Pressedossier: ufuq.de-Statement aus Sicht der Prävention zum Lagebericht Islamismus im Netz 2018

Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey hat am 02.04.2019 gemeinsam mit jugendschutz.net in den Räumen von ufuq.de den Lagebericht Islamismus im Netz 2018 vorgestellt. Lesen Sie hier die offizielle Mitteilung zur Pressekonzerenz. Der Lagebericht beschreibt Dimensionen und Trends islamistischer Propaganda im Internet und macht deutlich, wie islamistische Akteurinnen und Akteure auf immer subtilere Art und Weise ihre Deutungsmuster an junge Menschen herantragen.

Dabei docken sie bewusst am medialen Kommunikationsverhalten vieler Jugendlicher an und greifen eine Vielfalt von Themen auf, die Jugendliche beschäftigen: Oft geht es um Identität, Gemeinschaft, Geschlechterrollen oder Gerechtigkeit, also um komplexe Themen, auf die Jugendliche hier einfache Schwarz-Weiß-Antworten bekommen.

ufuq.de-Statement aus Sicht der Prävention:

Die Ergebnisse des Lageberichtes decken sich mit den Erfahrungen, die wir in unseren On- und Offline-Projekten mit Jugendlichen machen. Dschihadistische Inhalte spielen heute eine deutlich kleinere Rolle. Gleichwohl erreichen islamistische Akteure bis heute ein großes Publikum. So hat die Facebook-Seite von Pierre Vogel aktuell 311.000 Likes.

Erfahrungen aus der pädagogischen Arbeit

Die meisten Medienprodukte sind strafrechtlich und jugendmedienschutzrechtlich nicht relevant, verbreiten und verstärken aber niedrigschwellige antipluralistische, abwertende oder antidemokratische Botschaften.

Islamistische Inhalte beschränken sich dabei immer weniger auf einzelne klar bestimmbare Akteure, sondern werden auch von Nutzer_innen verbreitet und reproduziert, die selbst nicht der islamistischen Szene angehören. Darin besteht – neben der Problematik von Gewaltaufrufen und Gewaltverherrlichung – eine große pädagogische Herausforderung.

Herausforderungen der pädagogischen Arbeit

„Islamische Fakten“ ist eine islamistische Facebook-Seite mit aktuell 257.000 Abonnent_innen. Die Seite verbindet gesellschaftliche und politische Themen mit einfachen und vor allem rigiden religiösen Inhalten.

Das Bild links (Bild 1) illustriert die Aufmachung und die Themenwahl dieser Webseite. Es greift eine weitverbreitete Empörung über Doppelstandards in Politik und Medien angesichts rassistischer Gewalt auf – und ist insofern zunächst unproblematisch und völlig legitim. Problematisch ist nicht die Kritik an sich, sondern die Antworten, die hier gegeben werden. Der Westen, so wird hier argumentiert, sei empathielos, feindselig und grundsätzlich rassistisch – und Muslim_innen sind immer Opfer und müssen sich gegen „den Westen“ zusammenschließen. In anderen Bildern werden dann die religiösen Inhalte ergänzt (Bild 2). Der Islam wird dabei zu einer Gegenidentität, die mit einem Rückzug aus der Gesellschaft einhergehen kann.

 

Die große Verbreitung dieser Webseiten steht exemplarisch für den Mangel an Räumen, um über Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus zu sprechen und damit Gehör zu finden. Islamistische Angebote schließen hier eine Lücke und bieten mit ihrer Opferideologie eine Antwort auf das Gefühl von Ohnmacht und Sprachlosigkeit.

Prävention geht daher über das Löschen von Inhalten hinaus. Notwendig sind auch pädagogische Ansätze, die die Maßnahmen beispielsweise von jugendschutz.net ergänzen, um Jugendliche für extremistische Inhalte zu sensibilisieren und Reflexionsprozesse anzustoßen, aber auch um Handlungsmöglichkeiten in der Auseinandersetzung beispielsweise mit Rassismuserfahrungen aufzuzeigen.

Notwendigkeit von politischer Bildung und Medienpädagogik  

Der Leitgedanke unserer Projekte lässt sich wie folgt zusammenfassen: Problematisch sind nicht die Fragen, die von Islamisten aufgegriffen werden, sondern die Antworten, die sie anbieten. In unseren Projekten versuchen wir daher, mit den Jugendlichen solche Antworten zu entwickeln. Dabei geht es vor allem um politische Mündigkeit und kritische Medienkompetenz.

