„Wovon träumst du eigentlich nachts?“ – Podcast-Folge 6: Freundschaft

Freundschaften sollen im Idealfall für die Ewigkeit halten. Aber was, wenn sie es nicht tun? Wie verändern sich Freundschaften? Hält eine Freundschaft Unterschiede aus? Was ist zum Beispiel, wenn innerhalb eines Freundeskreises eine Person sehr religiös ist und andere nicht? Was kann man aus Freundschaften für das gesellschaftliche Zusammenleben lernen? ufuq.de-Mitarbeiterinnen Maryam Kirchmann und Jenny Omar lassen in dieser Folge ihre Erfahrungen mit Freundschaft Revue passieren.

 

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Porträt Jenny Omar. Bild: Privat.

Jenny Omar ist Sozialpädagogin und Bildungsreferentin für Praxisformate in der Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, antimuslimischem Rassismus und Islamismus in Berlin.

Seit 2011 arbeitet Jenny in der politischen Bildungsarbeit und war bereits als Teamerin und Projektleiterin für das Projekt „Wie wollen wir leben?“ tätig. Derzeit befindet sie sich in Elternzeit.

 

Porträt Maryam Kirchmann. Bild: Privat.

Maryam Kirchmann ist Koordinatorin des Arbeitsbereiches „bildmachen – Politische Bildung und Medienpädagogik zur Prävention religiös-extremistischer Ansprachen in Sozialen Medien” der Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, antimuslimischem Rassismus und Islamismus in Berlin.

Transkription zur Folge

Maryam: Hallo Leute! Normalerweise würde ich Jenny jetzt fragen: „Sag mal Jenny, wovon träumst du eigentlich nachts?“ Aber für heute haben wir uns eine kleine Änderung überlegt. Heute haben wir nämlich keine Gästin oder keinen Gast eingeladen, sondern heute unterhalten Jenny und ich uns einfach mal zu zweit. Weil wir aber in der Vorbereitung festgestellt haben, dass Jenny einen Traum zu unserem heutigen Thema hatte, frage ich dich jetzt heute trotzdem: „Sag mal Jenny, wovon träumst du eigentlich nachts?“

Jenny: Tatsächlich habe ich in letzter Zeit total oft von meinen Grundschulfreundinnen geträumt, die ich aber seit Jahren teilweise nicht gesehen habe und mit denen ich auch gar nicht mehr befreundet bin. Und das war auch nicht nur ein Traum, sondern ich habe echt öfter von ihnen geträumt. Das war irgendwie total verrückt.

Maryam: Da kommen wir ja auch schon so ein bisschen zu unserem heutigen Thema: Freundschaft. Freundschaft ist ja etwas, was uns alle betrifft oder was wir irgendwie hoffentlich zumindest auch alle haben. Ich habe mich irgendwie gefragt – sag mal Jenny, woran merkt man eigentlich, dass man befreundet ist?

Jenny: Das ist echt für mich, als ich noch mal darüber nachgedacht habe, eine total interessante, aber voll schwierige Frage. Ich habe so gedacht, das kommt total auf die Art der Freundschaft an. Also ich meine, es gibt zum Beispiel so Freund*innen, die man hat, weil man ein gemeinsames Hobby hat. Zum Beispiel macht man zusammen Sport. Wenn man aber den Sport dann aufhört, dann sieht man sich irgendwie doch nicht mehr oder nur mal auf einem Geburtstag von einer anderen Person oder so. Oder man kennt sich über die Gemeinde oder die Schule oder so. Aber die Voraussetzung für mich zum Beispiel ist, dass man sich wohlfühlen kann, also dass man irgendwie sich vertraut, dass ich mich wohlfühle, dass wenn es mir irgendwie schlecht geht, dass ich gerne die Person anrufe. Manchmal merkt man auch, ich hänge irgendwie die ganze Zeit mit der Person ab, aber wenn es mir wirklich schlecht geht, will ich irgendwie doch nicht mit ihr darüber sprechen, sondern irgendwie mit einer anderen. Dass man sich so aufeinander verlassen kann. Und was mir auch noch eingefallen ist, was richtig unangenehm ist: wenn eine Person denkt, man ist befreundet und die andere nicht.

