„Wovon träumst du eigentlich nachts?“ – Podcast-Folge 5: Muslimische Pfadfinder*innen mit Janin Bassal

Der ufuq.de-Podcast „Wovon träumst du eigentlich nachts?“ richtet sich an Jugendliche und pädagogische Fachkräfte. Verständlich und ohne Fachjargon erzählen junge Menschen aus der Zivilgesellschaft, was sie derzeit gesellschaftspolitisch beschäftigt, wie sie sich gegen Missstände engagieren und wie sie eigentlich leben wollen. In der fünften Folge schildert Janin Bassal Eindrücke aus der Pfadfinder*innenarbeit. Janin findet: Islam und Pfadfinder passen gut zusammen. Entstanden ist der Podcast im Rahmen der Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, antimuslimischem Rassismus und Islamismus in Berlin.

Folge 5: Muslimische Pfadfinder*innen mit Janin Bassal

Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen dem Islam und Pfadfinder*innenarbeit? Die stellvertretende Vorsitzende des Bundes Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinder*innen Deutschlands e.V., Janin Bassal, ist der Ansicht, dass sich zwischen dem Islam und Pfadfinderarbeit Paralellen finden. Zudem verrät Bassal, welche Klischees über Pfadfinder*innen (nicht) stimmen.

 

Die Folgen erscheinen einmal im Monat und sind über den Audioplayer oder über Spotify streambar.

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Janin Bassal ist stellv. Vorsitzende des Bundes Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschlands e.V.

Transkription zur Folge

Jenny: Sag mal, Maryam, wovon träumst du eigentlich nachts?

Maryam: Letzte Nacht habe ich ehrlich gesagt von einem Zeltlager geträumt. Ich war doch vor Kurzem im Urlaub zelten. Da habe ich so eine Gruppe getroffen, die auch zelten war. Ja, letzte Nacht musste ich irgendwie darüber nachdenken, wie es eigentlich Leuten ergeht, die regelmäßig zelten gehen und sich in der Natur aufhalten: Also Pfadfinder eigentlich. Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Aber es war irgendwie nett…

Jenny: Stimmt. Ich war auch nie bei den Pfadfindern. Aber ich fand das als Kind eigentlich immer ziemlich cool. Ich wollte das auch immer machen. Die haben immer so schön gesungen und waren viel draußen. Aber ich weiß gar nicht, ob die Vorstellungen, die ich davon habe, dem entsprechen, wie es in Wirklichkeit aussieht. Aber deswegen ist es ja auch gut, dass wir heute eine Gästin da haben, nämlich Janin Bassal von den muslimischen Pfadfinder*innen. Herzlich Willkommen, Janin! Erzähl doch erstmal, wer du eigentlich bist, und was du so bei den Pfadfindern machst.

Janin: Ich bin Janin, 26 Jahre alt. Ich bin stellvertretende Bundesvorsitzende in dem Verband „Bund moslemischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder Deutschlands”, kurz BMPPD. Nebenbei bin ich aber auch lokal als Leiterin in einem Stamm, wie man die Gruppen nennt, tätig. Das alles mache ich ehrenamtlich.

Jenny: Nicht schlecht, dass das alles ehrenamtlich ist. Du hast gerade schon gesagt, ihr habt so einen Stamm. Ihr seid auf verschiedenen lokalen Ebenen, also vor Ort, tätig. Was macht ihr denn eigentlich genau?

Janin: Genau. Also, das Ziel der Pfadfinderarbeit ist es ja, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern und zu stärken. Dabei ist der Kontakt sehr wichtig. Diesen Kontakt gibt es immer bei den Gruppenstunden, die regelmäßig stattfinden, und im Zeltlager oder auch auf Hikes (Wanderungen). Das sind die Hauptveranstaltungen oder Attraktionen bei uns bei der Pfadfinderarbeit. Das kann man ganz unterschiedlich ausleben. Also beim Zeltlager bieten wir natürlich ein bestimmtes Programm an. Da fängt es an beim Zeltaufbau, Lehmofen bauen, Lagerbauten, selbst kochen und backen. Aber auch Duftkissen können genäht werden. Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist Spaß. Das muss auch immer mit dabei sein! Und das haben wir dann immer anhand von Spielen – mit Großspielen – mit denen wir versuchen, die Kinder bei Lust und Laune zu halten.

