Studie zu Willkommensklassen: Neues Konzept ohne Zukunft?

Die Einrichtung von Willkommensklassen für geflüchtete Kinder stellt viele Schulen und Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Für manche gelten diese Klassen als der beste Weg, um Kindern und Jugendlichen ein Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Andere befürchten, die getrennten Klassen würden einen späteren Übergang in den Regelunterricht eher erschweren. Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) hat hierzu eine umfassende Studie vorgelegt. Im ufuq.de-Interview beschreibt Birgit zur Nieden die Ergebnisse.

Bildschirmfoto 2017-09-14 um 21.54.23Willkommensklassen sind ein großes Thema. Was genau haben Sie in Ihrer Studie untersucht?

Wir sind schon länger an Schulen in Berlin unterwegs und haben auch schon früher zum Thema Willkommensklassen geforscht. Jetzt haben wir unser Sample stark erweitert, konzentrieren uns aber weiterhin auf die Grundschulen, weil diese besonders interessant sind. Schließlich ist es bei dieser Schulform, die ja darauf ausgelegt ist, alle Kinder aufzunehmen, besonders fraglich, warum es spezielle Klassen für Geflüchtete geben soll.

Interessant ist dieses Thema vor allem, weil es nur wenig Vorgaben gibt, wie und was in den Willkommensklassen unterrichtet werden soll. Deswegen haben wir uns angeschaut, wie dort tatsächlich unterrichtet wird.

zur niedenDr. Birgit zur Nieden ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften im Lehrbereich Diversity and social conflict der HU Berlin. Mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung hat sie mehrere Studien zum Thema Schule in der Migrationsgesellschaft erstellt. Neben der aktuellen Untersuchung zum Thema „Willkommensklassen“ sorgte ihre Untersuchung zum Thema „Segregation nach Herkunft“ in Berliner Grundschulen für Aufsehen.

Sie beschreiben in Ihrer Studie sehr eindrücklich, dass viel vom persönlichen Engagement der Lehrkräfte abhängt.

Die Lehrer_innen sind oft sehr engagiert und werden zudem von Ehrenamtlichen unterstützt. Viele Lehrer_innen machen mehr als das, wofür sie bezahlt werden. Das ist toll, aber nicht unproblematisch: Die Lehrer_innen bekommen viel aufgeladen und werden damit dann zum Teil auch alleingelassen. Das gilt etwa für die Elternarbeit. Die ist ja in diesen Klassen oft besonders schwierig.

Was bedeutet dies denn für den Unterricht? So ein Engagement kann ja auch nachlassen.

Ja, wir haben auch gehört, dass es einen sehr hohen Krankenstand gibt. Nicht unbedingt bei den Lehrer_innen, die wir befragt haben, aber sie haben erzählt, dass dies im Kollegium vorkommt.

Einige Lehrer_innen sagten allerdings auch, dass es im Laufe der Zeit einfacher wird. Sie haben sich hineingefunden. Inzwischen gibt es ein „Starterpaket“ vom Senat, aber die meisten der Lehrkräfte, die wir befragt haben, nutzen dies kaum, weil sie inzwischen schon einen eigenen Weg gefunden hatten. Es gibt also beides: Einerseits gibt es sicherlich Ermüdung, andererseits gewinnen sie natürlich auch an Erfahrung und die Dinge werden einfacher.

Woher kommen denn die Lehrer_innen und was können Sie über deren Qualifikation sagen?

Die Einstellungsvoraussetzung für die Willkommensklassen ist ein abgeschlossenes Lehramtsstudium oder ein anderes Studium plus Zusatzausbildung in Deutsch als Zweitsprache, oder einschlägige Erfahrungen. Da verwässert es sich dann schon wieder. Wir haben festgestellt, dass viele einschlägige Erfahrungen aus anderen Bereichen haben, aber wir haben auch einige gefunden, die etwas ganz Anderes studiert haben: Germanistik, Sozialarbeit oder auch BWL.

Oder Soziologie. Mein halber Bekanntenkreis ist im vergangenen Jahr Lehrerin geworden, von denen hat so gut wie niemand Lehramt studiert.