Maryam: Oh mein Gott! (lacht) Ja, ich kenne das auch. Ich habe das tatsächlich gerade von einer Freundin gehört, die das hatte, dass sie auch eine alte Schulfreundin getroffen hat und die alte Schulfreundin, glaube ich, Interesse daran hätte, eine Freundschaft aufzubauen. Aber meine Freundin schon gemerkt hat: „Nein, also so mal einen Spaziergang oder mal irgendwie einen Kaffee trinken, bisschen abhängen ist okay. Aber jetzt so eine Freundin dazu – nein.“ Aber man weiß ja auch immer nicht so richtig, wie man da herauskommen soll. Man möchte keine Gefühle verletzen, man hat ja auch nichts gegen die Person. Die Person ist wahrscheinlich ganz in Ordnung, nur halt nicht so in Ordnung, dass man eine tiefe Freundschaft mit ihr haben möchte.

Jeny: Meistens plant man das ja auch nicht so richtig, dass man befreundet ist. Ich habe überlegt, meistens sind es ja auch die Umstände, die dazu führen. Man sitzt halt in der Schule nebeneinander oder man hat eben zusammen den Sport gemacht und dann ist man eben befreundet. Das ist ja meistens nichts, was man so plant.

Maryam: Oder man hat gemeinsam irgendwie so etwas Peinliches erlebt und dann lernt man sich darüber kennen. (Jenny: Stimmt.) Oder voll viele Freundinnen mochten sich ja zum Beispiel ganz am Anfang auch gar nicht. Dann überwindet man das irgendwie und auf einmal ist man befreundet, weil man diesen gemeinsamen Moment irgendwie hatte.

Jenny: Wobei mir gerade einfällt, ich habe tatsächlich zwei Freundinnen, da hab ich das geplant, dass ich mit ihnen befreundet bin. (Maryam lacht) Ein bisschen stalkerinnenmäßig… (Maryam lacht) Das war am Anfang vom Studium und da hatte ich total Angst, dass ich keine Freund*innen finde und dachte: „Oh Gott, ich muss auf jeden Fall jemanden finden.“ Dann habe ich die beiden schon an der U-Bahn gesehen. Die kannten sich auch nicht und ich habe gedacht: „Wow, sie sehen richtig nett und sympathisch aus, ich muss mich mit ihnen anfreunden.“ Tatsächlich sind wir jetzt auf jeden Fall schon sehr, sehr lange befreundet. Auch immer noch supergut befreundet. Man kann es auch planen. Also wenn ihr irgendwie Freunde sucht…

Maryam: Sag mal, wissen die beiden davon?

Jenny: Ja, sie wissen das.

Maryam: (Lachen) Ich glaube, das ist so ein Phänomen, das kommt ja meistens auch erst nach der Schule. Oder vielleicht, wenn man die Schule wechselt, wenn man noch keine Freunde hat, wenn man sich so in einer neuen Stadt oder einer neuen Umgebung irgendwie zurechtfinden muss und man so dieses Einsamkeitsgefühl irgendwie in sich hat und dann einfach so denkt: „Ich muss jetzt Leute kennenlernen.“ Dass man dann einfach sich Leute herauspickt, bei denen man irgendwie meinen könnte, das passt. Das kenne ich auch gut. Aber kennst du das zum Beispiel, wenn man so eine Freundin oder einen Freund aus einem Freundeskreis hat, aber den ganzen Freundeskreis nicht mag beziehungsweise der irgendwie auch so – naja, ist jetzt ein bisschen fies – aber aus dem komischen Freundeskreis kommt und man möchte eigentlich mit ihnen nichts zu tun haben, aber die eine Person ist cool?

Jenny: Ja, wenn du das so sagst – ich glaube ehrlich gesagt, ich war immer eher diese Person. Ich hatte das in der Schule. Ich hatte einen Freundeskreis, mit ihnen war ich schon voll lange befreundet und sie waren aber jetzt nicht so richtig uncool, aber jetzt auch nicht so die Coolen in der Klasse. Ich bin dann irgendwann später zu so einem bisschen cooleren Freundeskreis gekommen und dann war sozusagen mein alter Freundeskreis immer so ein bisschen sauer auf mich und sie haben gesagt, ich verstelle mich irgendwie, ich sei nicht mehr ich, wenn ich mit ihnen zusammen bin und so… Also ich glaube, ich war immer eher die andere, die Uncoole halt. Und bei dir?