Maryam: Du hast ja gerade eben gesagt, dass du das ehrenamtlich machst. Für alle, die schon einmal irgendetwas ehrenamtlich gemacht haben, das ist etwas, wofür man kein Geld bekommt, sondern was man aus Überzeugung macht. In welchem Umfang machst du das denn, wenn du jetzt auch in so einer Position bist?

Janin: Kann man schlecht sagen… Es gibt Phasen im Jahr, wo es mehr ist. Gerade jetzt, wo Corona vorbei ist [Anm. d. Red.]  , steigt die Welle wieder an. Und wir haben unsere Bundesversammlung, da steht natürlich vieles an. Im Sommer ist auch immer Hochtour, wenn wir so ein Sommerlager planen. Da steckt auch viel Zeit drin. Aber das kann man pauschal nicht sagen. Wir lassen unseren Leitern und Leiterinnen auch selbst diesen Raum, zu entscheiden, wie viel Zeit sie da reinstecken können und wollen. Aber man kann es nicht sagen… Vielleicht so wie ein Minijob, vielleicht eine Teilzeit- oder Vollzeitstelle? Je nach Zeit und Phase immer unterschiedlich.

Maryam: Wahrscheinlich ja auch saisonbedingt, könnte ich mir vorstellen. Ich muss dir ehrlich sagen, wenn ich an Pfadfinder*innen denke, da denke ich erstmal eigentlich an kleine Kinder, die in Gruppen durch die Gegend und den Wald laufen. Oder ich denke so ein bisschen – nimm es mir nicht übel – aber ich denke an US-Amerikanische Kirchengruppen, die durch die Natur trekken oder so. Als Jenny mir gesagt hat: Oh, toll, die muslimischen Pfadfinder*innen – das ist ja voll spannend!, habe ich so gedacht: Hä? Spannend, ja. Aber wie geht das zusammen?

Janin: Ich kann dich beruhigen. Diese Vorurteile gibt es, glaube ich, überall auf der Welt. In Amerika stimmt das sogar. Die Girl Scouts gehen da auch wirklich Kekse verkaufen, die sind dafür in Amerika berühmt. Aber Pfadfinderarbeit ist natürlich viel mehr. Und ich gebe dir Recht. Ich habe auch zuerst gedacht: Muslimische Pfadfinder, wie geht das zusammen? Aber es geht sehr gut zusammen! Es gibt wirklich viele Parallelen zwischen Pfadfinderarbeit und dem Islam. Es fängt schon bei den Pfadfindergesetzen und Prinzipien an. Da nenne ich jetzt einfach mal drei: Das ist einmal die Verantwortung gegenüber sich selbst, dem anderen und gegenüber Gott. Das lässt sich ja auch wunderbar im Islam vereinbaren. Also man soll sich um sich selbst kümmern, aber auch darauf achten, wie es anderen geht und Gott dienen oder treu sein. Genau das versuchen wir auch auszuleben. Andererseits gibt es natürlich noch den Aspekt Natur. Wenn man als Moslem sagt: „Okay, wir lieben Gott, und Gott ist der Schöpfer und hat alles erschaffen,“ dann müssen wir das Erschaffene ja auch lieben. Das ist ja einfach eine logische Konsequenz. Und die müssen wir auch respektieren. Also unser Prophet Mohammad hat auch in Medina und Mekka ein sehr einfaches Leben gelebt. Das kann man sich heutzutage gar nicht vorstellen. Er hat ja auch in der Wüste mit ganz wenigen Dingen ein sehr einfaches Leben gelebt. Das wollen wir auch den Kindern nahebringen. Wenn wir ein Zeltlager haben, gibt es keine Handys, wenig Strom, wenig Wasser. Sie dürfen die Handys erst gar nicht mitnehmen, dann haben wir auch die Diskussion nicht mehr vor Ort. Bei den Jugendlichen wird es ein bisschen schwieriger. Aber natürlich wollen wir sie auch nicht zu etwas zwingen. Sie packen automatisch ihre Handys weg, weil sie auch vor Ort gebraucht werden. Wir geben ihnen natürlich eine gewisse Verantwortung ab, damit sie in diese Rolle steigen können und sich auch ein bisschen wichtig fühlen. Der Pfadfinder-Gründer hat auch gesagt, dass, wenn man Verantwortung an Kinder und Jugendliche abgibt, sie das sehr gerne annehmen und sogar das Beste daraus machen und sich beweisen wollen.

