Partizipation im Internet: „Die politische Bildung muss aus der Komfortzone herauskommen“

Online-Medien spielen im Alltag von Jugendlichen eine immer wichtigere Rolle. Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung und Freizeitgestaltung, sondern auch um Partizipation in Gesellschaft und Politik. Dr. Viktoria Spaiser forscht zur Nutzung des Internets durch Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund und interessiert sich insbesondere für das Potential von Online-Medien für politische Teilhabe und Mitgestaltung. Im Gespräch mit Götz Nordbruch betont sie die Chancen, die mit einer zunehmenden Verschmelzung von On- und Offline-Welten für die Bildungsarbeit verbunden sind.

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Sie haben die Internetnutzung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund untersucht. Konnten Sie dabei Unterschiede in der Nutzung feststellen?

In der Tat konnte ich in meiner Untersuchung Unterschiede in der politischen Internetnutzung feststellen. Zunächst nutzen Jugendliche mit Migrationshintergrund das Internet tendenziell häufiger für politische Zwecke als etwa herkunftsdeutsche Jugendliche – wobei es hier durchaus auch Unterschiede zwischen verschiedenen Migrantengruppen gibt. Jugendliche mit türkischem oder arabischem Hintergrund nutzen das Internet tendenziell häufiger für politische Zwecke als herkunftsdeutsche Jugendliche, für Aussiedlerjugendliche oder Jugendliche mit osteuropäischem Familienhintergrund gilt das aber nicht. Für sie spielt das Internet für politische Interessen eine geringere Rolle als für herkunftsdeutsche Jugendliche.

Für Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt es zunehmend Online-Communities und Online-Gruppen, die sich ganz gezielt an sie richten. In diesen Communities finden Jugendliche gewissermaßen einen Schutzraum, in dem sie sich mit anderen, die einen ähnlichen Hintergrund haben und daher ähnliche Erfahrungen in der Gesellschaft machen, austauschen können, Zuspruch finden usw. Das kann wichtig sein, damit sie lernen, ihre eigene Meinung zu artikulieren und ihre Stimme zu erheben, bevor sie sich in generelle Online-Diskussionen einbringen.

Spiegeln sich die Unterschiede denn auch in den Themen, für die sich Jugendliche interessieren?

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Dr. Viktoria Spaiser ist Politikwissenschaftlerin und Informatikerin an der Universität in Leeds und forscht unter anderem zu Fragen von Partizipation, Demokratie und Segregation. Sie ist Autorin der Studie Neue Partizipationsmöglichkeiten? Wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund das Internet politisch nutzen (Beltz Juventa, 2013).

Ja, diese Unterschiede gibt es. Herkunftsdeutsche engagieren sich häufig zu Themen wie Internetfreiheit, Datenschutz und digitale Bürgerrechte, während bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund Themen rund um die eigene Migrantengruppe im Vordergrund stehen.

Haben Sie eine Erklärung für diese Unterschiede?

Dafür gibt es vielfältige Gründe. Ein Grund, warum sich Jugendliche mit türkischem und arabischem Hintergrund besonders stark politisch im Internet engagieren, scheinen eigene Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit zu sein. Diese Erfahrungen sind ein wichtiges Motiv, aktiv zu werden, nach Möglichkeiten zu suchen, der eigenen Stimme als Angehörige einer Minderheit Ausdruck zu verleihen. Das Internet ist hier ideal, denn als Angehörige einer Minderheit haben es diese jungen Menschen besonders schwer, Zugang zu etablierten Medien zu finden, um gehört zu werden.

Aussiedlerjugendliche und osteuropäische Jugendliche auf der anderen Seite scheinen weniger von Diskriminierungserfahrungen betroffen zu sein – bei ihnen spielt dieses Motiv weniger eine Rolle. Eine weitere Ursache für die Unterschiede liegt im sozialen Umfeld. Das soziale Umfeld von Aussiedlerjugendlichen ist zumeist wenig politisiert. Ihre Eltern wurden in der Sowjetunion sozialisiert, wo politisches Aktivsein jenseits von Debatten innerhalb der eigenen vier Wände kaum praktiziert wurde. Das scheint sich auch auf die Jugendlichen zu übertragen. Das soziale Umfeld türkischer und arabischer Jugendlicher ist dagegen viel häufiger politisiert, d.h. die Jugendlichen wachsen in einem Umfeld auf, in dem politisches und soziales Engagement vorgelebt wurde und auch sozial erwünscht ist. Die Jugendlichen entwickeln dann auch eher die Einstellung, dass sich politisches Engagement durchaus lohnen kann.

In den Diskussionen um die Bedeutung des Internet im Alltag der Menschen – und vor allem auch von Jugendlichen – gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Es gibt Stimmen, die die Bedeutung von Online-Medien für die Meinungsbildung in Frage stellen. Wie schätzen Sie dies ein, inwiefern prägt die Internetnutzung auch den Alltag in der Offline-Welt? Sollte man Online-Diskussionen ernst nehmen?

In meiner Studie wird deutlich, dass das Internet eine ausgesprochen wichtige Rolle für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund spielt – und zwar für jeden Bereich, einschließlich der politischen und gesellschaftlichen Partizipation. Das Internet ist mittlerweile das primäre Informationsmedium, gerade für Jugendliche. Zeitungen und Radio spielen eine viel geringere bis gar keine Rolle mehr und selbst Fernsehen verliert an Bedeutung. Jugendliche recherchieren, wenn sie sich über ein Thema, sei es politisch oder nicht, informieren, vor allem im Internet. Jugendliche mit geringerem Bildungshintergrund suchen zum Beispiel YouTube und andere Videoportale auf, während Jugendliche mit höherem Bildungshintergrund gerne populäre Blogs lesen oder sich auf Nachrichtenportalen und über Wikipedia informieren.

