“Nicht in meinem Namen!” – Jugendlichen gegen Rassismus und Diskriminierung eine Stimme geben

„Die Antwort ist einfach ‚Machen’.“ Das Projekt „Nicht in meinem Namen! Gemeinsam gegen Diskriminierung, antimuslimischen Rassismus und den Missbrauch von Religion“ gibt Jugendlichen eine Stimme, um über Anfeindungen und Diskriminierungen zu sprechen – und um eigene Interessen zu vertreten. Das Projekt „Nicht in meinem Namen“ läuft seit März 2015 in Trägerschaft der AWO Arbeit & Qualifizierung gGmbH Solingen und bietet Jugendlichen ein Forum, um eigene Aktivitäten zu starten. Wir haben mit Projektleiterin Hanna Attar gesprochen.

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Worum geht es in dem Projekt und wer macht mit?

Wir möchten ein gesellschaftliches Bewusstsein für antimuslimischen Rassismus und Islamfeindlichkeit schaffen, Differenzierungen aufzeigen und Vorurteilen entgegenarbeiten. Ein Schwerpunkt des Projektes ist es, Jugendlichen durch verschiedene Aktionen Gehör zu verschaffen, ihnen in den Workshops Raum für Fragen zu bieten und Handlungsmöglichkeiten gegen Diskriminierung – speziell Islamfeindlichkeit – aufzuzeigen. Jugendliche sollen zudem die Möglichkeit bekommen, gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Initiative zu zeigen. Ihrer eigenen Kreativität wird dabei freien Lauf gelassen.

Muslimische und nicht-muslimische Jugendliche, aber auch Erwachsene, insbesondere Multiplikatoren wie Lehrer, Sozialarbeiter etc., sind bei uns willkommen, um sich über Diskriminierungen auszutauschen, Eigeninitiative im Bereich der Demokratie- und Toleranzförderung zu ergreifen oder um einfach mehr über den Islam zu erfahren.

Wir bieten zum Beispiel schulische und außerschulische Bildungsworkshops im Bereich Islam, Islamfeindlichkeit und Identität an, in denen wir Fragen und Vorurteile aufgreifen und behandeln. Wir wollen keine endgültigen Antworten geben, aber zum Denken anregen. Außerdem bieten wir in unterschiedlichen Bereichen freizeit- und kulturpädagogische Aktivitäten – wie Fotoaktionen, Theater und Musik – an. Dadurch wollen wir jugendgerecht auf die Themen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit aufmerksam machen.

Langfristig ist zudem eine Antidiskriminierungsstelle geplant, zu der Jugendliche kommen können, um über ihre Diskriminierungserfahrungen zu sprechen und sich Rat zu holen.

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Hanna Attar ist Islam- und Politik- wissenschaftlerin. Seit März 2015 leitet sie das Projekt „Nicht in meinem Namen“ in Trägerschaft der AWO Aqua gGmbH Solingen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass sich auch Jugendliche gegen Diskriminierung und Rassismus einzusetzen?

Bedauerlicherweise sind Diskriminierung und Rassismus immer noch keine Seltenheit in unserer Gesellschaft und auf der ganzen Welt – sondern alltäglich! Jeder und jede von uns, der oder die in irgendeinem Bereich einer Minderheit angehört – sei es wegen Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Religion – weiß wovon ich spreche. Ein kleiner beiläufiger Kommentar kann schon verunsichern, einen belasten und das Gefühl vermitteln, man gehöre nicht zu der Gesellschaft. Aber gerade wenn es darum geht, das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken, müssen wir uns gegen Diskriminierung und Rassismus einsetzen müssen. Insbesondere wenn unsere Jugendlichen das Gefühl haben, sie gehören nicht zu uns oder zu unserer Gesellschaft, besteht die Gefahr, dass sie aus unseren Händen gleiten und wir nicht wissen, in welche Richtung sie sich begeben oder entwickeln.

Ist der Bedarf an solchen Angeboten denn heute größer als früher?

Dass Rassismus und Islamfeindlichkeit Menschen sogar zum Mord anstacheln, musste die Stadt Solingen 1993 erfahren, als Brandstifter das Haus der Familie Genç anzündeten und dabei fünf Menschen in den Flammen umkamen. Auch 20 Jahre später und nach dem Ende der NSU-Morde, bleibt es notwendiger denn je – sich Rassismus und Islamfeindlichkeit als Feld der Intervention und Prävention für die pädagogische Arbeit und politische Bildung zu stellen. In Deutschland leben knapp 2 Millionen Jugendliche und junge Erwachsene muslimischer Herkunft. Dabei ist nicht nur das Spektrum ihrer Lebensstile breit – auch in ihrer Religiosität sind sie sehr unterschiedlich. Dennoch wird über den Islam und die muslimische Jugend in öffentlichen Debatten vor allem oft im Zusammenhang mit sogenannten Integrationsproblemen berichtet: Sorgenkinder, Kostenfaktoren, Ehrenmorde, Zwangsheirat sind nur einige Schlagworte, die mit „dem Islam“ in Deutschland in Verbindung gebracht werden. Hinzu kommen die Themen Salafismus, Gewalt, Terrorismus etc., die im Weltgeschehen und auch in Solingen aktueller denn je sind!

Was bedeutet das für den Alltag von Musliminnen und Muslimen?