Maryam: Na, ich weiß irgendwie gerade nicht. Ich bin generell keine Freundeskreisperson. Also ich habe immer einzelne Freunde oder Freundinnen und die sind selten in einem Kreis. Es ist für mich immer totaler sozialer Stress, wenn ich zum Beispiel Geburtstag habe, diese ganzen Menschen an einem Ort zu versammeln. Wenn ich schon daran denke, wie mich das so nervös macht, weil ich so viele unterschiedliche Freunde habe, weil ich dann immer Angst habe, dass sie sich nicht verstehen. Was ja wirklich total blöd ist, weil natürlich würden sie sich wahrscheinlich verstehen, weil sie haben ja zumindest eine Gemeinsamkeit: Sie mögen mich. Ich glaube, in der Schule war ich auch eher immer eine von den Uncoolen. Ich hatte ja auch als Kind in der Grundschule noch zum Beispiel eine Brille auf und ein Pflaster auf dem Auge. Deswegen wurde ich immer ein bisschen gemobbt. Und dann gab es aber diesen einen Jungen bei mir in der Klasse. Er hatte auch eine Brille und ein Pflaster und dann war ich halt mit ihm befreundet. Da waren wir halt die beiden Uncoolen. Und auf dem Gymnasium hatte ich einzelne Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe und ein paar Freundinnen. Aber so wie das dann ist, man hat immer unterschiedliche Interessen und dann geht das ja auch mal auseinander. Also wenn man sich jetzt mal so an alte Freundschaften erinnert, es gibt auch einfach so eine unendliche Streitgeschichte. Wie ist es bei dir, hast du dich viel gestritten mit Freunden?

Jenny: Tatsächlich bin ich auch da so ein bisschen langweilig. Ich kann mich nicht richtig erinnern, dass ich mich so richtig, richtig mit Freundinnen gestritten habe. Ich hasse Streits, ich will, dass alles total harmonisch ist. Und deswegen gehe ich dann Konflikten eher aus dem Weg. Also ich meine, ich würde mich streiten, wenn jetzt meine Freundin irgendwie auf einmal total rassistische Sachen sagen würde oder so. Aber das ist bis jetzt nicht passiert.

Maryam: Wahrscheinlich wäre sie dann auch nicht mehr deine Freundin.

Jenny: Ich glaube auch. Aber es gibt Konflikte, wenn sich Freundschaften natürlich verändern. Das kennst du bestimmt auch. Ich habe eine Freundin, die kenne ich schon seit der dritten Klasse. Mit ihr bin ich übrigens befreundet, weil sie immer versucht hat, in der Schule nachzumachen, wie ich mit meinem einem Auge schiele. Sie saß mir gegenüber und hat mich immer angestarrt.

Maryam: Hey, du hättest meine Freundin werden können! Ich hatte ein Pflaster. Wir hätten uns auch mal anschielen können.

Jenny: Ja! Auf jeden Fall hat sich auch irgendwann die Freundschaft total verändert. Erst, weil sie relativ früh ein Kind bekommen hat. Dann bin ich nach Berlin gezogen. Das hat sich dann so auseinandergelebt, weil sie eigentlich immer dachte, wir sind noch mehr befreundet oder wollte auch enger mit mir befreundet sein als ich zu der Zeit. Jetzt gibt es gerade wieder eine Phase, in der wir uns wieder so annähern. Das ist irgendwie ganz interessant. Also wir sind immer verbunden geblieben, aber das führt dann auch schon zu Konflikten, wenn sich so Interessen verändern oder man wegzieht oder die Schule wechselt.

Maryam: Das kenne ich auch total. Ich habe auch in meiner Schulzeit zu ganz anderen Leuten Kontakt gehabt als jetzt. Es hängt auch sicherlich damit zusammen, dass ich dann weggezogen bin von dem Ort, wo ich zur Schule gegangen bin. Aber auch einfach, dass ich irgendwie ja einfach andere Interessen entwickelt habe. Voll viele Leute, die ich noch aus meiner Schulzeit kenne, sind dann irgendwie auch einfach diesen klassischen Weg gegangen; sind entweder vor Ort geblieben, haben eine Ausbildung gemacht, haben auch schon Familie. Oder viele haben irgendwie angefangen so viel zu feiern und Party zu machen. Da hatte ich dann auch irgendwie keine Lust drauf… Das war ohne Struktur. Ich bin nach Berlin gegangen und dann habe ich hier einen ganz eigenen Freundeskreis aufgebaut. Es ist tatsächlich aber auch so, dass wenn man dann irgendwie sich trotzdem nochmal sieht, also durch Zufall vielleicht oder auch über Social Media natürlich, dass man so sieht, was die Leute machen, dass es dann immer ein ganz herzlicher Umgang ist und die Leute eigentlich total interessiert sind. Ich muss auch sagen, ich freue mich immer voll, wenn mir jemand schreibt oder sich irgendjemand bei mir meldet von meinen alten Freunden. Aber ich kriege halt generell sehr viele Nachrichten. Das heißt, oft schaffe ich das gar nicht, mal so direkt zu antworten. Und dann habe ich immer das schlechte Gewissen. Ich denke: „Mein Gott, die Leute denken einfach, ich bin irgendwie völlig abgehoben in Berlin und mache so mein Ding.“ Aber ich habe ein bisschen diese Idee von Freundschaft, dass Freundschaft eigentlich niemals richtig endet, sondern sich einfach verändert. Also ich glaube, Beziehungen kann man nicht richtig abbrechen, so dass es von heute auf morgen einfach vorbei ist, sondern man hat ja immer noch diese Idee und die Erinnerung von Leuten im Kopf. So wie es dann bei dir vielleicht auch ist. Dann kommt das nochmal wieder und dann ist es vielleicht auf einmal wieder ganz nett. Menschen entwickeln sich ja auch weiter. Zum Glück.

Jenny: Das ist voll schön, dass du sagst, Freundschaft endet nie. Wobei, ich wäre mir da gar nicht so sicher, aber man hat die Erinnerungen. Das stimmt.

Maryam: Vielleicht endet Freundschaft, aber die Beziehung, die man zu einem Menschen pflegt, verändert sich. Also vielleicht wird das dann eine Nichtfreundschaft. Also, wenn man die Person durch Zufall sieht, ist es ja keine wildfremde Person, die du auf der Straße siehst, die du einfach nicht wahrnimmst, sondern du hast sofort die Erinnerung von der Person im Kopf, gute oder schlechte. Hoffentlich gute, ja, aber du kannst sie nicht so ausblenden.

Jenny: Das stimmt. Du bist nach Berlin gekommen und dann hast du dir einen neuen Freundeskreis aufgebaut mit ganz unterschiedlichen Leuten, hast du dann auch männliche Freunde beziehungsweise denkst du denn, es geht eine Freundschaft zwischen Mädchen, Jungs, Männern und Frauen? Das ist immer so ein Thema. Da scheiden sich die Geister.

Maryam: Ja, total. Also für mich ganz klar: Ja! Ich glaube, dass es sehr wohl geht. Und ich glaube auch, dass es so eine manngemachte Idee ist, dass Freundschaft zwischen Männern und Frauen nicht funktioniert. Ich weiß zwar auch, dass viele Frauen das sagen. Das ist jetzt für alle männlichen Zuhörer: Ist nicht so gemeint, no offence. Aber ich habe das Gefühl, dass Leute, die denken, dass das nicht möglich ist, haben das vielleicht einfach noch nie erfahren. Ich habe auch schon seit Jahren sehr, sehr gute Freunde und bin hundert Prozent davon überzeugt, dass das auch eine Freundschaft von beiden Seiten ausgehend ist.

Jenny: Also meinst du nicht, dass dann vielleicht immer in einer Zeit der eine oder die andere irgendwie dann doch denken könnte: „Vielleicht könnte da doch etwas gehen“ oder „Wäre es doch mehr?“ und „Ich habe doch mehr Gefühle…“?

