Workshops für Eltern in Moscheen sollen der Radikalisierung Jugendlicher vorbeugen – Ergebnisse eines Modell-Projekts

Nasir al-Mulk-Moschee, Bild: Steven Su via unsplashEin Modell-Projekt in Baden-Württemberg sensibilisiert muslimische Eltern für religiös begründete Radikalisierungen. Vier aufeinander aufbauende Elternworkshops finden zweisprachig in Moscheen statt, in denen Eltern in einem geschützten Raum über Erziehungsvorstellungen ins Gespräch kommen können. Prof. Dr. Havva Engin leitet das federführende Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik. Hier berichtet sie über die Wirkung der Elternseminare und welche Themen sich die Eltern am meisten wünschten.

Die religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen ist ein Phänomen, welches sich in den letzten zehn Jahren quantitativ verstärkt und an Eigendynamik gewonnen hat. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt, dass in Deutschland mittlerweile ca. 10.000 Salafisten leben, worunter sich eine bedeutende Zahl an Konvertiten befindet.

Die Gründe für die religiöse Radikalisierung der Jugendlichen sind vielfältig und multifaktoriell. An erster Stelle können individuell-biografische Gründe genannt werden. Darüber hinaus ist der Salafismus für verunsicherte junge Menschen auch deshalb attraktiv, weil er ihnen Identität, Halt und Orientierung anbietet. Gerade für Menschen, deren Leben durch Außenseitertum und Unsicherheit gekennzeichnet ist, ermöglicht er vielfältige Anknüpfungspunkte:

Präventionsprojekt für Eltern?

Programme bzw. Regelangebote, bei denen die Eltern ohne das Vorliegen eines konkreten Falles über religiöse Radikalisierungsformen, wie dem Salafismus, zweisprachig bzw. in ihrer Herkunftssprache sensibilisiert und aufgeklärt werden, existieren bis dato nicht. Angesichts der Tatsache, dass Eltern als primäre Sozialisationsinstanz und wichtige Bezugsperson einen entscheidenden Einfluss auf die kindliche bzw. jugendliche Biografie nehmen, erscheint die Entwicklung und Implementierung entsprechender Angebote im Sinne gelingender Prävention daher dringend geboten.

Prof. Havva Engin, Bild: privatDr. Havva Engin ist Professorin für Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Sie forscht unter anderem über Migration und Mehrsprachigkeit und über Bildung und Erziehung im Kontext religiöser Heterogenität.

Ausgehend von diesem Aspekt wurde im Zeitraum Januar bis Oktober 2017 in drei DITIB Moscheegemeinden in Nordbaden/ Rhein-Neckar-Region ein Sensibilisierung- und Aufklärungsprojekt für muslimische Eltern realisiert. Federführend hat das Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik (Hei-MaT) an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg das Projekt inhaltlich konzipiert und personell verantwortet. Weitere Projektpartner waren der Verein „Kommunale Kriminalprävention Rhein-Neckar e. V.“ sowie der DITIB Landesverband Baden-Württemberg. Für die Durchführung der Elternworkshops wurde aus jedem Moscheeverein je ein_e Moderator_in ausgewählt und im Rahmen eines Lehrgangs qualifiziert. Es handelte sich in allen Fällen um Personen, die hohes Vertrauen in ihrer Moscheegemeinde besaßen und Erfahrungen in der Elternarbeit vorweisen konnten.

Projektinhalte und Ablauf

Die Inhalte der vier Workshops wurden nach dem Kriterium der ansteigenden Komplexität sowie der Fokussierung auf den Themengegenstand, hier religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen, ausgewählt. Besonderes Augenmerk wurde bei der Themenauswahl auf die lebensnahe Aufbereitung der Inhalte aus der Sicht von Eltern gelegt; diese wurden mit den Moderatoren hinsichtlich ihrer Praktikabilität diskutiert und entsprechend aufbereitet.

Der Auftaktworkshop widmete sich dem Thema der religiösen Vielfalt in Deutschland. In diesem Zusammenhang lernten die Teilnehmenden verschiedene religiöse Gemeinschaften in Deutschland kennen und erhielten Informationen zu deren Gemeindeleben. In einem zweiten Schritt wurden Informationen über die ethnische und konfessionelle Zusammensetzung muslimischer Gemeinden in Deutschland aufbereitet und aktuelle Entwicklungen im Zuge der Fluchtmigration thematisiert. Den Abschluss des Workshops bildete die Diskussion möglicher Gelingensbedingungen hinsichtlich der Integration von Muslimen in die hiesige Gesellschaft.

