„Wovon träumst Du eigentlich nachts?“ – Podcast-Folge 4: Muslimische Jugendarbeit mit Mohammed H. Scheikani

Der ufuq.de-Podcast „Wovon träumst du eigentlich nachts?“ richtet sich an Jugendliche und pädagogische Fachkräfte. Verständlich und ohne Fachjargon erzählen junge Menschen aus der Zivilgesellschaft, was sie derzeit gesellschaftspolitisch beschäftigt, wie sie sich gegen Missstände engagieren und wie sie eigentlich leben wollen. In der vierten Folge mit dem Islamwissenschaftler und politischen Bildner Mohammed H. Scheikani steht die muslimische Jugendarbeit in Moscheen im Fokus. Entstanden ist der Podcast im Rahmen der Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, antimuslimischem Rassismus und Islamismus in Berlin.

Folge 4: Muslimische Jugendarbeit in Moscheen mit Mohammed H. Scheikani

Der Islamwissenschaftler und politische Bildner Mohammed H. Scheikani gewährt Einblicke in den Alltag der muslimischen Jugendarbeit in Moscheen. Seine Erfahrung zeigt: Religionsvermittlung ist wichtig, aber es geht um mehr. Jenny Omar und Maryam Kirchmann von ufuq.de haben sich mit ihm über seine Interessen, erleichterte Eltern und die Rolle von Religiosität bei der Selbstfindung unterhalten.

 

Die Folgen erscheinen einmal im Monat und sind über den Audioplayer oder über Spotify streambar.

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Mohammed Habibullah Scheikani studiert Islamwissenschaften M.A. und legte seinen Bachelor B.A. in Geschichte und Kultur des Vorderen Orients an der Freien Universität in Berlin ab.

Transkription zur Folge

Jenny: Sag mal, Maryam, wovon träumst du eigentlich nachts?

Maryam: Ehrlich gesagt habe ich letzte Nacht gar nichts geträumt. Aber ich bin heute morgen mit so einer Erinnerung aufgewacht: Da war ich mit Freundinnen und Freunden in einem Freizeitpark, das war von einem Träger aus unserer Region organisiert. Ich komme ursprünglich vom Land. „Hallo!” nochmal an alle Berliner*innen! Und ich musste daran denken, dass die ganzen Sachen früher von der Kirche organisiert waren. Heute Morgen habe ich mich gefragt: „Gibt es so etwas eigentlich auch von Moscheegemeinden für muslimische Jugendliche?”

Jenny: Das weiß ich auch nicht so genau… Aber deswegen haben wir ja heute unseren Gast Mohammed eingeladen. Herzlich Willkommen, Mohammed. Schön, dass du da bist. Vielleicht kannst du uns erst mal erzählen, wer du bist und was du so machst?

Mohammed: Salam, ich bin Mohammed. Ich bin 24 Jahre alt, studiere gerade im Master Islamwissenschaften und mache muslimische Jugendarbeit. Seit ungefähr sechs Jahren bin ich unter anderem bei ufuq.de in der politischen Bildungsarbeit aktiv. Und ich bin verlobt. Ich bin der Verlobte von Tua El-Fawwal, die übrigens den deutschen Schauspielpreis gewonnen hat.

Maryam: Wow! Er greift noch kurz den Fame ab.

Mohammed: Ich musste es ganz kurz erwähnen.

Maryam: Du hast uns gerade erzählt, dass du in der muslimischen Jugendarbeit tätig bist. Vielleicht kannst du uns mal erzählen, was du da machst und wie du da hingekommen bist?