Maryam: Das ist cool.

Jenny: Wie alt muss man sein, um bei den Pfadfindern anzufangen?

Maryam: Darf Jenny auch mit?

Janin: Ja, du kannst gerne als Leiterin anfangen. Wir suchen immer ehrenamtliche Leute, die mitmachen. Aber als Kind kann man ab sieben Jahre anfangen.

Jenny: Ah, ja, okay.

Janin: Es gibt einen Pfadfinderverband, den ich kenne, der schon ab vier oder fünf Jahren anfängt. Aber deren Taktik ist, so früh wie möglich Kinder an ihren Verband anzubinden, damit sie halt von Anfang an dabei sind. Denn heutzutage gibt es einfach so viel Konkurrenz, was Jugendverbandsarbeit angeht. Damals, als die Pfadfinder gegründet wurden, war es ja etwas krass Neues. Aber heutzutage arbeitet jeder mit dieser Methode, die wir auch bei den Pfadfindern haben. Was ganz oben steht, ist Learning by Doing. Wir lassen Kindern und Jugendlichen einfach ihren Freiraum, damit sie sich selbst ausprobieren. Wir Erwachsenen unterstützen nur, also wir sind so mehr im Background.

Maryam: Und was lernt man dann so bei euch? Können die Kinder und Jugendlichen bei euch Feuer machen?

Janin: Ja!

Maryam: Das stelle ich mir immer so vor.

Jenny: Das nächste Klischee: Feuer…

Janin: Nicht mit einem Stein. Dieser Feuerstein ist so ein typisches Vorurteil, es klappt überhaupt nicht. Es gibt Magnesiumstäbe, mit denen das ganz gut klappt. Sie dürfen aber auch Streichhölzer benutzen, wir sind da nicht so streng. Aber natürlich bekommen sie gelehrt, wie man Feuer anmacht, und was es da so für verschiedene Arten gibt, wie man so ein Lagerfeuer hinbekommt. Sie bekommen auch ein Messer in die Hand, damit dürfen sie auch arbeiten. Aber dafür gibt es auch einen sogenannten Messerschein. Bei den Kleinen muss man natürlich ein bisschen aufpassen. Aber wie gesagt, wir vertrauen ihnen.

Maryam: Ihr macht dann wahrscheinlich auch Übernachtungsfahrten, oder?

Janin: Genau.

Maryam: Wie ist denn das? Sind es immer gemischte Gruppen oder gibt es dann auch Gruppen für Mädchen und Gruppen für Jungen?

Janin: Eine gute Frage. Wir arbeiten koedukativ: Das bedeutet, Mädchen und Jungen zusammen. Während eines Zeltlagers oder einer Gruppenstunde trennen wir nicht künstlich, weil wir sagen: „Wir leben in Deutschland. Kinder und Jugendliche sind weder in der Schule noch auf der Straße noch in irgendwelchen anderen Freizeiten nach Geschlechtern getrennt,“ deswegen bei uns auch nicht. Wir trennen nur beim Schlafen. Die Zelte sind da strikt getrennt. Da gibt es auch keine Kompromisse, weil das auch Privatsphäre ist. So ein Zelt ist sozusagen wie ein Schlafzimmer und das fasst man dann nicht an, da sind wir auch streng. Ansonsten gibt es da keine Probleme. Wir versuchen auch in Führungspositionen, als Leiter und Leiterinnen oder in der Bundesleitung, immer auch Frauen zu gewinnen, damit es einfach gedeckt ist, und damit sie auch Vorbilder sind. Damit auch die Eltern sehen, dass dort auch Frauen sind, sodass diese ein bisschen auch Vertrauen haben, uns ihre Mädchen anzuvertrauen. Das ist ja auch immer ein Thema bei uns Muslimen, dass die Mädels dann leider nicht auf Klassenfahrt gehen dürfen oder so etwas. Heutzutage ist das vielleicht nicht mehr so streng wie vor 10 oder 20 Jahren, aber die Problematik ist trotzdem noch vorhanden.

Maryam: Du bist da gerade das beste Beispiel für eine Frau in einer Leitungsposition. Cool! Wie bist du denn eigentlich zu den muslimischen Pfadfinder*innen gekommen?

