Lesbisch und muslimisch? Muslimische Stimmen zu Homosexualität

“Liebe und Gefälligkeit“ – unter diesem Titel wandte sich Hilal Sezgin kürzlich in ihrem Islamischen Wort auf SWR an die Zuschauer. (SWR, Jan. 2010) So harmlos, wie er zuerst daher kommt, ist ihr Beitrag allerdings nicht. Der Publizistin geht es um die Notwendigkeit, auch solche Formen der Liebe und Partnerschaft anzuerkennen, die den eigenen Vorstellungen nicht unbedingt entsprechen.

antihomophobika

Sezgin berichtet von einer muslimischen Freundin, die sich in eine Frau verliebt hat.

„Lesbischsein und Schwulsein ist nicht gerade das, was man mit gläubigen Muslimen üblicherweise verbindet“, erklärt Sezgin. „Traditionell lehnt der Islam die Homosexualität genauso ab wie es das orthodoxe Judentum oder Christentum tun. Tatsächlich ist es ja dieselbe Tradition, die Geschichte von Sodom und Gomorrha stammt aus der Bibel. Nach klassischer muslimischer Auffassung verstößt Homosexualität gegen die von Gott gewollte Art von Liebe und Sexualität, nach der immer ein Mann und eine Frau, und nicht zwei Menschen gleichen Geschlechts zusammen gehören.“

Für Sezgin ist es keineswegs ausgemacht, dass dies auch heute noch in dieser Weise für Muslime gelten müsse. Schließlich sei die Welt heute eine andere als im 7. Jahrhundert, die Familien sähen heute anders aus, die Gesellschaften hätten sich verändert, die Reproduktion stehe nicht mehr im Vordergrund einer Partnerschaft. Kurz: Sie könne sich nicht vorstellen, dass Gott etwas dagegen habe könnte, wenn sich zwei Menschen lieben.

Sezgin appelliert daher an die Gläubigen, auch gleichgeschlechtliche Liebe zu akzeptieren – selbst wenn dies nicht mit den überlieferten Traditionen übereinstimmt:

„Keiner sollte es wagen, ein so glückliches, stabiles Paar und Elternpaar zu missbilligen, weil ihr Verhalten angeblich nicht gottgefällig wäre. Woher wissen wir das? Wer sind wir, dass wir jemand anderen, der im Begriff ist, so etwas Anspruchsvolles wie eine Lebenspartnerschaft aufzubauen, entmutigen dürften?! Respektieren sollten wir vielmehr jede Familie und jedes Paar mit ernsten Absichten, egal, welchen Geschlechts die beiden sind. Und wenn ein Sohn oder eine Tochter zu den Eltern kommt und ihnen sagt: Ich glaube, ich liebe einen Menschen von meinem eigenen Geschlecht – dann können die Eltern stolz und dankbar sein für das Vertrauen und die Offenheit, die in ihrer Familie herrschen. Sie sollten nichts darauf geben, was die Nachbarn vielleicht Abfälliges sagen, sondern ihren Kindern beistehen, ihren Weg zu finden und zu gehen. Weil Homosexualität nicht automatisch ‚Unzucht‘, sondern eine Form von Liebe ist.“

Der Umgang mit Homosexualität ist unter islamischen Verbänden sehr umstritten. Zwar wenden sich viele islamische Vereine ausdrücklich gegen Angriffe und Diskriminierungen von Homosexuellen. Dennoch bestehen sie darauf, dass Homosexualität nach islamischem Verständnis Sünde sei. Kein Wunder also, dass auch Sezgins aktueller Beitrag zu diesem Thema auf Kritik stieß. (siehe zum Beispiel hier im Weblog dunia.de)

Angesicht solcher Vorbehalte bemüht sich der Kölner Islamwissenschaftler und Muslim Andreas Ismail Mohr um eine Neubewertung der überlieferten Traditionen. Aus seiner Sicht sind die islamischen Quellen keineswegs so eindeutig, wie es von den islamischen Verbänden suggeriert wird. Ähnlich wie Sezgin betont auch Mohr die individuelle Beziehung des Gläubigen zu Gott, die im Mittelpunkt der Religion stehe. „Zweifellos ist die Religion, die persönliche Gottesbeziehung und auch das Reden von und zu Gott eine Sache, die nur im Inneren eines Menschen reifen kann, über die man auch nicht unbedingt viele Worte machen sollte. Ich selber möchte vor allem eines: Muslime auf die hier angedeuteten Möglichkeiten hinweisen, vielleicht sogar auf einen neuen islâm, eine neue Hingabe, die es ihnen ermöglicht, sich Gott-vertrauend (mu’min, muslim) selbst anzunehmen – als schwule und lesbische Muslime!“ (Andreas Ismail Mohr, “Islam und Homosexualität – eine differenzierte Betrachtung”)

Stimmen wie jene von Hilal Sezgin und Andreas Ismail Mohr sind in der pädagogischen Arbeit gut geeignet, um Diskussionen über dieses Thema anzustoßen. Sie machen deutlich, dass auch der Islam keineswegs so eindeutig ist, wie dies viele Muslime und Nicht-Muslime bisweilen glauben.

Mittlerweile gibt es einige sehr gute Materialien, die Anregungen für den Umgang mit Homosexualität und Homophobie in der pädagogischen Arbeit bieten. (siehe dazu auch in unserer Online-Bibliothek) Ganz neu erschienen sind die “Handreichungen für emanzipatorische Jungenarbeit” des Projekts „Homosexualität in der Einwanderungsgesellschaft“. Das Projekt wird von Gladt (Gays and Lesbians aus der Türkei) geleitet. Die Materialien sind teilweise auch auf Türkisch und Kurdisch erhältlich: hej-berlin.de