Memes und politische Bildung – Wie passt das zusammen? Wir berichten aus einem Berliner bildmachen-Workshop

Seit knapp einem Jahr führen erfahrene bildmachen-Trainer_innen in Schulen und offenen Jugendeinrichtungen in Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und demnächst auch in Niedersachsen Fortbildungen und Workshops durch. Das Angebot an lebensweltlichen Themen, zu denen die Jugendlichen arbeiten können, ist breit: Es geht um den Umgang mit Sozialen Medien, Chancen der sozialen Vernetzung, aber auch um Fake News und Hate Speech.

All diese Themen behandeln wir entlang der klassischen ufuq.de-Inhalte „Islam, antimuslimischer Rassismus und Islamismus“. Das Ziel der Workshops ist es, die Jugendlichen für islamistische Ansprachen in sozialen Medien zu sensibilisieren und sie darin zu bestärken, selbst eigene Positionen zu gesellschaftlichen Fragen zu formulieren, die sowohl von islamistischen als auch rechtsextremistischen Akteur_innen besetzt sind. Dies geschieht in unseren Workshops vor allem in Form von Memes. Das eigene Erstellen solcher Bilder wirkt nicht nur unmittelbar empowernd, sondern bietet auch die Grundlage zur Reflexion eigener Positionierungen, wie sie in der politischen Bildungsarbeit angestrebt wird.

Unsere Angebote sind im Bereich der universellen Prävention verortet, das heißt wir wollen möglichst alle Jugendlichen ansprechen. Die Kontexte sind dabei entsprechend divers: Befinden wir uns an einem großstädtischen Gymnasium, einer ländlichen Berufsschule oder einem Jugendclub im Vorort? Wie kann der Diversität in den Gruppen Rechnung getragen werden, auch im Hinblick auf die Bezüge zu „unseren“ Themen? Wie kann vermieden werden, dass das Präventionsangebot selbst stigmatisierend wirkt oder Stereotype reproduziert, etwa jenes vom „gefährlichen Muslim“? Und schließlich: Wie lassen sich gesellschaftspolitische Inhalte und medienpädagogische Methoden in einem Workshop zu einem möglichst nachhaltigen Angebot verbinden?

Im letzten Jahr haben uns viele, sehr unterschiedliche Anfragen erreicht, die wir nach Möglichkeit individuell beantworten. Macht es etwa Sinn, einen Workshop für geflüchtete Willkommensschüler_innen zu konzipieren? Wir haben uns auf Versuche eingelassen und kamen zu der Erkenntnis, dass ein gewisses Sprachniveau vorhanden sein muss, um sinnvoll arbeiten zu können. Und was wir uns generell wünschen – nämlich, dass auch die pädagogischen Fachkräfte projektbegleitend eine Fortbildung besuchen – wurde in diesem Kontext besonders relevant. Ähnlich unsicher waren wir, als eine Anfrage aus einer Berliner Förderschule bei uns einging. Nach einem Vorgespräch mit der Lehrerin entschlossen wir uns, unser Konzept zielgruppenspezifisch anzupassen. Im Folgenden möchten wir die erarbeiteten Ansätze unseres Projekts anhand dieser Erfahrung darstellen.

Einblick in einen bildmachen-Workshop

Zum Einstieg des Workshops, der in einer  9. Klasse stattfand, stellten die Trainer_innen bildmachen vor und zeigten  unsere „Hall of Meme“, in der wir besonders spannende Medienprodukte aus den Workshops präsentieren. Als die Jugendlichen um eine Einschätzung zu einem Meme gebeten wurden, in dem es um Pauschalurteile gegen (muslimische) Bartträger geht, waren die meisten Jugendlichen erst einmal ratlos. Einer der Jugendlichen führte sich belustigt zwei Finger unter die Nase und fragte, ob es vielleicht etwas mit bestimmten Bartmoden aus den 30er Jahren zu tun hat und nicht jeder Mensch mit einem kurzgeratenen Schnäuzer ein Nazi sein müsse. Dieser unschuldige Witz machte klar, dass in der Klasse antimuslimische Einstellungen eher keine Rolle spielten. Die beiden Trainer_innen hakten vorsichtig nach, um festzustellen, dass „der Islam“ tatsächlich kein größeres Thema in der Gruppe war, geschweige denn antimuslimischer Rassismus oder islamistische Weltbilder. Als erfahrene politische Bildner_innen beließen sie es dabei und fassten zusammen, dass Urteile, die ganze Menschengruppen auf Grundlage von Äußerlichkeiten bewerten, eigentlich immer falsch sein müssen. An dieser Stelle entschieden sich die Trainer_innen, die rassistischen Bilder, die über Muslim_innen existieren, nicht durch ein weiteres Thematisieren derselben zu reproduzieren.