Eine Soziologin hatten wir nicht in unserem Sample, aber die gibt es sicher auch. Es gab schon immer viele Quereinsteiger_innen in Berlin, die oft sehr qualifiziert sind. Allerdings fehlt ihnen die Kenntnis, wie eine Grundschule funktioniert und wie sich Kinder in diesem Alter verhalten. Wenn man nicht weiß, was in den Regelklassen in diesem Alter verlangt wird, dann ist es natürlich auch schwierig, die Kinder darauf vorzubereiten, in eine solche Klasse zu wechseln. Da fehlt es oft am Austausch in den Schulen.

Was sind denn Ihre Empfehlungen? Wie müssen die Lehrkräfte vorbereitet werden?

Eine DAZ-Qualifikation halten wir für sehr wichtig, auch weil die Lehrer_innen in Regelklassen diese Erfahrungen nur selten haben und auch von den neuen Kolleg_innen profitieren können. Wichtig ist auch das, was wir „migrationspädagogisches Wissen“ nennen. Dabei geht es darum, die Kinder mit Fluchterfahrung auffangen zu können. Es geht aber auch darum, über das Leben in der Migrationsgesellschaft, über Ausgrenzung und Rassismus nachzudenken: Was erleben die Kinder, die gerade gekommen sind und was brauchen sie? Lehrkräfte von Willkommensklassen führen oft sehr viele Verhaltensmuster und Lernschwächen auf die Fluchterfahrung oder gar auf die vermeintliche Herkunftskultur der Kinder zurück. Das liegt auch an der separierten Situation in Willkommensklassen. Lehrkräfte schieben hier viel auf die spezielle Situation und Hintergrund der Kinder und wissen vielleicht gar nicht, dass das Verhalten für Schüler_innen dieses Alters nicht unüblich ist. Zugleich ist es natürlich wichtig, auf die spezifischen Bedarfe der Kinder, die sehr oft auch unter den Zuständen der Unterbringung hier sehr leiden, eingehen zu können.

Sie haben mehrere Studien zum Thema Schule in der Migrationsgesellschaft gemacht. Würden sie sagen, dass das, was Lehrer_innen in Willkommensklassen leisten müssen, anders ist als in anderen Klassen mit vielen Kindern mit Migrationshintergrund?

Die Aufgabe ist sehr ähnlich und eigentlich sollten alle Lehrenden dieses „migrationspädagogische Wissen“ haben, damit sie sensibel sind, wenn es zum Beispiel Mobbing gibt: Ist das normales Mobbing oder Rassismus? Da gibt es oft Zuschreibungen, etwa: „Das sind die Kinder, die sich wegen ihrer Herkunft immer streiten!“. Oft wird nicht genug darauf eingegangen, was bei den Kindern vor sich geht. Wir haben auch in unseren früheren Studien gesehen, dass viele Lehrer_innen mit diesem Thema nicht umgehen und ihnen hier Kompetenzen fehlen.

Haben sie denn festgestellt, dass es andere Diskussionen sind, die in den Klassen geführt werden oder dass es andere Mechanismen von Rassismus gibt, die da greifen?

Es ist nicht so, dass wir zu dem Ergebnis kommen, die Lehrkräfte seien rassistisch. Ganz und gar nicht. Wir halten aber das Konzept, dass die geflüchteten Kinder separat unterrichtet werden, für schwierig. Wir empfehlen, dass die Kinder von Anfang an in die Regelklassen integriert werden. Diese sollten so gestaltet werden, dass die Klassen zusammenwachsen. Das erfordert spezielle, neue Konzepte und Kompetenzen bei den Lehrenden, schließlich müssen sich ja nicht nur die neuangekommenen Kinder in die Schule einfinden, auch die Schule muss sich mit der neuen Situation arrangieren und die neuen Schüler_innen „integrieren“. Da ist die ganze Schule gefragt. Das gelingt besser, wenn die geflüchteten Schülerinnen nicht als gesonderte Gruppe sichtbar gemacht werden und sie von vornherein auch organisatorisch in alles eingebunden sind. Schwierig ist auch, dass es in den Willkommensklassen häufig zu Zuschreibungen kommt. Das liegt auch den fehlenden Erfahrungen mit Regelklassen, die ich eben beschrieben habe.

