ufuq.de-Fachtag: Von der Auseinandersetzung mit Kolonialismus bis zur Kritischen Weißseinsforschung und antimuslimischem Rassismus – Was hat das mit Islamismusprävention zu tun?

Theorie und Praxis in der Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus aneinander anzunähern und auf einander zu beziehen, war ein Ziel des ufuq.de-Fachtags am 26. September 2019 in Berlin. Kann es schnelle und einfache Lösungen für gesellschaftliche Widersprüche geben? Welche Rolle spielt es für die Präventionsarbeit, wenn vulnerable Gruppen die Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit machen? Worum geht es beim Kritischen Weißsein? ufuq.de-Mitarbeiterin Sakina Abushi fasst die Vorträge der Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. Maisha-Maureen Auma und Peggy Piesche zusammen.

In den vergangenen vier Jahren, in denen das ufuq.de-Modellprojekt „Protest, Provokation und Propaganda“ Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte im Themenbereich Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus anbietet, wurde deutlich, wie zentral die Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus für seine Zielstellung ist. Was bedeutet es für rassismuskritische Arbeit, wenn sie unter dem Dach der Islamismusprävention stattfindet? Welchen Stellenwert hat die Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus in der Islamismusprävention?

Das Team des Modellprojektes hat am 26. September 2019 in Berlin deshalb den Fachtag „Von der Auseinandersetzung mit Kolonialismus bis zur Kritischen Weißseinsforschung und antimuslimischem Rassismus – Was hat das mit Islamismusprävention zu tun?“ organisiert. Ziel des Fachaustausches war, dass sich Wissenschaftler_innen, Pädagog_innen und Akteur_innen der politischen Bildung intensiv zu diesen Fragen auseinandersetzen können. Als Referentinnen konnten Dr. Maisha-Maureen Auma, Professorin für Diversity Studies an der Hochschule Magdeburg-Stendal, und die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche gewonnen werden.

Der ausgebuchte Fachtag fand in Berlin-Kreuzberg statt. ufuq.de-Co-Geschäftsführerin Canan Korucu und Projektleiterin Mirjam Gläser begrüßten die Teilnehmenden aus ganz Deutschland.

Maisha-Maureen Auma leitete ihren Vortrag mit dem Titel „Präventionsbezogene Perspektiven mit durch anti-muslimischen Rassismus dehumanisierten Jugendlichen-of-Color aufbauen“ mit der Bemerkung ein, sie verstehe ihre Präsenz beim Fachtag auch als Akt der Solidarisierung mit anderen von Rassismus betroffenen Communitys. „Wir arbeiten an einem sehr aufgeladenen Gegenstand“, sagte sie. „Praxis muss mit Theoriearbeit fundiert werden, und Theorien müssen durch kritische Praxen fundiert werden.“

Hier können Sie den Vortrag von Maisha-Maureen Auma in voller Länge hören:
Die Präsentation können Sie hier herunterladen (pdf).

Sie wies zunächst auf die Diversität der Zuschreibung „muslimisch“ hin und lieferte eine Arbeitsdefinition für antimuslimischen Rassismus: Demnach sei jede Form der Marginalisierung, Exklusion, Diskriminierung und Dehumanisierung aufgrund der Zugehörigkeit oder Zuschreibung zur sozialen Gruppe „Muslim“, das heißt muslimisch markierter Menschen, als antimuslimischer Rassismus einzuordnen. Sie betonte, dass vulnerable Gruppen in Deutschland aktuell zwischen Anerkennung und Dehumanisierung schwanken würden. Zwar würden vulnerable Gruppen gesellschaftlich zunehmend als solche anerkannt (ein Beispiel sei der Nationaler Aktionsplan gegen Rassismus von 2017, der immerhin fünf Gruppen benennt), Ungerechtigkeiten blieben aber weiterhin institutionalisiert. Auma stellte Mainstreaming-Konzepte vor, die sich mit institutionellen Routinen befassen, die Ungerechtigkeiten festschreiben. Anerkennung, so Auma, bestehe nicht lediglich in Lippenbekenntnissen, sondern im Zugestehen von Mitteln und im Abbau von Barrieren, um vulnerablen Gruppen eine volle gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Sakina Abushi; Bild: Kostas StamoulisSakina Abushi ist Islamwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ufuq.de in Berlin. Sie ist verantwortlich für den Wissenschaftstransfer und die inhaltliche Betreuung der Webseite. Abushi studierte Islamwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Berlin, Kairo, Ramallah und Damaskus.

