Nation, Ehre und Gewalt: Interview mit Kemal Bozay über türkisch-nationalistische Szenen

Die „Osmanen Germania“ ist eine türkisch-nationalistische Rockergruppe, die seit einigen Jahren in Deutschland aktiv ist. In Sozialen Medien gibt es mittlerweile zahlreiche Gruppen, die sich zum Beispiel „Osmanische Generation“ nennen und über 60.000 Nutzer_innen erreichen. Diese Gruppen stehen für die zunehmende Sichtbarkeit türkisch-nationalistischer Diskurse, die aktuell gerade vor dem Hintergrund der Konflikte in der Türkei und in Syrien auch von Jugendlichen aufgegriffen werden.

Dr. Kemal Bozay, Sozialwissenschaftler und Experte für die Themen Migration und Rechtsextremismus, erklärt im Gespräch die Hintergründe der Szene und deren Attraktivität für Jugendliche.

erdIn den vergangenen Wochen wurde viel über die Rockergruppe „Osmanen Germania“ und andere türkisch-nationalistische Gruppierungen berichtet. Wer steht hinter diesen Gruppen – und in welchem Verhältnis stehen sie zu traditionellen Organisationen wie den Ablegern der AKP oder den Grauen Wölfen?

Bei der Gruppe „Osmanen Germania BC“ handelt es sich um eine türkisch-nationalistische Rockergruppe, die seit einigen Jahren öffentlich und medial für große Aufmerksamkeit sorgt. Sie steht dabei für die wachsende Zahl türkisch-nationalistischer Organisationen, die in den vergangenen Jahren in Deutschland entstanden sind. Nach eigenen Angaben haben die „Osmanen Germania“ über 2.500 Anhänger in Deutschland und verfügen bundesweit über ein breites Netzwerk, das bis hin zu politischen Strukturen der türkischen Regierung und Politik reicht. Das nordrhein-westfälische Innenministerium sprach kürzlich von der guten Verbindung der „Osmanen Germania“ zur türkischen Regierungspartei AKP und zum Umfeld von Recep Tayyip Erdogan. Mittlerweile hat es mehrere Razzien gegen Mitglieder und Anhänger der „Osmanen Germania“ gegeben, denen gefährliche Körperverletzung, Zuhälterei, Unterstützung von Zwangsprostitution, versuchter Mord und versuchter Totschlag vorgeworfen werden. Hinzu kommen gewalttätige Auseinandersetzung mit der kurdischen Rockergruppe „Bahoz“ sowie brutale Bestrafungen von Aussteigern der Szene.

kbDr. Kemal Bozay ist Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der IUBH Internationale Hochschule und Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln. Bozay arbeitet zu den Themen Migration, Rassismus, Rechtsextremismus, Ideologien der Ungleichwertigkeit und politische Bildung.

Das alles ist nur eine Facette der „Osmanen Germania“. In ihren inhaltlichen Botschaften ist die Assoziation von Macht, Blut, Nation, Ehre und Gewalt zu erkennen. Sie treten mit einer eigenen nationalistisch-islamischen Identität auf und ähneln vom Organisationsmodell her den „Osmanli Ocaklari“ (Heim der Osmanen) in der Türkei, die als radikaler Jugendableger der AKP bekannt sind. Dabei sind auch fließende Übergänge zu den Grauen Wölfen zu beobachten, die derzeit im engen Bündnis mit der AKP von Erdogan stehen. Die „Osmanen Germania“ sind ein Teil der politischen Arbeit von rechts-nationalistischen und islamischen Organisationen in Deutschland, die sich dem Umfeld der AKP und der rechtsnationalistischen MHP (Nationalistische Bewegungspartei) verbunden fühlen. Darüber hinaus gibt es in Deutschland auch Rockergruppen wie „Turan e.V.“ und „MC Turkos“, die durch ihren Auftritt und ihre Symbolik den Grauen Wölfen nahestehen. Bekannt ist, dass sowohl die „Osmanen Germania“ als auch die anderen Rockergruppen im Umfeld der Grauen Wölfe gerade in Deutschland Pro-Erdogan-Demonstrationen schützen und Teil des Konfliktimports der türkischen Innenpolitik hierzulande sind.

Das Osmanische Reich ist der gemeinsame Bezugspunkt dieser Gruppen. Wofür steht dieses Reich in der Vorstellung ihrer Anhänger_innen?