Maryam: Naja, das ist so eine Sache… Das ist ein bisschen wie verliebt in den Freund, verliebt in die Freundin sein. Das kennen wir bestimmt. Also ich habe auf jeden Fall solche Geschichten, dass mir  gute Freunde nach Jahren irgendwann mal ihre Liebe gestanden haben, die sie vor ein paar Jahren für mich hatten. (Jenny: Na, siehst du!) Und das habe ich dann halt nie so richtig mitbekommen. Das gebe ich schon zu. Aber ich glaube, das eine schließt ja das andere nicht aus. Also ich glaube, man kann trotzdem befreundet sein, auch wenn vielleicht von einer Seite mal irgendwie ein bisschen Verliebtgefühl da ist. Weil es kommt ja auf die Absicht drauf an, die man hat, wenn man in einer Freundschaft ist. Also freunde ich mich mit dir in der U-Bahn an, weil ich möchte, dass du meine Freundin wirst oder freunde ich mich mit dir an, weil ich denke: „Wow, du siehst voll gut aus und eigentlich würde ich mich gerne mich in dich verlieben.“ Wenn aber in einer Freundschaft auf einmal Gefühle entstehen, dann ist das nicht geplant. Gefühle kommen einfach.

Jenny: Ja, ja, aber das kann dann wirklich auch ein bisschen schwierig machen, kann ich mir vorstellen…

Maryam: Natürlich, natürlich. Also ich glaube, ich war noch nie in einen Freund so richtig verliebt. Wenn, dann mal so ein bisschen verguckt vielleicht. Aber das hat dann nichts an der Freundschaft geändert. Ich finde auch, dass Freundschaften einen sehr, sehr hohen Wert haben. Also man gibt das nicht so einfach auf, weil das ist ein hohes Risiko. Wenn man dann sagt: „Okay, ich habe mich in dich verliebt“, dann kann es mitunter sein, dass sich die Beziehung verändert. Nämlich dazu, dass man einfach keinen Kontakt mehr hat oder die andere Person sich unwohl fühlt. Ich weiß nicht, warst du schon mal in eine*n Freund*in verliebt?

Jenny: Also ja, ich könnte mich auch in meine weiblichen Freundinnen verlieben, aber das habe ich tatsächlich noch nicht. Ich bin tatsächlich immer eine Person, die kaum männliche Freunde hat. Das ist gar nicht, weil ich das so nicht plane – ich plane ja meine Freundschaften, wie ihr wisst – sondern das hat sich irgendwie nie so ergeben. Ich habe schon einige, aber im Laufe meines Lebens echt wenige… Ich bin immer die, die immer nur Mädchenfreundschaften hat.

Maryam: Ich hatte ja früher in meiner Schulzeit fast nur Jungsfreunde. (Jenny: So wie den mit der Brille und dem Pflaster.) Ja, genau den. Auch liebe Grüße an dich, falls du das jetzt hörst. Aber tatsächlich hatte ich dann einen älteren Freundeskreis und wir waren auch in der Antifa und solche Sachen… Das waren halt immer ganz viele Jungs und ich fand Freundschaften mit Jungs auch irgendwie entspannt,  weil das so ein bisschen irgendwie unkompliziert war. Für mich war das damals irgendwie total super, unkomplizierte Freundschaften zu haben, weil bei mir in der Familie viel los war. Das war dann auch so ein bisschen immer so ein Ersatz. Ist ja klar, fast alle Teenager haben irgendwie Freunde so ein bisschen auch als erweiterte Familie. Bei mir hatte das wirklich hohen Wert. Aber je älter ich geworden bin, desto mehr weibliche Freundinnen habe ich bekommen. Also jetzt treffe ich mich tatsächlich sehr viel mit meinen Freundinnen. Aber so die alten Freundschaften zu Männern sind eben auch noch da.

Jenny: Interessant, dass du gerade eben auch gesagt hast, dass Freund*innen so sind wie Familie. Würdest du das jetzt auch immer noch so sagen? Man sagt ja immer, Freunde sind die Familie, die man sich aussuchen kann im Gegensatz zu der Familie, was man sich nicht aussuchen kann. Würdest du das für dich auch so sagen?

Maryam: Ja, total… Bei mir haben Freundschaften einen sehr hohen Stellenwert. Es ist mir schon sehr besonders. Gut, ich habe jetzt kein Kind, deswegen kann ich sozusagen diese Form „Ich gründe eine Familie“ noch nicht nachempfinden, aber das würde sich auch überhaupt nicht ausschließen. Aber meine Freundschaften haben mir in den letzten Jahren so viel Halt auch gegeben und so viel Freude. Man muss das ja nicht nur negativ sehen. Freunde sind nicht nur da, wenn man irgendwie gerade ein Drama nach dem anderen bewältigt, sondern ich habe am meisten Zeit mit diesen Menschen verbracht und habe auch viele Freunde von mir nach Hause zu meiner Mutter und zu meinem Bruder gebracht. Ja, klar… also für mich ist das erweiterte Familie.

