„Wir hatten uns Deutschland anders vorgestellt“ – Gespräche mit jungen Geflüchteten am Alexanderplatz

In den letzten Monaten häuften sich Polizeimeldungen über Jugendliche am Alexanderplatz: Mal geht es um eine Razzia, mal um Schlägereien. Mittlerweile ist die Polizei sogar mit einer eigenen Wache auf dem Platz präsent. Schweres Geschütz gegen ein paar hundert Jugendliche, die sich dort am Brunnen versammeln. Die Konflikte am Alexanderplatz stehen für die Herausforderungen, die mit der Integration von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten einhergehen. Aber was bewegt diese jungen Neuberliner_innen? Was wollen sie? Wie sehen sie selbst ihre Lage und was wünschen sie sich von der Gesellschaft? Mariam Puvogel und Julia Gerlach haben sich umgehört.

800px-Berlin_Alexanderplatz_abendEs ist Dienstag am späten Nachmittag. Auf den Stufen vor dem Burger King am Berliner Alexanderplatz stehen Grüppchen von Jugendlichen, meist in hipper Kleidung und gestylten Haaren. Überraschend viele Mädchen scheinen Teil der Jugendcliquen zu sein. Die Jugendlichen lachen, unterhalten sich, Cola- und auch mal ein paar Bierflaschen kreisen. Aus mehreren Handys klingt syrische Pop-Musik, schnell formiert sich eine Kette von Tänzer_innen. Sie tanzen Dabke zwischen den Passant_innen, die im Feierabendverkehr über den Platz eilen. Viele betrachten die Jugendlichen mit misstrauischen, teils abwertenden Blicken. Andere lachen, als sie sehen, mit wieviel Energie die Jugendlichen hier tanzen.

Die Frage, ob sie uns erzählen wollen, was sie machen und was ihnen wichtig ist, quittieren viele der Jugendlichen mit einer verneinenden Kopfbewegung. Wir versuchen trotzdem, ins Gespräch zu kommen: „Der Ruf der jungen Leuten hier am Alex ist eher schlecht. Manchmal heißt es, dass ihr nur Drogen nehmt und Probleme macht. Wir würden gerne hören, wie es hier wirklich ist und wie ihr eure Situation selbst beschreiben würdet.“ „Wir sind nicht kriminell!“, erwidert darauf ein junger Mann mit Lederjacke, langen Wimpern und einem offenen Gesicht. Er will seine Sicht darlegen.

Amir lebt seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Als Sechzehnjähriger kam er alleine, inzwischen sind auch zwei seiner Brüder hier. Er flüchtete über die Türkei und Griechenland und mehrere Staaten im ehemaligen Jugoslawien, bis er schließlich in Dortmund ankam. Auch nach knapp zwei Jahren wartet er auf sein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Als er nach Berlin kam, wurde er trotz seiner Minderjährigkeit zunächst in mehreren Hotels untergebracht, in denen er jeweils ein paar Monate verbrachte, stets ohne zu wissen, wohin er als nächstes umziehen würde und wie es mit ihm weitergehen würde. Inzwischen wohnt Amir in einer betreuten Jugend-WG. Auf die Frage, warum er seine Zeit am Alex vertreibt, sagt er: „Zu Hause ist es zu langweilig. Da gibt es nichts zu tun. Ich war heute in der Schule und dann kurz zu Hause, aber nach einer Stunde halte ich es da nicht mehr aus, ich muss irgendwie raus. Dann bin ich hierhergekommen, hier treffe ich immer Freunde, es ist immer jemand da.“ Er bleibt jedoch nie lange, denn trotz seines Alters arbeitet er bereits jeden Tag bis spät in die Nacht. In einem Restaurant, in dem er weniger als den Mindestlohn erhält, steht er ab 22 Uhr in der Küche, das Geld geht an seine Familie, die sich im Kriegsland Syrien nur noch mit Mühe über Wasser halten kann. Die anderen Jugendlichen, sagt Amir, bleiben meist viel länger am Alex, einfach weil es sonst kaum Orte gäbe, an denen sie sich treffen könnten. Das Gefühl, irgendwie raus zu müssen aus der Enge der Unterkünfte und Jugendeinrichtungen, sei etwas, das hier alle teilten, ebenso wie die Sehnsucht nach ihren Familien. Viele Jugendliche seien mit der plötzlichen Freiheit und den fehlenden familiären Strukturen auch überfordert. Das sei nicht immer gut, fügt er hinzu, denn Grenzen seien wichtig, um sich nicht zu verlieren.