Mohammed: Wie ich dort hingekommen bin? Da bin ich so ein bisschen reingerutscht. Ich habe Veranstaltungen besucht und da hat man mich gefragt, ob ich nicht Bock habe, auch mal etwas zu machen. Was wir da machen ist voll viel eigentlich. Letztlich geht es darum, einen Raum für muslimische Jugendliche zu schaffen. Wir machen wöchentliche Veranstaltungen. Ich bin auch bei mehreren Moscheevereinen tätig. Die meisten machen wöchentliche Veranstaltungen, das heißt Freitag oder Samstagabend gibt es dann ein Programm. Das Programm sieht meistens wie folgt aus: Es gibt eine Koranrezitation, dann gibt es vielleicht noch ein Bittgebet, dann gibt es einen Vortrag. Und danach sitzt man vielleicht noch gemütlich gemeinsam und bequatscht irgendwelche Themen.

Jenny: Wie alt warst du, als du damit gestartet hast?

Mohammed: Am Anfang wurde ich von meinen Eltern ein bisschen gezwungen, daran teilzunehmen. No Front an der Stelle an meinen Vater, aber dann habe ich mich selbst für islamische Themen interessiert und habe auch selbst teilgenommen. Angefangen, Moscheen zu besuchen, habe ich mit 16 und mit 18 habe ich mich auch selbst miteingebracht.

Maryam: Das ist auch ein bisschen das Alter, in dem man häufig von den Eltern gezwungen wird, Sachen zu machen. Liebe Zuhörer*innen, alles, was euch vorgeschlagen wird, kann man ja auch einmal ausprobieren, vielleicht mag man es am Ende sogar auch… Warum ist dir diese Arbeit denn so wichtig geworden?

Mohammed: Für mich war das eigentlich eine theologische Annäherung. Ich habe mich sehr für islamische Theologie und Philosophie interessiert. In der Moschee habe ich einen Raum für meine Fragen gefunden. Vor allem, was wir auch anbieten, sind Vorträge. Da geht es viel um Wissensvermittlung und da werden des Öfteren theologische Themen thematisiert – nicht nur, es sind auch viele gesellschaftliche oder politische Themen, die angesprochen werden. Also eine Moschee ist nicht nur ein Ort, in der ausschließlich über Theologie gesprochen wird. So habe ich Moscheen gar nicht erfahren. Eher im Gegenteil: Da findet der Austausch unter Muslimen in der Moschee statt, weil man als Muslim in Deutschland sehr viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen konfrontiert ist. Aber es geht eben auch um theologische Themen. Da habe ich den Raum für meine theologischen Fragen gefunden. Der Raum, der dort für diese Themen geschaffen worden ist, war letztlich auch eine Wissensquelle für mich.

Jenny: Kannst du ein Beispiel für politische oder gesellschaftliche Themen nennen, die ihr häufig besprochen habt? Was waren deine theologischen Fragen, mit denen du gekommen bist?

Mohammed: Was thematisiert wird, ist abhängig davon, was gesellschaftlich gerade los ist. In letzter Zeit ist das oft Rassismus. Auch Wahlen. Wir versuchen, die Jugendlichen zu sensibilisieren, dass es wichtig ist, wählen zu gehen. Allgemein bekommen wir auch sehr viele Vorschläge von den Jugendlichen selbst, worüber sie sprechen wollen, und versuchen, das einzubringen. Theologische Themen, die mich selbst damals interessiert haben, waren Fragen zu Gotteserkenntnis: „Existiert Gott? Warum existiert Gott? Warum wurde ich erschaffen?” Im Grunde Fragen nach dem Sinn des Lebens, die sich jeder im Laufe seines Lebens stellt. Dort habe ich den Raum gefunden, darüber zu sprechen. Ich habe meine Antworten auf diese Fragen nicht nur aus der Moscheegemeinde bekommen, aber es war der Ausgangspunkt für meine Fragen.

Jenny: So, wie du das beschreibst, spielt Religion eine sehr große Rolle in den Aktivitäten, aber kann ich mir das auch so vorstellen, dass ganz banale Freizeitaktivitäten organisiert werden und was macht ihr da so?

