School Talks: Empowerment bei der Berufswahl

School Talks heißt ein Projekt, das Jugendlichen seit 2006 an Berliner Schulen bei der Berufswahl hilft. Wie bei einer TV-Talkshow treten hier Menschen auf, erzählen aus ihrem Arbeitsalltag in ganz unterschiedlichen Branchen: Es sind Schauspieler_innen, Rapper_innen, Wirtschaftsinformatiker_innen, Ärzt_innen. Sie arbeiten im Sozialmanagement, sind Expert_innen für Pyrotechnik und vieles mehr. Bei School Talks geht es aber nicht nur um Berufe. Im Mittelpunkt stehen die Lebenswege und Geschichten der Gäste. Oft sind diese nicht gradlinig, sondern haben viele Wendungen genommen, so wie das Leben des Initiators Van Bo Le-Mentzel. Aylin Yavaş traf ihn am Rande einer School-Talks-Show.

Van Bo Le-Mentzel ist Architekt, Rapper und Graffiti-Künstler. Er ist er Initiator von School Talks.
Foto: Emrullah Gümüşsoy

Van Bo Le-Mentzel alias Prime Lee tritt auf die Bühne der Ernst-Reuter-Oberschule in Berlin-Wedding. Der Initiator begrüßt die achte Klasse: „Bei School Talks geht es um Geschichten. Freunde von mir kommen zu euch an die Schule und erzählen von ihren Geschichten, Träumen und Berufen. Was wollt ihr werden?“, fragt er.

Da kommt Leben in die Schüler_innen: „Schauspielerin!“ ruft ein Mädchen mit langen braunen Haaren. „Polizist!“ ruft ein Junge. Ein anderer ruft, dass er einen Laden aufmachen will. Allerdings, so räumt er ein, wisse er noch nicht genau, was er verkaufen will.

Die Klasse will sich gerade über ihn lustig machen, da mischt sich Le-Mentzel ein: „Das ist schon einmal ein guter Ansatz.“ Er ruft Niklas Beckert auf die Bühne. Auch bei ihm war es zunächst nur eine wage Idee: Angefangen hat er damit, privat Sportschuhe zu sammeln. Dann machte er einen Laden auf: „Mittlerweile habe ich über 300 Paar Sneakers.“ Das beeindruckt die Jugendlichen. Der Unternehmer erzählt, dass er neben seiner Hauptbeschäftigung, auch Graffitis sprüht – spätestens ab diesem Zeitpunkt hat er die volle Aufmerksamkeit der Klasse, schließlich hat er schon für Musik-Videos von Bushido und Sido gesprüht, aber auch Mercedes hat ihn für einen Werbefilm beauftragt: „Ich habe Türklinken geputzt und in so ziemlich jedem Laden gefragt, ob ich da sprühen kann und so wurde das immer größer“.

Ben Paul bei SchoolTalks by Emrullah Gümüşsoy

Für den Tag ist noch ein zweiter Gast geladen. Ben Paul ist Gründer der Anti-Uni und der Blogger-University. Er beschäftigt sich mit alternativen Lernkonzepten und erzählt den Schüler_innen, dass es auch ein Lernen außerhalb der Schule gibt, das viel wichtiger und auch besser sein kann. Während Ben Paul aus seinem Leben erzählt, zeigt mir Van Bo Le-Mentzel, der eigentlich Architekt ist, die Werkstatt der Schule. Hier baut er zusammen mit einigen Geflüchteten und Schüler_innen sein „A-House“. Das ist eine Art Holzzelt, das auf verschiedene Weise genutzt werden kann, zum Beispiel als Schlafmöglichkeit. Momentan baut der Künstler die Häuser zusammen mit seinem Team, um sie vor dem LaGeSo aufzustellen, damit die Wartenden in der Nacht die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen oder zu schlafen. Während ich mit Van Bo spreche, baut und lackiert sein Team noch an den Häusern weiter.

Van Bo Le-Mentzel erzählt von seiner Kindheit im Wedding und wie er zu den „Großen“ aufschaute. „Eines Tages“, erinnert er sich, „hat mir eine von den Großen gesagt, dass sie meine Zeichnungen gesehen hat. ‚Van Bo, du hast richtig Talent, aus dir wird später mal was ganz Großes und dir werden sehr viele Leute zuhören.‘“ Diese Worte habe er nie vergessen und er hatte Glück: An der Universität fand er wieder einen, der ihn ermutigte. Es war einer seiner Professoren: „Ich war eigentlich nicht besonders gut in dem, was ich gemacht habe, aber der Glaube daran, dass ich vielleicht etwas Besonderes sein könnte, hat mir das Gefühl gegeben, dass ich Berge versetzen kann.“

A-House-Workshop bei SchoolTalks by Emrullah GümüşsoyGenau dieses Gefühl möchte er möglichst vielen Jugendlichen bei School Talks vermitteln, deswegen werden die Shows auch als Videos veröffentlicht. „Mittlerweile habe ich gelernt, dass nicht die Schule oder das Studium mich zu dem gemacht haben, was ich bin, sondern diese kleinen Bemerkungen. Bei School Talks geht es mir darum, den Kids in die Augen zu sehen und zu sagen: ‚Du bist was ganz besonders, du wirst Bundeskanzler werden und du wirst einen Sneakersladen eröffnen und du wirst Arzt und ein toller Familienvater.‘“

Ein Ziel der Initiator_innen des Projektes ist es, den Jugendlichen Zuversicht, Mut und Hoffnung zu vermitteln, diese Fächer vermisst Van Bo auch in der Schule, „denn ohne Zuversicht bist du gerade mal so gut wie Google Translator.“ Aber auch die Theorielast der Institution Schule kritisiert er und zeigt auf einen Lehrer, der gerade das Holz für das A-House lackiert. „Er ist ein Positivbeispiel, er war vorher Architekt und ist Quereinsteiger. Dieser Lehrer hat etwas erlebt und kann den Schüler_innen etwas aus seinem Leben erzählen. Was soll ich denn Menschen erzählen, wenn ich selbst gar nichts erlebt habe?“, fragt er. Aus diesem Grund nehmen bei School Talks die Geschichten der Gäste einen großen Raum ein.

School Talks unterscheidet sich von der klassischen Berufsberatung noch in einer anderen Hinsicht, denn eigentlich geht es gar nicht darum, den Schüler_innen die Berufswelt zu zeigen, sondern sie dazu zu ermutigen, selbst die Berufe der Zukunft zu „erfinden“. „Zum Beispiel gibt es ja den Beruf des KFZ-Mechanikers gar nicht mehr, heute heißt das KFZ-Mechatroniker, denn ein Auto läuft nicht mehr mechanisch. Es kann sein, dass die Autos übermorgen über WiFi gesteuert werden, dann brauchen wir auch keine KFZ-Mechatroniker mehr, sondern KFZ-IT’ler_innen.“

Das-A-House-Gruppenfoto bei SchoolTalks by Emrullah Gümüşsoy

Ich denke wieder an den Jungen vom Vormittag, der einen Laden eröffnen möchte, während der strenge Duft des Lacks langsam aus den geöffneten Fenstern strömt. Vielleicht ist es gut, dass er noch nicht weiß, was er eigentlich verkaufen möchte. Vielleicht öffnet ihm das den Blick für etwas ganz Neues, wovon wir heute noch gar nicht wissen, dass es mal notwendig wird.

 

Wir danken dem Fotografen Emrullah Gümüşsoy für die freundliche Bereitsstellung der Fotos.