Mit dem tatsächlichen Alltag der meisten Muslime haben diese Themen wenig zu tun. Konfrontiert mit Diskriminierungserfahrungen, Islamfeindlichkeit und Rassismus fühlen sich viele muslimische Jugendliche von der Gesellschaft ausgeschlossen, insbesondere seitdem 2012 eine Minderheit unter den religiösen Muslimen in Solingen – durch das Verbot des Vereins und der Moschee „Millatu Ibrahim“, in der religiös begründeter Extremismus gefördert wurde – für beträchtliches Aufsehen sorgte.

Dabei sind die Reaktionen auf Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher ganz unterschiedlich. Auf der Suche nach Zugehörigkeit stauen sich nicht selten Frustration und Wut auf, die anfällig machen für Ideen antidemokratischer Gruppierungen, gerade radikale islamistische Organisationen bieten dafür eine Erklärung und ein Ventil an. Besonders in einem Klima der Muslimfeindlichkeit besteht die Gefahr, dass sich junge Menschen religiös extremistische oder traditionalistische Einstellungen zu Eigen machen und demokratiedistanzierte Einstellungen aneignen.

Im unserer Arbeit wurde zunehmend klar, dass diese Themen die Jugendlichen beschäftigen und sie sich betroffen fühlen – sei es durch Kommentare in der Schule, durch Zeitungsartikel, Fernsehberichte oder auf der Jobsuche. Die Jugendlichen fühlen sich angegriffen und sehen sich stets in einer Verteidigungsposition. Aus diesen Erfahrungen heraus, war es den Mitarbeitern des Jump Ins daran gelegen, ein Projekt gegen Diskriminierung und insbesondere antimuslimischen Rassismus einzurichten.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, sich gegen Diskriminierung und Rassismus einzusetzen?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sich gegen Diskriminierung und Rassismus einzusetzen, es kommt dabei immer auf die eigene Persönlichkeit an.

Im Rahmen des Projektes „Nicht in meinem Namen!“ haben Jugendliche zunächst die Möglichkeit über ihre Diskriminierungen zu sprechen und erstmals darauf aufmerksam zu machen. Allein das kann schon sehr bestärkend wirken. Man kann sich aber auch aktiv gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einsetzen, in dem man sich Aktionen, Bündnissen, Initiativen oder Parteien anschließt und die eigene Stimme erhebt. Jugendliche haben bei uns auch die Möglichkeit, ihre eigenen Ideen und Projekte umzusetzen. So entstand beispielsweise ein „interkultureller Flashmob“ oder eine „interkulturelle Feier“. Für das nächste Jahr ist eine „Muslimische Free Hugs Aktion“ geplant.

Ohne Titel 2In Workshopreihen und Werkstätten in den Bereichen Medienpädagogik, Hip Hop, Graffiti, Breakdance und Theater, werden Jugendliche im Projekt an Projekthemen herangeführt und sie setzen sich ausgehend von ihrer Lebensrealität mit den zentralen Fragen des Themenfeldes Religion, Muslimfeindlichkeit und Diskriminierung auseinander. Die Gefahren menschenverachtender Ideologien für das Zusammenleben in der Gesellschaft und die Auswirkungen auf Betroffene werden beleuchtet. Je nach gewähltem Zugang werden die Resultate am Ende in unterschiedlichen Formaten dargestellt: In Reportagen, Theater- und Musikstücke, Blogpräsentationen, Foto-Ausstellungen oder Kurzfilmen. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit präsentiert, unter anderem soll eine Wanderausstellung entstehen. Auch das ist eine Form des Engagements.

Zudem wird die Teilnahme an landes- und bundesweiten Jugendzukunfts- und Demokratiekongressen gefördert. All diese Aktivitäten sind Möglichkeiten sich gegen Rassismus einzusetzen. Oft kann man schon etwas gegen Rassismus tun, in dem man spricht, Dialog führt und Fragen oder Missstände aufklärt. Ich denke, es gibt kein Patentrezept gegen Diskriminierung oder Rassismus: Die Antwort ist einfach „Machen“.

In einem der Workshops ist eine Fotokampagne entstanden. Worum geht es dabei?

Mit Beginn des Projektes „Nicht in meinem Namen!“ fand das Fotoshooting der Kampagne zunächst für die Gestaltung des Projektflyers statt. Als sich recht schnell herausstellte, dass die Bilder mit den Slogans ein hohes Potential haben, haben wir uns entschieden, noch mehr Bilder von Jugendlichen zu
machen. Daraus hat sich dann die Fotokampagne entwickelt. Jugendliche sollten die Möglichkeit bekommen, ein Statement abzugeben. Das haben sie auch genutzt, um nervige Kommentare zu verarbeiten, die sie immer wieder zu hören bekommen.

Die Statements sind ja sehr persönlich. War das so geplant?

Die einzelnen Slogans entstanden also eigenen Erfahrungen, die die Jugendlichen gemacht haben. Dabei war es mir wichtig, dass es nicht ausschließlich um antimuslimischen Rassismus ging, sondern um jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Die Fotos möchten zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist und egal, welche Religion, welche Nationalität o.ä. wir haben, wir gehören alle dazu, wir sind alle Menschen, wir sind gleich und vor allem: Wir können alle lächeln!

Damit die Bilder nicht nur Platz in sozialen Einrichtungen finden, haben wir uns, entschieden, daraus eine Außenwerbekampagne in Solingen zu machen, damit auch Bürger_innen darauf aufmerksam gemacht werden, die vielleicht nicht unbedingt eine Galerie besuchen oder sich in irgendeiner Weise ehrenamtlich engagieren. Aber nicht nur Solingen soll von dieser Kampagne profitieren, wir wünschen und erhoffen uns, dass diese bunten, aussagekräftigen Bilder auch in anderen Städten einen Platz finden.