An drei Beispielen lässt sich unser Vorgehen veranschaulichen:

(I) Wir arbeiten an Gemeinschaftsvorstellungen und dem Denken in Wir-Ihr-Gruppen. Dabei ist es uns wichtig, zu zeigen, dass Muslim_innen natürlich Teil der Gesellschaft sind, und dass sich Deutsch- und Muslimischsein nicht ausschließen. Es geht also darum, ein inklusives „Wir“ stark zu machen und Jugendliche zu ermutigen, sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen und sich einzubringen.

(II) Darüber hinaus geht es in unseren Projekten darum, religiösen Fragen einen Raum zu geben. Das können Fragen zu Geschlechterrollen, Kleidungsregeln oder „gut“ und „richtig“ sein. Wir sind kein religiöser Träger, daher geben wir keine religiösen Antworten, sondern versuchen die Vielfalt islamischer Deutungen und Interpretationen aufzuzeigen. Wir machen deutlich, dass es beispielsweise unter Muslim_innen zum Umgang mit dem Kopftuch ganz unterschiedliche Vorstellungen gibt, um Jugendliche zu motivieren, für sich selbst Antworten zu finden. Welche Antwort das dann ist, liegt in der Hand der Jugendlichen selbst. Die Erfahrung zeigt, dass bereits die Möglichkeit, über solche Themen zu sprechen, den Horizont erweitert und Denkoptionen möglich werden, die den Jugendlichen vorher gar nicht bewusst waren.

(III) Die Jugendliche sollen ermutigt werden, eigene Positionen zu formulieren und einzubringen. Dabei geht es letztlich um Handlungskompetenzen, die für die politische Bildung zentral sind. Wer bin ich, welche Interessen habe ich – und wie kann ich diese Interessen und Perspektiven einbringen?

Diese Ansätze stehen im Zentrum von unseren Projekten „bildmachen“ und „Alternativen aufzeigen“, die vom BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert werden. Sie wenden sich direkt an Jugendliche in Schule und Jugendarbeit und bringen Themen auf den Tisch, die sonst oft zu kurz kommen. Auch hier zeigt die Erfahrung, dass Jugendliche sehr politisch denken – und eifrig dabei sind, wenn sie merken, dass sie mit ihren Themen ernstgenommen werden. Dann können sie auch akzeptieren, wenn Andere andere Positionen vertreten und ihren eigenen Ansichten widersprechen.

 

Zum Weiterlesen: Forschungen, Methoden und Erfahrungen zur Rolle von Sozialen Medien in Radikalisierungsprozessen

Sozialen Medien spielen in Radikalisierungsprozessen eine wichtige Rolle. Hier finden Sie eine kommentierte Übersicht zu aktuellen Forschungen und Praxisansätzen zu diesem Thema.

1. Hintergründe zu Radikalisierung, Sozialen Medien und Prävention

Die Rolle des Internets und sozialer Medien für Radikalisierung und Deradikalisierung (pdf), Peter Neumann/Charlie Winter/Alexander Meleagrou-Hitchens/Magnus Ranstorp/Lorenzo Vidino, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, PRIF Report 10/2018.

Die Expertise fasst den aktuellen Forschungsstand zur Rolle von Online-Medien in Radikalisierungsprozessen zusammen und beschreibt Strategien extremistischer Organisationen in Sozialen Medien. Darüber hinaus werden unterschiedliche Ansätze der Präventionsarbeit vorgestellt.

Hassliebe: Muslimfeindlichkeit, Islamismus und die Spirale gesellschaftlicher Polarisierung (pdf), Forschungsbericht des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft und dem Institute for Strategic Dialogue, Maik Fielitz, Julia Ebner, Jakob Guhl, Matthias Quent (Jena/London/Berlin 2018).

Der Forschungsbericht beschreibt die Ähnlichkeiten von rassistischen und islamistischen Gemeinschafts- und Feindbildkonstruktionen und analysiert die Wechselwirkungen dieser Ideologien insbesondere in Sozialen Medien.

Videos und soziale Medien: Prävention im Internet, Götz Nordbruch, Infodienst Radikalisierungsprävention, Bundeszentrale für politische Bidlung, 3. Juli 2018.

Der Artikel bietet einen Überblick über unterschiedliche Aspekte der Präventionsarbeit in Sozialen Medien und fasst Ansätze von bestehenden Präventionsprojekten zusammen.

Digitale Medien und politisch-weltanschaulicher Extremismus im Jugendalter. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis (pdf), Sally Hohnstein/Maruta Herding (Hrsg.), Deutsches Jugendinstitut (München 2017).

Der Sammelband bietet neben aktuellen Forschungen zu islamistischen und rechtsextremen Medienstrategien Einblicke in verschiedene Präventionsprojekte in Sozialen Medien.

2. Präventionsansätze/-projekte

bildmachen – Politische Bildung und Medienpädagogik zur Prävention religiös-extremistischer Ansprachen in Sozialen Medien – ufuq.de

Das Projekt fördert die kritische Medienkompetenz von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit religiös-extremistischen Ansprachen und zeigt alternative Zugänge und Perspektiven zu lebensweltbezogenen Fragen auf. Es verbindet Ansätze der politischen Bildung, der Präventionsarbeit, der Medienpädagogik sowie des Jugendschutzes und wird von ufuq.de in Kooperation mit dem JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (München), der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle NRW e. V. (Köln) sowie dem Niedersächischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung durchgeführt.

Alternativen aufzeigen! Kurzvideos zu Islam, Islamfeindlichkeit, Demokratie und Islamismus für Internet, Schule und Jugendarbeit – ufuq.de

In diesem Projekt entstehen Videos und Lernmaterialien zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit, Demokratie und Islamismus. Die Materialien greifen Fragen und Ereignisse auf, die Jugendliche im Alltag beschäftigen, und eignen sich für Unterricht und Jugendarbeit. Das Projekt wird von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg in Zusammenarbeit mit ufuq.de durchgeführt.

„Islam-ist“ – Radikalisierungsprävention online – Violence Prevention Network

Die Website ist ein Informationsportal des Violence Prevention Network zum Thema Islam und beschäftigt sich mit den Lebenswelten von muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie bietet Videos und Hintergrundinformationen u. a. zu innerislamischer Vielfalt, der Bedeutung von Festen und Ritualen und Islam und Sport.

„Jamal al-Khatib – Mein Weg“ – Pädagogisches Paket zum Online-Street-Work-Projekt (pdf) – turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention (Wien 2018)

Das Online-Projekt basiert auf der Biografie eines ehemaligen Dschihadisten und verarbeitet dessen Werdegang in Form von Videos und Beiträgen in Sozialen Medien. Die pädagogischen Begleitmaterialien ermöglichen die Auseinandersetzungen mit zentralen Aspekten in Radikalisierungsprozessen.

Digital Streetwork – Pädagogische Interventionen im Web 2.0 (pdf) – Amadeu Antonio Stiftung (Berlin 2017)

Die Amadeu Antonio Stiftung verfügt über mehrjährige Erfahrungen in der Entwicklung und Umsetzung von Präventionsansätzen in Sozialen Medien. Die Broschüre stellt den Ansatz der digitalen Jugendsozialarbeit vor und informiert dabei auch über Herausforderungen und Fallstricke der digitalen Gegenrede.

3. Lernmaterialien

Salafismus Online. Propagandastrategien erkennen – Manipulation entgehen. Materialien für Schule und außerschulische Jugendarbeit, EU-Initiative klicksafe und Kompetenzzentrum jugendschutz.net in Kooperation mit ufuq.de (Ludwigshafen 2018)

Die Handreichung informiert Lehrkräfte über Hintergründe islamistischer Ideologien (Schwerpunkt Salafismus) und sensibilisiert für islamistische Ansprachen in Sozialen Medien. Sie enthält ausführliche Informationen über wichtige Themen, die von islamistischen Akteuren behandelt werden, und bietet sechs detaillierte Arbeitsblätter u. a. zur Abgrenzung von Islam und Islamismus, Propagandastrategien und Manipulationen im Internet sowie zur Auseinandersetzung mit salafistischen Narrativen.

Extremismus im Internet. Drei Lernarrangements zur Förderung von Medienkritikfähigkeit im Umgang mit Internetpropaganda in der Schule, Julian Ernst/Josephine B. Schmitt/Diana Rieger/Hans-Joachim Roth in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus im Bundeskriminalamt (BKA) sowie ufuq.de; Bundeskriminalamt – Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus (Wiesbaden, 2019)

Die Handreichung enthält drei Unterrichtseinheiten, die auf eine Sensibilisierung für extremistische Inhalte abzielt und zur Reflexion über die darin enthaltenen Positionen anregt. Darüber hinaus zielt sie auf eine Förderung von Handlungskompetenzen und der Partizipation in sozialen Medien. Die Lernarrangements sind für jeweils 90 Minuten konzipiert und wenden sich an Schüler_innen ab der 8. Klasse.

Digital-Salam.de – Unterrichtsmaterialien zu Online-Videos und Islam, Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster (2018)

Die Broschüre bietet fünf Unterrichtsmodule zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten des Islams und von Muslim_innen in Deutschland (u. a. Frauen im Islam und die Bedeutung der Begriffe Scharia und Dschihad). Die Module verbinden medienpädagogische mit politisch-bildnerischen und religiös-pädagogischen Ansätzen und zielen auf die Förderung von Ambiguitätstoleranz im Umgang mit Religion und Glaubenspraxis.