Sollten Willkommensklassen also abgeschafft werden?

Ja, eigentlich schon. Es gibt viele Argumente für die Klassen und in vielen Fällen erleichtert es den Kindern, in der Schule anzukommen und erstmal Deutsch zu lernen. Es gibt viele Dinge, die die Kinder vorbereitend lernen sollen und es ist richtig, dass sie Zeit bekommen, um sich zu orientieren. Ich würde die Argumente nicht wegwischen und sagen: Das stimmt nicht. Dennoch halte ich die Separation für sehr problematisch. Das Beste wäre eine ganz spezifische Betrachtung dieser Kinder: Wo müssen wir sie unterstützen und was können wir tun, um ihnen das Ankommen zu erleichtern? Wichtig ist aber auch, hier nicht nur eine Defizitperspektive zu haben, denn die Kinder bringen ja auch viel mit und verfügen über Kompetenzen. Dass die Kinder diese tatsächlich einbringen können, sollte gewährleistet sein. Am meisten überzeugt hat uns das Modell von zwei Schulen in unserer Untersuchung: Die Kinder sind in Regelklassen integriert und erhalten zusätzlich Sprachunterricht, die Lehrkraft aus der Sprachlernklasse geht zusätzlich zur Unterstützung mit in den Regelunterricht.

Viele Lehrer_innen beschreiben die Arbeit mit Eltern als besonders schwierig. Haben Sie bei der Forschung Beispiele gesehen, wie es besser gehen kann?

Es funktioniert besser, wenn die Lehrer_innen nicht auf sich allein gestellt sind. Auch hier ist die Schule gefragt, es muss ein Gesamtkonzept her. In manchen Schulen gibt es beispielsweise ein Elterncafé, das sehr gut funktioniert. In einer Schule wurde sogar eine geflüchtete Mutter zur Elternsprecherin gewählt, was auch positive Wirkungen hatte. In anderen Fällen berichteten die Lehrer_innen von Schwierigkeiten, Elternabende zu organisieren. Das liegt u.a. an der hohen Fluktuation in den Klassen, aber auch an den Sprachbarrieren. Elternarbeit ist tatsächlich ein schwieriges Thema.

Wie wird es denn aus Ihrer Sicht weitergehen mit den Willkommensklassen in Berlin?

Der Plan des Senats ist es, die Zahl der Klassen zu reduzieren, weil weniger Geflüchtete ankommen. Das ist auch eine Begründung, weshalb es kein Curriculum gibt. Andererseits gibt es solche Klassen bereits seit 2011. Dies ist sehr typisch für das hiesige Schulsystem: Statt in solchen Situationen das Regelsystem anzupassen, wurden immer wieder Sonderklassen eingeführt. Die haben sich dann als Provisorium ohne Finanzierung und Konzept verstetigt. Aber der neue Senat scheint Pläne zu haben: So sollen Brückenkurse eingeführt werden, damit die Kinder auch nach dem Wechsel in die Regelklassen Sprachunterricht bekommen. In manchen Fällen ist es aber auch so, dass Kinder aus den Willkommensklassen in Regelklassen kommen, in denen selbst nur Geflüchtete sitzen. Hier verstetigen sich Parallelstrukturen. Einige Schulen haben aus Kapazitätsgründen Filialschulen gegründet, also einen extra Standort für die Willkommensklassen. Das ist natürlich nicht der Sinn der Sache.

Zum Weiterlesen

ufuq.de-Interview: „Wie geflüchtete Kinder die Schulen verändern“

ufuq.de-Interview: „Religion als Resource“

Soeben erschienen:

UNHCR-Handbuch für Pädagog_innen zum Thema: Trauma in der Schule

Der Erfahrungsbericht einer Lehrerin als Thema eines Bastei Lübbe-Taschenbuchs: Inga Liebich „Ich kann, du kannst, Erkan!“