Rechtspopulismus als Rückzugsgefecht? Was wir vom „globalisierten Klassenzimmer“ für die Zukunft der Demokratie lernen können

Welche „Verunsicherungen“ stehen hinter ansteigendem Rechtspopulismus und Rassismus? Wie kann die Gesellschaft darauf reagieren? Jochen Müller sucht Antworten auf große Fragen in kleinen Workshops mit Jugendlichen.

In den letzten Monaten ist viel von Rechtspopulismus und zunehmendem Rassismus in der Gesellschaft die Rede. Wahlergebnisse und Studien weisen unter anderem darauf hin, dass sehr viele Menschen Deutschland nicht als Migrationsgesellschaft akzeptieren wollen. So kritisieren sie die Aufnahme von Geflüchteten, viele verbinden das mit rassistischen Zuschreibungen, fürchten „Überfremdung“ und eine vermeintlich bevorstehende „Islamisierung“. Politik und Medien sprechen von Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft. Und sie debattieren intensiv darüber, ob der Attraktivität populistischer Strömungen eher mit Verständnis für die hinter ihnen vermuteten fundamentalen Verunsicherungen oder mit Ablehnung und direkter Konfrontation begegnet werden sollte. Kurzfristig ist ein Ende der „reaktionären Rebellion“ jedenfalls nicht in Sicht – mit noch unabsehbaren Folgen zum Beispiel für Minderheiten, missliebige zivilgesellschaftliche Organisationen und die pluralistische Gesellschaft insgesamt.

Auf lange Sicht kämpfen diese Strömungen aber wie Don Quijote gegen die Windmühlen. Denn weder Globalisierung noch Digitalisierung und Individualisierung, weder die Dekonstruktion von Geschlechterrollen oder entgrenzte Arbeitsverhältnisse – um einige der zentralen „Verunsicherungen“ zu nennen – sind einfach umkehrbare Prozesse. Historisch gesehen stehen sie vielmehr für zwar vielfach gebrochene aber gleichwohl fortlaufende Entwicklungen: Die Individualisierung, die Auflösung traditioneller Geschlechterbilder und einer normativen Heterosexualität wird sich fortsetzen; das Ausmaß von Veränderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt oder durch Gentechnologien ahnen wir noch nicht einmal; und alle nachhaltig „konkurrenzfähigen“ Gesellschaften der Zukunft werden wohl heterogene Migrationsgesellschaften sein. All das muss man nicht begrüßen. Jede_r hat das gute Recht, gegen Zuwanderung und für geschlossene Grenzen zu sein, an traditionellen Familien- und klaren Geschlechterverhältnissen festhalten zu wollen oder sich Nine-to-Five-Jobs zu wünschen von der Lehre bis zur Rente.

Der Mainstream und seine Widersprüche

Und so produziert der Mainstream seine eigenen Widersprüche, wie jede Strömung ihre Kehrwasser. Die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten wäre damit Ausdruck des Mainstreams, die von Donald Trump dessen Gegenbewegung und nicht etwa das Ende der Geschichte. Die aktuelle Vehemenz von Protestbewegungen scheint jedenfalls eher Ausdruck dafür zu sein, wie weit die Prozesse bereits fortgeschritten sind, gegen die sie gerade noch Sturm laufen. Gleichzeitig ahnen viele Menschen wohl schon, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Wünschen auf verlorenem Posten stehen. Diese Ahnung ist es vielleicht auch, die einige so wütend macht, was zur mitunter erschreckenden Aggressivität des Unmuts und zum offenen Rassismus in der Gesellschaft beitragen dürfte.

Es kommt also auf der einen Seite sehr darauf an, den freiheitsfeindlichen Momenten der Protestbewegungen zu begegnen. Sehr real ist schließlich die Bedrohung von Demokratie und Pluralismus oder auch – je nach Hautfarbe und „Hintergrund“ – für Leib und Leben. Auf der anderen Seite gilt es, den populistischen Bewegungen nicht das Feld zu überlassen, ihren Rückzugsgefechten nicht alle Aufmerksamkeit zu schenken, sich nicht darauf zu konzentrieren, wogegen man „kämpft“, sondern wofür, und den Blick viel stärker auf die Gestaltung der Veränderungen zu richten.

Ein Blick in das globalisierte Klassenzimmer

Zum Beispiel darauf, wie eine pluralistische Migrationsgesellschaft gelingen kann. Hier hilft vielleicht ein Blick in die heterogenen Schulklassen, in denen ufuq.de Workshops unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“ anbietet. Diese Praxis im Kleinen zeigt nämlich, wie man auch andernorts mit Verunsicherungen und Konflikten umgehen kann, die Migrationsgesellschaft unweigerlich mit sich bringt. So zeigen Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund der zweiten, dritten oder vierten Generation bereits seit einigen Jahren ein gesteigertes Interesse daran, sich ihrer Herkunft, d. h. der Sprache, Kultur oder Religion ihrer Eltern und Großeltern zu vergewissern. Und sie drängen stärker auf Anerkennung ihrer Besonderheiten als diese, die sich meist noch „weggeduckt“ haben, um nur nicht aufzufallen und anzustoßen.

Bildschirmfoto 2015-07-03 um 09.28.58Dr. Jochen Müller ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer und Co-Geschäftsführer des Vereins ufuq.de.

Das führt – besonders wenn es um Jugendliche in jugendtypischen Suchprozessen geht – zu Provokationen, Konflikten und manchmal auch auf Abwege. Aber: In der Regel steht nicht der Wunsch nach Segregation, Abwendung oder ein Rückzug in „Parallelgesellschaften“ hinter den Suchbewegungen, wie es vielfach interpretiert und dann aufgeregt diskutiert wird. Das Gegenteil ist der Fall. Auch hier scheint die Vehemenz von Protest und Provokation also Bestandteil höchst widersprüchlicher Prozesse zu sein: Die in ihrem Zuge auftretenden Konflikte sind nämlich Anzeichen von beschleunigten Integrationsdynamiken in der Migrationsgesellschaft. Das „Integrations-Paradox“ nennt der Soziologe Aladin El-Mafaalani dieses Phänomen in seinem gleichnamigen Buch, demzufolge zunehmende Konflikte als Zeichen fortschreitender gesellschaftlicher Integration zu lesen wären. Die Jugendlichen wollen nämlich dazugehören – mit ihren „kleinen Besonderheiten“. Dafür setzen sie sich ein. Das ist nicht nur legitim, sondern zudem emanzipatorisch und damit genau das, worauf auch Präventions-, Demokratie- und politische Bildungsarbeit mit jungen Menschen zielt. Wie die Integration von Diversität dann genau gelingen kann, auf welcher Grundlage, mit welchen Grenzen – das sind jeweilig Aushandlungsprozesse, die konflikthaft sein können und anstrengend sind. Für eine demokratische Migrationsgesellschaft sind sie aber konstitutiv und alternativlos.

Zugehörigkeit, Partizipation und Dialog

Die Schlüsselwörter in diesem Prozess sind Zugehörigkeit, Partizipation und – pädagogisch gesprochen – die Erfahrung von Dialog und Selbstwirksamkeit: Wenn die Jugendlichen in den Workshops Raum bekommen, sich eigene Gedanken darüber zu machen, was ihnen wichtig ist und wie sie miteinander leben wollen (in der Klasse, im Kiez oder der Gesellschaft), und dies dann in ihrer Lebenswelt wirksam und spürbar wird, dann funktioniert das schulische Miteinander.

Und damit könnten im Kleinen die Workshops im „globalisierten Klassenzimmer“ vielleicht andeuten, worauf es im Großen und Ganzen hinauslaufen kann: Erfahrungen von Zugehörigkeit, neue Möglichkeiten von Partizipation und Selbstwirksamkeit sowie dialogische und integrative Formen der politischen Auseinandersetzung dürften nicht nur wesentlich zum Gelingen von Migrationsgesellschaft beitragen, sie dienen auch der Prävention wiederkehrender populistischer antiliberaler Protestbewegungen.

Und sie sind Gelingensbedingungen von Demokratie im 21. Jahrhundert, deren Erscheinungsformen sich in naher Zukunft wohl ebenfalls fundamental verändern werden. Wenn Menschen – in der Schulklasse, am Arbeitsplatz, im Kiez, in Politik und Medien – erfahren, dass Politik und Gesellschaft nicht hinter ihrem Rücken stattfindet und Prozesse lediglich über sie hinwegrollen, sondern dass deren Kehrseiten verhandelt werden, ihre Stimme dabei zählt und sie über ihr Leben selbst bestimmen können, dann sind sie weniger offen für schwarz-weiße Welt- und Feindbilder und eher bereit, sich auf schwierige, widersprüchliche und konfliktive Prozesse einzulassen.