Recht auf Kindheit, nur ohne Kopftuch?

In einer Pressemitteilung fordert die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes ein gesetzliches Verbot des „Kinderkopftuches“ im öffentlichen Raum. Damit greift die Organisation die vielschichtigen Debatten rund um das Tragen des Kopftuchs auf und formuliert Positionen, die weit über das hinausgehen, was bisher auch von Kritiker_innen des Kopftuchs zum Beispiel im öffentlichen Dienst vertreten wurde: Mädchen und Frauen unter 18 Jahren solle das Tragen eines Kopftuches an Schulen und Kindergärten grundsätzlich verboten werden, denn das Kopftuch stehe dem „Recht auf Kindheit“ entgegen und mache aus Mädchen potentielle „Verführerinnen“. Doch: Das Kopftuch ist vor allem ein religiöses Symbol. Dennoch sollte es keineswegs auf eine einzige Bedeutung reduziert werden oder gar pauschal als Zeichen unterdrückter Kindheit interpretiert werden. Ein Kommenar von ufuq.de-Mitarbeiterin Aylin Yavaş.

Bildschirmfoto 2017-09-14 um 21.32.05Das Kopftuch festige eine Geschlechtertrennung „und markiere Mädchen als Sexualwesen, als Verführerinnen, die ihre Reize vor den Männern zu verbergen haben“, schreibt die Organisation Terre des Femmes in einer Pressemitteilung vom 22.05.2017. Dabei hat das Kopftuch viele verschiedene Bedeutungen für seine Trägerinnen und es gibt sehr unterschiedliche Gründe, es zu tragen.

Die repräsentativen Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ von 2008 gibt Hinweis zu den Gründen, warum sich Frauen für das Kopftuch entscheiden. 92,3 Prozent der befragten kopftuchtragenden Frauen trägt es aus einer religiösen Pflicht heraus. Damit stehen religiöse Gründe für ein Kopftuch klar an erster Stelle. Es folgen das Bedürfnis nach Sicherheit (43,3%), die Erkennbarkeit als Muslimin (36%) und auch der Wunsch nach einer Wahrung der Tradition (21%). Für 15% der Frauen bietet das Kopftuch aber auch Schutz vor Belästigungen durch Männer (Haug et al. 2009: 206). Ein „Zwang“ zum Tragen des Kopftuches wird in der Studie nicht ausdrücklich thematisiert. Deutlich wird aber, dass für einige Frauen auch Erwartungen des Partners (6,7%), der Familie (5,8%) oder der Umwelt (5,8%) Gründe sein können, sich für das Tragen des Kopftuches zu entscheiden.

Diese Ergebnisse finden wir in unserer Arbeit mit Jugendlichen bestätigt. In unseren „Wie wollen wir leben?“-Workshops in Schulen kommt das Gespräch gerade auch im Zusammenhang mit Rassismuserfahrungen immer wieder auch auf das Kopftuch und die Gründe, warum sich Schülerinnen dafür entscheiden. Dabei entsteht nicht selten der Eindruck, sie wollten jedem Verdacht zuvorkommen, dass sie zum Tragen gezwungen werden. Viele von ihnen begreifen das Kopftuch einfach als religiöses Gebot Gottes, dem sie folgen, um ihrer Verbindung zu Gott Ausdruck zu verleihen, teilweise auch schon vor der Pubertät. Einige imitieren ihre Mütter und andere Frauen aus der Familie, sie wollten sich kleiden wie die „Großen“ oder sehen das Tragen des Kopftuches als Teil der Familientradition. Das kann auch normativ besetzt sein, wenn daraus die Auffassung wird, dass es sich für eine gute muslimische Frau gehöre, ihr Haar zu bedecken.

Im Rahmen der Workshops von ufuq.de werden solche normativen Ansprüche mit den Workshop-Teilnehmenden kritisch besprochen. Wer entscheidet darüber, wer eine „gute“ Muslimin – oder ein guter Mensch ist? Was macht einen „guten“ Menschen aus? Entscheidet sich diese Frage an einer einzigen (religiösen) Praxis? Wir machen unterschiedliche Bedeutungen der Bedeckung je nach Kontext sichtbar und zeigen auf, dass es verschiedene genderspezifische Kleidungsnormen in vielen Gesellschaften gibt. Hier kommt zum Beispiel das Bedeckungsgebot in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram zur Sprache, das es Frauen* – und nur Frauen – verbietet, ihre Brustwarzen zu zeigen.

Aylin Yavaş ist Mitarbeiterin des Vereins ufuq.de. Sie betreut die Website mit und arbeitet im Bereich der Workshops.