Mohammed: Ja, auf jeden Fall. Neben dem Programm mit spirituellem oder wissensvermittelndem Charakter interessieren sich die Jugendlichen sehr für das, was nach dem Programm passiert. Das Zusammenkommen, zusammen chillen, Filme schauen. Wir machen Filmabende, FIFA- Abende, wo wir zocken, Wettbewerbe, Quiz. Wir gehen sehr oft zusammen Fußball spielen, Freizeitaktivitäten gibt es sehr viele. Je nachdem, wie die Moschee auch organisiert ist, gibt es auch eine Pfadfindergruppe und eine Kindergruppe von 0-6 Jahren und von 6-14 Jahren, von 14-24 Jahren und dann von 24-34 Jahren und ältere. Manche Moscheeverbände sind so organisiert, dass jeder Jugendliche, egal, in welchem Alter er ist oder ob Mann oder Frau, sich irgendwo wiederfindet, irgendwo eine Gruppe zum Spaßhaben findet und zum Sprechen über Themen, über die man außerhalb der Moschee einfach nicht redet. Wenn man zum Beispiel in der Schule unterwegs ist, da gibt es extrem wenig Raum für so einen Austausch. ufuq.de und andere Vereine schaffen einen solchen Raum. Letzen Endes findet ein Jugendlicher auch einfach in der Moschee Raum mit seinen Freunden.

Maryam: Es ist witzig, dass du das sagst, weil gerade eben, als du gesagt hast, was ihr so macht, erwähntest du Vorträge und so weiter. Da dachte ich: Alle jugendlichen Zuhörer*innen denken, sie müssten zu einem Vortrag gehen.

Mohammed: Nein, aber guck mal: Ich habe als Organisator eine ganz andere Perspektive darauf, so wie: „Okay, das muss jetzt laufen! Das ist voll der Stress.” Aber das ist das Zentrale, womit du dich auseinandersetzt. Das, was nach dem Programm abläuft, ist das Eigentliche, bei dem die Jugendlichen mehr andocken können.

Maryam: Das klingt auf jeden Fall verbindender. Dieser Freizeitbereich ist auch mit Jugendclubangeboten vergleichbar. Wo würdest du einen Unterschied dazu machen? Neben Gebeten und Vorträgen, die ihr macht, wo siehst du einen klaren Unterschied?

Mohammed: So einen großen Unterschied würde ich nicht sehen. Man versucht, während dieser Freizeitaktivitäten immer noch einen religiösen Bezug herzustellen. Zum Beispiel beim Fußball: Fairness, andere nicht verletzen – da sehe ich einen religiösen Bezug. Die Jugendlichen spielen ja auch selber. Aber es ist in beiden Fällen ein Fußballspiel. An sich ist es kein riesiger Unterschied. Bei dem einen Fußballspiel weist man dich darauf hin, dass du den Einen nicht verletzen darfst, dass das nicht okay ist und dort eigentlich auch, aber mit einem anderen religiösen Bezug, einer anderen Motivation.

Jenny: Es ist ja oft so, dass die Kinder und Jugendlichen in der Schule Freunde haben, die nicht muslimisch sind. Ich habe schon mitbekommen, dass innerhalb einer Gruppe aus muslimisch und nicht-muslimischen Jugendlichen manchmal die Situation entsteht: Geht man am beispielsweise. Freitag jetzt irgendwohin zusammen? Die muslimischen Jugendlichen gehen freitags dann immer dort hin. Können die nichtmuslimischen Jugendlichen eigentlich mitkommen? Wäre das okay? Vielleicht wollen sie auch weiter mit ihren Freunden abhängen?

Mohammed: Ja, safe! Es ist auch in der islamischen Perspektive so, dass man einen Raum für alle Menschen schafft. Ein Ort, wo jeder Anschluss finden kann. Der Islam und mindestens die Moscheen, die ich kenne, verstehen den Islam nicht auf Muslime begrenzt, sondern als eine allgemeine Botschaft. Jeder kann daran teilhaben. Die Teilhabe findet in der Moschee statt, weshalb es dann sinnfrei wäre, zu sagen: „Wir richten die Botschaft [des Islams] an alle Menschen, aber unsere Moschee dürfen nur Muslime betreten.”