Tatsächlich bilden die Symboliken und mythischen Heroisierungen des Osmanischen Reiches den gemeinsamen Bezugspunkt all dieser Gruppen. Das verbindet auch das islamisch-populistische Lager der AKP mit dem rechtsextrem nationalistischen Lager der Grauen Wölfe. Zugleich werden durch die stärkere Mobilisierung türkischer Lobbyorganisationen in Deutschland Konflikte aus der Türkei nach Deutschland importiert. Die neo-osmanische Vision vermittelt vor allem Macht und Stärke, somit auch die islamische Utopie von einer neuen starken sunnitisch-islamisch, aber auch nationalistisch geprägten Türkei. Diese Utopie bedient auch die Existenzangst einer Spaltung der Türkei durch innere und äußere Mächte. Damit wird die Grundlage für die Reproduktion von Feindbildern geschaffen, insbesondere gegen Armenier, Kurden, Aleviten, Eziden u.a., die angeblich die Türkei spalten wollen. Auch ausländische Mächte, wie der Westen oder die USA, werden gerne als Feindbild dargestellt. Unter diesen Umständen radikalisieren sich auch türkische Jugendmilieus, die für diese Propaganda und Hysterie empfänglich sind. Hier spielen neben türkischen Lobbyorganisationen auch türkische Medien eine sehr wichtige Rolle, die durch eine einseitige Berichterstattung zur Polarisierung beitragen.

Nationalismus und Religion bewegen sich im allgemeinen Verständnis auf unterschiedlichen Ebenen. Das wird im türkischen Geschichtsnarrativ allerdings anders interpretiert. Hier wurde das Konstrukt einer Türkisch-Islamischen Synthese geprägt, in der eine starke Verflechtung zwischen türkischem Nationalismus und sunnitischem Islam behauptet wird. Die Türkisch-Islamische Synthese ist in der türkischen Gesellschaft ein Konstrukt, das viele Bewegungen vereint und mobilisiert. In seinen Grundzügen stützt sie sich auf das Ideal des großtürkischen Reiches Turan, das seinen Nährboden nicht zuletzt in den Siegeszügen des Osmanischen Reiches findet. Somit stützt sich das Staatskonstrukt der türkischen Republik heute auf das reaktionär-nationalistische Gebilde der Türkisch-Islamischen Synthese, mit der fortschrittliche Ideen und Bewegungen reflexartig gesellschaftlich isoliert und bekämpft werden.

„Wir sind die Jugend. Wir sind die Generation.“ Das ist der Leitspruch auf der Facebook-Seite der „Osmanischen Generation“. Handelt es sich hierbei tatsächlich um Jugendliche und junge Erwachsene? Und was macht diese Szene im Vergleich zu anderen Organisationen für diese attraktiv?

Die „Osmanische Generation“ zeigt sich gegenwärtig als Facebook-Seite, die hierzulande einen relativ großen Verbreitungsgrad unter türkeistämmigen Jugendgruppen hat. Wenn man sich durch die verschiedenen Seiten und Tools klickt, erkennt man sehr gut, dass sie der AKP und Erdogan nahesteht. Interessant ist, dass in dem Titelbild zahlreiche osmanisch-nationalistische Vordenker im Hintergrundbild zu erkennen sind, wobei Erdogan im großen Bild im Mittelpunkt steht. Es gibt inzwischen neben der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die als Lobbyorganisation der AKP gilt, auch zahlreiche Jugendgruppen im Umfeld der DITIB- und/oder Milli Görüs-Moscheen, die der AKP von Erdogan nahestehen.

Ob diese Seiten tatsächlich von Jugendlichen und jungen Erwachsene genutzt werden, lässt sich schwer einschätzen. Fest steht, dass junge Menschen durch das Social Web und andere Internetangebote in den letzten Jahren mehr denn je für die islamisch-nationalistische Politik der Türkei mobilisiert werden. All diese Organisationen und Angebote sind gerade für junge Menschen anziehend, weil sie eine neue Wir-Identität vermitteln und gegenüber der Aufnahmegesellschaft eine Stärke demonstrieren. Junge Menschen, die in dieser Gesellschaft Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren haben und größtenteils zu den Verlierern von so genannten Modernisierungsprozessen gehören, suchen in diesen virtuellen Räumen nach neuer Zugehörigkeit und Anerkennung. Gerade diese Organisationen und Angebote bieten eine neue Identität in der Umma oder im nationalistischen Heim. In einer immer komplexer werdenden Welt suchen gerade Jugendliche, insbesondere auch Jugendliche mit Migrationsbiographien, Perspektiven und einfache Antworten, die teilweise über diese Organisationen und Facebook-Seiten gegeben werden.

