Salaam-Schalom Initiative: jüdische und muslimische Realitäten sichtbar machen!

In der Salaam-Schalom Initiative engagieren sich mehr als 120 Menschen; vor allem Jüd_innen und Muslim_innen. Die Initiative ist in unterschiedlichen Bereichen aktiv: Kultur, Politik, Bildung, Medien. Sie organisiert regelmäßig Veranstaltungen, Ausstellungen, Workshops oder Demonstrationen… Die Künstlerin Adi Liraz, die selbst in einer muslimisch-jüdischen Ehe lebt, hat ufuq-Mitarbeiterin Aylin Yavaş erklärt, worauf es ankommt beim Salaam-Schalom-jüdisch-muslimischen-Miteinander.

Wie bist du zur Salaam-Schalom Initiative gekommen?

Es waren zunächst einmal ganz persönliche Gründe: Mein Mann ist Muslim und ich bin Jüdin. Das heißt, in meinem Alltag lebe ich schon die Verbindung zwischen Judentum und Islam. Auch war ich schon länger auf der Suche nach einer Gemeinde, in der ich mich wirklich wohlfühlen kann. In der Salaam-Schalom Initiative habe ich Leute gefunden, die Verbindungen zwischen Islam und Judentum, entweder aus religiösen oder politischen Gründen, ähnlich sehen wie ich. Außerdem gibt mir das Engagement hier die Möglichkeit, etwas gegen die vielen Vorurteile zu tun, die es gegen uns Muslim_innen und Jüd_innen gibt und das „andere Unbekannte“ sichtbar zu machen. Unsere Realität sieht nun mal anders aus, als Medien und Politik sie darstellen.

liraz

Adi Liraz ist Künstlerin und Kuratorin. Sie hat einen Master im Fach Raumstrategien – Kunst im öffentlichen Raum. In ihrer Kunst beschäftigt sich Liraz mit politischen Themen.

Was macht ihr in der Salaam-Schalom Initiative?

Wir sind eine sehr große Gruppe, das heißt, wir machen sehr vielfältige Sachen, denn jedes Mitglied bringt ihre oder seine eigenen Fähigkeiten in seine oder ihre Aktivität mit.

Ich persönlich mache viel im künstlerischen Bereich, aber wir haben auch Leute, die sich mit Erziehung und Bildung beschäftigen und Workshops anbieten. Wir haben Leute, die religiös sind und die viel mit Gemeinden arbeiten. Andere schreiben. Manchmal organisieren wir auch Demonstrationen und öffentliche Aktionen und arbeiten dann alle zusammen. Außerdem organisieren wir regelmäßig Brunches, wo auch die Öffentlichkeit eine Möglichkeit hat, uns direkt zu begegnen.

Wie sehen eure Aktionen aus?

Die letzte öffentliche Aktion, die wir gemacht haben war zum Beispiel eine öffentliche Channuka-Feier. Zuvor haben wir vor dem Rathaus Neukölln eine große Demonstration organisiert, bei der wir alle Kopfbedeckungen trugen. Es ging natürlich um Solidarität mit Frauen, die wegen einer Kopfbedeckung aus bestimmten beruflichen Tätigkeiten und aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Hier findet sich übrigens eine Überschneidung von Islam und Judentum, denn die Kopfbedeckung existiert in beiden Religionen. Uns war wichtig, dass vor allem die Frauen dabei sind, die selbst betroffen sind und nicht nur immer über sie gesprochen wird.

Wieso habt ihr euch denn dazu entschieden, dass alle Teilnehmenden an der Demonstration eine Kopfbedeckung jeglicher Art tragen sollen?

Das war der Vorschlag von einem Mitglied, die auch ein Kopftuch trägt. Die Idee dahinter ist, zu zeigen, dass jeder und jede für sich selbst entscheiden kann, was er oder sie auf dem Kopf macht. Der Kopf gehört zu der Person, und das ist dann ihre Entscheidung. Eine Person könnte sich auch dazu entscheiden, sich eine Tasse oder einen Kochtopf auf den Kopf zu stellen.