Maryam: So: „Hier könnt ihr leider nicht reinkommen, leider nicht.”

Mohammed: Wie will man das überhaupt kontrollieren? Da kommt ein Jugendlicher an und man sagt: „Du siehst deutsch aus, nicht wie ein Moslem. Du darfst hier nicht rein. Sag das Glaubensbekenntnis und die erste Sure des Korans und dann darfst du rein.”

Maryam: Ich kann mir schon vorstellen, dass die Hemmschwelle, zu fragen, ob man mitmachen kann, größer ist, wenn man an bestimmten Ritualen nicht teilhaben kann. Aber das ist dann sehr ermutigend, oder?

Mohammed: Meistens ist es so, dass ich selbst oder viele andere Jugendliche einfach Freunde mitnehmen. Vieles ist auch davon abhängig, worum es in dem Vortrag geht. Ist es ein interessanter Vortrag und du weißt, der oder die Freund*in interessiert sich dafür, dann nehme ich ihn oder sie mit. Oder wir chillen danach und es ist ein FIFA-Abend. Dann heißt es: „Komm doch mit! Dann kannst du beim Zocken noch dabei sein.” Es gibt schon eine Hemmschwelle. Es ist sehr selten, dass ein Mensch freiwillig einfach in eine Moschee geht. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Moschee Opfer eines kolonialen Blickes auf Moscheen ist, als der Ort, an dem Terrorismus gepredigt wird. Ich glaube, da ist außerhalb der muslimischen Community vorsätzlich eine Hemmschwelle gesetzt worden. Wir versuchen, diese abzubauen, indem wir uns öffnen und uns mehr gesellschaftlich engagieren. Mehr Sichtbarkeit zeigen. Gleichzeitig ist unsere Sichtbarkeit das, womit viele Menschen ein Problem haben.

Jenny: Es ist dann auch schon wieder zu viel.

Mohammed: Ja, so: „Bleibt doch in dem Hinterhof!”

Maryam: Wie du es machst, du kannst es gerade nicht richtig machen. Darauf zielte auch meine Frage ab, dass es so viele Vorurteile gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Eltern gibt, die erstmal ein bisschen irritiert sind, wenn sie hören, dass ihr Kind abends mit dem Klassenkameraden in die Moschee geht. Dabei ist Islam bei ihnen zuhause nicht gerade ein zentrales Thema. Wenn man sich jedoch anschaut, was nicht-muslimische Jugendliche am Wochenende treiben, könnte es ja im Interesse der Eltern sein, zu sagen: „Ah, du gehst FIFA spielen, anstatt um die Häuser zu ziehen.“

Mohammed: Es gibt vielfältige Angebote für Jugendliche an den Freitag- oder Samstagabenden. Du kannst in Berlin alles machen. Es ist eben auch wichtig, einen Raum für Jugendliche zu schaffen, die keine Lust auf Disco, Club oder abends im Park ein Bier oder so zu trinken. Sondern auch einen Raum für Jugendliche zu schaffen, die einfach nur chillen und Gesellschaft haben wollen. Das schaffen wir, indem wir ein Programm am Freitag- oder Samstagabend machen, wo die Jugendlichen einfach nur herkommen können. Viele Eltern sind auch damit d’accord, dass ihre Kinder dann etwas länger bei uns sind, weil sie wissen, dass sie in der Moschee sind. Die Kinder werden jetzt nicht irgendetwas „Schlimmes“ machen. Dann lieber in der Moschee als draußen, wo ich als Mutter oder Vater nicht weiß, was mein Kind eigentlich macht. Manche Moscheevereine gehen mit ihrem Programm auch live. Das verfolgen die Eltern auch mit.

Jenny: Echt? Das gibt es?

Mohammed: Ja, das gibt es auch live! Jetzt vor allem ohnehin wegen Corona.

Maryam: Aber vor Corona auch schon?

Mohammed: Auch schon vor Corona. Das Programm wird live ausgestrahlt.

Maryam: Live auf Social Media-Kanälen?

Mohammed: Ja, genau: Facebook und YouTube. Da kannst du auch zugucken und es von zu Hause aus verfolgen. Viele würden gern teilnehmen. Was Moscheen und auch ihre Verbände angeht, ist Berlin mega fortgeschritten. Weil die Zahl der Muslime in Berlin sehr hoch ist, haben wir so eine hohe Aktivität. Außerhalb Berlins ist es viel geringer. Wir bekommen oft Nachrichten à la: „Ich würde voll gern am Programm teilnehmen, aber ich bin z.B. in Sachsen.” Nach und nach haben wir unsere Zielgruppe erweitert und uns nicht nur auf Berliner Jugendliche spezialisiert, sondern gesagt: „Wir haben jetzt hier einen Theologen, der gut Deutsch sprechen kann und sehr sympathisch ist. Den wollen wir auch den anderen Muslim*innen zeigen, auch außerhalb Berlins.” Und das verfolgen die Eltern. Die können dann die ganze Zeit sehen, was ihr Kind macht.

Maryam: Kann man dich da auch sehen?

Mohammed: Ich mache eigentlich keine Vorträge.

Maryam: Nein, ob du im Hintergrund rumlaufend zu sehen bist?

Mohammed: Ja, ab und zu schwenkt die Kamera auf das Publikum über. Wenn ich etwas mache, dann Koranrezitationen. Ich rezitiere den Koran. Ab und zu kann man mich da auch im Livestream sehen.

Maryam: Du hast im Gespräch schon mal kurz über Rassismus gesprochen und bist ja bei ufuq.de in der politischen Bildung tätig. Würdest du sagen, dass die Arbeit in der Moscheegemeinde für auch dich eine Möglichkeit ist, dich gesellschaftlich zu engagieren?

Mohammed: Klar! Sowohl bei der politischen Bildungsarbeit als auch bei der muslimischen Jugendarbeit geht es darum, mich gesellschaftlich zu engagieren. Ich denke, das ist ein erstrebenswertes Gut. Jeder definiert Religiosität anders. Für mich gehört einfach dazu, sich gesellschaftlich zu engagieren. Dazu kann man den gegebenen Raum außerhalb der muslimischen Jugendarbeit nutzen oder den Raum in der muslimischen Jugendarbeit. Dabei geht es eigentlich um einen selbst. Es ist naiv, zu sagen, man mache das nur für die Gesellschaft. So ein altruistischer Gedanke. Ich glaube, dass ich dafür auch eine Belohnung bekomme und mich Gott in meiner Arbeit annähere, sowohl in der muslimischen Bildungsarbeit als auch in der politischen Bildung in den Berliner Schulen. Du erhältst bestimmte Selbsterkenntnisse, die für jedes gesellschaftliche Engagement oder jeden gesellschaftlichen Kontakt notwendig sind. Zu wissen, wo du in der Gesellschaft stehst, in welchen Machtstrukturen du bist, zu wissen, welche Privilegien du hast. Das ist eine Erkenntnis, die eine Voraussetzung ist.

Maryam: Kannst du nochmal kurz sagen, was „Privilegien” bedeuten?

Mohammed: Dass du gewisse Vorteile gegenüber anderen Menschen hast, derer du dir bewusst bist. Zum Beispiel eine Weiße Person, die gegenüber einer Schwarzen Person einen Vorteil auf dem Wohnungsmarkt hat. Die Privilegien zu wissen ist Voraussetzung für gesellschaftliches Engagement. Für Jugendarbeit, sowohl in der muslimischen Jugendarbeit als auch in der politischen Bildungsarbeit. Eigentlich für jeden sozialen Kontakt letztendlich. Dass du weißt, welche Vor- und Nachteile du eigentlich hast.

