Neue ufuq.de-Handreichung: „Mit Memes gegen Islamismus? Materialien für die politische Medienbildung mit Jugendlichen“

In der neuen Handreichung „Mit Memes gegen Islamismus? Materialien für die politische Medienbildung mit Jugendlichen“ ziehen die Autor_innen zum Ende der Modellprojektphase Bilanz und geben konkrete Tipps für die politische Medienbildung im Internet: Welchen Herausforderungen sind sie in ihrer Arbeit begegnet, welche Ansätze und Methoden haben sie entwickelt?

Das Online-Präventionsprojekt bildmachen hat am 15.11.2019 die Handreichung „Mit Memes gegen Islamismus? Materialien für die politische Medienbildung mit Jugendlichen“ veröffentlicht, das die wichtigsten Erkenntnisse der Modellprojektlaufzeit zusammenfasst und in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern dem JFF Institut für Medienpädagogik, der AJS-NRW und dem NLQ-Niedersachsen entstanden ist. Das 60-seitige Heft beschreibt die Besonderheiten, die sich in der Auseinandersetzung mit islamistischen Einstellungen und Orientierungen ergeben, und stellt konkrete Übungen vor, um mit Jugendlichen über Internetphänomene wie Fake News, Hate Speech oder Filterblasen ins Gespräch zu kommen und eigene Inhalte zu produzieren. Im Mittelpunkt stehen dabei Memes als einfach zu gestaltende, aber sehr aussagekräftige Bildformate, die sich für die politische Medienbildung anbieten.

Das Heft gliedert sich in drei Module:

  • Modul 1 – Politische Medienbildung: In ihrer alltäglichen Mediennutzung stoßen Jugendliche zwangsläufig auch auf problematische Inhalte wie Hate Speech oder Fake News. Die aktive Nutzung von Sozialen Medien ermöglicht Jugendlichen Erfahrungen von Anerkennung und Selbstwirksamkeit auch jenseits von virtuellen Welten.
  • Modul 2 – Islamismus: Die meisten Online-Beiträge aus dem islamistischen Spektrum sind strafrechtlich nicht relevant und lassen sich daher nicht einfach „löschen“. Oft setzen sie an realen Erfahrungen von Diskriminierung und Ungerechtigkeit an, die Jugendliche im Alltag beschäftigen. Problematisch sind dabei in der Regel nicht die Fragen, die Islamist_innen aufgreifen, sondern die Antworten, die sie geben.
  • Modul 3 – Empowerment mit Memes: Wie können wir über Themen wie Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismuserfahrungen mit Jugendlichen sprechen? Was verbinden Jugendliche mit diesen Themen – und wie lassen sich diese Erfahrungen in eigenen Beiträgen sichtbar machen? Die aktive Medienarbeit mit Memes bietet die Chance, Jugendliche im Umgang mit solchen Erfahrungen zu stärken und eigene Interessen und Perspektiven in die Diskussion zu bringen.

Für jedes Modul haben die Autor_innen von allen Übungen, die im Projekt entwickelt wurden, zwei ausgewählt und Übungsblätter erstellt. Diese geben auf je einer Seite das jeweilige Ziel, die Umsetzung in einzelnen Schritten und auch eventuelle Problembereiche („Fettnäpfchen“) an. Sie enthalten Informationen zur Gruppengröße, Altersstufe, der benötigten Zeit und der notwendigen Ausstattung wie Internetverbindung oder Beamer.

Als Fazit aus der Workshoparbeit mit Jugendlichen formulieren die Autor_innen acht Empfehlungen für die politische Medienbildung mit Memes. Die Erfahrung aus bildmachen zeigt, dass es in der Arbeit mit Jugendlichen in „ganz normalen“ Klassen und Jugendgruppen in der Regel wenig erfolgsversprechend ist, das Phänomen Islamismus explizit in den Mittelpunkt zu stellen und Jugendliche „aufzuklären“ – oder Jugendliche dazu anzuleiten, sich mit Memes „gegen Islamismus“ einzusetzen. Deutlich vielversprechender ist es, Jugendliche bei eigenen, lebensweltlichen Themen und Interessen abzuholen, die auch in islamistischen Medien eine Rolle spielen (können), und sie dazu anzuregen, sich mit anderen über unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf diese Themen auszutauschen und eigene Positionen zu entwickeln. Memes sind dafür ein gutes Medium, das Jugendlichen sowohl eine empowernde Selbstpositionierung als auch eine reflektierende Selbstauseinandersetzung ermöglicht.

Das Projekt wird in Berlin weiter fortgeführt. Workshops und Fortbildungen können weiter unter bildmachen.net angefragt werden.

