Über die Vereinbarkeit von Queerness und Muslimisch-Sein: ufuq.de veröffentlicht neues Video-Modul „LGBT… What?!?“

Titelgrafik des ufuq.de-Firmmoduls 4 LGBT… What; Illustration: Kays Khalilufuq.de und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg haben im Kooperationsprojekt „Alternativen Aufzeigen!“ ein viertes Videofilm-Modul „LGBT… What?!?“ veröffentlicht, mit dem pädagogische Fachkräfte die Themen Identität und Zugehörigkeit, Geschlecht und Sexualität behandeln können. Queer und muslimisch, wie geht das zusammen? Die Frage stellen sich viele. Die Filme unterstützen Lehrkräfte darin, mit Jugendlichen über komplexe und sensible Fragen ins Gespräch zu kommen, die zum Alltag von Jugendlichen gehören. Zum Modul gehören Übungen für muslimische wie nicht-muslimische Jugendliche ab der Klasse 5.

Das Modul „LGBT… What?!?“: Über die Vereinbarkeit von Queerness und Muslimisch-Sein besteht aus vier Filmen von 6 bis 14 Minuten Dauer und ausführlichem Material (je 34 Seiten im Format A4) für drei Übungen. Die Übungen stehen als pdf-Dateien zur Verfügung, die Videos können sowohl über Youtube angesehen als auch heruntergeladen werden.

Im ersten Film werden zunächst wichtige Begriff zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt erklärt. Die Protagonist*innen erzählen, wie sie persönlich ihre eigene Religiosität und das Queer-Sein miteinander vereinbaren. Der zweite Film greift ein Jugendtheaterstück auf, das die bewegende Geschichte des heute erwachsenen LGBTIQ-Aktivisten Nasser El-Ahmad auf die Bühne gebracht hat: das Outing, die Ausgrenzung, seine Religiosität und sein Eintreten für die Rechte queerer Menschen.

Im dritten Film erfahren die Schüler*innen von Kübra und Olcay, wie sie Hürden, innerliche Konflikte und die Angst erlebt haben, nach dem Outing nicht mehr zur Familie zu gehören. Aber auch, wie es den beiden trotz Diskriminierungen gelingt, ein zufriedenes Leben zu führen. Drei Expert*innen, die zugleich als Muslim*innen über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen, erläutern im vierten Film solche und andere Erfahrungen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und erklären die Begriffe Gender, Queerness und Intersektionalität (Mehrfachdiskriminierung, Überschneidung unterschiedlicher Diskriminierungsformen).

Die drei Übungen „Identität zwischen Queerfeindlichkeit, Rassismus und Religion“ (Hintergrund), „Homosexualität als Teil religiöser Vielfalt verstehen“ (Biografien) und „Gender, Queerness und Intersektionalität – Mehrfachdiskriminierung verstehen“ (Mitreden) sind für jeweils vier bis neun Unterrichtsstunden ausgelegt. Der zeitliche Ablauf ist detailliert beschrieben, wesentliche Teile des benötigten Material werden bereitgestellt. Im Glossar werden Begriffe erläutert, die für das Filmmodul relevant sind.

Drei Fragen an Deniz Ünlü (Buch und Regie)

Logo der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Deniz Ünlü ist Sozialwissenschaftlerin und hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) gemeinsam mit ufuq.de die Filmprojekte „Islam, Islamismus und Demokratie. Kurzfilme für die pädagogische Arbeit mit jungen Muslimen“ und „Alternativen aufzeigen“ realisiert.

Worin bestanden besondere Herausforderungen bei den Motiven und bei der Auswahl der Protagonist*innen für dieses Modul?

Deniz Ünlü: Für „Alternativen Aufzeigen!“ haben wir auch früher schon komplexe Themen für Unterrichtsmodule aufbereitet. Doch die Fragen rund um Gender, Queerness und Islam haben uns am meisten herausgefordert, da sie sehr persönlich sind und gleichzeitig politisch sowie gesellschaftlich relevant – und hochaktuell. Die Kombination von religiösem Selbstverständnis und Sexualität erscheint für manche womöglich provokant. Viele Menschen aus der LGBTIQ*-Community, die sich zu ihrem Glauben bekennen, haben Diskriminierungserfahrungen gemacht oder wurden sogar angefeindet. So ging es auch unseren Protagonist*innen. Einzelne hatten auch Schwierigkeiten mit ihren Familien. Aufgrund dieser Erfahrungen hatten viele Vorbehalte, öffentlich darüber zu sprechen. Deshalb war es für uns nicht leicht, diese beeindruckenden Menschen zu finden, die sich trotzdem getraut haben, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Bei der Auswahl unserer Protagonist*innen haben wir darauf geachtet, Menschen vorzustellen, die wir als Vorbilder für Jugendliche sehen. Sie sind – egal, ob queer oder nicht, ob gläubig oder nicht – Aktivist*innen. Für alle geht es um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Unser Protagonist Zuher sagt: „Wenn niemand den Mund aufmacht, wird sich nichts verändern. Dann wird es nicht normal sein, dass Menschen muslimisch und queer sein können. Da braucht es die Unterstützung von Männern, von Frauen, von Heterosexuellen, von Alt, von Jung, die sagen: Wir wollen euch unterstützen.“

Welche Überraschungen gab es bei der Produktion, und wie hat sich dies auf das Modul ausgewirkt?

Dies sind unserer Kenntnis nach die ersten pädagogischen Materialien zum Themenfeld Queerness, Gender, intersektionale Diskriminierung und Religion. Das hat mich ziemlich überrascht. Wir wollten den Themen deshalb besonders gut gerecht werden, und ich hoffe, dass wir es ansatzweise geschafft haben, verschiedene Aspekte zu beleuchten.

Was die mögliche Wirkung des Moduls bei Jugendlichen oder – weiter gefasst – für die Entwicklung der Gesellschaft angeht: Welche Aspekte hältst Du für besonders interessant?

Mehrere Aspekte finde ich interessant und wichtig. Wir erhoffen uns, dass unser Modul zu einer Auseinandersetzung mit Fragen wie zum Beispiel der Mehrfachdiskriminierung junger Muslim*innen beiträgt: Was bedeutet es, homosexuell und muslimisch zu sein? Warum ist unsere Gesellschaft auf zwei Geschlechter ausgerichtet, und warum gibt es so wenig Platz für Menschen, die sich dort nicht verorten? Was die Wirkung betrifft, wollen wir zeigen, dass Queerness und Muslimischsein selbstverständlich vereinbar sind. Sichtbarkeit von jungen, queeren Muslim*innen ist von gesellschaftlicher Relevanz. Aus meiner Sicht ist die Frage „Wessen Stimmen werden gehört“ von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung und das Zusammenleben. In diesem Modul hören wir Menschen zu, die nicht überall ein Podium bekommen.

Zum Weiterlesen

Alternativen zum Schwarz-Weiß-Denken: Die HAW und ufuq.de präsentieren neue Kurzfilme für den Unterricht, ufuq.de, April 2016.

Alternativen aufzeigen! Kurzvideos zu Islam, Islamfeindlichkeit, Demokratie und Islamismus für Internet, Schule und Jugendarbeit, ufuq.de, Januar 2016.

„Der Islam ist vielfältig, positiv und selbstverständlich“ – Erfahrungen mit den Filmen „Islam, Islamismus und Demokratie“, ufuq.de, Februar 2012.


Das Modellprojekt „Alternativen aufzeigen!“ von HAW Hamburg und ufuq.de wurde im Zeitraum von 2015 bis 2019 gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.

Ein Kooperationsprojekt von ufuq.de und der

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