Im zweiten Workshop wurden die Erziehungsgrundlagen in türkisch-muslimischen Familien diskutiert. Zu diesem Kontext tauschten sich die teilnehmenden Eltern über verschiedene Erziehungsstile und -traditionen aus und verglichen diese mit den Erziehungswerten und -zielen deutscher Bildungs- und Erziehungsinstitutionen. Im zweiten Teil standen die Themen „Pubertät als zentrale Phase der Persönlichkeitsbildung“ sowie „Mobbing in der Schule“ im Fokus. Die Teilnehmenden diskutierten Handlungsoptionen auf der Grundlage konkreter Fallbeispiele.

Der dritte Workshop führte in das Thema der religiösen Radikalisierung ein. Neben aktuellen Zahlen und Daten wurde auch mit Film- und Fallbeispielen gearbeitet, um gemeinsam unterschiedliche Ursachen bzw. Hintergründe und mögliche Auslöser für Entfremdungserscheinungen von Jugendlichen gegenüber den Eltern zu diskutieren. Insbesondere bei diesem Thema zeigten die Eltern große Diskussionsbereitschaft und zeigten sich selbstreflektiert.

Im abschließenden vierten Workshop lernten die Teilnehmenden bestehende regionale und überregionale Informations- und Beratungsangebote für Betroffene und Familien kennen. Anhand filmischer Beispiele wurden unterschiedliche Beratungskonzepte vorgestellt und auf mehrsprachige Beratungsangebote verwiesen.

Projektevaluation

Um die Wirkung der durchgeführten Elternseminare zu überprüfen, wurde zu Beginn und am Ende der Workshopreihe je ein halbstandardisierter Fragebogen eingesetzt.

Der erste Elternfragbogen erfasst zentrale Angaben wie Alter, Geschlecht, die Einreise nach Deutschland und auch die Deutschkompetenzen der teilnehmenden Eltern. Es wurde auch nach schulpflichtigen Kindern, Kenntnissen über das deutsche Schulsystem sowie nach der Teilnahme an schulischen Veranstaltungen und Elternabenden gefragt. An beiden Fragebogenerhebungen nahmen insgesamt 135 Personen teil.

Ergebnisse

Die Frage nach dem Zeitpunkt nach Einreise nach Deutschland zeigte auf, dass die Teilnehmenden zu besonders hohen Anteilen über eine Eheschließung nach Deutschland gekommen (42,4 Prozent) oder als Kind/im Jugendalter eingereist sind (36,5 Prozent). Lediglich 17,7 Prozent der Befragten wurden bereits in Deutschland geboren oder kamen im Erwachsenenalter (3,5 Prozent).

Aus den Antworten war weiterhin abzulesen, dass 77,7 Prozent der Teilnehmenden schulpflichtige Kinder hatten. 18,8 Prozent der Befragten gaben an, keine schulpflichtigen Kinder zu haben, 3,5 Prozent machten bezüglich dieses Aspektes keine Aussage.

Die Nachfrage zu Kenntnissen über das deutsche Schulsystem verdeutlichte, dass es vielen Befragten an einer umfassenden Information mangelt. Lediglich 12,9 Prozent gaben an, „sehr gut“ über das deutsche Bildungssystem informiert zu sein. Eine gute Informationsbasis sprechen sich immerhin 38,8 Prozent zu. Fast die Hälfte der Befragten (48,3 Prozent) gab jedoch an, wenige bis gar keine Kenntnisse über das hiesige System zu haben.

Hinsichtlich der Relevanz möglicher Bildungsthemen, nannten die Eltern an erster Stelle „Sprache/Sprachprobleme“ (12,9 Prozent), gefolgt von den Themen „Diskriminierung, Rassismus, Gleichbehandlung“ (11,4 Prozent), „Eigene Kultur, Religion, Sprache“ (11,4 Prozent) sowie in einer „Unterstützung der Kinder und Jugendlichen durch liebevolle Zuwendung“ (10,0 Prozent).

