Über Twilight zur politischen Bildung: Das Mentoring-Programm „Dialog macht Schule“

Für jeweils zwei Stunden in der Woche gehen ausgebildete Dialogmoderator_innen des Mentoring-Progamms Dialog macht Schule in Schulklassen und arbeiten dort dialogisch-partizipativ mit Jugendlichen zu Themen wie Heimat, Rassismus und Gerechtigkeit. Aktuell ist das Programm in Berlin, Hamburg, Hannover und Stuttgart im Einsatz. Eine solche politische Bildungsarbeit ist auch ein Beitrag zur Präventionsarbeit, wie die Gründer Hassan Asfour und Siamak Ahmadi im Interview mit Aylin Yavas erklären. 

Hassan und Siamak, wie entstand die Idee zu Dialog macht Schule?

Hassan Asfour: Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das Modellprojekt „Jugend, Religion, Demokratie“ 2009 zusammen mit der Robert Bosch Stiftung initiiert. Es ging darum, neue Zugänge der politischen Bildung für eine immer größer werdende Gruppe von jungen Menschen zu schaffen, die nicht mehr durch die klassischen Konzepte der politischen Bildung erreicht werden und die sich auch nicht mit der Gesellschaft identifizieren. So entstand die Idee, dass junge Leute an die sogenannten „segregierten“ Schulen gehen, die entweder selbst eine Einwanderungsgeschichte haben oder ganz intensive interkulturelle Erfahrungen gemacht haben, und dort langfristig mit den Jugendlichen mit einem dialogisch-partizipativen Ansatz arbeiten. Siamak und ich sind 2011 dazu gekommen. Eine der Leitfragen damals war, wie wir lebensweltliche Themen von Jugendlichen mit Politik und Gesellschaft verbinden können.

photo_2015-07-29_11-36-41 (2)Heute arbeiten wir sehr ähnlich, 2013 ist aus diesem Modellprojekt „Dialog macht Schule“ entstanden. Wir teilen die Klasse in zwei Gruppen, sodass maximal 13 Schüler_innen in einer Gruppe sind, und treffen uns einmal in der Woche für zwei Stunden als Zusatzangebot zum Unterricht oder in verpflichtenden AGs. Die vorher ausgebildeten Dialogmoderator_innen bauen in der ersten Phase, der Erkundungsphase, die Vertrauensbasis auf und kommen hier schrittweise mit den Schüler_innen über ihre Themen und Interessen ins Gespräch und nehmen sie vor allem ernst.

Je besser das Vertrauensverhältnis ist, desto besser kommen die Dialogmoderator_innen mit ihnen ins Gespräch. Das ist wichtig, weil es teilweise auch um sehr persönliche und heikle Themen geht, wie Diskriminierung oder familiäre Probleme. Aber auch die Dialogmoderator_innen sollen sich öffnen, um das Vertrauen zu stärken.

Darauf folgt die Vertiefungsphase. Hier werden die Themen tiefergehend besprochen, die die Schüler_innen interessieren. In der dritten Phase werden den Jugendlichen Handlungsoptionen aufgezeigt. Ziel ist es, dass sie selbst aktiv werden. Zum Abschluss erarbeiten wir ein gemeinsames Projekt. Aktuell läuft beispielsweise in Berlin ein Abschlussprojekt, da haben die Schüler_innen Fotos und Audioaufnahmen von ihrem Kiez gemacht und stellen so ihre Lebenswelt vor. Die Aufnahmen werden dann im Museum vorgestellt, das ist für sie eine Gelegenheit öffentliche Anerkennung zu bekommen.

Zu welchen Themen arbeitet ihr mit den Klassen?

Siamak Ahmadi: Die Themen sind erstmal offen. Die Dialogmoderator_innen gehen kreativ darauf ein, was die Schüler_innen interessiert. Eigentlich sollte so auch ein Curriculum aufgebaut sein – sogenannter adaptiver Unterricht orientiert sich ja an der Gruppe – doch leider wird das viel zu selten umgesetzt.

Konkret hieße das zum Beispiel: Wir haben mitbekommen, dass Schülerinnen in einer Klasse mit überwiegend muslimischen Jugendlichen über Robert Pattinson aus dem Film Twilight sprachen und der Meinung waren, dass er ein Traummann für sie wäre. Die Jungs haben sich für Megan Fox als Traumfrau entschieden. Wir haben dann angemerkt, dass beide keine Muslim_innen sind, worauf die Schüler_innen sagten, dass man in dem Fall ein Auge zudrücken kann. Wir haben dann gefragt: „Was macht ihr, wenn ihr ein Kind mit dieser Person bekommt? Welche Religion bekommt das Kind?“ So entstand eine Diskussion. Die Schüler sagten: „Wir sind die Männer, wir bestimmen das.“ Die Schülerinnen entgegneten: „Nein, wir tragen dieses Baby neun Monate in uns. Wir haben das auch zu entscheiden.“ Irgendwann kam der Vorschlag eines Kompromiss: „Wir können warten, bis das Kind alt genug ist, um selbst zu entscheiden, bis dahin bekommt es beide Religionen mit.“ Und so sind wir von einem Alltagsthema in eine Diskussion über Geschlechterrollen, Romantik und Religion gekommen. Es gibt aber auch aktuelle Themen, die die Schüler_innen interessieren und die wir aufgreifen und übertragen, so wird aus Charlie Hebdo das Thema Sicherheit und Freiheit. Aus Facebook wird Datensicherheit – NSA – Freiheit – Sicherheit.

