Wie geflüchtete Schüler_innen die Schulen verändern

Bildschirmfoto 2016-09-06 um 11.04.22Das neue Schuljahr beginnt. Es ist Jahr zwei einer neuen Zeitrechnung, denn die Ankunft der Geflüchteten in Deutschland hat viele Schulen stark verändert. Zunächst waren Schulleitung und Kollegium oft auf sich gestellt, um die vielen neuen Schüler_innen in die Schulen zu integrieren. Inzwischen gibt es erste Routinen. Es wurden Wege ausprobiert, Fehler gemacht und Erfahrungen gesammelt. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Die Flüchtlinge sind da – Wie zugewanderte Kinder und Jugendliche unsere Schulen verändern und verbessern“ beschreiben die Journalist_innen Armin Himmelrath und Katharina Blass, was sich in den Schulen tut. Im ufuq.de-Interview erklärt Katharina Blass, worauf es ganz besonders ankommt.

Im Anschluss haben wir eine Liste zusammengestellt: Pünktlich zum neuen Schuljahr sind viele neue Materialien und Handreichungen erschienen. Allerdings, das ist nicht nur die These der Autorin Katharina Blass, kommt es am Ende vor allem auf eines an: Das Engagement der Lehrer_innen.

Viele Schulen haben sich im vergangenen Jahr stark verändert. „Die Flüchtlinge sind da“ heißt Ihr Buch, in dem Sie sich mit diesen Veränderungen beschäftigt haben. Was haben Sie beobachtet?

Die allermeisten Schulen wurden unvorbereitet in die Lage gebracht, dass sie die geflüchteten Schüler_innen aufnehmen mussten. Sie haben zum Teil spezielle Klassen eingerichtet, in denen die neuen Schüler_innen zunächst Deutsch lernen sollen, oder man hat versucht, sie in die bestehenden Klassen zu integrieren. Meistens haben die Schulen versucht, die Flüchtlingskinder aufzunehmen, ohne viel am bestehenden System zu verändern. Sie laufen so mit. Wir haben uns in unserer Recherche auf besondere Projekte konzentriert, in denen versucht wird, neue Wege zu probieren.

Katharina Bla__Katharina Blaß arbeitet als freie Wirtschaftsjournalistin in Hamburg. Sie studierte Medienwissenschaft in Passau, Bochum und Madrid, ist Absolventin der Henri-Nannen-Schule und schreibt hauptsächlich für Spiegel Online und den NDR.

Aus diesen Projekten kann man dann Beispiele übernehmen und sie in andere Bereiche übertragen? Was ist denn aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Genau. Es ist sehr wichtig, dass die Lehrer_innen ganz individuell auf die neuen Schüler_innen eingehen, ihnen das Gefühl geben, dass sie gesehen werden und dass auch das, was sie erlebt haben, was sie mitbringen, wichtig ist. Es zeigt sich, dass man dieses Kennenlernen auch richtig etablieren kann: Dass die neuen Schüler_innen aufgefordert werden zu zeigen und zu erzählen, wie es bei ihnen war. Wie etwa gefeiert wird, welche Gerichte bei ihnen gekocht werden, was sie in ihrer Heimat in der Freizeit gemacht haben.

Wäre es nicht wichtiger, sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, statt die Unterschiede so herauszustellen?

Es geht ums Kennenzulernen. Richtig, klassisches Kennenlernen. Das setzt voraus, dass man möglichst viel über den anderen erfährt. So wissen ja die wenigsten Kinder und Jugendlichen in Deutschland, wie Gleichaltrige in Afghanistan ihre Nachmittage verbringen. Natürlich, dort herrschen Gewalt und Krieg, aber viele Kinder hatten ja mal ein normales Leben und durch das Kennenlernen stellen Lehrer_innen und Schüler_innen fest, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten gibt: Die Kinder in Afghanistan spielen auch. Vielleicht spielen sie andere Spiele, aber das ist ja interessant. Die Jugendlichen machen auch Sport und spielen auch Playstation. Durch dieses Kennenlernen wird die Situation entmystifiziert.

Was meinen Sie damit?

Für viele hat die Situation etwas Bedrohliches: Da kommen viele neue, fremde Kinder aus schwierigen Verhältnissen, aus Ländern, in denen Krieg herrscht und sicherlich haben sie Schreckliches auf der Flucht erlebt. Hinzu kommt das Sprachproblem. Viele Lehrer_innen fühlen sich angesichts dieser Herausforderung überfordert. Indem sie die neuen Schüler_innen jedoch auf klassische Art kennenlernen, stellen sie fest, dass sie in erster Linie ganz normale Kinder und Jugendliche sind, die etwas lernen wollen und Anleitung brauchen.

Es kommt also vor allem auf das Engagement der Lehrer_innen an? Ist das nicht in der Tat eine Überforderung?