Was habt ihr noch für Veranstaltungen organisiert?

Letzten Sommer haben wir unter dem Titel: „Willkommen in unserem Zuhause“ Menschen zu uns eingeladen. Viele denken ja, dass  Jüd_inenn und Muslim_innen so unterschiedlich sind, aber das stimmt nicht. Deswegen haben wir Menschen in unsere privaten Wohnungen gelassen, um solche Realitäten sichtbar zu machen und Verbindungen aufzubauen.

Ich mache auch Workshops in Schulen. Da vergleichen die Schüler_innen verschiedene Formen der Unterdrückung miteinander; zwischen den Jüd_innen und Muslim_innen, während des NS-Regimes und heute. Auch da gibt es Parallelen. Wir haben die Schüler_innen sprechen lassen, sie gehört und sie nicht nur die ganze Zeit zuhören lassen. Wir haben das Gefühl, dass Lehrende wegen ihres Schuldgefühls oft nur reden und nicht erzählen lassen. Aber warum sollen nicht auch die Schüler_innen erzählen können: Viele Familien haben Unterdrückung und Abschiebung erlebt.

Anfangs hast du gesagt, dass die jüdisch-muslimische Realität anders aussieht als dargestellt. Wie sieht sie aus?

Die Wirklichkeit ist, dass wir viel teilen. Wenn man die beiden Religionen vergleicht, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Aber es gibt natürlich einen politischen Einfluss, wegen der Besatzung von Palästina. Das belastet die Beziehung zwischen vielen Muslim_innen und Jüd_innen. Ich unterscheide hier: Im Kontext des Nahost-Konflikts würde ich nicht von Antisemitismus sprechen. Hier geht es ja um Politik, nicht um Religionszugehörigkeit. Wenn man dies ähnlich bewertet oder sonst das Thema ausklammert, dann gibt es kaum Konflikte zwischen Jüd_innen und Muslim_innen. Es gibt viele muslimisch-jüdische Freundschaften, Beziehungen und Ehen. Und es gibt auch ganz viel gegenseitige Unterstützung.

Antisemitismus unter Muslim_innen ist ja immer wieder ein Thema. Vor einigen Monaten ging ein Video der WELT viral. Dort ging ein orthodoxer Jude in eine Flüchtlingsunterkunft und erkennt u.a. Botschaften mit „eindeutig antisemitischem Hintergrund“. Ihr arbeitet ja auch viel mit Geflüchteten zusammen. Erlebt ihr dort Antisemitismus?

Nein, also dieses Video ist meiner Meinung nach pure Propaganda. Der Protagonist wusste, was er wollte als er dieses Video gemacht hat. Dieser Mann hat die Leute nicht ausreden lassen. Er hat die ganze Zeit Israel, Israel, Israel gesagt. Es war auch nicht ganz klar, ob die Menschen ihn überhaupt verstanden haben, es gab offensichtliche Sprachbarrieren. Klar, es gab auch ein Hakenkreuz, von dem ist aber auch nicht klar, wie das dahin gekommen ist. Und: Eine palästinensische Fahne zu malen ist kein Antisemitismus. Die Idee von den meisten Leuten, die sich ein Palästina wünschen ist nicht, dass die Jüd_innen gehen sollen, sondern dass alle Leute die gleichen Rechte haben. Wenn jemand die palästinensische Flagge auf Israels Umrisse zeichnet, heißt das für mich nicht, dass alle Jüd_innen dort wegsollen. Aber, nach meiner Ansicht wäre es sowieso am besten, wenn überhaupt keine Flaggen existieren. Fakt ist, dass ganz viele Jüd_innen im Heim arbeiten und nie Antisemitismus erlebt haben.

Wer kann bei euch mitmachen?

Bei uns können natürlich auch Atheist_innen, Christ_innen oder Angehörige anderer Religionen mitmachen. Wer mitmachen möchte, dem würde ich empfehlen, erstmal zu einem unserer Brunches zu kommen und uns kennenzulernen. Alle Termine findet ihr auf unserer Facebook-Seite.