Im Anschluss ging Auma auf präventionsbezogene Fragen und Aufgaben ein. Sie verwies auf die Bedeutung von Vorbildern und verbindenden Figuren für präventionsbezogene Perspektiven; es sei unverzichtbar, dass Minderheiten gesellschaftlich als Autoritätsfiguren vorkämen (zum Beispiel in Behörden, als Lehrkräfte oder in der Polizei). Die präventive Perspektive müsse sich dabei bewusst sein, dass es keine schnellen und einfachen Lösungen für gesellschaftliche Widersprüche geben kann. Gerechtigkeitsorientiertes Handeln müsse die drei Elemente Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion beinhalten und zueinander in Beziehung setzen. Die Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit vulnerabler Gruppen sei eines der wichtigsten Instrumente der Präventionsarbeit. Auma schloss ihren Vortrag mit einem Exkurs in die Fantasie: Sie stellte ihren sogenannten „Pluralitätsrechner“ vor. Was ist, wenn dehumanisierte Menschen ihre Benachteiligung nicht mehr nachweisen müssen? Wenn die stigmatisierte Gesellschaft die Beweislast trüge?

Pluralitätsrechner: „…das Bild wechselt: EMPATHY GAP blinkt es auf meinem Bildschirm. Die Nachrichtensprecherin trägt jetzt ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift ‚I Met God, She’s Black’. Es gibt einen neuen Pluralitätsrechner. Er erfasst zu hohe Dosen von Dehumanisierung. Das Tagesprogramm aller öffentlichen Sender wird ständig neu berechnet und angepasst – sobald Werte (und Normen) entstehen, die weit unter den vom Pluralitätsrechner ermittelten Gerechtigkeitswerten liegen. Alle Personen, die zu hoher Diskriminierung ausgesetzt waren, werden über ihre Uhren, Ohrringe, mobile Endgeräte oder Chip-Implantate entschädigt, indem ihre Rundfunkgebühren verringert oder zurückgebucht werden. Zu Zeiten von Karneval und Halloween zum Beispiel, zahlen rassismuserfahrene Personen daher keine Gebühren! Sie machen sogar aufgrund von Whitewashing, Cultural Appropriation und Microaggressions ein dickes Plus auf ihrem Pluralitätsrechner! (…) Wie würde es aussehen, wenn dehumanisierte Subjekte und Kollektive nicht mehr die Aufgabe aufgebürdet bekämen nachzuweisen, dass eine Erfahrung rassistische Auswirkungen hat, dass ihnen „etwas Rassistisches“ gerade passiert ist? Diese Imaginationen, über die Umkehrung der Beweislast für Diskriminierung/Marginalisierung/Dehumanisierung von der stigmatisierten Person, hin zu der stigmatisierenden Institution/Gesellschaft, waren die Geburtsstunde für unseren „Pluralitätsrechner“. Er soll automatisch jede Dehumanisierung erfassen und berechnen und eine gerechte Entschädigung vollziehen. Der Pluralitätsrechner rechnet nicht nur anerkennungspolitisch, sondern auch mit dem Ziel der Umverteilung, der distributiven Gerechtigkeit. Er erfasst daher jede Form der Sorgearbeit (Pflegearbeit, Erziehungsarbeit, Reinigungsarbeiten) und entschädigt diese Arbeit, die ‚alle anderen Arbeiten’ erst möglich macht, gerecht.“ (vgl. Präsentation, pdf, S. 19)

Intersektionale Perspektive

Einige Grundgedanken zu Kritischer Weißseinsforschung aus intersektionaler Perspektive hat Peggy Piesche, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und transkulturelle Trainerin für Intersektionalität, Diversität, Inklusion, Rassismus- und Machtkritik sowie für kritische Weißseinsreflexion, in ihrem Vortrag „Kritisches Weißsein als empathisches Handeln“ vorgestellt.

Piesche leitete ihren Vortrag mit einer kritischen Bemerkung ein: Sie habe den Eindruck, dass bestimmte Gruppen aus der Präventionsperspektive pathologisiert würden und dass auf diese Weise eine Rezentrierung des normalisierten „Wir“ stattfände. Auch die politische Bildung benutze BPoC-Communitys als Folie, um gesellschaftliche Probleme zu verhandeln, die alle betreffen. Auf der anderen Seite hätten auch diese Kollektive einen Anspruch auf eine politische Bildung, die sie mit einschließe.