Auch wenn der Bezug zu „unseren“ Themen eher gering war, passierte sehr viel im Workshop. Bei bildmachen geht es schließlich auch um Soziale Medien – um ein Thema, zu dem bisher alle Jugendlichen etwas zu sagen haben. Die Trainer_innen waren mit Tablets angereist, die auch direkt in der ersten Übung „Gif dich!“ zum Einsatz kamen. Die Jugendlichen sollten sich gegenseitig in Form von kurzen Bewegtbildern („Gifs“) vorstellen, die sie dann betiteln konnten. Sehr konzentriert und kreativ machten sich die Jugendlichen an die Arbeit. Wie in anderen Klassen auch thematisierten die Gifs vor allem die Alltagsthemen der Jugendlichen: Schule, Musik, Computerspiele.

Ernster wurde es, als es um Erfahrungen in den sozialen Medien ging. Hier entspann sich eine interessante Diskussion darüber, bis zu welchem Punkt Kommentare im Internet noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind und ab wann von Hetze gesprochen werden sollte. Ziel war es weniger, eine klare Definition zu formulieren, als sich des Spannungsverhältnisses zwischen Artikel 1 des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – und Artikel 5 – „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten (…)“ – bewusst zu werden. In Anlehnung an die „Community Standards“, die das Zusammenleben auf Instagram und Co. regeln sollen, wurden gemeinsam eigene Werte und Regeln für den Workshop erarbeitet. Zum Beispiel einigten sich die Schüler_innen darauf, dass Beleidigungen Tabu sind und keine Bilder ohne Einverständnis der fotografierten Person aufgenommen werden dürfen.

Als nächstes kam ein kleiner Schock. Die Schülerinnen und Schüler wurden von den Trainer_innen darüber informiert, dass ihre Schule leider abgerissen werden würde. Die Jugendlichen reagierten zunächst ungläubig, aber da stand es schließlich schwarz auf weiß im „Blitzkurier“. Und wenn es in der Zeitung steht, muss es ja auch stimmen, oder? Nein, natürlich nicht. Die Schlagzeile war durch einen unserer Trainer_innen im Vorhinein fabriziert worden. In der Diskussion kam heraus, dass die Jugendlichen auch in ihrer persönlichen sozialen Mediennutzung direkt mit Fake News in Berührung kommen. Sie wurden nun selbst in die Kunst der Manipulation eingeführt, natürlich nicht um für genügend Nachfolger_innen im Fake News-Journalismus zu sorgen, sondern um dafür zu sensibilisieren, wie einfach es ist, Informationen zu fälschen. Durch die Übung lernen die Jugendlichen neben nützlichen Bildbearbeitungsskills auch, worauf sie beim Medienkonsum achten können, um nicht selbst aufs Glatteis geführt zu werden.

Pierre Asisi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei ufuq.de. Seine Hauptaufgabe besteht in der Weiterentwicklung des Projekts bildmachen.

Am zweiten Tag des Workshops drehte sich dann alles um Memes, also um mit Textbotschaften versehene Bilder, die die sozialen Netzwerke fluten. Ohne eine genaue Themenvorgabe, aber noch unter dem Eindruck der vorangegangenen Diskussionen, durften die Jugendlichen sich nun selbst als Meme-Creators versuchen. Oftmals geht es in den so entstehenden Memes um sehr profane, jugendspezifische Themen. Spannender wird es für uns, wenn die Themen aufgegriffen werden, die vorher heiß diskutiert wurden.