Gefragt nach – in ihren Augen – negativen Eigenschaften des deutschen Schulsystems nannten die Befragten an erster Stelle den Themenkomplex „Diskriminierung, Benachteiligung, Vorteile, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit“ (49,1 Prozent), gefolgt von „Frühe Selektion“, „Fehlende Kompetenzen bei Lehrkräften“ sowie „Disziplinlosigkeit der Schüler“.

Der zweite Elternfragbogen fragte nach dem Eindruck der Workshops. Die Eltern sollten angeben, inwieweit ihnen die besprochenen Themen gefallen haben und ob sie diese für wichtig erachten. Weiterführend wurde gefragt, über welche Themen sie sich noch Informationen wünschen sowie eigene Vorschläge einbringen.

Die Auswertung der Antworten legte offen, dass die Eltern sich verstärkt Informationen zu den Themengebieten „Kindererziehung und Kommunikation innerhalb der Familie“ (22,2 Prozent), „Bildungssystem“ (17,5 Prozent) und „Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen“ (11,1 Prozent) wünschen.

Aus den Antworten war darüber hinaus zu erkennen, dass ein deutlicher Informationsbedarf hinsichtlich der Themen „Religion/Islam“, „Freundkreis der Kinder“, „soziale Beziehungen in der Familie“, „Nutzung von Social Media“, „schulische Rechte von Eltern“ sowie „Leben in zwei Kulturen“ existierte. Zudem äußerten die Teilnehmenden den Wunsch nach weiteren Elternangeboten.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Fragebogenerhebungen zeigen auf, dass muslimische Eltern zum Thema der religiösen Radikalisierung von Jugendlichen stärker als bisher sensibilisiert und aufgeklärt werden möchten. Hierfür werden – von den Lebenskontexten und Bedarfen der Eltern ausgehende – niedrigschwellige Projektmaßnahmen bzw. Angebote benötigt, welche idealerweise vor Ort angeboten werden sollten.

Es ist darüber hinaus festzuhalten, dass Migrationseltern von zweisprachigen Angeboten positiv angesprochen werden bzw. diese explizit nachfragen, auch weil für sie damit die Chance gegeben ist, Themen anzusprechen, die sie sich aufgrund geringer Sprachkenntnisse im Deutschen häufig nicht trauen würden.

Aus den kurz dargestellten Projektergebnissen lässt sich zusammenfassend festhalten, dass auch muslimische Eltern die Chance bzw. Möglichkeit erhalten sollten, „in einem geschützten Raum“ ihre bisherigen Erziehungsvorstellungen und Werte im Hinblick auf ihre Zeitgemäßheit in einer religiös und kulturell pluralen Gesellschaft hin kritisch zu überprüfen und Handlungsoptionen zu entwickeln. Das Projektziel, Eltern in der Moschee aufzusuchen, einem Ort mit besonderer religiös-kultureller Bedeutung, wurde durch die hohen Teilnehmendenzahlen bestätigt. Besonders positiv ist herauszuheben, dass in den Moscheegemeinden insbesondere junge Eltern erreicht wurden und für Fragen elterlicher Erziehungskompetenz im Kontext religiöser Radikalisierung sensibilisiert werden konnten.

Das Modell-Projekt „Religiöse Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – Aufklärung und Sensibilisierung der Elternhäuser“ wird vom Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik (Hei-MaT) an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gemeinsam mit dem Verein Kommunale Kriminalprävention Rhein-Neckar e. V. durchgeführt.

Zum Weiterlesen

Aufwachsen in salafistischen Familien – Herausforderung für die Jugendhilfe zwischen Religionsfreiheit und möglicher Kindeswohlgefährdung, www.ufuq.de, April 2018

Wenn Konformität zur Rebellion wird. Der Salafismus als jugendkulturelle Provokation, www.ufuq.de, Februar 2017

Auf den Kontext kommt es an: Fanatismus als Symptom eines gestörten sozialen Systems, www.ufuq.de, Oktober 2016

Empowerment als Erziehungsaufgabe – Wie Eltern ihre Kinder auf Erfahrungen mit Rassismus vorbereiten können, www.ufuq.de, Februar 2016