Jenny: Ich habe ja auch gelesen, dass viele Freundschaften auf jeden Fall auch die Lebenserwartung erhöhen. Das ist voll wichtig. Gerade, weil es vielleicht in der Familie vielleicht schon so lange Konflikte gibt oder was auch immer. Ist man vielleicht entspannter…

Maryam: Ist witzig. Man wird älter, wenn man gute Freundschaften pflegt oder wie meinst du? (Jenny: Genau.) Okay, wow! Das ist auch noch mal ein Appell an euch alle: Pflegt eure Freundschaften, ihr habt dann ein paar Tage länger wahrscheinlich! Apropos Freundschaft pflegen, kennst du das eigentlich, wenn so Freundinnen oder Freunde untereinander eifersüchtig werden? Also, wenn so die eine eifersüchtig wird auf die andere, so in der Dreierkonstellation und dann gibt es so ein bisschen Ärger?

Jenny: Ja, voll. Also in der Dreierkonstellation glaube ich nicht unbedingt, aber wenn man mit der einen Freundin irgendwie mehr macht oder ihr irgendetwas zuerst erzählt hat und dann findet die andere das heraus und sagt: „Was? Mit ihr hast du schon darüber geredet?“ Wenn man dann während des Erzählens sagt: „Ja, und die und die hat dazu das und das gesagt…“ Kenne ich voll. Ich finde es immer super anstrengend. Ich habe das schon gesagt, ich hasse es, mich zu streiten und finde es auch immer total quatschig und möchte, dass alle harmonisch miteinander sind und sich alle verstehen. Aber ich kenne das. Und ich kenne das auch von anderen Freundinnen, dass sie das total doof finden, wenn man sich dann auf einmal mit einer Freundin anfreundet, mit der nur sie befreundet war; ich lerne sie irgendwie kennen, eine Freundin von der Freundin, und wir mögen uns auch voll gerne und treffen uns dann. Wir treffen uns dann vielleicht auch nur zu zweit. Und ich habe Freundinnen, die das richtig schlimm finden und dann sagen: „Aber wir waren doch zuerst befreundet.“ Auch jetzt noch. Das finde ich immer so ein bisschen Kindergarten. Ich finde es eigentlich voll schön, wenn alle miteinander befreundet sind, aber das finden ja nicht alle.

Maryam: Ich glaube, das hat auch voll viel damit zu tun, wie gut man mit sich selber ist. Weil Eifersucht ist immer ein Thema. Inwiefern ist Vertrauen da? Inwiefern kann man sozusagen seinen Mitmenschen vertrauen? Und inwiefern geht man schon von sich selber auch davon aus, dass man sozusagen nicht hintergangen werden kann? Ich will das jetzt nicht auf die einzelne Person schieben, dass das jetzt deren eigenes Problem ist, dass sie eifersüchtig sind, sondern das gibt es natürlich auch, aber eigentlich sollte man sich untereinander total freuen, wenn man merkt: „Super, meine Freundin versteht sich jetzt auch mit meiner anderen Freundin. Das heißt, zukünftig können wir uns auch mal irgendwie zu dritt treffen.“ oder so. Also dieses wertschätzende Verhalten. Aber ich kenne das auch. Also ich kenne das auch sehr, sehr gut, dann vor allem aus Dreierkonstellationen. (Jenny: Ja, das ist schwierig.) Vor allem auch wenn zwei sich streiten und man ist die Dritte in der Mitte. (Lachen) Das ist auch fürchterlich.

Jenny: Ja, das stimmt. Man sagt dann einfach irgendwann gar nichts mehr, weil man ja keiner Person Recht geben will und sich auf keine Seite stellen will. Jedenfalls mache ich das dann immer so, weil ich keine Konflikte haben möchte.