Sie können die Handreichung hier herunterladen (pdf) oder gegen Erstattung der Versandkosten (2,50 Euro für 1 bis 2 Exemplare, 3,50 Euro für 3 bis 4 Exemplare, Versandkosten für mehrere Exemplare auf Anfrage) unter bestellung@ufuq.de bestellen. Die Übungsmaterialien finden Sie unter www.bildmachen.net/materialien.


Drei Fragen an Pierre Asisi, einen der Autor_innen der Handreichung

Was sind die wichtigsten Ergebnisse des Projektes?

Pierre Asisi: Wichtig war uns, unseren zentralen Ansatz darzustellen, der sich mit den Erfahrungen im Laufe des Projekts herausgebildet hat. Am Anfang des Projekts sind wir mit dem Gedanken an die Sache gegangen, dass die teilnehmenden Jugendlichen durch die Verbreitung der in den Workshops entstandenen Memes dazu beitragen, der „Deutungshoheit islamistischer Seiten“ in Sozialen Medien etwas entgegenzusetzen. Wir haben dann aber in der praktischen Arbeit mit den Jugendlichen gemerkt, dass das Ganze nicht so funktioniert wie gedacht – auch weil Islamismus in den meisten Klassen nur aus den Medien bekannt war und weniger aus eigener Erfahrung.

Beim Ansatz, der sich aus diesen Erfahrungen entwickelt hat, ging es dann eher darum, dass sich die Jugendlichen mit Hilfe der Memes positionieren können, gerade zu Themen, die auch in „extremistischen Ansprachen“ relevant sind, etwa zu Geschlechterrollen oder zu Rassismus. Das kann unmittelbar empowernd sein, aber auch eine Grundlage, um die eigene Position zu reflektieren. Die Memes sind also die Basis für politische Bildung und nicht das Ziel. Die gemeinsame Gestaltung von Memes in der Gruppe – von der ersten Idee über die Auswahl von Motiven und die Diskussion über Formulierungen bis zum fertigen Meme – eignet sich hervorragend für die politische Bildungsarbeit. Es ging uns um diesen Prozess, nicht so sehr um das Meme, das am Ende stand. Gerade wenn „gesellschaftlich unerwünschte“ Memes entstehen, wird es spannend, denn dann ergibt sich die Möglichkeit, über das Thema zu sprechen.

Ein weiteres Ergebnis sind die Übungen, die im Projekt entstanden sind. Für die Publikation haben wir sechs Übungen ausgewählt, die pädagogische Fachkräfte nun selbst umsetzen können.

Was hat sich besonders bewährt?

Eine große Herausforderung in den Workshops bestand darin, auch tagespolitische Themen so herunterzubrechen, dass die Jugendlichen Lust bekamen, sich auch medial damit zu beschäftigen. Das erfordert viel Vorbereitung vor und Flexibilität während der Workshops. Aber durch den Lebensweltbezug der Workshops springen die Jugendlichen an und es lässt sich auch mit zunächst profanen Aufhängern gut über größere gesellschaftliche Themen dahinter diskutieren. Der Instagramkanal der Sängerin Loredana, der viele Jugendliche folgen, wirkt zum Beispiel pädagogisch erstmal nicht besonders ergiebig, aber auch hier lassen sich viele Bezüge zu den „bildmachen-Themen“ herstellen, etwa wenn es um Bildrechte von Kindern geht.

Bewährt hat sich außerdem, die Workshops für Jugendliche in Verbindung mit Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte anzubieten, um den Ansatz auch längerfristig in der alltäglichen Arbeit stark zu machen.

Gab es überraschende Ergebnisse?

Mich hat es überrascht, wie sensibel ein großer Teil der Jugendlichen mit den eigenen Bildrechten umgeht. Viele haben sich die Einverständniserklärungen ganz genau erklären lassen und auch ganz bewusst nicht unterschrieben oder unterschreiben lassen. Das kann im Projektalltag schon mal sehr zeitintensiv werden, aber im Grunde genommen war das erfreulich, da es für die Medienkompetenz dieser Jugendlichen spricht. Dass durch das unerwünschte Veröffentlichen und die Verbreitung von (unter Umständen manipulierten) Bildern Menschen zu Schaden kommen können, ist ja auch Thema in den Workshops. Wir haben uns letztendlich entschlossen, nur Bilder zu veröffentlichen, in denen die Jugendlichen nicht erkennbar waren oder unkenntlich gemacht wurden (beispielsweise mit Hilfe von Emojis).


Herausgeber der Handreichung ist ufuq.de im Rahmen des gemeinsamen Projekts „bildmachen – Prävention in Sozialen Medien“ in Kooperation mit dem JFF – Institut für Medienpädagogik, der Arbeitsgemeinschaft Kinder und Jugendschutz Landesstelle NRW und dem Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung. Das Projekt wird unter anderem gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.