Der türkisch-kurdische Konflikt spielt auf diesen Seiten eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung hat er in der Ideologie und für die Ansprache von Jugendlichen?

Der türkisch-kurdische Konflikt, insbesondere auch die aktuellen Entwicklungen in Syrien, bilden gegenwärtig einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt innerhalb dieser gesellschaftlichen Spaltungslinien.  Fest steht, dass seit den Wahlen vom Juni 2015 in der Türkei weder die AKP noch Erdogan das Interesse haben, eine friedliche Lösung in der kurdischen Frage zu finden. Nach Juni 2015 wurde ein Bürgerkrieg in den kurdischen Regionen der Türkei gestartet, der die Entvölkerung und Zerstörung von vielen kurdischen Städten und Stadtteilen zur Folge hatte. Seit dem Einmarsch in die kurdische Region Afrin/Syrien hat diese Kriegshysterie zweifelsohne einen neuen Höhepunkt erreicht, die nationalistisch-islamische Kriegspropaganda hat sich weiter verstärkt. Im Zuge des Einmarsches in Afrin haben Medien, Politik und gesellschaftliche Institutionen unter dem Diktat von Erdogan eine Kriegspropaganda zur angeblichen Bekämpfung des „Terrorismus“ verbreitet, die gerade auch innerhalb der türkeistämmigen Community in Deutschland Wirkung zeigt. Die zahlreichen Demonstrationen der türkisch-nationalistischen Lobbyorganisationen und das große Interesse von türkischen Jugendgruppen zeigen sehr gut, inwieweit diese Propaganda und Ideologie von Jugendlichen aufgenommen werden.

In der Migrationsforschung wird die Bedeutung von Rassismuserfahrungen für den Rückzug auf eine vermeintlich eigene Herkunft betont. Inwiefern lässt sich der Zuspruch für diese Gruppen auch mit den aktuellen deutsch-türkischen Konflikten oder die Debatte um den Islam in Deutschland erklären?

Sicherlich gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Rassismuserfahrungen und Rückzug auf die vermeintliche eigene Herkunft. Gerade viele türkeistämmige Jugendliche der dritten oder vierten Generation, die hier geboren und aufgewachsen sind, machen Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus. Sie begegnen in der Schule, im Ausländeramt oder bei der Polizei verschiedenen Formen des institutionellen Rassismus. Hinzu kommen rechtsextreme Angriffe wie in Solingen oder Mölln, aber auch die rechtsextreme Mordserie des NSU. Türkeistämmige Jugendliche wachsen hierzulande größtenteils mit dem Gefühl auf, nicht dazu zu gehören. Die Aufnahmegesellschaft spaltet sich immer mehr in „wir“ und „sie“, so dass neue gesellschaftliche Differenzlinien immer mehr in den Vordergrund rücken.

Hinzu kommt, dass in der öffentlich-politischen Diskussion, die ja vor allem aus der Mitte der Gesellschaft kommt, ein sehr negatives Bild über türkeistämmige Jugendliche und ihre angebliche „Integrationsunwilligkeit“ geprägt wird. Hier werden sie zu den Verlierern der so genannten Modernisierung abgestempelt. Dem folgen dann auch generalisierende Debatten rund um den Islam, der diese Spaltung weiter vertieft. Wenn im soziologischen Kontext all diese Faktoren und Marginalisierungserfahrungen zusammenkommen, verstärkt sich insbesondere unter türkeistämmigen Jugendlichen ein Rückzug auf die so genannte eigene Herkunft. Es entsteht ein Vertrauensverlust und zugleich ein Bruch mit den pluralen Werten der Aufnahmegesellschaft. Gerade dieser Bruch führt dazu, dass Jugendliche den Werten dieser Gesellschaft den Rücken kehren und neue Wir-Identitäten suchen. Gerade türkisch-nationalistische und islamistische Organisationen, aber auch Rockergruppen wie die „Osmanen Germania“ vermitteln solche Wir-Identitäten, die durch die Abwertung von anderen geprägt sind.

Sie haben die Beteiligung der osmanischen Rocker-Gruppen an kriminellen Strukturen angesprochen. Sehen Sie hier Parallelen zu salafistischen Biographien, die ja häufig auch von Gewalterfahrungen und Kriminalität geprägt sind?

Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten zu salafistischen Biographien. Wichtiger ist aber, dass auch die gewaltbereiten salafistischen Milieus von der gesellschaftlichen Isolation und dem Rückzug der jungen Menschen aus den Werten der hiesigen Gesellschaft profitieren und nach diesem Muster Anhänger rekrutieren. Dies läuft nach folgendem Schema: Je mehr die Aufnahmegesellschaft Migrantinnen und Migranten ausgrenzt, die muslimische Bevölkerung negativ etikettiert, sie fremdethnisiert und eine künstliche Mauer zwischen „wir“ und „sie“ aufbaut, desto mehr ziehen sich türkeistämmige und/oder muslimische Jugendliche zurück, isolieren sich, und entwickeln neue Wir-Identitäten in radikalen nationalistischen oder islamistischen Strukturen. Hier entsteht eine neue demokratiefeindliche Kraft.

Welche Angebote wären aus Ihrer Sicht hilfreich, um möglichen Konflikten in der pädagogischen Arbeit entgegenzuwirken, die mit diesen Überhöhungen des „Türkentums“ einhergehen können?

Wir benötigen ein grundlegendes gesellschaftliches Umdenken. Politik, Medien und Gesellschaft müssen ihren Beitrag leisten, um einer gesellschaftlichen Spaltung und Polarisierung entgegenzuwirken. Vor allem geht es darum, die Spaltung zwischen „wir“ und „sie“ aufzuheben und nach einem gemeinsamen „Wir“ zu suchen. Gerade im Kontext der pädagogischen Arbeit benötigen wir eine Sensibilität für dieses gesellschaftliche Thema und eine kritische Auseinandersetzung mit den Ursachen und Motiven. Daher benötigen wir Orte der Begegnung, zum Beispiel in Schule, Jugendzentren, Sport oder Stadtteil, die an diesem gemeinsamen „Wir“ arbeiten. Was die Radikalisierung von Migrationsgruppen betrifft, zum Beispiel in Form von Überhöhungen des „Türkentums“, benötigen wir insbesondere in der pädagogischen Arbeit präventive Ansätze, um jungen Menschen Orientierung zu bieten und sie dort abzuholen, wo sie sich befinden. Wir brauchen neue Empowerment-Konzepte, um die Sensibilitäten der Jugendlichen besser zu erkennen und auf die Bedarfe besser zu reagieren. Hier müssen sich vor allem auch die pädagogischen Einrichtungen und Institutionen besser aufstellen. Zudem benötigen wir neue antirassistische Konzepte und Handlungsmethoden, die sich mit Ungleichwertigkeitsideologien auseinandersetzen, damit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Pädagoginnen und Pädagogen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren besser agieren können. Sicherlich bieten Musik, Sport, Kultur u.ä. einen wichtigen Rahmen, in der sich junge Menschen immer mehr begegnen, anstatt aneinander vorbeizugehen.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht good practices?

Es gibt zahlreiche Programme, Initiativen und Projekte, die sich mit den verschiedenen Aspekten der Ungleichwertigkeitsideologien auseinandersetzen. Ob es Präventionsprogramme gegen den gewaltbereiten Salafismus sind oder Programme gegen demokratiefeindliche Einstellungen in der Einwanderungsgesellschaft. Sie sind wichtig und leisten einen Beitrag zur Prävention. Ich denke, dass der örtliche Bezug dieser Aktivitäten und Projekte wichtig ist, aber auch Vernetzungen, um einen Transfer von Erfahrungen und Ideen zu ermöglichen.

Zum Weiterlesen

Kemal Bozay, Der NSU-Komplex als Auftrag für die politische Bildung, www.ufuq.de, 12. Februar 2017

Kemal Bozay und Orhan Mangitay, „Ich bin stolz, Türke zu sein!“ Graue Wölfe und türkischer (Rechts-)Nationalismus in Deutschland, Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V./Beratungsstelle der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Düsseldorf (Wuppertal 2016)

Sindyan Qasem, Mirjam Gläser, Nalan Yağci, Reflektionen zu Ideologien der Ungleichwertigkeit von Menschen mit Rassismuserfahrungen, www.ufuq.de, 14. März 2017

„Loyalitäten sind kein Nullsummenspiel“ – Anregungen für die pädagogische Arbeit nach dem Referendum in der Türkei, www.ufuq.de, 14. April 2017

„Lass uns reden!“: Materialien zum Umgang mit Spannungen zwischen Türkei- und kurdischstämmigen Jugendlichen, www.ufuq.de, 19. Oktober 2015