Maryam: Oder man sagt so zu beiden: „Ja, total, kann ich total gut verstehen.“ Damit man sozusagen nicht sagen muss (lachen) – sozusagen den Part übernehmen muss, in der man dann der einen Person sagen muss, was die andere Person findet.

Jenny: Und ein Streitpunkt, weswegen man sich ja auch streiten könnte, ist zum Beispiel, wenn ein Freundeskreis oder eine Freundin total religiös ist und die anderen nicht oder wenn die andere immer auf Veranstaltungen von der Jungen Union geht und du vielleicht eher nicht so… Hast du eine Freundin, die voll anders ist als du?

Maryam: Das ist total das interessante Thema. Weil früher in der Schule dachte ich irgendwie immer, dass alle meine Freund*innen das Gleiche denken. Also ich bin davon ausgegangen, dass wir alle eine Meinung haben. Je älter wir geworden sind, habe ich gemerkt, wie unterschiedlich wir eigentlich sind. Mittlerweile habe ich einen sehr, sehr gemischten Freundeskreis aus religiösen Menschen, aus nichtreligiösen Menschen, aus unterschiedlich religiösen Menschen, aus auch unterschiedlichen politischen Einstellungen. Wobei ich sagen möchte, also wir sind schon alle in der Tendenz demokratisch links eingestellt und jetzt nicht so diese drastischen, unterschiedlichen, politischen Positionen. Aber ja, also ich finde es eigentlich immer ganz schön sozusagen, sich Freundschaft dann anzugucken, wenn es eigentlich mittlerweile ganz unterschiedliche Menschen sind. Man kann sich dann ja überlegen: Was verbindet einen dann noch? Also wo sind sozusagen die Gemeinsamkeiten, die dann dazu führen, dass man vielleicht über unterschiedliche politische Meinungen oder auch Einstellungen gegenüber Religionen hinwegsehen kann? Das ist vielleicht die Stärke von Freundschaft, dass man diese Unterschiedlichkeiten auch aushält, also dass man das akzeptieren kann… So sollte ja vielleicht sogar auch Gesellschaft funktionieren, dass man sagen kann: „Okay, Person XY hat irgendwie eine andere Sicht auf die Welt als ich, aber irgendwie funktioniert es, irgendwie können wir gemeinsam lachen und haben gemeinsamen Spaß.“ Das ist total schwierig und das wird vor allem auch schwierig werden, wenn es dann zu sehr auseinandergeht. Aber schön finde ich das, wenn diese Gemeinsamkeiten irgendwie im Vordergrund stehen.

Jenny: Ja, voll. Ich muss zugeben, dass meine Freund*innenkreise relativ homogen sind. Meine Freund*innen ähneln sich alle. Auch nicht total, aber schon irgendwie… Und ich hätte gerne so mehr unterschiedliche Freundinnen und frage mich dann immer, woran das liegt? Ob ich das nicht vielleicht eigentlich bin, die das dann irgendwie nicht will? Keine Ahnung. (Maryam: Du planst ja alles.) Ich plane ja alles, genau! Aber ich finde das total schön. Ich glaube, das hat was total Bereicherndes und das Wichtigste ist eigentlich, dass man irgendwie zusammen Spaß haben kann und irgendwie dann vielleicht auch darüber voneinander total viel lernt. Also ist total schön!

Maryam: Ich habe auch echt total viele Vorurteile, die ich irgendwie in meinem Kopf hatte, abbauen können. Und auch viele Freund*innen von mir konnten auch eigene Vorurteile über meinen Freundeskreis abbauen, weil sie dann gesehen haben: „Das ist ja gar nicht so absurd wie ich mir das vielleicht medial vorgestellt habe.“ Ich kenne das auch irgendwie so, dass es ganz normal ist: Wir sitzen zusammen an einem Tisch, wir essen und dann sagt die eine Person: „Okay, ich gehe mal kurz beten“ und so. Das wäre früher in meiner Jugend in meinem Freundeskreis etwas ganz Abstraktes gewesen. Mittlerweile ist es ganz normal.

Jenny: Ja, das ist normal. Das ist doch ein voll schönes Schlusswort. Wir hoffen, dass euch dieses neue Format gefallen hat und dass ihr auch beim nächsten Mal wieder beim ufuq.de-Podcast „Wovon träumst du eigentlich nachts?“ dabei seid. Tschüssi!


 

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