemand oder etwas anderes neben Gott als gottgleich verehrt wird) argumentiert. Dieses Konzept wurde jedoch weniger als formale theologische Anklage verwendet, sondern als moralische Grenzmarkierung. Gemeint war keine konkrete Glaubensabweichung. Vielmehr ging es um den Eindruck, dass Selbstinszenierung und Status über religiöse Demut gestellt würden. Kurz gesagt: Andrew Tate wolle sein eigener Gott sein und sich sein eigenes Gesetz geben – und das sei blasphemisch.
In madkhalitisch geprägten Kontexten wurde seine massive mediale Präsenz oft als Ausdruck mangelnder Selbstkontrolle und Demut gesehen. Sichtbarkeit galt nicht automatisch als Chance, sondern als Risiko: Jemand spricht zu Millionen, ist aber weder religiös gebildet noch befähigt, ein Vorbild zu sein – so in etwa war der Eindruck. Selbst Personen, die seine Konversion nicht grundsätzlich als unehrlichen PR-Stunt verurteilen mochten, bewerteten sein öffentliches Auftreten als problematisch.
Es gibt also keine einheitliche salafitische Position zur Manosphere oder zu Andrew Tate als ihrem prominentesten Vertreter. Vielmehr zeigen sich unterschiedliche Bewertungen. Diese hängen auch von theologischer Bildung, Alter, Mediennutzung und sozialer Einbindung ab. Das macht einmal mehr deutlich: Salafitische Strömungen sind keine hermetisch geschlossenen Ideologiegruppen und sollten nicht als solche missverstanden werden. Vielmehr sind es Kontexte konkurrierender Deutungen – auch und besonders dann, wenn es darum geht, gesellschaftliche Diskurse oder digitale Phänomene einzuordnen.
Andrew Tate als Prüfstein
Andrew Tate ist für salafitische Milieus weniger Vorbild als Prüfstein. An seiner Person zeigen sich Auseinandersetzungen etwa über Formen von Männlichkeit sowie die Vereinbarkeit populärer Online-Inszenierungen mit religiösen Normen im Salafismus. Die Debatten um Tate verdeutlichen, wie diese Normen im Spannungsfeld digitaler Populärkultur variantenreich verhandelt werden.
Für pädagogische und präventive Praxis ist es daher wichtig, die Differenziertheit solcher Diskurse auch in vermeintlich ideologisch geschlossenen religiösen Gruppen mitzudenken und sowohl innersalafitische als auch verschiedene maskulinistische Aushandlungsprozesse bewusst sichtbar zu machen. Nur so können a) stereotype Zuschreibungen („alle Salafis glauben X und tun Y“) vermieden und b) Zielgruppen für die Komplexität religiöser und digitaler Diskurse sensibilisiert werden.
Zugleich wird deutlich, dass selbst in jenen Gruppen, die sich streng an den ersten drei muslimischen Generationen orientieren, keine endgültige Einigkeit besteht.
© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild