Kopftuchdebatte: Geht der Streit in die nächste Runde?

Ein Jahr ist es her, dass die Richter des Bundesverfassungsgerichts das Kopftuchverbot für Lehrerinnen kippten. Seitdem ist es Lehrerinnen erlaubt, das Tuch zu tragen, es sei denn, dass dadurch der Schulfrieden gestört wird. Aus Sicht der betroffenen Lehrerinnen ein großer Schritt, in mehreren Bundesländern gehören Kopftuchträgerinnen mittlerweile zum Kollegium. Nur in Berlin sieht der Senat bisher keinen Grund, das besonders strenge Neutralitätsgesetz zu ändern.

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Das Berliner Neutralitätsgesetz ist bundesweit das unfassendste. Es verbietet nicht nur Lehrerinnen das Tragen des Kopftuches, sondern auch Polizistinnen, Richterinnen und anderen Repräsentantinnen des Staates. Ein vom Senat in Auftrag gegebenes Gutachten kam zu dem Schluss, dass es seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegen das Grundgesetz verstößt und angepasst werden muss.  Bisher lehnte der Senat eine Änderung ab. Das könnte sich nun ändern. Eine Lehrerin, deren Bewerbung für eine Stelle im Schuldienst wegen ihres Kopftuches gar nicht erst angenommen wurde, klagt vor dem Arbeitsgericht. Am 14. April beginnt der Prozess.

Bisher ist über diese Lehrerin wenig bekannt, kaum jemand scheint sich für das den Kopftuchprozess zu interessieren. Das ist erstaunlich, bedenkt man, wie erbittert noch vor wenigen Jahren um das Kopftuch gestritten wurde. Mindestens ein Jahrzehnt lang hatte sich die Debatte um den Islam in Deutschland um das Stück Stoff auf dem Kopf einiger weniger Lehrerinnen gedreht.

Auch heute wird ab und an noch über das Kopftuch debattiert – und was die Erfahrung von Musliminnen angeht, die wegen ihres Kopftuches diskriminiert oder gar auf der Straße beschimpft werden, so hat sich die Lage sogar verschlechtert. Auf der politischen Ebene aber ist der Streit ums Kopftuch abgeklungen. „Das ist ein großes Glück!“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: „Die Kopftuchträgerinnen stehen nicht mehr so unter Druck und insgesamt führt dies zu einer Normalisierung und Entspannung der Debatte“, sagt sie. Zwar hat sich die Diskussion um den Islam in Deutschland nicht versachlicht, im Gegenteil. Pegida, Salafisten und andere Radikale haben dem Ansehen des Islams und der Muslim_innen geschadet, aber immerhin stehen nun nicht mehr die Köpfe der Musliminnen im Fokus. Das gibt gerade jungen Frauen mehr Freiheit, sich selbst eine Meinung zu bilden und ihren eigenen Weg gehen können. Wie sehr die Kopftuchdebatte Muslim_innen belastet hat, beschreibt Fereshta Ludin in ihrer Autobiographie „Die mit dem Kopftuch“, die 2015 erschienen ist: Sie sei in den Augen anderer als «die mit dem Kopftuch» abgestempelt worden. «Ich wünsche mir einfach, dass man mir mehr in die Augen schaut, als auf mein Kopftuch blickt», sagte Ludin.

Der Richterspruch aus Karlsruhe im vergangenen Jahr (er fiel bereits im Januar wurde jedoch erst im März bekanntgegeben) und dass daraufhin in mehreren Bundesländern Lehrerinnen mit Kopftuch angestellt wurden, trägt zur weiteren Normalisierung bei. Alles auf dem besten Weg, könnte man meinen. Wäre da nicht die Klage der Lehrerin in Berlin. Hier droht neuer Streit. So fordert die bekannte Bloggerin Betül Ulusoy muslimische Frauen auf, die Lehrerin stärker zu unterstützen und ruft zu Solidaritätskundgebungen auf. „Merkwürdig, wie uninformiert die Meisten sind, denke ich. Selbst die, die es unmittelbar angeht. Am Ende, wenn Vorreiterinnen wie die aktuelle Klägerin wieder nicht unterstützt wurden und die Klage erfolglos blieb, wird aber wieder gemeckert und geschimpft, vor allem wenn man selbst plötzlich Absagen trotz Qualifikation erhält. Warum unterstützt und solidarisiert man sich eigentlich nie im Vorfeld, wenn man dazu die Möglichkeit noch hat?“, schreibt sie.