Über seine eigene Situation sagt der junge selbstbewusste Mann: „Ich nehme keine Drogen, ich habe einen Plan für mein Leben. Ich möchte hier in Deutschland meine Chancen nutzen. Am liebsten würde ich eine Lehre als Tischler machen.“ Auf die Frage, wie das Verhältnis mit der Polizei sei, zuckt er frustriert die Schultern. „Ja, es gibt ziemlich oft Stress mit der Polizei. Die kommen manchmal und nehmen dann einfach alle mit, die da sind. Das letzte Mal war ich eineinhalb Stunden mit auf der Wache. Ich musste mich ausziehen und wurde durchsucht. Als sie gesehen haben, dass ich keine Drogen dabeihabe, konnte ich wieder gehen.“

Auf die Frage, wie es ihm psychisch gehe, weicht Amir aus. „In Syrien hatte ich irgendwie Ventile, wenn ich sauer oder traurig war. Hier kann ich nur mich selbst kaputt machen.“ Er zieht seinen Ärmel hoch, unter dem tiefe, schnittförmige Narben sichtbar werden. „Deswegen bin ich in Therapie. Klar, Drogen nehmen viele von uns, sie spielen einem vor, dass alles wieder gut wird. Ich will mich aber nicht in diese Falle locken lassen.“ Trotz dieser Schwierigkeiten hat er sich einiges vorgenommen. „Ich habe viele Ziele in meinem Leben. Ich will etwas aus mir machen und ich möchte auch für meine Mutter etwas tun. Es soll ihr bessergehen und ich möchte, dass sie stolz auf mich sein kann. Ich möchte auch der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben. Sie sollen nicht denken, dass syrische Jugendliche schlecht sind, stehlen, Drogen nehmen und gewalttätig sind. Sie sollen sehen, wie wir wirklich sind.“ Dann, nach kurzem Überlegen, fügt er lachend hinzu: „Mein Ziel für die nahe Zukunft ist ein eigenes Auto. Am besten ein Deutsches.“

Auch Alaa kommt aus Syrien, er ist 19 Jahre und wie Amir vor zwei Jahren alleine nach Deutschland gekommen. „Ich wohne hier immer noch in einem Hostel, nicht in einer Jugend-WG. Momentan mache ich einen Deutschkurs A2. Die Sprache gefällt mir. Aber ich will in ein paar Monaten wieder in die Türkei gehen“, erklärt er, als wir ihm davon erzählen, dass wir uns dafür interessieren, was die Jugendliche am Alex umtreibt. „Ich muss meine Familie sehen, sie fehlt mir sehr. Wir waren in einem Ort in Syrien, der vom Islamischen Staat kontrolliert wurde, und sind deswegen in die Türkei geflohen. Ich bin der Jüngste der Familie, und als der IS in unserer Stadt immer stärker wurde und ich bedroht wurde, musste ich als erster weg.“

Von der Situation der Jugendlichen am Alex zeichnet Alaa ein düsteres Bild: „Hier in Deutschland gibt es überall Drogen. Ich habe aber vor drei Monaten aufgehört, Drogen zu nehmen, weil es dich kaputt macht. Hier am Alex nehmen viele irgendwas. Guck mal, der da“, er zeigt in Richtung eines betäubt aussehenden Teenagers, „der hat gerade Bonzai geraucht. Hier sind viele völlig zu. Egal wie kalt es wird, es ist immer voll hier, wir haben keinen anderen Ort und zu Hause ist es einsam, da merkst du nur noch mehr, wie du alle vermisst.“