Janin: Ganz zufällig. Ich studiere noch nebenbei und musste für mein Studium eine Hausarbeit schreiben. Da waren die Schlüsselwörter, die ich gegoogelt habe: Islam und Toleranz. Auf der ersten Seite kam dann auch direkt „Muslimische Pfandfinder“, wo ich dann gedacht hatte: „Okay, lustig. Okay, lass sie mal machen…“ Ich habe mich dann nicht weiter damit auseinandergesetzt. Aber ein paar Wochen später habe ich wieder etwas gegoogelt und dann kam wieder diese Seite. Ich dachte mir: „Diese Seite verfolgt mich, ich muss jetzt da draufklicken“, und habe mir das alles dann angesehen und durchgelesen und fand es sehr spannend. Und dann habe ich mich mit dem Gründungspräsidenten getroffen. Unsere Bundeszentrale ist nämlich in Wiesbaden und ich komme ja aus Mainz. Das habe ich gar nicht gesagt am Anfang, aber egal… deshalb war es halt um die Ecke. Dann haben wir eben über die Pfadfinderarbeit und die Parallelen zwischen dem Islam und der Pfadfinderarbeit gesprochen. Ich war dann so geflasht, dass ich gesagt habe: „Cool, ich will dabei sein.“ Dann war ich da auf verschiedenen Veranstaltungen und habe mal eine Gruppenstunde besucht. Und dann habe ich die Leiter-Ausbildung gemacht und dann war ich Feuer und Flamme. Seitdem bin ich dabei.

Jenny: Cool… Aber es ist ungewöhnlich, dass du erst als Erwachsene dazu gekommen bist. Oder geht das vielen so, dass sie dann erst später dazukommen und nicht vorher schon als Kind oder Jugendlicher Pfadfinder sind?

Janin: Ja, viele kommen auch zu uns, weil sie es sich für sich selbst als Jugendliche gewünscht hätten. Denn es gibt leider nicht so viele Angebote für muslimische Kinder und Jugendliche. Vieles ist ja an Moscheen angebunden. Die machen dann aber normale Jugendarbeit und können das nicht so genau definieren. Und wir machen ja explizit Pfadfinderarbeit. Manche machen es auch aus der Motivation heraus, ihren Kindern etwas zu bieten. Also, sie werden selbst Leiter oder Leiterinnen und schicken ihre Kinder dann auch in die Gruppen, damit die auch davon profitieren. Wie gesagt, das Angebot ist auf muslimischer Ebene momentan etwas schwach. Es geht auch um den Punkt Natur. Viele Kinder sitzen ja den ganzen Tag vor dem Fernseher, zocken und gehen gar nicht mehr raus aus der Bude. Und die Eltern wünschen sich einfach: „Bitte, Kind, geh raus.“ Das finden sie dann bei uns. Wichtig sind ja auch die Gruppenstunden. Du hast ja vorhin schon erzählt, dass man sich Pfadfinder immer so vorstellt, dass sie nur in den Wald gehen. Sie machen auch vieles drinnen bzw. gemeinsam in einem Pfadfinderheim. Weil das Gemeinschaftsgefühl auch sehr essentiell ist. Das fehlt ja auch bei vielen sozial benachteiligten Kindern, dass einfach der soziale Aspekt einfach immer weniger wird.

Maryam: Ich glaube auch vor allem, einen Raum zu haben, zu dem man gehen kann oder eben auch eine Gruppe zu haben, von der man weiß, dass es nicht nur für Kinder und Jugendliche spannend ist, sondern auch für Eltern, die wissen, dass ihre Kinder da gut aufgehoben sind. Und auch zu wissen, dass dort Kids sind, die ähnlich ticken und ähnliche Dinge denken. Es geht dann ja häufig um so elementare, grundlegende Sachen.

Jenny: Und wie kann man sich so eine Gruppenstunde vorstellen? Was macht ihr da so?

Janin: Ganz unterschiedliche Dinge. Wir haben aber immer so einen gewissen Ablauf. Wir fangen mit einer Sure an. Das ist, glaube ich, auch so ein bisschen das Muslimische bei uns. Wir eröffnen dann sozusagen unseren Kreis. Das ist ein Ritual und Rituale sind wichtig in der Pfadfinderarbeit. Dann gibt es immer ein Warm-Up Spiel, damit die Kinder wach werden und auch so ein bisschen runterkommen, Energie abgeben.

Jenny: Ich wollte gerade sagen, wach werden oder runterkommen?

Janin: Erstmal Energie abgeben, und dann kann man konzentriert Dinge tun. Das fängt bei Naturkunde an. Wenn wir jetzt Herbst haben, dann gehen wir zum Beispiel mal verschiedene Blätter sammeln und erläutern dann die unterschiedlichen Baumarten. Genau, dann kann man auch die Früchte der Bäume benennen und Baumrinden abzählen. Dann erklärt man ihnen, dass die Jahresringe beim Baum zeigen, wie alt er ist. Man kann basteln, kochen und singen. Das ist natürlich auch ein wichtiges Element bei uns. Es ist ganz vielfältig. Man kann es da gar nicht so speziell sagen.

Maryam: Gibt es bestimmte Pfadfinderlieder? Wie ist das so, was wird gesungen?

Janin: Hier in Deutschland gibt es sogenannte Bündische Lieder, die viele Pfadfinderverbände singen. Es gibt sogar auf YouTube so eine Playlist, da könnt ihr mal reinhören.

Maryam: Ok, verlinken wir.

Janin: Aber wir singen auch ausländische Lieder, auch arabische Lieder. Wir versuchen aber auch türkische Lieder zu singen oder afghanische Lieder, je nach den Mitgliedern. Deutsch ist natürlich die Sprache, die uns alle verbindet. Wir haben ja auch nicht umsonst dieses „D“ bei uns im Verbandsnamen. So, dass alle Kinder, egal welchen Migrationshintergrund sie haben, sich wohl fühlen. Wir sind zwar alle Muslime, aber es spielt keine Rolle, welchen Background du hast. Deutsch wird einfach als Sprache verwendet, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Jenny: Und trefft ihr euch auch mit den anderen? Du hast ja schon mehrfach erwähnt, dass es noch viele andere Pfadfindergruppen gibt. Gibt es da so Treffen? Lernt ihr euch untereinander kennen?

Janin: Ja. Zum Beispiel hier in Berlin gibt es extrem viele Gruppen. Weiß man gar nicht. Man merkt es gar nicht.

Maryam: Man würde das auch gar nicht mit Berlin assoziieren.

Janin: Ja…

Maryam: Bei Berlin denkt man an Straße und U-Bahn, irgendwie so etwas.

Janin: Selbst hier in Kreuzberg gibt es einen Verband, den ich kenne. Da ist es natürlich einfacher, sich zu treffen. Wir machen ganz gerne gemeinsame Lager. Denn unser Schwerpunkt im Verband ist auch der interreligiöse Dialog und der kulturelle Austausch, weil wir einfach wollen, dass Vorurteile abgeschafft werden und man sich gegenseitig kennenlernt und Freundschaften aufbaut, die über die eigene Religion hinausgehen. Das bringt unheimlich viel, weil man einfach auch neue Dinge kennenlernt, nicht nur religiös betrachtet, sondern auch pfadfinderisch. Es gibt natürlich auch immer Unterschiede. Das ist uns schon sehr wichtig. Und es gibt in Deutschland auch einen sogenannten Dachverband. Da sind momentan fünf große Verbände drin. Das sind die katholischen, die evangelischen, die überkonfessionellen und wir muslimische Pfadfinder. Wir sind zum Beispiel im ständigen Austausch und haben da auch Treffen. Aber das ist alles auf Bundesebene. Das bedeutet sozusagen, dass sich die Erwachsenen treffen und bestimmte Themen diskutieren – ein bisschen langweilig. Aber auf der lokalen Ebene kann man sich auch immer treffen, das liegt dann bei einem selbst, ob man das machen will oder nicht. Manche organisieren auch gerne Gesangsrunden. Die treffen sich dann einmal im halben Jahr in irgendeinem Camping- oder Zeltlager und machen ein schönes Lagerfeuer und holen dann ihre Liederbücher raus. Wie gesagt, viele Lieder sind identisch. Und dann singen sie da und spielen Gitarre, genau.

Maryam: Das ist spannend. In der Vorbereitung haben wir uns darüber unterhalten, ob ihr euch wohl vielleicht auch international mit Gruppen trefft. Denn als ich mal in Palästina war, habe ich arabische Pfadfinder*innen gesehen. Da gab es ein Fest auf der Straße, und da waren sie eben aktiv und haben auch Essen verteilt und solche Sachen. Das waren halt alles kleine Kinder. Da habe ich mich gefragt, ob ihr das auch macht, dass ihr euch international irgendwie vernetzt?

