Wahlaufruf von jungen Muslim_innen: „Wer nicht wählt, bekommt nur Mist!“

Pünktlich zum Super-Wahl-Sonntag am 13. März meldet sich i,Slam mit einem neuen Video: Wählen ist zwar eine komplizierte Angelegenheit, aber Nicht-wählen ist auch keine Lösung, so die Botschaft. Ebenfalls per Video wirbt auch die DITIB Jugend Baden-Württemberg bei Jugendlichen dafür, sich an den Wahlen zu beteiligen. Die Videos richten sich nicht nur gegen Politikverdrossenheit. Es sind auch wichtige Gegenstimmen gegen die Propaganda salafistischer Gruppen, die gegen Demokratie und Wahlen hetzen.

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Viele salafistische Prediger warnen ihre Anhänger_innen davor, sich an Wahlen zu beteiligen. Demokratie und menschengemachte Gesetze sind aus ihrer Sicht Teufelszeug und Muslim_innen, die sich daran beteiligen, riskierten ihr Seelenheil. Videos mit dem Titel: „Dieses x bringt dich in die Hölle!“ und „Beteiligung an Wahlen dient dem Teufel“ wenden sich direkt an Muslim_innen in Deutschland und sprechen eine deutliche Sprache.

Wer im Moment den Suchbegriff „Muslime und Wahlen“ oder „Dürfen Muslime wählen?“ bei Google eingibt, stößt vor allem auf Seiten, die diese Meinung vertreten. Schnell kann so der – falsche – Eindruck entstehen, dass es sich dabei um eine verbreitete Position handelt. Dabei liegt es aber vor allem daran, dass salafistische Gruppen im Internet aktiver sind als Vertreter_innen anderer Positionen. Tatsächlich lehnt nur eine Minderheit der muslimischen Gelehrten die Beteiligung an Wahlen ab. Das gilt sogar für sehr konservative Gelehrte. Eine Zusammenstellung solcher Stimmen, viele davon von saudischen Gelehrten, bietet die Seite News rund um die muslimische Welt. Ähnlich wie die Internetaktivist_innen von i,Slam bemüht sich auch diese Seite, der Netzhoheit salafistischer Gruppen etwas entgegenzusetzen. Sie wendet sich an ein religiöses Publikum. Die Aussagen salafistischer Prediger sollen durch den Verweis auf angesehene Gelehrte entkräftet werden.

I,Slam greift das Thema Wahlen hingegen aus einer Alltagsperspektive auf und fordert die Jugendlichen auf, selber nachzudenken. Es zeigt Jugendliche im ganz normalen Wahldilemma: Welches Haargel soll ich nehmen? Welche Pizza bestelle ich? In beiden dargestellten Szenen können sich die Protagonist_innen nicht schnell genug entscheiden und am Ende wird ihnen von einem anonymen Entscheider brauner Schaum in die Hand gedrückt: „Wer nicht wählt, bekommt nur Mist!“, so die Botschaft. Im zweiten Teil des Videos wendet sich i,Slammer Ilhan Kaan Hancer direkt an die Zuschauer_innen: „Du hast die Wahl – ich leider nicht, obwohl ich genau wie du hier geboren bin“. In Zeiten von Clausnitz, PEGIDA und Co. kann wählen eine Möglichkeit sein, an der Gestaltung unserer Gesellschaft teilzuhaben, so sein Argument.

Auch DITIB setzt hier an: Es werden verschiedene Politiker_innen mit türkischen Wurzeln gezeigt, die sich für Parteien in Baden-Württemberg engagieren und dort zur Wahl antreten. Sie betonen, dass es ihnen wichtig ist, mitzuentscheiden, wenn Politik in Deutschland gemacht wird. Zu Wort kommen auch junge Wähler_innen, die erklären, welchen Nutzen politische Beteiligung für sie hat. So wollen sie etwa eine gute Ausbildung haben und auch deswegen die Politik im Land mitgestalten.

Die zusammengestellten Videos können als Anregung für Diskussionen zum Thema Wahlen und Wahlbeteiligung mit Schüler_innen dienen. Dabei können sowohl die Perspektiven von religiösen als auch von nicht religiösen Schüler_innen angesprochen werden. Eine gute Zusammenfassung der Argumente findet sich in einem früheren Artikel von ufuq.de. Ein interessanter Seitenaspekt in dieser Debatte kann die Erwähnung des extremen Wandels salafistischer Gruppen in Ägypten und Tunesien 2011 bringen: Bis zur Arabellion hatten salafistische Prediger die Beteiligung an Wahlen und die Arbeit im Parlament als unislamisch abgelehnt. Als sich nach dem Sturz der alten Machthaber die Möglichkeit auftat, über die politische Arbeit zu Macht zu gelangen, gaben sie ihre bisherige Lehrmeinung auf und gründeten sogar Parteien. Ein Verweis hierauf kann deutlich machen, dass es sich auch bei salafistischen Lehrmeinungen nicht um ewiggültige „Wahrheiten“ handelt.

Anregungen zur pädagogischen Arbeit zu dem Thema finden Sie auch in unserem Dossier “‘Darf ich als Muslim wählen?’ Islam und Demokratie in der pädagogischen Praxis (nicht nur online)”.