Hier können Sie den Vortrag von Peggy Piesche in voller Länge hören:

Piesche stellte die Frage, wie man zu einer inklusiven, diskriminierungskritischen Haltung kommen könne. Aus ihrer Sicht seien drei Schritte bedeutsam: Erstens müsse man eine machtkritische Wahrnehmung entwickeln und Wir- und Ich-Konzepte überprüfen. Zweitens müsse man eine diversitätsbewusste Haltung entwickeln und lernen, konstruktiv mit Diversität im eigenen Team umzugehen. Und drittens müssten aus dieser Haltung konkrete Handlungen entspringen. Die Referentin verwies insbesondere auf die Bedeutung von Sprache im Alltag. Differenzkategorien wie etwa sexuelle Orientierung, Behinderung, Race, Gender, Alter, soziale Schichtung, Religion und andere Ungleichheitsdimensionen würden täglich von uns sprachlich abgebildet. Unser Verständnis von Gesellschaft als normierendes Ganzes fördere Othering und die Verschleierung von Machtverhältnissen.

Piesche sprach davon, dass Kritisches Weißsein in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren durch eine oberflächliche Beschäftigung mit dem Konzept „besudelt“ sei, und bedauerte, dass das Potential des Konzeptes in Deutschland nicht ausgeschöpft werde. Beim Kritischen Weißsein gehe es, entgegen dem vorherrschenden Verständnis, nicht um Hautfarben, sondern um die Macht von Ordnungen. Weißsein als Differenzkonstruktion, als explizite und implizite Normsetzung, bliebe demnach meist unbenannt und stelle sich selten der eigenen Markierung. Kritisches Weißsein, so Piesche, sei ein Bewegungs- und Überlebenswissen aus den USA, keine reine Theorie, sondern ein praktisch fundiertes Wissen.

Um die Bedeutung von Sprache bei der Konstruktion von Differenz zu verdeutlichen, empfahl Piesche die Lektüre der Kurzgeschichte „Recicatif“ von Toni Morrison (1983). Die Geschichte spielt mit Ordnungsprinzipien und ermöglicht ein Verständnis der Macht derselben. Piesche schloss mit dem dringenden Rat, sich Zeit für die machtkritische, rassismuskritische Wahrnehmung des Alltäglichen und die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien zu nehmen. Es ginge, so Piesche, nicht um Befindlichkeiten, sondern darum, ein Bewusstsein von Ordnungsprinzipien und Machtarchiven zu entwickeln und sich die Frage zu stellen: Was ist die Norm, und bin ich Teil von ihr?

Podiumsdiskussion und Themenräume

Die ufuq.de-Mitarbeitenden Mirjam Gläser und Alioune Niang moderierten die anschließende Podiumsdiskussion mit beiden Referentinnen. Dabei wurde etwa der USA-Kontext zu antimuslimischem Rassismus miteinbezogen und die Situation in Mexiko und anderen lateinamerikanische Ländern thematisiert, in denen Menschen andere rassistische Erfahrungen machen. Zur Frage aus dem Publikum, ob die Schule der richtige Ort für die Auseinandersetzung mit Rassismus sei, da sie Rassismus strukturell reproduziere, gab es von den Referentinnen eine klare Antwort: Weil wir alle die Schule durchlaufen, sei das der richtige Ort, wobei Verstärkung durch außerschulische Einrichtungen sinnvoll sei. Ein weiteres Thema war der Begriff Othering – Maisha-Maureen Auma etwa hat dazu für sich entschieden, lieber von „Differenzen“ zu sprechen.

Am Nachmittag haben ufuq.de-Mitarbeiter_innen Arbeitsgruppen in folgenden Themenräumen geleitet:

  • Konkrete Fälle zu antimuslimischen Rassismus aus der Praxis
  • Wie umgehen mit strukturellem Rassismus?
  • Wie umgehen mit der Verflechtung von Rassismus und Sexismus?
  • Zum pädagogischen Umgang mit Konflikten anhand des ufuq.de-Kartensets „The kids are alright!“
  • Online-Prävention zwischen Antidiskriminierungsarbeit und Radikalisierungsprävention.

Im Anschluss an die Themenräume kamen die Teilnehmer_innen zu einem Austausch im Plenum zusammen. Sie stellten zentrale Ergebnisse der Diskussionen in den Themenräumen vor und suchten Verknüpfungen der verschiedenen Aspekte zueinander. Mit einer Zusammenfassung und einem gemeinsamen Ausblick schloss der Fachtag.

Zum Weiterlesen

Jawaneh Golesorkh, Bilder des Islams in medialen Lebenswelten – Zwischen antimuslimischem Rassismus und muslimischer Selbstermächtigung, www.ufuq.de, Juni 2019

Ramses Michael Oueslati: Standhalten – Umriss einer rassismuskritischen Didaktik und Unterrichtspraxis, www.ufuq.de, Februar 2018

Aylin Yavaş, Antimuslimischer Rassismus: Erfahrungen aus unseren Workshops, www.ufuq.de, Juni 2016