Kollektive Emotionen in der Mobilisierung extremistischer Gruppen, und was Präventionsarbeit dagegensetzen kann

Symbolbild: Ein junger Mann trägt einen Pullover mit der Aufschrift Respect.

Kollektive Akteure, ganz gleich welcher Couleur, verwenden Narrative mit emotionalem Anklang, um ihren jeweiligen Aktivismus moralisch aufzuwerten, ihre Anhänger*innen zu binden und zum Handeln zu mobilisieren. Islamistisch-extremistische Gruppen bilden da keine Ausnahme. Dabei wählen sie eine bestimmte narrative Form, damit politischer Aktivismus bis hin zur Gewaltanwendung nicht nur als einzige Möglichkeit erscheint, sondern sich für die Anhänger*innen auch „richtig“ anfühlt. Im Folgenden skizziert Dr. Maéva Clément sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zur Rolle kollektiver Emotionen in islamistisch-extremistischen Mobilisierungsversuchen und stellt Überlegungen zur Rolle von Emotionen in der Präventionsarbeit gegen Radikalisierung an.

Als Friedens- und Konfliktforscherin interessiere ich mich insbesondere für die Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens, Prozesse der Radikalisierung bzw. der Moderation von Gruppen und Phänomene von Extremismus und politischer Gewalt. Dieser Essay stützt sich auf empirische Forschungsarbeiten, die ich in den vergangenen Jahren durchgeführt habe, und plädiert für eine stärkere Auseinandersetzung mit kollektiven Emotionen in der Radikaliserungsprävention im Besonderen und der politischen Bildungsarbeit im Allgemeinen. Emotionszentrierte Ansätze eröffnen nicht nur vielversprechende Alternativen zu Ansätzen, die von der Prämisse ausgehen, dass die Auseinandersetzung mit extremistischer Ideologie im Fokus von Radikalisierungsprävention stehen sollte. Auch Ansätze, die nicht auf Ideologie fokussieren, können von einer stärkeren Einbeziehung kollektiver Emotionen profitieren.

Anders als häufig angenommen, unterliegen Extremismus und Gewalt nicht primär strategisch-rationalen Logiken (z.B. „nur mit Gewalt können sich soziale Verhältnisse schnell bedeutend ändern“), sondern sind, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene, nicht zuletzt durch Affekte bedingt (z.B. „weiter zuzusehen, wie unsere Geschwister leiden, ist keine Option“). Die Forschung zu Radikalisierung und Extremismus hat die systematische Untersuchung von Emotionsdynamiken jedoch lange vernachlässigt: Mal werden sie schlicht übersehen; mal werden Emotionen angenommen, ohne sie auf ihre Merkmale, Ambiguitäten und Temporalitäten hin zu befragen; mal werden affektive Dynamiken auf binäre Aussagen wie „negative Emotionen bedingen Offenheit gegenüber Extremismus“ reduziert. Sowohl die Forschung als auch die Praxis brauchen jedoch eine solide Konzeptualisierung und ein reicheres Verständnis von kollektiven Emotionen, die ihren Rollen und Vielschichtigkeiten in sozialen Prozessen, wie beispielsweise Radikalisierung und Moderation, gerecht werden.

Ich habe den Aktivismus von islamistischen Gruppen in Großbritannien und Deutschland analysiert und verglichen. Bei den, teils in unterschiedlichen Zeiträumen aktiven, Gruppen handelte es sich um Hizb ut-Tahrir Britain und al-Muhajiroun UK sowie in Deutschland um Die Wahre Religion und Millatu Ibrahim . Für die empirische Analyse ihrer Praktiken habe ich zunächst ein theoretisches Konzept, das der „narrativen Emotionalisierung“, entwickelt. Wenngleich alle Narrative emotionale Bedeutungen transportieren, so tun sie dies zu unterschiedlichem Grade. Narrative Emotionalisierung ist demnach der Prozess, durch den alle Referenzobjekte und Ereignisse des Narrativs systematisch emotional aufgeladen werden. Die empirische Analyse gründete auf Primärdaten wie Texten, Tonaufnahmen und Videos, die von den Gruppen produziert wurden. Ausgewertet habe ich das Datenmaterial mit einem interpretativen methodologischen Zugang, der unter anderem eine Prozessanalyse von Phasen des politischen Aktivismus und eine quantitative und qualitative Narrativanalyse kombinierte. An dieser Stelle gehe ich auf ausgewählte Forschungsergebnisse ein, die aus meiner Sicht für Ansätze der Radikalisierungsprävention von besonderer Relevanz sind.

Dr. Maéva Clément ist seit Oktober 2019 akademische Rätin an der Universität Osnabrück. Sie lehrt Internationale Beziehungen und Friedens- und Konfliktforschung. In ihrer Doktorarbeit „Islamist organizations in Western Europe: The role of collective emotions in group radicalization processes“ (2019) hat sie sich mit der Bedeutung kollektiver Emotionen in den Radikalisierungsprozessen islamistischer Organisationen in Deutschland und Großbritannien beschäftigt.

