Mitmachen, mitmischen, sich engagieren: Junge Muslim_innen sind aktiver als oft gedacht – und das ist gut so

Wofür engagieren sich junge Muslim_innen? Was unterscheidet ihr Engagement für soziale und politische Themen von dem Engagement anderer Jugendlicher? Diesen Fragen ist der Sozialwissenschaftler Mario Peucker nachgegangen und dabei zu überraschenden Ergebnissen gekommen. Erstens sind Muslim_innen aktiver als oft gedacht, auch unterscheiden sich Motivation und Art des Engagements nur wenig von dem Gleichaltriger. Zwar engagierten sich viele Muslim_innen innerhalb der muslimischen Gemeinden, allerdings sei dies oft nur der erste Schritt. Viele der Befragten sind darüber zur Mitarbeit in Parteien, Vereinen oder in der Nachbarschaft gekommen. Im ufuq.de-Interview erklärt Peucker, weshalb Engagement gerade für junge Muslim_innen wichtig ist. Wie es hilft, Identitäten zu formen und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Im Anschluss stellen wir eine Reihe von Jugendinitiativen vor, die sich speziell an junge engagierte Muslim_innen wenden.

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Mario, Du hast eine Studie zum gesellschaftlichen und politischen Engagement von muslimischen Jugendlichen gemacht. Wie bist Du vorgegangen und was genau hast Du herausgefunden?

Verlässliche Zahlen über das gesellschaftliche und politische Engagement gibt es in Deutschland nicht. Aber es gibt deutliche Indizien, dass das Engagement von Muslim_innen unterschätzt wird, u.a. weil es oft nicht so recht in unser eher formales Verständnis von ehrenamtlicher Arbeit passt. Muslimisches Engagement ist oft informell und viele Muslim_innen neigen dazu, ihre eigenen ehrenamtlichen Aktivitäten als etwas zu beschreiben, was man als Mitglied der muslimischen Gemeinde „eben so macht“. Sich für die Gemeinschaft zu engagieren und anderen zu helfen, wird als zentraler und selbstverständlicher Bestandteil der Religion gesehen. Ich kann keine repräsentativen Zahlen vorweisen, habe mir aber die Biografien von 30 staatsbürgerschaftlich aktiven Muslim_innen genau angesehen. Dabei habe ich festgestellt, dass die staatsbürgerschaftliche Partizipation von Muslim_innen vielschichtig ist. Die meisten engagieren sich über einen langen Zeitraum und in ganz verschiedenen Bereichen, oft auch gleichzeitig: in muslimischen und nichtmuslimischen Organisationen der Zivilgesellschaft, aber auch im politischen System, sei es eher formal in Parteien, im kommunalen Integrationsrat oder eher informell, etwa als Online-Blogger, freiwillige Schöffen oder Wahlhelfer. Überraschend für mich war, wie deutlich viele Befragte ihren Glauben als zentrale Motivation genannt haben.

Mario Peucker_MPDr. Mario Peucker, Postdoc-Fellow am Centre for Cultural Diversity and Wellbeing (CCDW) an der Victoria University in Melbourne. Die Ergebnisse seiner Forschung über das gesellschaftliche Engagement von Muslim_innen hat er in seinem kürzlich erschienenen Buch zusammengefasst. Muslim Citizenship in Liberal Democracies (2016, Palgrave). In einem Artikel für MIGazin fasst er seine Ergebnisse auch auf Deutsch zusammen.

Von Politiker_innen und Medien wird oft kritisiert, dass Muslim_innen sich nicht genügend in die Gesellschaft einbringen. Wie kommt es zu dieser ganz anderen Wahrnehmung?

Die wenigen quantitativen Studien, die sich in Deutschland mit dem ehrenamtlichen Engagement von türkeistämmigen Menschen – und das sind nicht alles bekennende Muslim_innen! – oder allgemein von Menschen mit Migrationsbiografie befassen, deuten tatsächlich auf eine geringe Engagementquote hin. Aber diese Zahlen sind mit Vorsicht zu interpretieren. Schließlich gibt es auch Untersuchungen, die deutlich zeigen, dass viele Muslim_innen, die sich sehr wohl in Moscheegemeinden oder im Stadtteil engagieren, die Frage, ob sie sich gesellschaftlich engagieren, trotzdem mit „Nein“ beantworten. Das Konzept “Ehrenamt” wird, wie schon gesagt, oft als etwas eher Formales betrachtet, das mit dem eigenen eher informellen Engagement nicht viel zu tun hat. Was verstehen die Politiker, die solche Aussagen machen, eigentlich genau unter „sich in die Gesellschaft einbringen“ oder „sich engagieren“ ? Ein junger Muslim, der gelegentlich in der Jugendarbeit einer lokalen Moschee oder bei der Vorbereitung eines Iftars (Fastenbrechen) aushilft – ist der engagiert? Ich würde sagen: ja, natürlich. Ebenso wie ein junger Mensch, der sich bei der katholischen Pfadfinderjugend engagiert oder bei der Organisation eines Stadtteilfests der örtlichen Kirchengemeinde mithilft.

Wieso ist soziales Engagement für junge Muslim_innen wichtig?

Engagement verstärkt das Selbstwertgefühl und das Gefühl des Dazugehörens fern ab der Worthülsen von Integration, Loyalität und Leitkultur. Menschen, die sich zivilgesellschaftlich oder politisch einbringen, haben das Gefühl, „etwas zurückgeben zu können“, wie es oft heißt. Sie knüpfen vielfältige Kontakte, bauen Vertrauen auf und Vorurteile ab, auch über die Community-Grenzen hinweg. Das ist vielleicht gerade für Menschen islamischen Glaubens besonders wichtig, weil es einen Gegenpol zu dem vorherrschenden negativen und stigmatisierenden Diskurs über Muslim_innen als vermeintliche “Integrationsverweigerer” liefert, die angeblich ihren Platz in einer liberal-demokratischen Gesellschaft nicht so recht finden.

Gibt es Unterschiede zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Jugendlichen, was ihr Engagement angeht?

Obwohl ich das Engagement von nicht-muslimischen Jugendlichen nicht explizit untersucht habe, kann man wohl mit gewisser Sicherheit sagen, dass sich viele Muslim_innen – zumindest anfänglich – besonders in religiösen, d.h. islamischen Gemeinden engagieren. Für viele ist das aber nur der erste Schritt hin zur aktiven gesellschaftlichen und politischen Beteiligung, die sich dann meist auch in anderen nicht-muslimischen Bereichen abspielt. Ein weiterer Unterschied ist die besonders wichtige Rolle des Islams als seine zentrale staatsbürgerschaftliche Motivation. Die Mehrzahl der befragten Muslim_innen beschrieben ihr gesellschaftliches und teilweise auch ihr politisches Engagement als eine im positiven Sinne religiöse Verpflichtung – ein im wörtlichen Sinne „Gottesdienst“ an der Gesellschaft, nicht unähnlich dem Gebet, wie einige sagten. Der islamische Glauben stellt demnach alles andere als ein Hindernis für zivilgesellschaftliches Engagements dar, wie oft behauptet wird – das Gegenteil scheint oft der Fall zu sein!

Obwohl die grundlegende Antriebskraft dieser aktiven Staatsbürger hauptsächlich religiöser Natur ist, zielt ihr Engagement meist nicht – oder nicht nur – auf andere Muslim_innen ab, sondern verfolgt meist eher „republikanische“ Ziele, die das Wohlergehen aller Menschen und der Gesellschaft insgesamt im Sinn hat. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen Muslim_innen und Nichtmuslim_innen – außer vielleicht, dass viele Muslim_innen insbesondere dem islamfeindlichen Klima innerhalb der Gesellschaft entgegentreten wollen, indem sie sich als vorbildliche Staatsbürger engagieren (z.B. als Wahlhelfer) oder sich aktiv an interkulturellen oder interreligiösen Initiativen beteiligen.

Manche Lehrer_innen und Pädagog_innen hören die Alarmglocken läuten, wenn sie mitbekommen, dass sich ihre Schüler_innen in frommen islamischen Organisationen engagieren, die womöglich sogar vom Verfassungsschutz überwacht werden. Was kannst Du dazu sagen?

Alle befragten Muslim_innen, die sich innerhalb muslimischer Organisationen engagierten, betonten, dass sich durch ihre aktive Beteiligung in der muslimischen Gemeindearbeit auch immer ihre Kontakte zu Akteuren der nichtmuslimischen Zivilgesellschaft oder der Politik intensiviert haben. Es trug also immer zu einem Ausbau persönlicher interkultureller Netzwerke bei. Und das gilt auch für die Befragten, die in sehr konservativen muslimischen Gruppierungen aktiv waren, welche zum Teil sogar vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wir reden hier nicht von gewaltaffinen Salafisten, die waren in meiner Studie nicht vertreten. Es geht vielmehr um Muslim_innen, die in der lokalen IGMG-Moschee, der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD) oder in der Islamischen Gemeinde Deutschland (IGD) mithelfen. Also in Organisationen, die vom den Verfassungsschutzbehörden mitunter als „legalistische Islamisten“ bezeichnet werden. Abgesehen davon, dass die Verdachtslogik des Verfassungsschutzes wenig über das oft hervorragende zivilgesellschaftliche Engagement dieser Organisationen vor Ort aussagt – diese muslimischen Gemeindeorganisationen übernehmen eine sehr wichtige Brückenfunktion. Das hat meine Studie ganz klar gezeigt.

Was muss geschehen, dass sich Jugendliche stärker engagieren? Was muss geschehen, dass sie sich auch stärker für gesellschaftliche Themen insgesamt und außerhalb der muslimischen Community engagieren?

Oft fehlt schlicht das Wissen, wo und wie man sich gesellschaftlich einbringen kann, und was für Nutzen sich daraus für den einzelnen oft ergeben. Die Angebote sollten flexibler werden, da sich junge Menschen heute spontaner entscheiden, wie sie sich engagieren wollen. Und sie wollen auch mitreden, mitentscheiden, und sie wollen sehen, dass sie durch ihr Engagement auch was bewegen und verändern können. Viele nichtmuslimische Organisationen der Zivilgesellschaft und auch politische Parteien sind wenig einladend.

Die wichtigste Schlussfolgerung meiner Studie ist, dass Engagement innerhalb der muslimischen Community nicht als „zweitklassiges“ Engagement abgewertet werden sollte. Im Gegenteil: Es sollte aufgewertet und unterstützt werden, auch durch staatliche Förderung. Warum nutzen wir nicht viel stärker die niedrigschwelligen Angebote der lokalen Moschee, um junge Menschen fürs Ehrenamt zu gewinnen, ja zu begeistern?

Du vergleichst Deutschland und Australien. Was kann Deutschland von Australien lernen?

Australien ist im Umgang mit muslimischen Gemeinden deutlich entspannter und pragmatischer. Das würde Deutschland auch guttun. Man sollte auch hier muslimische Organisationen als selbstverständliche Bestandteile der pluralen Zivilgesellschaft anerkennen, ihre zentrale Rolle für das muslimische Ehrenamt wertschätzen, Kooperationen, Vernetzung und Förderung intensivieren und die Strukturen der politischen Meinungsbildung ausweiten, bestehende Angebote interkulturell öffnen und zugänglich machen. Der deutlich entspanntere Umgang mit religiöser und ethnischer Vielfalt ist ein gutes Vorbild.

 

Tipps für Jugendliche, die sich gerne engagieren wollen:

Viele junge Menschen wollen sich zwar engagieren, doch wo? Hier stellen wir einige Initiativen vor, die sich speziell an junge aktive Muslim_innen richten:

JUMA

JUMA steht für jung, muslimisch, aktiv. In dem 2010 gegründeten Netzwerk versammeln sich junge, kreative und engagierte Muslim_innen, die etwas auf die Beine stellen und bewegen wollen. JUMA istier können Jugendliche in verschiedenen Gruppen regelmäßig zu ganz unterschiedlichen Themen arbeiten. Außerdem gibt es die Möglichkeit für den JUMA-Blog zu schreiben.

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i,slam

Bei i,Slam gehört die Bühne ganz jungen Dichter_innen. In den regelmäßigen Slams tragen die Dichter_innen ihre eigenen Texte vor und versuchen, das Publikum für dich zu gewinnen. Seit 2010 gibt es i,Slam in Berlin und regelmäßig auch in anderen deutschen Städten. I,Slam bietet aber auch Schreibworkshops, für diejenigen an, die noch üben möchten. Gerade wurde ein Kunstpreis ausgeschrieben.

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hima

Hima ist ein 2010 von Muslim_innen gegründeter Verein zu Umwelt- und Naturschutz. Hima macht Aktionen und es gibt viele Diskussionen zum Thema Islam und Umweltschutz. Wer noch mehr über Umweltschutz lernen möchte oder sich selbst an den Aktionen beteiligen mag, kann sich bei Hima melden.

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sehitlik

Viele Moscheen führen mit Rundgängen durch ihre Räumlichkeiten – so auch die Sehitlik-Moschee in Berlin. Hier finden täglich etwa 2-3 Führungen in acht verschiedenen Sprachen statt. Junge Muslim_innen erklären hier zum Beispiel wie ein Gebet in einer Moschee abläuft, bringen den Besucher_innen ihre Religion näher und bauen so Vorurteile ab.

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zahnräder

Zahnräder ist ein Netzwerk, das junge Menschen mit guten Ideen unterstützt und zusammenbringt. Auf der Zahnräderkonferenz werden Pläne für soziale Projekte verwirklicht. Man braucht aber nicht unbedingt eine Idee, um an der Konferenz teilzunehmen, ihr könnt auch einfach mit dem helfen was ihr eh schon gut könnt: schreiben, übersetzen, bauen, filmen usw. Wer ein_e soziale_r Unternehmer_in – also social Entrepreneur – werden möchte, ist hier richtig. Lokale Gruppen gibt es in vielen deutschen Städten.

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Zur Diskussion mit Schüler_innen:

Welche Möglichkeiten sich zu engagieren werden hier aufgezeigt?

Mit welchen Themen beschäftigen sich die Projekte?

Mit welchen Projekten könntet ihr euch identifizieren?

Wofür würdest du dich engagieren wollen?