Wie Jugendliche die Welt sehen und bewerten wird maßgeblich durch das, was sie im Internet an Informationen und Meinungen konsumieren, geprägt. Daher hat das Internet einen unmittelbaren Effekt auf den Alltag der Jugendlichen in der sogenannten Offline-Welt.

Generell denke ich, dass es an der Zeit ist, sich von dieser Trennung in Online- und Offline-Welt zu verabschieden. Die Online-Welt ist längst ein integraler Teil des Lebens der Jugendlichen. Mit den Smartphones ist diese Online-Welt stets präsent und die Jugendlichen bewegen sich permanent in beiden Welten, die jedoch gar nicht mehr zwei Welten sind, sondern mittlerweile verschmolzen sind. Daher hat alles, was sie online machen, auch offline einen Einfluss auf ihr Verhalten, Denken und Leben – und umgekehrt.

In ihrer Studie konzentrieren sich auf Möglichkeiten politischer Partizipation im Internet. Was genau meinen Sie damit? Inwiefern eröffnet das Internet tatsächlich Möglichkeiten, teilzunehmen und mitzugestalten?

Ich unterscheide zwischen verschiedenen Formen, wie Jugendliche das Internet für politische Partizipation nutzen können. So können sie sich dort politisch informieren, sei es über Informationsportale, Nachrichten-Homepages, Blogs, Videos, Webseiten von politischen Gruppen oder ähnliche Angebote. Informiert zu sein ist eine zentrale Voraussetzung für politische Partizipation. Sie können über das Internet aber auch selbst politische Informationen bereitstellen, etwa in Form von Blogs, Podcasts oder Videos und damit am gesellschaftlichen Diskurs partizipieren. Hinzu kommt die direkte Beteiligung über Kommentarfunktionen oder über explizite Online-Diskussionsgruppen an politischen Diskussionen im Internet.

Eine wichtige Möglichkeit liegt auch in der mobilisierenden Wirkung von Online-Medien. Hier kann man sich über Mailinglisten oder soziale Netzwerke sehr effektiv absprechen, koordinieren und vernetzen. Das Internet ist das ideale Vernetzungsmedium und ist daher für aktive politische Partizipation mittlerweile unerlässlich. Aber Online-Medien spielen auch für etablierte Formen der demokratischen Partizipation eine wichtige Rolle, wenn man beispielsweise an Online-Petitionen oder Kampagnen und Protestaktionen im Internet denkt.

Im Grunde gibt es für jede politische Aktionsform offline eine Entsprechung im Internet. In der Praxis werden politische Online- und Offline-Aktionen auch häufig gemischt, wenn z.B. Demonstrationen live im Internet gestreamt werden, was erneut aufzeigt, dass es an der Zeit ist, das Denken in den Kategorien On- und Offline zu überdenken.

Es wird viel über die Notwendigkeit diskutiert, Online-Medien auch in der Bildungsarbeit zu nutzen. Welche Möglichkeiten sehen Sie beispielsweise für die Schule oder die politische Bildung, das Internet zu nutzen?

Es wäre in der Tat wichtig, das Internet viel stärker in die Bildungsarbeit einzubinden. In meiner Studie wird deutlich, wie wichtig Internetkompetenz als Voraussetzung für eine effektive politische Partizipation on- und offline ist. Gerade junge Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau sollten gestärkt werden, um über das Internet zu partizipieren. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Internet in der Bildungsarbeit zu nutzen. Wenn es um das politische System in Deutschland geht, sollten zum Beispiel Möglichkeiten der Online-Partizipation ausdrücklich angesprochen und im Idealfall auch im Unterricht ausprobiert werden. Es geht auch darum zu zeigen, dass das Internet auch für politische Themen eine zuverlässige Informationsquelle sein kann, und darum, wie man Informationen überprüfen kann. Aber man sollte Handlungsmöglichkeiten auch ausprobieren: So könnten Schüler gemeinsam eine politische Aktion im Internet im Rahmen des Unterrichts durchführen und diese dann kritisch reflektieren und diskutieren.

Aber auch die außerschulische politische Bildung ist gefragt, das Internet effektiver in ihrer Arbeit zu nutzen. Die politische Bildung muss aus ihrer Komfortzone herauskommen und nicht mehr darauf warten, dass die Leute auf ihr Angebot reagieren. Sie sollte sich sehr viel mehr da einbringen, wo die Leute sind: in den Portalen, auf Plattformen wie YouTube, Facebook, Twitter und so weiter. Dort finden politische Diskussionen statt, in denen sich auch für die politische Bildung eine Einmischung lohnt, indem sie etwa reagiert, wenn Leute dort irreführende oder tendenziöse Beiträge zu politischen Themen posten, und falsch dargestellte Sachverhalte mit Fakten widerlegt und eigene Beiträge schaltet. Politische Bildung im digitalen Zeitalter muss viel interaktiver und viel breiter aufgestellt sein, als es bisher der Fall ist.

Foto: LAN-Party, Toffelginkgo (CC BY-SA 3.0)