Teamer_innen-Fachaustausch: „Wie wollen wir leben?“

Die ufuq.de-Workshops „Wie wollen wir leben?“ werden bundesweit an acht verschiedenen Standorten umgesetzt. Im November 2018 kamen Teamer_innen aus ganz Deutschland in Berlin zusammen, um sich auszutauschen und gemeinsam weiterzubilden. Ein Bericht vom Fachaustausch.

Ende November war es mal wieder so weit: Zum zweiten Mal fand vom 23. bis 25. November 2018 in Berlin der Teamer_innen-Fachaustausch für das ufuq.de-Projekt „Wie wollen wir leben“ statt. Das Projekt besteht seit 2011 und ist damit das älteste Projekt von ufuq.de. In den Workshops diskutieren junge Teamer_innen mit Jugendlichen rund um die Themen Islam und Religion, Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen oder Geschlechterrollen. Das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen und einen Raum für Gespräche zu eröffnen, ist nicht immer leicht.

Umso wichtiger ist der Austausch der Teamer_innen untereinander. 32 junge Menschen waren zusammengekommen, um sich über Methoden, die zum Teil sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen und auch über Schwierigkeiten in den Workshops auszutauschen und sich inhaltlich weiterzubilden. Welche Übungen und Methoden funktionieren in welchen Klassen gut? Was tun, wenn die Schüler_innen nicht mehr zuhören? Und wie kann ich Diskriminierungserfahrungen in heterogenen Klassen besprechen?

Den Fachaustausch eröffnet hat am Freitagabend ufuq.de-Geschäftsführerin Samira Jamal mit einer Begrüßung. Jamal machte noch einmal deutlich, wie wichtig für ufuq.de die Kompetenzen und das Wissen der Teamer_innen an den unterschiedlichen Standorten ist. Anschließend konnten die Teamer_innen sich an verschiedenen Tischen zu ihren Erfahrungen austauschen. In der ersten Runde besprachen die Teilnehmenden, welche Themen bei den Jugendlichen gerade eine wichtige Rolle spielen. Viele der Teamer_innen beobachten, dass Religiosität und Salafismus unter den Jugendlichen kaum auf Interesse stoßen: „Oh nein, nicht schon wieder ein Workshop zu Islam und Islamismus!“ Stattdessen sind es Themen wie Identität, Zugehörigkeit oder Diskriminierung, zu denen es Austauschbedarf innerhalb der Klassen gibt.

In der zweiten Runde ging es um die Frage nach gesellschaftlichen Veränderungen sowie um Herausforderungen in der direkten Arbeit mit den Jugendlichen. Zwischen beidem gebe es häufig Wechselwirkungen, stellten die Teamer_innen fest. So würden sie den Anstieg rechtspopulistischer Stimmen, wie er in der Gesellschaft zu beobachten ist, gleichzeitig auch in den Workshops erleben. Daneben stellten die Teamer_innen fest, dass es deutliche Unterschiede zwischen der Durchführung eines Workshops in Berlin und beispielsweise in Bayern gebe, wo an zwei Standorten „Wie wollen wir leben?“-Workshops durchgeführt werden: in Augsburg und in Nürnberg. Die Teamer_innen in Bayern sind häufig im ländlichen Raum unterwegs. Dort gebe es nur wenige Jugendliche mit muslimischer Sozialisation, sagte eine Teamende.

Der zweite Tag startete mit einem Thema, das sich die Teilnehmer_innen selbst gewünscht hatten: Islamische Feminismen. Dazu gaben Lana Sirri und Saboura Naqshband einen Input-Vortrag. Lana Sirri ist Autorin des Buches „Einführung in Islamische Feminismen“; Saboura Naqshband hat das Buch ins Deutsche übersetzt. Die Referentinnen starteten ihren Vortrag mit einer theoretischen Einführung in das Thema und stellten unterschiedliche Theorien zu Islamischen Feminismen vor. Im zweiten Teil des Vortrags zeigte Saboura Naqshband praktische Umsetzungen dieser Theorien auf. Abschließend diskutierten das Plenum, wie sich die Idee des Islamischen Feminismus in den Workshops mit Jugendlichen thematisieren lässt.

Den Nachmittag gestaltete Nissar Gardi aus Hamburg zum Thema Empowerment. Die Auseinandersetzung mit dem politischen Begriff „Empowerment“ hat immer auch etwas mit gesellschaftlichen Positionierungen zu tun. Im Anschluss an den Input war der Diskussionsbedarf groß. Klar wurde, dass in der Arbeit mit Jugendlichen auch die eigene Haltung und gesellschaftliche Positionierung der Teamer_innen hinterfragt und reflektiert werden müssen.

Den dritten inhaltlichen Teil lieferte Michael Gerland von der Fachstelle für Deradikalisierung Legato in Hamburg. Er berichtete aus seiner Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen und stellte die These auf, dass die Betrachtung von Sozialräumen essentiell sei für die Erforschung von Gründen, warum sich Jugendliche zu salafistischen Gruppen hinwenden. So beobachtete er, dass salafistische Gruppen nach länger andauernden gewaltvollen Auseinandersetzungen in bestimmten Stadtteilen Zulauf erhielten.

Aylin Yavaş und Jenny Omar koordinieren und verantworten das ufuq.de-Projekt Projektes „Wie wollen wir leben?“ und richteten den Fachaustausch aus.

Die Erfahrungen, die Michael Gerland mit uns teilte, boten noch viel Anlass zum Nachdenken darüber, welche Konsequenzen seine Thesen für die Arbeit mit den Jugendlichen haben könnten.

Wir danken allen Teilnehmer_innen für den regen Austausch und ihre Inputs. Dieser Fachaustausch hat uns ein weiteres Mal deutlich gemacht, wie wichtig die Arbeit der Teamer_innen für ufuq.de als Verein ist. Der bundesweite Austausch mit dem Teamer_innen ist für die Weiterentwicklung unserer Arbeit unverzichtbar und soll auch im kommenden Jahr wieder stattfinden.