Viele muslimische Blogger_innen sehen eine solche Kampagne eher kritisch; dabei spielen auch strategische Überlegungen eine Rolle. Eine erneute Eskalation des Kopftuchstreites schüre nur wieder die Emotionen und stärke das Lager rechter Islamhasser. Dem Ziel, durch ein Urteil vor dem Berliner Arbeitsgericht das Berliner Neutralitätsgesetz zu kippen und dann durch eine vernünftige Diskussion zu einer besseren Regelung zu kommen, sei damit jedenfalls nicht gedient. Es ist also ein Dilemma: Einerseits gibt es nun die Chance, das Kopftuchverbot für Lehrerinnen auch in Berlin zu kippen und es macht Sinn, die klagende Lehrerin zu unterstützen, gemeinsam das Recht zu erstreiten. Andererseits fürchten viele, mit einem zu entschiedenen Eintreten für diese Forderung negative Reaktionen in der Öffentlichkeit zu provozieren.

julia neuJulia Gerlach ist Mitarbeiterin bei ufuq.de. Die Journalistin und Autorin und beschäftigt sich mit Jugendkulturen und Alltagsislam. 2006 erschien ihr Buch „Zwischen Pop und Dschihad – Muslimische Jugendliche in Deutschland“ bei CH Links in Berlin.

Angefacht wird die Diskussion zudem durch harsche Kritik etwa durch die Journalistin Sineb al-Masar. In ihrem eben erschienenen Buch „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ wirft sie Betül Ulusoy vor, absichtlich Emotionen zu schüren und die Spaltung der Gesellschaft zu riskieren. Sie handele nicht allein, sondern ihre Kampagne sei Teil der Strategie der Muslimbruderschaft und ihrer Verbündeten, um die Muslime in Deutschland unter ihren Einfluss zu bringen und zu radikalisieren. Zu einer Versachlichung der Diskussion trägt diese Radikalkritik sicherlich auch nicht bei.

Dabei hat sich die Auseinandersetzung mit dem Kopftuch für viele kreative junge Musliminnen längst weiterentwickelt. Unter #muslimischefrauenmachensachen ruft die sehr aktive islamische Hochschulgemeinde Kaiserslautern zu einem Fotowettbewerb auf. Das Motto: Muslimische Frauen machen Sachen und tragen eben nicht nur Kopftuch. Ganz anders geht die 21jährige Indah Nanda Puspita aus Hannover das Thema an: Auf ihrem YouTube Channel präsentiert sie sehr modische Kopftuchkreationen und Musikvideos von sich und ihrer Band. Was MIPSTERZ aus den USA kann, kann sie schon lange. Und dann gibt es auch in Deutschland zunehmend Muslim_innen, die das Kopftuch wieder ablegen. Das bekannteste Beispiel ist wohl Hülya Kandemir. 2005 veröffentlichte sie in ihrem Buch „Himmelstochter“ eine Erklärung, warum sie damals ihre Karriere als Sängerin aufgab und sich für das Kopftuch entschied. Sie wurde zu einem Vorbild einer ganzen Generation frommer Frauen. Inzwischen hat Hülya Kandemir einen anderen Weg eingeschlagen: „Es ist mir ganz wichtig zu sagen, dass ich nur das Tuch abgelegt habe, nicht den Glauben. Ich bin immer noch eine fromme und praktizierende Muslima, nur brauche ich dazu kein Kopftuch mehr“, sagt sie. Auch sie ist froh, dass die Debatte um das Kopftuch abgeklungen ist. „Viele Mädchen fühlten sich wegen der Debatte so unter Druck gesetzt, dass sie schon aus Prinzip auf dem Kopftuch bestanden“, sagt sie. Während in der arabischen Welt inzwischen von einem regelrechten Trend der „Dehijabisierung“ die Rede ist, weil so viele Frauen das Kopftuch ablegen, sind es in Deutschland bisher erst einige Dutzend, die von sich Reden machen. Insgesamt ist aber klar: Das Kopftuch hat viele Facetten und ist mehr als nur ein Stück Stoff, über das sich in Talkshows streiten lässt.