Immer wieder erzählen Workshop-Teilnehmerinnen, dass sie es wichtig finden, gerade jetzt das Kopftuch zu tragen. Sie wollen als Muslimin erkennbar sein, um muslimisches Leben in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, aber auch um das Islambild zu „korrigieren“ und sich gerade jetzt – entgegen des antimuslimischen Bildes – als gebildete, freundliche, gemäßigte, emanzipierte etc. und zugleich gläubige Muslimin zu zeigen. Einige der Mädchen und Frauen beschreiben das Kopftuch auch als Schutz gegen Sexualisierung und Sexismus. So wird das Kopftuch nicht nur von Muslim_innen, sondern insbesondere auch von der weißen, nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft als Hinweis für die sexuelle Unverfügbarkeit einer Frau gelesen. Auch minderjährige Frauen* und Mädchen* sollten weiterhin das Recht haben, ihre Körper und das, was sie als Reize wahrnehmen – sei es durch ein Kopftuch oder eine lange Hose – zu bedecken, wenn es ihnen das Gefühl gibt, sich sexistisch weniger angreifbar zu machen – auch wenn dies eben nur eine unter vielen Bedeutungen darstellt.

Ein weiteres Argument, welches von Terre des Femmes gegen das Tragen eines Kopftuchs durch Minderjährige angeführt wird, ist das „Recht auf Kindheit“. „Kindergärten, Schulen und andere Ausbildungsstätten müssen Orte sein, in denen sich jeder unabhängig von Geschlecht, kultureller Herkunft und Weltanschauung entwickeln kann“, heißt es in der Pressemitteilung. Aber was bedeutet hier eigentlich Unabhängigkeit? Unabhängigkeit kann nicht bedeuten, dass jungen Menschen verwehrt wird ihr Geschlecht, ihre Weltanschauung oder ihre Herkunft als Teil ihrer Identität zu begreifen und diese auch nach außen sichtbar zu machen. Bei einem Kopftuchverbot für Mädchen und junge Frauen wäre nicht nur rechtlich fraglich, wie dieses mit dem Recht auf freie Religionsausübung vereinbar ist. Es würde vor allem fragwürdige Signale an die Betroffenen senden, denen ein Teil ihrer Identität und Religiosität aberkannt würde, statt sie in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus in dieser zu stärken.

Denn in unseren Workshops wird auch deutlich, dass auch Kinder schon früh ein Gespür für Anerkennung und strukturellen Rassismus entwickeln und ihr Recht auf freie Religionsausübung einfordern. Die Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, ist – gerade wenn diese noch vor der Pubertät getroffen wird – nicht immer absolut. Für einige Mädchen kann es auch ein Ausprobieren sein, das oft auch von der Familie so gewertet wird. Manche Mädchen legen das Kopftuch dann wieder ab – und entscheiden sich bisweilen zu einem späteren Zeitpunkt wieder dafür. Bei manchen Mädchen führten diese Entscheidungen zu Auseinandersetzungen und Streit in der Familie, weil auch die Eltern ihre Kinder als zu jung für das Kopftuch empfanden.

Sowohl das Tragen des Kopftuches an sich als auch seine unterschiedlichen Bedeutungen sind hybrid. Je nach Kontext treten unterschiedliche Bedeutungen in den Vordergrund. Es kann religiöse Bedeutungen einnehmen, politischen Protest gegen Rassismus ausdrücken, ebenso wie gegen Kolonialismus und eurozentristische Feminismusverständnisse. Junge Frauen können sich aber auch für das Kopftuch entscheiden, weil es für sie identitätsstiftend wirkt, mit Traditionen verbunden wird, es kann genauso auch Ausdruck staatlicher oder sozialer Erwartungen sein. Bei all diesen unterschiedlichen Beweggründen wird deutlich, dass das Tragen eines Kopftuches weder auf seine vor Sexismus und Sexualisierung schützende Wirkung reduziert werden, noch pauschal als Ausdruck von Unterdrückung oder gar unterdrückter Kindheit gelesen werden kann.

Abschließend stellt sich daher die Frage, welche politischen Signale in Zeiten verstärkter rechtspopulistischer Ressentiments gegen Muslim_innen mit Vorstößen wie von Terre des Femmes gesendet werden. Haltungen vermeintlich feministischer und egalitärer Akteur_innen aus mehrheitlich weißen Räumen heraus, die als unfrei und gedemütigt konstruierten muslimischen Frauen und Mädchen befreien wollen, wurden in der Vergangenheit bereits vielfach von muslimischen Feminist_innen, Akademiker_innen und Theolog_innen kritisiert. Diese Stimmen und damit die Argumente muslimischer Frauen selbst auszublenden, reproduziert neo-koloniale Traditionen der europäischen Frauenrechtsbewegung.

Anmerkung der Autorin: Ich selbst trage in meinem Alltag kein Kopftuch. Ich beziehe mich auf meine Erfahrungen mit Mädchen und jungen Frauen aus meiner politisch-bildnerischen Praxis.

Quellen

Haug, Sonja, Müssig, Stephanie, and Stichs, Anja (2009), Muslimisches Leben in Deutschland. Forschungsbericht im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz (Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge).