„Der Islam ist vielfältig, positiv und selbstverständlich“ – Erfahrungen mit den Filmen „Islam, Islamismus und Demokratie“

Die Auseinandersetzung mit dem Islam ist oft von Klischees geprägt – unter Nicht-Muslimen wie auch unter Muslimen selbst. Das Projekt „Islam, Islamismus und Demokratie. Kurzfilme für die pädagogische Arbeit mit jungen Muslimen“, das von ufuq.de gemeinsam mit der HAW Hamburg getragen wird, zielt darauf, Jugendliche über Fragen von Religion, Identität und Werten ins Gespräch zu bringen. Jochen Müller (ufuq.de) berichtet im Gespräch mit Harald Lindner vom Bezirksamt Wandsbek/Hamburg über erste Erfahrungen. (erschienen in FORUM für Kinder und Jugendarbeit 4/2011)

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Harald Lindner: Herr Müller, Sie haben Informationsmaterial über unterschiedliche Strömungen des Islam zusammengestellt. An wen richten sich DVD und Begleithefte?

Jochen Müller: Wir haben Filme gemacht für Jugendliche, in denen es um Islam und Religiosität, um Geschlechterrollen, Scharia und Menschenrechte, den Nahost-Konflikt, Islamismus und um religiös begründeten Antisemitismus geht. Die zwischen 15 und 20 Minuten langen Filme sollen dazu dienen, Jugendliche muslimischer Herkunft, aber auch „gemischte“ Gruppen ins Gespräch zu diesen sensiblen Themen zu bringen und sie anregen, sich eigene Gedanken zu machen.  Zielgruppe sind also die Jugendlichen selbst – aber auch die Pädagogen: Ihnen sollen die Begleithefte zu den Filmen Hintergrundinformationen zu den angesprochenen Themen sowie Hinweise und Tipps für den pädagogischen Umgang etwa mit einzelnen Filmsequenzen geben.

Wäre es nicht sinnvoller, gezielt Jugendliche aus der Mehrheitsgesellschaft aufzuklären? Schließlich sind sie und ihre Elterngeneration jahrelang Objekt islamophober Berieselung gewesen.

Müller: Das schließt sich nicht aus. Wir möchten mit den Filmen dazu beitragen, dass sich Jugendliche mit Religion und gesellschaftlichen Fragen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenswirklichkeit beschäftigen können.  Die Filme „funktionieren“ dabei in gemischten Gruppen sehr gut: Muslimischen Jugendlichen geben sie Anlass, sich mit den Werten und Normen ihres Glaubens auseinanderzusetzen und nichtmuslimische Jugendliche lernen Muslime und „den Islam“ ganz anders kennen als meist in den Medien. Das wirkt auch gegen Klischees und Vorurteile.

Was hat Sie dazu veranlasst, dieses Material zu erstellen? Wollen Sie die verschiedenen Milieus mehr in Kontakt mit einander bringen? Was versprechen Sie sich davon?

Müller: In Schulen und Jugendeinrichtungen haben wir die Erfahrung gemacht, dass Religion, Kultur und Herkunft für viele Jugendlichen aus muslimischen Milieus sehr wichtige Themen darstellen und sie darauf ansprechbar sind. Aber trotz ihrer Bedeutung für Identität und Selbstverständnis, wird über diese Fragen zum Beispiel in der Schule offenbar sehr selten gesprochen. Viele muslimische Jugendliche- aber auch solche, die sich für den Islam interessieren – suchen sich daher Antworten auf ihre Fragen im Internet. Und hier stoßen sie auf eine Vielzahl sehr fragwürdiger Angebote. Ein Beispiel: Die muslimischen Schüler in einer 9. Berliner Oberschulklasse wussten zwar keine Antwort auf die Frage, was denn eigentlich die Scharia sei – aber alle kannten aus dem Internet den radikalen Prediger Pierre Vogel, der ihnen z.B. erklärt, dass alle Nichtmuslime in die Hölle kommen. Nun ist das nicht gleich Grund zum Alarmismus – aber ein Hinweis, dass man sich mit Fragen rund um Religion und Kultur der Jugendlichen beschäftigen sollte. Die Filme und die zugehörigen Begleithefte für Multiplikator/innen sollen dazu einen Beitrag leisten.

Kann man und frau sich denn genug durch die Lektüre der Begleithefte und das Anschauen des Filmes informieren, um kenntnisreich auf Jugendliche mit muslimischem Hintergrund zuzugehen? Und kommt man – vermutlich männlichen – jugendlichen Machtphantasien bei, wenn man sich besser mit dem Islam auskennt?

Müller: Natürlich kann es nicht schaden, sich etwas mit dem Islam auszukennen- und erst recht, sich neugierig und interessiert zu zeigen…. Aber Ziel der Filme ist es ja gerade, dass Pädagoginnen nicht erst zu Theologen werden müssen, um zu Fragen rund um Religion, Tradition oder auch religiös begründeten Ideologien arbeiten zu können: Sie können auf die Experten im Film verweisen und sie erhalten in den Begleitheften zu den Filmen neben Hintergrundinformationen pädagogische Hinweise. Damit sollen sie das Gespräch unter den Jugendlichen initiieren und moderieren. Die Filme, die Experten und die Jugendlichen selbst werden in der Gesprächsrunde dazu beitragen, dass zum Beispiel Machtfantasien einzelner Jungs infrage gestellt werden. Und: Viel gewonnen ist doch schon, wenn Jugendliche überhaupt zum Nachdenken darüber angeregt werden, was sie persönlich richtig und falsch finden und wie sie leben wollen.

Und welche praktischen Erfahrungen machen Sie bislang?

Müller: Praktische Erfahrungen haben wir bisher vor allem mit der Fortbildung von Multiplikatoren gemacht – und die sind sehr gut:  Vor allem die Jugendarbeiter halten die Filme für sehr geeignet. Es ist ja Material, das es bisher in solcher Form noch gar nicht gegeben hat. Die Arbeit mit den jungen Teamern in Schulen und Jugendeinrichtungen beginnen gerade erst. Ich kann aber aus eigener praktischer Erfahrung sagen, dass die Filme gut ankommen. Es gelingt mit ihrer Hilfe, die Jugendlichen miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie erleben, dass sie sich über  Religion, Geschlechterrollen oder den Nahostkonflikt eigene Gedanken machen und zu eigenen Urteilen kommen können. Und indem der Islam in den Filmen vielfältig, positiv und als Selbstverständlichkeit in Deutschland dargestellt wird, können viele Jugendliche aus einer Verteidigungshaltung geholt werden, in die sie sich sonst schnell begeben, wenn sie sich infrage gestellt fühlen. Auf diese Weise können die Filme meiner Beobachtung nach Jugendliche auch für radikale Sichtweisen und Positionen sensibilisieren.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Initiative auf nennenswertes Interesse bei den Jugendlichen stoßen?

Müller: Unsere Erfahrung – und die vieler Kollegen in Schulen und Jugendeinrichtungen – ist, dass sich die meisten Jugendlichen sehr für Fragen zu Religion und Kultur, Identität, Zugehörigkeit und damit verbundene Missverständnisse, Zuschreibungen und Diskriminierungen interessieren. Erst recht gilt das zum Beispiel für das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen: Warum eigentlich dürfen Jungs oft vielmehr als ihre Schwestern? Nur finden sie oft weder zuhause noch in der Schule den Raum, die Form und Ansprechpartner, um gemeinsam und ohne Druck über solche Fragen nachzudenken. Deshalb bleibt es oft bei unreflektierten Schlagworten und übernommenen Stereotypen.

Haben Religion und Kultur im Leben moslemischer Jugendlicher einen größeren Stellenwert als sie im Leben christlich-deutscher Jugendlicher haben?

Müller: Richtig ist, dass viele muslimische Jugendliche nicht religiös sind. Außerdem unterscheiden sich die Jugendkulturen von Migranten oft nur wenig von denen ihrer Altersgenossen deutscher Herkunft. Gerade in der pädagogischen Arbeit sollte daher darauf geachtet werden, die Jugendlichen nicht pauschal als „Muslime“ zu adressieren. Dennoch spielen Religion und Kultur eine Rolle. Und zwar aus drei Gründen:

Zum einen ist im Vergleich zum durchschnittlichen Jugendlichen aus Hamburg oder Berlin für einen größeren Teil der muslimischen Jugendlichen die Religion ein mal mehr, mal weniger bedeutsamer Aspekt in ihrem Leben. Zum andern spielt hier die Migrationsgeschichte eine prägende Rolle: Religion, Kultur und Herkunft sind naheliegenderweise für einen großen Teil der Eltern und Großeltern der hier in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen zentraler Bestandteil ihres Selbstverständnisses. In unterschiedlichen Formen sind sie es damit auch für die Jugendlichen, die sich damit auseinandersetzen müssen. Und drittens kommt hinzu, dass muslimische Jugendliche in ihrem Alltag und in den Medien ständig damit konfrontiert sind, als Muslime angesprochen zu werden – egal ob sie überhaupt religiös sind. Viele kommen erst auf diese Weise dazu, sich mit „ihrer“ Religion intensiver zu beschäftigen.

Was kann denn nun eine Jugendeinrichtung in Hamburg tun, wenn sie mit Hilfe Ihrer Initiative in die Auseinandersetzung mit diesen Themen gehen will?

Müller: Sie kann sich an Deniz Ünlü in der HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaften) wenden. In einem Vorgespräch können dann Fragen geklärt werden zur Gruppe und deren Besonderheiten, zu Themen, über die mit den Jugendlichen gesprochen werden soll und natürlich wann und wie oft unsere Teamer in die Gruppe kommen. Wir denken, dass wir dann auf diese Anfragen flexibel eingehen und reagieren können.