Pädagogische Arbeit nach den Anschlägen in Paris

Paris do not cause harm MuhammadDie Anschläge in Paris sind immer noch Thema in vielen Schulklassen. Anmerkungen von Jochen Müller (ufuq.de) zum Umgang mit den Ereignissen und ihren Nachwirkungen.

„Fuck Paris“ posten manche Jugendliche in den sozialen Netzwerken. Andere verweigern Schweigeminuten an Schulen oder erklären, Muslim_innen würden so etwas nicht tun – die Attentate seien in Wahrheit vom CIA verübt worden. Insbesondere in Schulen zeigen sich viele Lehrer_innen darüber empört. Sie sind besorgt über einen etwaigen Einfluss von islamistischer Propaganda und von Verschwörungstheorien oder haben Angst, ihre Schüler_innen könnten selbst Sympathien für die Anschläge hegen.

Solche Reaktionen von Pädagog_innen sind – gerade auch wegen der mitunter sehr provokativen Haltung der Jugendlichen – verständlich. Nur: sie werden diesen Jugendlichen nicht gerecht. Und sie vergeben möglicherweise eine pädagogische Chance, weil sie ihre Perspektiven außer Acht lassen.

Denn diese Positionen von Jugendlichen (nicht nur aus Familien mit Migrationsgeschichte) bringen in der Regel nicht etwa Sympathien für den Terror des IS zum Ausdruck, sondern ihr Unbehagen, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird: „Unsere Toten zählen nicht!“, so ließe sich dieses Unbehagen vielleicht zusammenfassen. Und damit haben sie ja nicht ganz Unrecht: Hat denn im Oktober jemand auch nur den Gedanken geäußert, man könne eine Schweigeminute für die über hundert Opfer des Anschlags in Ankara abhalten? Oder nach dem Attentat in Beirut, einen Tag vor Paris? „Warum“, so mögen sich einige Jugendliche fragen, „soll ich der Opfer von Paris gedenken, wenn sich für die in Ankara oder Beirut kaum jemand interessiert? Und sterben nicht in Palästina immer wieder unschuldige Kinder? Gab es da schon mal eine Schweigeminute?“ (Geschweige denn – so möchte man hinzufügen – für die Opfer des mutmaßlichen Anschlags auf das russische Passagierflugzeug über dem Sinai?)

Mit solchen Perspektiven kann auf unterschiedliche Weise umgegangen werden, sie können hinterfragbar sein – aber nicht indem man sie verdammt. Denn tatsächlich mögen, aus unterschiedlichen Gründen, vielen Jugendlichen diese Opfer näher erscheinen als jene. Und dann wären ihre Reaktionen eben nicht als Sympathiebekundungen für Terroristen zu lesen, sondern als Gesprächsangebote anlässlich ihnen unpassend erscheinender, von oben angeordneter Maßnahmen wie Schweigeminuten in Schulen.

Das heißt: Hier artikulieren Jugendliche ihre Perspektive und ihre Position. Und das ist doch gut so. Es bietet nämlich erst die Gelegenheit, um über unterschiedliche Wahrnehmungen und Gefühle ins Gespräch zu kommen – z.B. über die Frage, warum wir uns alle bei manchen Vorfällen betroffener fühlen als bei anderen. Statt also die Jugendlichen zum Problem zu machen oder sogar womöglich als IS-Sympathisanten hinzustellen, können wir ihre Ausdrucksformen getrost aufgreifen und zur Diskussion stellen.

In vielen Schulen ist genau das auch geschehen: Das große Redebedürfnis vieler Jugendlicher in den Tagen nach Paris wurde aufgegriffen, intensiv setzten sich Schüler_innen und Pädagog_innen auseinander und fanden Formen, gemeinsam Betroffenheit und Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen, wobei es zu für alle Beteiligten sehr bewegenden Momenten kam. Unterschiedliche Perspektiven können so in den Blick genommen und es kann deutlich gemacht werden, dass diese auch ernst genommen werden.

In einem Workshop, den wir in einer Berliner Schule durchführten, sagte eine Schülerin: „Aber wenn wir für jeden Terror, für jeden Krieg eine Schweigeminute machen, dann müssen wir für immer schweigen“. Dieses Dilemma lässt sich vielleicht nicht lösen, sich aber darüber bewusst zu werden, ist ein großer Schritt. So gelingt gemeinsames Gedenken, so gelingen Schule und Prävention und so gelingt Migrationsgesellschaft.