Es kommt natürlich auch auf die Politik und die Gesellschaft an. Es müssen neue Strukturen geschaffen werden. Lehrer_innen eingestellt, aus- und fortgebildet werden. Aber das braucht Zeit und wir können nicht so lange warten. Deswegen, und das ist die Aussage, die sich durch unser Buch zieht, kommt es in der Tat im Moment ganz entscheidend auf das persönliche Engagement jedes Einzelnen an. Wir können nicht auf den Ministerialerlass 123 warten, nach dem wir dann die Kinder Integrieren. Wir müssen jetzt anpacken!

Das hört sich aber doch einfacher an, als es ist. Was mache ich denn nun, wenn ich jetzt am Anfang des Schuljahres vor der Klasse stehe und da sitzen mehrere Kinder aus Afghanistan und Syrien?

In der Tat, ist es natürlich nicht mit dem Engagement der Lehrer_innen allein getan. Gerade, wenn es um traumatisierte Kinder geht, brauchen die Lehrer_innen Anleitung. Wann frage ich nach, wann höre ich auf zu fragen? Schwierig ist auch der Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen. Viele sind durch den Verlust ihrer Eltern viel zu schnell erwachsen geworden und es wäre wichtig, sie noch einmal in die Kindheit zurückzuholen. Auch hier sind wir bei den Recherchen zu dem Schluss gekommen, dass es entscheidend auf die Lehrer_innen-Persönlichkeit ankommt. Starke Lehrer_innen geben den Jugendlichen Halt. Sie müssen klarmachen, dass es Regeln gibt und zugleich zeigen, dass man erfolgreich sein kann, wenn man sich an die Regeln hält. Das gibt den Jugendlichen eine Perspektive.

Es wird ja viel darüber diskutiert, ob es besser ist, die Schüler_innen in spezielle Integrations- oder Willkommensklassen zu schicken oder sie in den Regelklassen mitlaufen zu lassen. Was meinen Sie?

Es gibt zu diesem Thema viele Theorien, aber keine wirkliche Evaluierung, aus der sich allgemeine Aussagen ableiten lassen. Klar ist, dass die Schüler_innen so schnell wie möglich Deutsch lernen müssen. Wie schnell das geht und wann sie dem Unterricht in Regelklassen folgen können, hängt unter anderem vom Schultyp ab. In der Grundschule, wo alle Kindern Lesen und Schreiben lernen müssen, kommen die Flüchtlingskinder schneller mit, als beispielsweise am Gymnasium. Wie soll man Mathe verstehen, wenn man die Worte nicht kennt? Auch die Größe der Schule spielt eine Rolle und auch hier spielt das Engagement der Lehrer_innen eine entscheidende Rolle.

Natürlich stellt sich bei all dem auch die Frage, was die Aufnahme der geflüchteten Schüler_innen mit dem Rest der Klasse macht.

Es gibt Studien dazu, dass die Leistung der Klasse insgesamt sinken kann. Wenn man allerdings genau hinschaut, so wird schnell klar, dass es weniger an der Herkunft der Kinder, als vielmehr an deren sozialen Lebensumständen liegt, dass sie weniger leistungsfähig sind. Aber, ja, es stimmt: In Klassen mit vielen Flüchtlingsschüler_innen ist das Leistungsniveau oft niedriger. Unser Ansatz ist aber, dies nicht so stehen zu lassen, sondern mit politischen Forderungen zu verknüpfen: Weil das so ist, brauchen wir mehr Lehrer_innen, bessere Fortbildungen, kleinere Klassen und besser ausgestattete Schulen.

Der Schulbuchmarkt zum Thema Flucht und Schule boomt: Pünktlich zum neuen Schuljahr haben Schulbuchverlage neue Unterrichtsmaterialien herausgebracht, die sich speziell an Klassen mit geflüchteten Schüler_innen richten, auch neue Handreichungen mit Anregungen und Tipps sind erschienen. Eine Auswahl:

Interessant ist hierzu die Materialliste der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.: https://www.gew.de/migration/flucht-und-asyl/material-fuer-die-praxis/

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bietet eine praktische Übersicht von Organisationen und Ansprechpartnern rund um das Thema: http://www.bamf.de/DE/Infothek/AnsprechpartnerAdressen/AdressenExtern/Bildung/SchuleSystem/schulesystem-node.html

Der Verlag Pro Schule gibt eine eigene Zeitschrift zum Thema heraus: Migration im Fokus. Mit praktischen Tipps und Unterrichtsanregungen.

Aktuelles und Hintergrundinformationen zum Thema Flucht bietet Mediendienst Integration.

Viele praktische Tipps wurden von Hanne Shah vom Zentrum für Trauma und Konfliktmanagement zusammengetragen und in der Broschüre Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in der Schule zusammengefasst.

Einen guten Überblick gibt der Artikel Flüchtlinge im Schulalltag, erschienen in Der Zeit.