Janin: Also, wir sind eng mit den französischen muslimischen Pfadfindern verbunden. Auf internationaler Ebene gibt es alle vier Jahre ein Jamboree – das ist das Welt-Zeltlager. Ohne Witz, 2019 war es zuletzt in Amerika. 2023 wird es in Südkorea stattfinden. Und dann kommen da 40.000 Pfadfinder aus aller Welt zusammen. Das ist so ein krasses Gefühl. Ich war leider noch nicht da. Ich hoffe, ich werde es irgendwann noch einmal schaffen, hinzugehen. Aber ich glaube, dieses Gefühl, dass wir alle eins sind, aber aus verschiedenen Ländern kommen und uns wegen einer Sache treffen, und alle irgendwie gleich ticken, das gibt nochmal so ein richtig krasses Gemeinschaftsgefühl. Da sind wir sozusagen mit den anderen Pfadfindern weltweit verbunden. Ich glaube, mit den spanischen muslimischen Pfadfindern hatten wir auch einmal ein Treffen. Man versucht natürlich, Kontakte zu knüpfen. Aber es ist ein bisschen schwer. Unsere Zielgruppe geht zwar von sieben bis 21, aber unsere Stärke sind nun mal die ganz kleinen Entdecker, die sind sieben bis elf, mit denen kannst du nicht ins Ausland fahren. Man kann es, aber die Verantwortung ist uns persönlich im Verband noch zu groß.

Maryam: Ist ja auch eine große Herausforderung. Die sind so klein. Ich meine, in dem Alter findet dann ja meistens die erste kleine Klassenfahrt statt. Das ist ja schon aufregend genug. .

Jenny: Was macht man denn, wenn man jetzt bei euch mitmachen will? Wenn ich mir überlege, dass ich das höre, oder noch acht wäre und möchte mitmachen, wie gehe ich das denn am besten an?

Janin: Am besten googelt man muslimische Pfadfinder. Dann kommt man entweder auf unsere Homepage oder auf unsere Facebook-Seite. Wir sind auch bei Instagram vertreten, Leute. Man kann uns einfach eine E-Mail oder eine Nachricht schreiben und sagen: „Hey, ich will mitmachen.“ Am besten guckt man aber vorher, ob es überhaupt eine Pfadfindergruppe in der Nähe gibt. Wir sind ein relativ kleiner Verband, wir haben zwölf Gruppen. Und da muss man halt gucken, wo da eine Gruppe ist. Wenn man einen Freundeskreis hat und alle möchten bei den Pfadfindern mitmachen, dann kann man sich bei uns anmelden und eine eigene Gruppe gründen.

Jenny: Ich sehe schon, die nächste Gruppe ist gegründet.

Janin: Ja, wir haben jetzt hier in Berlin eine gegründet.

Jenny: Ah, ja, cool, ok.

Janin: Also, alle Berliner Kids, meldet euch an!

Maryam: Cool. Falls ihr dafür Informationen haben möchtet, könnt ihr uns bestimmt anschreiben. Wir verlinken dann alles.

Janin: Genau.

Jenny: Wir haben jetzt noch eine letzte Frage, die wir immer am Ende stellen: Wovon träumst du eigentlich, beziehungsweise, was wünscht du dir für eure Pfadfinderarbeit?

Janin: Wir im Verband setzen uns sehr stark für das friedliche Zusammenleben ein. Wir haben auch den internationalen Tag des friedlichen Zusammenlebens mit initiiert. Der ist immer jedes Jahr am 16. Mai. Das ist ein wichtiges Anliegen für uns. Das ist so ein Wunsch von mir, dass irgendwann Weltfrieden herrscht. Aber auf Pfadfinderseite wünsche ich mir natürlich auch, dass Pfadfinderarbeit mehr gesehen und wertgeschätzt wird, weil das einfach so eine geniale Sache ist. Ich glaube, wenn mehr Menschen so denken und leben würden wie Pfadfinder, dann würde die Welt auch ein bisschen besser aussehen.

Maryam: Wow. Okay, das sind schöne Wünsche. Ich hoffe, ihr findet einfach noch viel mehr Leute, damit die Welt auch tatsächlich so aussieht.

Jenny: Ein neues Mitglied habt ihr schon. Vielleicht zwei oder drei. Ja, danke, Janin, dass du heute bei uns warst.

Janin: Danke für die Einladung!

 

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