Hassan Asfour: Das Wichtigste für uns ist eigentlich, dass die Schüler_innen in der Schule einen Raum bekommen, in dem sie über ihre Themen sprechen können. Denn im Schulalltag gibt es diesen Raum oft nicht. Wir sind keine Lehrer_innen, wir benutzen eine andere Sprache, sind auch Identifikationsfigur. Das Alter, die Herkunft, die Sozialisierung machen einen großen Unterschied. Mit uns können sie über das sprechen, was sie beschäftigt, das sind zum Beispiel oft Themen, die mit ihrer Identität zu tun haben: „Wo komme ich her? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Bin ich Deutscher, bin ich es nicht?“ Oft sind es auch Themen, die heiße Eisen sind, wie der Nahost-Konflikt, die in der Lebenswelt der Jugendlichen eine große Rolle spielen. So bekommen sie einen Raum für ihre Themen und ein Angebot, auf sehr niedrigschwelliger Ebene neue Perspektiven kennenzulernen, kritisch zu sein, ihre Meinung zu begründen und andere Meinungen auszuhalten.

Siamak Ahmadi: Ein Ziel von Dialog macht Schule ist es, diese persönlichen, sozialen, moralischen und demokratischen Kompetenzen zu stärken. Präventiv wirkt Dialog macht Schule dadurch, dass wir versuchen, in einer Phase, in der die eigene Identität gesucht wird, auf die Bedürfnisse der Schüler_innen einzugehen, das heißt ihnen einen Raum zu geben, wo sie einfach über ihre Identitäten sprechen können. Und das auch in einen positiven Rahmen zu setzen.

Oft ist ein sogenannter „Migrationshintergrund“ ja negativ behaftet, die Schüler_innen glauben, sie hätten damit nicht die gleichen Chancen. Manchmal wird ihnen auch von Lehrer_innen das Gefühl gegeben, dass von ihnen weniger erwartet werden kann. Viele haben das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert zu werden.

Die unterschiedlichen Lebenswelten können zu Spannungen führen, darüber müssen Schüler_innen sprechen können. Wir versuchen ihnen durch unsere Dialogmoderator_innen, die auch Vorbilder sind, ihr Potenzial aufzuzeigen: Ihr könnt euch zwischen verschiedenen kulturellen Räumen bewegen. Ihr könnt die unterschiedlichen Stränge vereinen. Ihr werdet gebraucht in dieser Gesellschaft!

Was ist eigentlich unter eurem „dialogisch-partizipativen Ansatz“ zu verstehen?

Siamak Ahmadi: Dialogisch meint, dass wir in den Dialog treten mit den Schüler_innen und in der Interaktion versuchen herauszuarbeiten, was die Gruppe interessiert. Dazu gehört auch, nicht immer in die Argumentationsebene zu kommen. Das heißt, es kann passieren, dass konfrontative Aussagen kommen, wie beispielsweise „du Scheißjude“. Da können die Dialogmoderator_innen natürlich in die Konfrontation gehen und nach der Ursache fragen. Das wäre die argumentative Ebene. Man kann den Zugang aber auch über die narrative Ebene bekommen und nach einem Beispiel fragen: „Erzähl mal, wie kommst du denn eigentlich darauf?“ Das bedeutet auch, dass wir uns mal zurücknehmen: Mal kurz überlegen, wie etwas gemeint ist, um eine passende Interventionsstrategie zu entwickeln; gut zuzuhören und versuchen herauszuarbeiten, was eigentlich dahinter liegt. Und partizipativ ist das, was danach folgt, also die Jugendlichen handlungsfähig zu machen und danach zu fragen, wie die Schule miteinbezogen werden kann.

Hassan Asfour: Zum Partizipativen gehört auch, dass die Schüler_innen die Themen mitbestimmen, denn der Ausgangspunkt jedes Dialogs ist die Gruppe.

Das klingt nach einem vielversprechendem Konzept. Gibt es denn auch Schwierigkeiten in eurer Arbeit? Was funktioniert besonders gut?

Hassan Asfour: Wir arbeiten mit sehr heterogenen Gruppen. Die Schüler_innen kommen teilweise aus sehr schwierigen Familienverhältnissen, wollen darüber nicht sprechen und können nur sehr langsam Vertrauen aufbauen. Manchmal lassen die Schüler_innen einander nicht aussprechen oder sind aggressiv.

Es ist schwierig, da eine Balance zu halten, einerseits wollen wir einen sicheren Raum schaffen, in dem alle sagen können, was sie möchten, ohne auf Ablehnung zu stoßen. Andererseits dürfen die Grenzen der Mitschüler_innen nicht überschritten werden.

Siamak Ahmadi: Gut funktioniert unsere langfristige Intervention. Mittlerweile treffen wir auch Alumni-Schüler_innen und schauen, ob und wie das Programm langfristig wirkt. Einige der Schüler_innen, mit denen wir gearbeitet haben, engagieren sich heute auf unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlich.

Vielen Dank für das Gespräch!