Weder Patriarch noch Kindesentzieher: Ein Projekt in Leipzig wendet sich gegen negative Zuschreibungen muslimischer Männlichkeit

VaterzeitDas Projekt „Vaterzeit im Ramadan?!“ des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften in Leipzig beschäftigt sich mit antimuslimischem Rassismus und Geschlechterbildern. Das Projekt arbeitet an einer Sensibilisierung der (Fach-) Öffentlichkeit für die gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen muslimische Männer und Väter konfrontiert werden.

Projektleiterin Anna Sabel berichtet im Gespräch mit ufuq.de über die Erfahrungen und Ergebnisse des Projektes.

Frau Sabel, welche Bilder gibt es in der Öffentlichkeit von „muslimischen Männern“?

Wir begegnen in unserer Arbeit zwei stereotypen Bildern muslimischer Männlichkeit: Zum einen ist da das Bild des Patriarchen, der streng über seine Familie herrscht, und zum anderen das Bild des jungen, alleinstehenden, in seiner Sexualität bedrohlichen Mannes. Wenn es um muslimische Väter geht, beobachten wir, dass sie eher als Bedrohung denn als fürsorglicher Elternteil gesehen werden und dies selbst in juristische Bewertungen einfließt. Sie werden oft voreilig für Erziehungsprobleme verantwortlich gemacht und als konkrete Gefahr (Entführungsgefahr!) wahrgenommen. Für muslimische Väter resultieren daraus diskriminierende Erfahrungen, die weitreichende Folgen für das Familienleben haben. In Konfliktfällen kann dies so weit gehen, dass ihnen die Befähigung, eine fürsorgliche Beziehung zu ihren Kindern aufbauen zu können, durch soziale Dienste und Gerichte abgesprochen wird.

Gibt es auch Auswirkungen auf muslimische Väter jenseits solcher extremen Einzelfälle?

Natürlich. Schon die Präsenz von muslimischen Vätern in sozialen Einrichtungen (zum Beispiel Kindertagesstätten, Horteinrichtungen, Grundschulen) führt zu Irritationen und Befürchtungen. Halten sich die Väter aus den Einrichtungen fern, wird ihnen schnell Desinteresse attestiert. Sind sie aber präsent und zeigen Interesse, wird ihr Auftreten häufig als autoritär wahrgenommen und als typisches und unveränderliches Kennzeichen ihrer islamischen und patriarchalen Haltung abgewertet.

Durch die gesellschaftliche Debatte um zugeschriebene Fremdheit und Gefährlichkeit werden muslimische Männer als Projektionsfläche für verallgemeinernde Zuschreibungen missbraucht. Um muslimische Väter und ihre Familienangehörigen – insbesondere ihre Kinder – zu stärken und Kreisläufe negativer Selbst- und Fremdzuschreibungen zu unterbrechen, müssen die gesellschaftlichen Vorurteilsstrukturen benannt und verändert werden.

Welchen Ansatz verfolgt denn das Projekt „Vaterzeit im Ramadan?!“?

Das Bundesmodellprojekt „Vaterzeit im Ramadan?!“ arbeitet an einer Sensibilisierung der (Fach-)Öffentlichkeit für die spezifischen gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen muslimische Männer und Väter konfrontiert werden. Das große Unbehagen gegenüber „dem” Islam bekommen viele Muslim_innen zu spüren. Verallgemeinernde Darstellungen finden über die Medien eine weite Verbreitung, vermitteln aber nur ein unzureichendes und vielfach verzerrtes Bild. Auch die alltägliche Praxis in den Arbeitsfeldern der Bildung, Beratung und Betreuung wird davon stark überlagert.

Fachkräfte stehen vor der Herausforderung, alle Menschen gleichermaßen gut zu begleiten und zu unterstützen. Doch wenn es um muslimische Männer und Väter geht, ist zu beobachten, dass Skepsis und Besorgnis im alltäglichen Umgang besonders groß sind. In unseren praxisorientierten Weiterbildungen beschäftigen wir uns mit diesen Überschneidungssituationen, in denen Unbehagen, Irritationen und Missverständnisse auftreten, und schaffen Räume zur Auseinandersetzung mit Fremd- und Selbstbildern. Wir sensibilisieren für Geschlechterfragen aus rassismuskritischer Perspektive und fördern diversitätsbewusste Haltungen. Um in eine breitere Öffentlichkeit hineinwirken zu können, haben wir eine Wanderausstellung erarbeitet und produzieren einen Dokumentarfilm.

Wie ist es eigentlich zum Projektnamen gekommen?

Der Projektname „Vaterzeit im Ramadan?!“ irritiert. Menschen hören ‚Vaterzeit‘ und horchen auf. Dann „Ramadan“ und schon entstehen immer wieder Bilder, die der Vereinbarkeit beider Begriffe im ersten Moment entgegenstehen. Das Gegenüber stutzt, und wir sind im Gespräch über das vorurteilsbeladene Bild des muslimischen Mannes.

Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Workshops? Wie sensibel sind die Teilnehmer_innen für rassistische Zuschreibungen in Bezug auf muslimische Männlichkeit?

In unserer Workshoparbeit denken Teilnehmende häufig nicht zuallererst an die konflikthaften Situationen, die entstehen, wenn Menschen, junge in Deutschland geborene Heranwachsende beispielsweise, immer wieder als fremde, ihre Sexualität und körperliche Kraft potentiell nicht kontrollierende Andere adressiert werden. Wie in öffentlichen Debatten überhaupt wird mit Verweis auf „reale“ Erfahrungen mit übergriffigen Männern abgewehrt, wenn die Dekonstruktion rassistischer Zuschreibungspraxen nahegelegt wird.

Uns geht es sicher nicht darum, problematische Männlichkeitsentwürfe und daraus resultierende gewaltvolle Erfahrungen zu negieren. Donald Trump ist eine Symbolfigur für eben solche Männlichkeiten. Köln ist ein Symbolort. Während ich aber beinahe nichts über die Täter der Silvesternacht 2015/2016 weiß, habe ich in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Köln viel über rassistische Wissensbestände unserer Gesellschaft gelernt. Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Taten wie in Köln geschieht eben nicht losgelöst von rassistischen Zuschreibungen. Unsere Arbeit besteht darin, immer wieder die rassistischen Zuschreibungen in den Blick zu nehmen und damit andere Deutungen von Konflikten, andere Handlungen und andere gesellschaftliche Veränderungsprozesse anzuregen.

Wie schaffen Sie es, die Wahrnehmung von Teilnehmenden zu öffnen? Welche alternativen Bilder bieten Sie an?

Unser Ziel ist es nicht, alternative Bilder muslimischer Männlichkeiten anzubieten. Wir möchten uns gemeinsam mit den Teilnehmenden unserer Workshops damit auseinandersetzen, wie es dazu kommt, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Diskurs über Migration in erster Linie auf Muslim_innen geschaut wird und warum Zugewanderte vermehrt über ihre zugesprochene Religion entschlüsselt werden. Interessant finde ich, was passiert, wenn ich mich stattdessen mit meinen eigenen machtvollen Wahrnehmungsroutinen auseinandersetze und den Unsicherheiten, die entstehen, wenn ich sie in Frage stelle.

Zum Weiterlesen

Lamya Kaddor, Aylin Karabulut, Nicolle Pfaff,„… man denkt immer sofort an Islamismus“ – Islamfeindlichkeit im Jugendalter, Universität Duisburg-Essen 2018

Ahmet Toprak,„Muslimische“ Männer als Herausforderung? Selektive Wahrnehmungen in der öffentlichen Debatte“, www.ufuq.de, 30.07.2015