Mit den Passant_innen am Alex hätten die Jugendlichen keine Probleme, fügt Alaa an. „Es gibt kaum Berührungspunkte. Sie sind dort, wir sind hier. Nebeneinander und jeder für sich, man mischt sich nicht ein in die Sachen der anderen. Nur manchmal gibt es Probleme, die eskalieren dann schnell.“ Trotzdem sei die Polizei häufig vor Ort und kontrolliere die Jugendlichen, vor allem wegen der Drogen, „aber auch, weil sie ein bisschen rassistisch ist. Sie kommt und holt uns, weil wir aus Syrien und aus Afghanistan sind. Sie sagen dann so Sachen wie: ‚Du bist Ausländer und machst hier nur Probleme.‘ Manchmal drohen sie uns oder schicken uns zur Ausländerbehörde.“ Vertrauen in die Polizei habe er daher nicht mehr, einmal habe er sich sogar mit einigen Polizisten angelegt, weil sie ihm gedroht hätten, ihn nach Syrien abzuschieben, wenn er sich nicht benehme. „Da bin ich ausgeflippt und habe ihn geschubst. Das hat dann zu noch mehr Problemen auf der Wache geführt.“

Solche Erfahrungen machen ihn skeptisch, was das Zusammenleben zwischen Geflüchteten und Einheimischen betrifft. „Es gibt hier keine Integration, guck doch mal die Araber und die Türken an, die seit 50 Jahren hier leben. Die sind doch null integriert. Es ist eine Lüge, dass es Integration gibt. Die Deutschen sind hier für sich und die Araber sind für sich. Die Migranten zahlen nur Steuern, aber das ist dann auch alles. In der Sonnenallee haben sie ihren eigenen Ort. Es gibt hier keine Vermischung.“ Dass es mittlerweile immer mehr erfolgreiche Menschen mit Migrationsgeschichten gibt, ist für Alaa kein Grund, selbst optimistisch zu sein. „Klar gibt es auch mal einen von hundert Syrern, der hier wirklich Erfolg hat – und das bedeutet dann schon viel. Aber es zeigt nicht, dass es Integration gibt. Das ist eine Illusion. In der Türkei war das besser. Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich mein Studium hier beenden wollte, aber das hat nicht geklappt. Das wäre in der Türkei viel einfacher gewesen. Vielleicht kann man außerhalb Berlins besser leben, aber hier ist es sehr schwierig. Deswegen will ich in die Türkei, bei meiner Familie sein und ein bisschen lernen, studieren.“ Von den Passant_innen am Alex, die an den Jugendlichen vorbeilaufen, wünscht er sich trotzdem mehr Verständnis. „Sie sollen nicht denken, dass alle Menschen mit dunklen Haaren Verbrecher sind. Es verletzt mich, dass sie, wenn ich die U-Bahn oder S-Bahn betrete, dann automatisch nach ihrer Tasche greifen, als würde ich sie sofort klauen.“ Er selbst habe studiert, eine seiner Schwestern sei Anwältin, die andere habe als Ingenieurin gearbeitet. „Wir sind keine Verbrecher“, wiederholt er noch einmal, und ergänzt: „Ich habe es ja geschafft, dass ich seit zwei Monaten keine Drogen mehr nehme, aber ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann. Manchmal gehe ich in Cafés in der Sonnenallee, aber meistens sind dann da auch nur Araber. Wenn es einen anderen Ort gäbe, wo ich sein kann, verschiedene Menschen treffen und mich zu Hause fühlen, wäre es für mich leichter.“

Die Gespräche am Alex machten uns deutlich, dass nach wie vor Orte fehlen, an denen Jugendliche sich aufgehoben fühlen können, auf andere Gedanken kommen und Ansprechpartner_innen für ihre Sorgen finden. Die Zahl an jungen Erwachsenen, die versuchen die Traumata der Flucht und den Verlust ihrer Familienstrukturen mit Drogen und Alkohol zu betäuben, ist besorgniserregend. Die Jugendlichen selbst wollen mehr, als ihre Zeit am Alex totzuschlagen. Seit einigen Monaten versucht der Senat, die Situation mit Freizeit- und Beratungsangeboten zu verbessern. In der Nähe des Fernsehturms gibt es nun einen Jugendclub, in dem sich die Jugendlichen an fünf Nachmittagen in der Woche treffen können. Ein Team von Sozialarbeiter_innen kümmert sich hier um die Jugendlichen und berät auch bei der Arbeitssuche und vermittelt Hilfen bei persönlichen Konflikten. Ob dies die Situation am Alex verbessert, bleibt abzuwarten – klar ist, dass es mehr braucht, um den Jugendlichen langfristig eine Perspektive zu bieten.

Foto: (c) JesterWrCC BY 3.0