Bei dieser Selbsterkenntnis spielt auch meine theologische Annäherung eine Rolle. Es ist eben auch Arbeit an dir selbst. Zum Beispiel dieses Wort „Dschihad”, was in den Medien so negativ konnotiert ist. Eigentlich geht es dabei um „Dschihad un-nafs“, sozusagen die Bemühung gegen sich selbst, gegen…

Jenny: Gegen den eigenen Schweinehund sozusagen.

Mohammed: Exakt! Zum Beispiel als der Prophet aus dem Verteidigungskrieg wieder zurückgekommen ist, hat er gesagt: „Rajana min al-jihad al-asghar ila-l-jihad al-akbar“ , also: „Wir sind zurückgekommen aus der kleinsten Anstrengung zur größten Bemühung, zu dem größten Dschihad.” Also die körperliche Anstrengung ist die kleinste Mühe. Darum geht es mir auch: An mir selbst zu arbeiten und Selbsterkenntnis zu machen. Letztlich geht es bei dieser Selbsterkenntnis darum, zu wissen, wo man steht, um eine Veränderung auch anzustreben. Der Koran sagt zum Beispiel: „Inna Allaha la yughayyiru ma biqawmin hatta yughayyiru ma bi-anfusihim“
, also sinngemäß: Gott wird den Zustand einer Gesellschaft nicht verändern, bevor man nicht den eigenen Zustand verändert hat. Und darum geht es mir auch, meinen eigenen Zustand zu verbessern, um meine Hoffnung aufrecht zu erhalten, in der Gesellschaft etwas zu verbessern.

Maryam: Man sagt ja auch: Wenn man zu sich selbst gut ist, kann man auch gut zu anderen Leuten sein.

Mohammed: Exakt!

Maryam: Und daraus entsteht ja auch ein gesellschaftlicher Wandel. Weil man dann das Gute auch Anderen weitergeben kann und andere auch nach dem Guten streben.

Jenny: Was würdest du denn anderen jungen Menschen, die jetzt zuhören und sich vorher schon gedacht haben, sie wollen gesellschaftlich etwas machen, raten?

Mohammed: Ich glaube, es wäre naiv zu sagen: „Okay, macht jetzt genau das!”

Maryam: Ist auch schwer!

Mohammed: Man muss auch wissen: Wo stehe ich? Wo sehe ich mich? Was macht mir Spaß? Was ist mir wichtig, zu verändern? Der erste Schritt ist es, zu schauen, wer man ist und was man kann und möchte. Danach muss man eben schauen, wo man die Angebote findet. Und wenn es darum geht, auch in der muslimischen Jugendarbeit tätig zu sein, dann geh einfach zur Moschee, klopfe an und sage: „Hey, ich habe Interesse!” Es ist ja nicht so, dass wir extrem viele Menschen in der muslimischen Jugendarbeit haben, die extrem aktiv sind. Wir sind über jeden und jede, der oder die kommt, glücklich.

Maryam: Wir haben noch eine letzte Frage. Die stellen wir allen unseren Gäst*innen. Mohammed, wovon träumst du eigentlich bzw. was wünschst du dir mit Blick auf die heutigen Themen?

Mohammed: Die Frage ist schwierig… Ich wünsche mir sozialen Frieden. Mir ist bewusst, dass das unrealistisch ist. Vielleicht ist das zu pessimistisch… Ich wünsche mir, und da zitiere ich meine Verlobte Tua, die das in ihrer Rede zum Deutschen Schauspielpreis gesagt hat: Ich wünsche mir eine Normalität, in der keiner für seine Religion, Sexualität oder seine scheinbare Andersartigkeit verurteilt wird, sondern jeder so genommen wird, wie er ist.

Jenny: Das ist auf jeden Fall ein sehr schöner Traum. Ich hoffe, er wird noch irgendwie in Erfüllung gehen.

Mohammed: Inshallah!

Jenny: Danke, dass du bei uns warst!

 

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