„Gazelle“ über Männlichkeitsbilder türkischer Jungen in Deutschland

Bereits im Juni ist die neue Ausgabe des „multikulturellen Frauen Magazins“ Gazelle erschienen. Einige Beiträge haben vor dem Hintergrund des Mordes an Marwa El-Sherbini noch einmal besondere Aktualität bekommen: Unter dem Titel „Recht auf Nacktheit, Recht auf Verhüllung“ schreibt etwa die Autorin Charlotte Wiedemann ein „feministisches Plädoyer für Toleranz, Kopftuch und Selbstbestimmung“.

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Und die deutsche Muslimin Kathrin Klausing (hier ihr Blog Musafira.de) erklärt, „wie das Beten außerhalb der eigenen vier Wände für muslimische Frauen zum Problem werden kann“ – wobei es ihr vor allem um eine muslimische Kritik  an der Diskriminierung von Frauen innerhalb des Islam und unter Muslimen geht. (Hier mehr dazu in einem Interview über „islamischen Feminismus“.)

Zu rassistischen wie zu innermuslimischen oder traditionalistischen Diskriminierungen von Frauen gehören jedoch nicht zuletzt Bilder und Normen von Männlichkeit. Über „Pantoffelhelden“ schreibt also Osman Engin in der Gazelle und – aus eher wissenschaftlicher Perspektive und auf Grundlage einer Studie – analysiert Birol Mertol „Männlichkeitsbilder türkischer Jungen in Deutschland“.  Er kommt zu dem Schluss, dass die Welt- und Geschlechterbilder von Jungen türkischer Herkunft oft durch die „Gleichzeitigkeit von traditionellen und modernisierten Orientierungsmustern“ geprägt sind.

So erklären einige der befragten Jungen, dass sie eine Vaterrolle anstrebten, die eine intensive Beschäftigung mit ihren Kindern vorsieht, während, so Mertol, die überwiegende Mehrheit der türkischen Väter ihre Rolle in der Erziehung von Jungen vor allem noch als „Kontroll- und Bestrafungsinstanz“ sehe. Auch Konzepte gleicher Arbeitsteilung, ökonomischer Gleichstellung und gleichberechtigter Erziehung von Jungen und Mädchen lassen sich als Ausdruck eines „sozialen Wandels im Geschlechterrollenverständnis insbesondere der zweiten und dritten Generation“ lesen. Kulturalistische Festschreibungen bestimmter Einstellungen und Verhaltensformen, so eine Folgerung des Autors, verbieten sich vor diesem Hintergrund.

Dem gegenüber steht jedoch unter anderem das Konzept von Ehre (namus).  Jungen fühlen sich weiterhin verantwortlich dafür, „auf die „Familienehre zu achten“. Eine wichtige Rolle spielt dabei das soziale Umfeld, in dem „öffentliche Gerüchte“ (dedikodu) über Normverstöße zum Verlust des Ansehens der Familie führen können. Selbst wenn also Jungen und junge Männer einzelne Normen – etwa zum Verhalten der Mädchen und Frauen in der Familie – selbst nicht teilen mögen, stehen sie unter dem immensen Druck, „einem Szenario des Ehr- und Ansehensverlust“ innerhalb der Community entgegentreten zu müssen. Andernfalls drohe Ausschluss aus der Männerwelt und „Bindungsverlust zur Migrationsgemeinschaft“. Damit, so Mertol,  erfülle das Gerücht in Bezug auf kulturelle, geschlechtliche oder soziale Konventionen eine „generalpräventive Funktion“: „Durch die Antizipation des Ehrverlusts wird die soziale Kontrolle des Tratsches manifestiert.“

Mertol schließt einige Thesen zur pädagogischen Arbeit an. Insbesondere bezieht er sich auf Crosswork als Ansatz  zum „geschlechtsreflektierten Arbeiten“ von Pädagogen mit Mädchen und Pädagoginnen mit Jungen. Unter anderem müssten Pädagog/innen sich dazu des eigenen  Geschlechterkonzepts und ihres Bildes der Geschlechterkonzepte von Migranten bewusst werden. Hinzu käme Wissen über die geschlechts- und migrationsspezifischen Aspekte der Sozialisation von Jungen und nicht zuletzt ein Blick auf die Jungen, der nicht defizitäre Interpretationen des „Migrantensohns“ in den Vordergrund stellt, sondern seine Ressourcen und Kompetenzen erkennt und einsetzt.

(Birol Mertol arbeitet für FUMA, Fachstelle Gender in NRW für Geschlechtergerechtigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe; hier mehr Informationen dazu, hier speziell zur Jungenarbeit. Und hier eine Übersicht aller Beiträge aus der aktuellen Ausgabe der Gazelle.)