Nach einem Jahr Projekterfahrung in vier Bundesländern lässt sich sagen, dass die Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft gerade das Thema Rassismus besonders zu beschäftigen scheint: Viele Memes sind als Botschaft gegen rassistische Diskriminierung zu verstehen. Besonders in der Islamismusprävention ist diese Auseinandersetzung essenziell, denn auch viele islamistische Gruppen versuchen, von Rassismus betroffene (muslimische) Jugendliche für ihre Ideologie zu gewinnen, indem sie Muslim_innen als Opfer darstellen und ihnen gleichzeitig eine starke, sie umsorgende Gemeinschaft versprechen. Unsere Workshops bieten in diesem Sinne Räume, in denen alternative Angebote zu islamistischen Versprechungen geschaffen und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Umgang mit problematischen Memes

Doch nicht immer entstehen „gesellschaftlich erwünschte“ Memes. Manchmal werden in den Memes selbst Sexismus und Rassismus reproduziert oder Bildrechte von Privatpersonen verletzt. In solchen Fällen – und das ist ein zentraler Aspekt unserer Workshops – greifen die Trainer_innen in der Abschlusspräsentation solche Memes auf und lassen sie nochmal in der Gruppe diskutieren. Bei problematischen Bildinhalten kommt oft heraus, dass sich viele Jugendliche gar nicht bewusst sind, dass ihre Bilder andere Menschen verletzen könnten, in manchen Fällen werden aber auch ganz bewusst Grenzen ausgetestet. In der Diskussion geht es hier weniger darum, den „pädagogischen Zeigefinger“ auszupacken. Das Ziel sind Gruppendiskussionen, in denen die Trainer_innen vor allem moderieren, um die in aller Regel ohnehin unterschiedlichen Perspektiven auf das Meme, bzw. das größere Thema dahinter, sichtbar zu machen und dadurch bei der einen oder anderen Person einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen. Mit der Frage „Wärst du damit einverstanden, wenn dein privates Foto als Meme-Vorlage millionenfach geteilt wird?“ wird etwa schnell klar, dass auch für die Generation der Digital Natives der Schutz der Privatsphäre ein hohes Gut ist.

Im dargestellten „9/11-Meme“, das in einem anderen Berliner Workshop entstand, hatte sich der Jugendliche einer gängigen Memevorlage bedient: Der Moment vor dem Einschlag des ersten Flugzeugs in den Turm des World Trade Centers symbolisiert die Zäsur schlechthin. In dem Fall ging es dem Jugendlichen vor allem darum, den Notendruck zu verarbeiten – und dies auf eine sehr provokante und zynische Weise, wie es Memes häufig tun. Das Meme kann aber auch Anlass geben, über viele andere Themen zu sprechen: Über das historische Geschehnis und seine Konsequenzen, über Verschwörungstheorien, über Satire (und ihre Grenzen), als auch über die Ambivalenz von Bildbotschaften. Was der Jugendliche eigentlich meinte, wurde erst in der Diskussion deutlich.

An diesem Beispiel zeigt sich auch das Potenzial von Memes in der politischen Bildung. Die Themen müssen nicht gesetzt werden, sondern werden in der Regel von den Jugendlichen selbst auf den Tisch gebracht und können dann gemeinsam verhandelt werden. Der Prozess der Meme-Erstellung und die Auseinandersetzung mit den eigenen Produkten ist also der wesentliche politisch-bildnerische Aspekt unserer Workshops.

Es geht weniger um die Produkte selbst, auch wenn wir diese in unserer „Hall of Meme“ sichtbar machen möchten, um einen Einblick in unsere Arbeit zu geben.

Auf unserer Website bildmachen.net finden Sie die Möglichkeit, Workshops und Fortbildungen anzufragen. Unsere Projektkoordinator_innen in den Bundesländern freuen sich auf Ihre Anfrage.