Überlegungen zur Rolle islamischer Initiativen und Vereine in der Bildungs- und Sozialarbeit

Erstens, die Förderung von islamischen Vereinen und Initiativen in Deutschland ist überfällig. Islamische Vereine sind ein Zeichen für die gelungene Einbürgerung des Islam in die Gesellschaft. Sie sind auch deshalb notwendig, weil sie die Realität in den Stadtteilen wiederspiegeln. Dennoch bestehen unter vielen nicht-islamischen Akteuren weiterhin deutliche Vorbehalte gegenüber einer Zusammenarbeit mit islamischen Trägern. Diese Vorbehalte gehen bisweilen soweit, dass sich einzelne Vereine einer offenen Kriminalisierung durch die Behörden ausgesetzt sehen. Diese Kriminalisierung betrifft nicht nur Initiativen aus dem salafitischen Spektrum, die aus gutem Grund von den Sicherheitsbehörden beobachtet werden. Es trifft auch Vereine wie die Muslimische Jugend Deutschland, die als Ansprechpartner und als Projektträger diskreditiert werden. Diese Vorbehalte frustrieren ernsthafte Bemühungen dieser Vereine, sich gegenüber der Gesellschaft zu öffnen – und befördern letztlich eine Abgrenzung gegenüber der Umwelt.

Zweitens, der Islam ist keine Lösung für soziale Probleme und Konflikte! Bevor man islamische Vereine als Akteure im Stadtteil einbindet, sollte man sich vergewissern, warum man das tut, warum es gerade ein islamischer Träger sein soll – und nicht der türkische Fussballverein oder der kurdische Kulturverein um die Ecke – mit dem man die Zusammenarbeit sucht. Denn trotz aller Vorbehalte gibt es auf kommunaler Ebene immer wieder Ansätze, mit islamischen Vereinen zu kooperieren. Der Anlass für solche Kooperationen sind dabei oft Konflikte, die man meint, mit dem Islam – oder mit Vertretern des Islam – lösen zu können. Beispiele für solche Projekte sind gemeinsame Streifen von Polizei und Imamen in sozialen Brennpunkten, von denen man sich mehr Einfluss auf Jugendliche verspricht. Solche Projekte neigen dazu, eine Islamisierung von Konflikten zu befördern, während Lösungen vor allem auf sozialer und politischer Ebene zu suchen wären. Die Folge ist auch in diesem Fall eine Verhärtung von exklusiven Identitätsmustern – und zwar sowohl unter Muslimen als auch unter Nicht-Muslimen.

Diese Thesen möchte ich Folgenden kurz erläutern. Ein zentrales Ergebnis der diversen Studien, die in den vergangenen Jahren unter deutschen Muslimen durchgeführt wurden, ist die große Bedeutung von subjektiven Diskriminierungserfahrungen. Die Erfahrung von Diskriminierung und Marginalisierung prägt das Verhältnis gerade von Jugendlichen gegenüber der Gesellschaft. Auch vor diesem Hintergrund gab es in den vergangenen Jahren verstärkt Bemühungen, die Selbstorganisation von Migranten zu fördern, damit diese ihre Interessen aktiv und effektiv gegenüber der Gesellschaft geltend machen können. Dies ist ein wichtiger Bruch mit der Tradition der Ausländerbeiräte, die in der Regel kaum realen Möglichkeiten der Beteiligung eröffneten.

Umso bedenklicher sind die Probleme, mit denen manche islamische Vereine, in denen oft vor allem auch junge Muslime aktiv sind, zu kämpfen haben. Hier in Berlin sind die Auseinandersetzungen um den Verein Inssan ein Beispiel dafür, wie man einen Verein, der den politisch Verantwortlichen inhaltlich suspekt ist, durch administrative Manöver auflaufen lässt. Auf Bundesebene sind die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) und die Muslimische Jugend Deutschland Beispiele für mehr oder weniger deutliche Versuche, Vereine als Ansprechpartner zu diskreditieren – ohne dass man dabei wirklich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Vereinen suchen würde.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Man kann und sollte über die Inhalte und Ziele dieser Vereine streiten und es gibt gute Gründe, Organisationen wie der IGMG aufgrund ihrer ideologischen Ausrichtung mit deutlichen Vorbehalten zu begegnen. Das Problem dabei ist, dass diese Auseinandersetzung eben gerade nicht inhaltlich und mit den Vereinen geführt wird. An einem Beispiel aus einem anderen Zusammenhang lässt sich dieses Problem sehr gut verdeutlichen. Im April 2008 fand in Bremen das Christival statt, ein Festival junger Christen, die zu einem Teil dem evangelikalen Spektrum zuzuordnen sind – also aus einem Spektrum, das von manchen Beobachtern als „fundamentalisch“ beschrieben wird. Im Vorfeld dieses Festivals, das mit öffentlichen Geldern gefördert wurde, gab es entschiedene Proteste als bekannt wurde, dass auf der Veranstaltung ein Seminar stattfinden sollte, in dem die Heilung von Homosexualität in Aussicht gestellt wurde. Das Seminar fand angesichts der Proteste nicht statt, das Festival wurde aber dennoch mit großzügiger öffentlicher Unterstützung abgehalten.

Einem islamischen Träger wäre dies nicht durchgegangen. An Vereinen wie der IGMG oder der Muslimischen Jugend Deutschland haftet der Makel, dass sie in den Verfassungsschutzberichten auftauchen – und schon aus diesem Grund sind sie für viele nicht-muslimische Akteure diskreditiert. Erst vor einigen Wochen wurde der MJD die Gemeinnützigkeit aberkannt, weil sie in verschiedenen Verfassungsschutzberichten erwähnt wird, obwohl sich der Verein in der vergangenen Jahren nachweislich verändert und deutlich um eine Öffnung bemüht hat. Das heißt nicht, dass die Inhalte und Ziele des Vereins mittlerweile gänzlich unproblematisch wären. Manche Veröffentlichungen, die von der MJD vertrieben oder veröffentlicht werden, spiegeln bis heute ein Menschenbild, das mit modernen pädagogischen Ansätzen und Zielen kaum vereinbar ist. Dennoch wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen, wenn es um öffentliche Zuschüsse oder um öffentliche Anerkennung geht. Aus Sicht islamischer Vereine spiegelt sich darin der Unwillen, islamische Vereine überhaupt als gesellschaftliche Akteure zu fördern – was eine Öffnung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft weiter erschwert.

Wenn es um die Zusammenarbeit mit islamischen Initiativen in der Jugend- und Sozialarbeit geht, bedeutet dies allerdings auch, und das betrifft meine zweite These, dass man zunächst einmal klären sollte, warum es eigentlich gerade islamische Vereine sind, mit denen man in Kontakt tritt. Schließlich ist es keineswegs selbstverständlich, dass sich Jugendliche mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund von islamischen Vereinen angesprochen fühlen. Auch wenn es um christliche Jugendliche geht ist eine Zusammenarbeit mit christlichen Trägern ja nicht unbedingt die beste Lösung.

Viele Migranten kritisieren die Festlegung auf den Islam, die durch Nicht-Muslime oft noch befördert wird. Die zunehmende Religiosität unter Jugendlichen lässt sich insofern auch mit der Bedeutung erklären, die dem Islam von Nicht-Muslimen zugemessen wird. Für einen türkischen Kulturverein ist es mitunter schwieriger als für einen Moscheeverein, sich in der Öffentlichkeit mit seinen Belangen Gehör zu verschaffen – und auch als Schüler ist einem oft mehr Aufmerksamkeit sicher, wenn man sich als Muslim zu erkennen gibt. Als Deutschtürke oder Deutscharaber ist es deutlich schwieriger, über seine Person ins Gespräch zu kommen. Wen interessiert schon die Migrationsgeschichte der Eltern, wenn man sich in einer Projektwoche auch über das Fasten oder die Pilgerfahrt unterhalten kann. Nicht zufällig boomt der Buchmarkt über den Islam, während Bücher über den Bürgerkrieg in Jugoslawien oder die Fluchterfahrungen von Kurden oder Libanesen in Deutschland eher die Ausnahme sind.

Aber auch inhaltlich ist es nicht immer sinnvoll, mit islamischen Vereinen zusammenzuarbeiten – selbst wenn man gerade muslimische Jugendliche erreichen will. Der Islam ist eben nicht die Lösung, auch wenn dies von manchen islamischen Vereinen behauptet wird. Die großen islamischen Verbände weisen zu recht immer wieder darauf hin, dass sich Probleme wie Jugendkriminalität oder -gewalt eben nicht mit dem Islam erklären lassen. Es spricht daher aber auch wenig dafür, Religion als Lösung dieser Konflikte aufzuwerten. Gemeinsame Streifen von Polizeibeamten und Imamen, wie sie in manchen Städten in der Diskussion sind, mögen in den Medien auf großes Interesse stoßen. Für Jugendliche haben sie allerdings eine zwiespältige Botschaft. Sie lautet: „Die Religion ist eine Autorität, die du genauso wie die Polizei zu achten hast!“ Der Religion wird dabei eine Bedeutung zugeschrieben, die ihr im Alltag vieler Muslimen eben nicht zwangsläufig zukommt. Der Alltag von Muslimen wird hier in gewisser Weise von außen islamisiert, was eine Abgrenzung der angesprochen Jugendlichen befördert.

Auch hier drängt sich der Vergleich mit christlichen Vereinen in der Sozial- und Jugendarbeit auf. Als Ergänzung zu anderen Angeboten, die ohne Religion auskommen, erfüllen sie eine wichtige Aufgabe – dennoch ist es erst die Vielfalt der Angebote und Träger, die es Jugendlichen erlaubt, nach eigenen Interessen und Vorlieben zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen. In diesem Sinne sind die islamischen Initiativen und Vereine, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, durchaus überfällig. Sie fordern zu recht ihren Platz in den kommunalen Strukturen. Sie sind eine wichtige Ergänzung – aber eben kein Ersatz für die bestehenden Angebote. Neben unterschiedlichen Sport- und Kulturvereinen und sozialen Projekten ist dabei auch für islamische Akteure ausreichend Platz – ob ein muslimisches Mädchen dann zum Mädchensport ins islamische Zentrum, zum Schwimmen ins städtische Jugendhaus oder zum Selbstverteidigungskurs eines freien Trägers geht, sollte ihr selbst überlassen bleiben. Und man sollte alles dafür tun, damit sie diese Wahl auch tatsächlich treffen kann. Es wäre daher nicht im Sinne einer solchen Wahlmöglichkeit, wenn die Kürzungen im sozialen Bereich durch islamische Vereine, die sich oft als multifunktionale Ansprechpartner im Kiez profilieren, ausgeglichen würden.

Dieser Appell, alles zu tun, um die Vielfalt der Angebote im Stadtteil zu gewährleisten, richtet sich dabei nicht nur gegen jene Stimmen, die hinter jedem islamischen Verein eine Verschwörung zur Islamisierung der Gesellschaft vermuten. Er wendet sich auch gegen Vertreter mancher islamischer Vereine, die mit der Parole „Der Islam ist die Lösung!“ in die Jugend- und Sozialarbeit drängen und den Islam als allgemeingültigen Maßstab durchsetzen wollen.

Die heftig geführte öffentliche Debatte um das öffentlich geförderte Christival könnte in dieser Hinsicht auch für die Auseinandersetzung mit islamischen Vereinen als Vorbild dienen. Auch hier sollten sich Kritik und Anerkennung nicht zwangsläufig entgegenstehen.