Romantisches Narrativ und kollektive Emotionen

Die Analyse zeigt, dass islamistische Gruppen in Phasen von Radikalisierung und Extremismus ein romantisches Narrativ offenbaren. Romantisch meint hier, dass es sich im literaturwissenschaftlichen Sinne eines romantischen Genres bedient, das verwerfliche und heldenhafte Charaktere umfasst, Analogien zwischen zeitgenössischen und historischen Ereignissen herstellt und (religiös-)kulturelle Referenzpunkte miteinander verwebt. Dieses generische romantische Narrativ ist im Fall der betrachteten Gruppen an den jeweiligen zeitgenössischen, sozial-politischen Kontext in Westeuropa angepasst und schließt an islamistische Erzählungen an. In moderaten Phasen hingegen sind Ansätze eines solchen, generischen Narrativs nicht vorhanden gewesen.

Die jeweiligen Trigger-Ereignisse, historischen Referenzen und konkreten Handlungsaufforderungen sind zwar je nach Phase und Gruppe mit leicht abweichenden Motiven besetzt. Gleichwohl erzählen sie durch die Verwendung dieses romantischen Narrativs eine identische Geschichte (zum Beispiel in Bezug auf idealtypische Charaktere, problematische sozial-politische Umfelder, konkrete Handlungen) und schreiben den politisch-religiösen Gegnern sowie der zu mobilisierenden Referenzgruppe klare Verantwortungen zu. Beispielsweise wird von allen vier Gruppen das internationale politische System unter „Vorherrschaft westlicher Staaten“ als schuldig für die „Unterdrückung und Verfolgung der weltweiten muslimischen ummah“ erklärt. Umgekehrt sei es die Verantwortung „aller wahren Muslime“ dem „mit allen verfügbaren Mitteln individuell und kollektiv entgegenzuwirken“. Kurzum: Ein solches Narrativ macht die vorgebrachten Interpretationen und ihre emotionalen Effekte zur Realität (zum Beispiel Wut gegenüber politischen Gegner*innen, Frust mit vermeintlich passiven Muslim*innen). Dabei wird extremistischer Aktivismus bis hin zur Gewaltanwendung nicht nur als kollektiv notwendige Handlungsweise präsentiert, sondern als moralisch wünschenswert.

Ein wesentlicher Aspekt des romantischen Narrativs sind die damit aufgeführten kollektiven Emotionen. Die Analyse zeigt, dass die jeweiligen Gruppen in extremistischen Phasen sogenannte Emotionsregeln aufgestellt haben. Emotionsregeln spezifizieren, was Gruppenmitglieder (nicht) fühlen sollen, unter welchen Bedingungen und wie sie diese Emotionen zeigen sollen. Implizite Emotionsregeln gibt es zwar in allen sozialen Gruppen, explizit festgelegte Emotionsregeln werden jedoch in der Regel von Gruppen etabliert, die eine abweichende Weltsicht vertreten (Hochschild 2006 [1983]).[1]
Die Erwartung ist, dass all diejenigen, die sich als Teil der Gruppe verstehen, die Emotionsregeln befolgen und sich somit an der kollektiven Aufführung von Emotionen beteiligen. In der Analyse wird deutlich, dass Gruppen in extremistischen Phasen bestimmte Emotionsregeln stärken bzw. zusätzliche Regeln einführen. Als Beispiel lässt sich die (gruppenübergreifende) Emotionsregel „bedingungslose Empathie für wahre Muslime“ nennen. Zwar finden sich Ansätze von Emotionsregeln auch in Radikalisierungsphasen, dennoch sind diese nicht so weitgehend institutionalisiert. In extremistischen Phasen wird die kollektive Aufführung von den Emotionen, die von der Gruppe für gültig erklärt wurden, schlichtweg vorausgesetzt.

Bemerkenswert ist auch, dass viele Emotionsregeln Anhängerinnen und Anhänger betreffen, einige aber lediglich Anhänger männlichen Geschlechts. Während die kollektiven Emotionen „unbegrenzte Zuneigung zur ummah“ und „Wut gegenüber dem religiös Anderen“ und „Wut gegenüber den politischen Gegnern“ von beiden Geschlechtern zugleich erwartet werden, sollen männlichen Mitglieder besonders die Emotion „bedingungslose Empathie für die wahren Muslime“ empfinden. Diese Emotionsregel wird dabei mit der Handlungsaufforderung „gewalttätiger Widerstand“ verbunden.

Obgleich sich die hier skizzierten Erkenntnisse auf islamistische Akteure beziehen, sollte narrative Emotionalisierung jedoch nicht als eine Besonderheit dieses Phänomenbereichs betrachtet werden. Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild schildert ähnliche Emotionsdynamiken für rechte Akteuren in ihrem Buch „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ (Campus 2017)[2]. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass viele der geschilderten Zusammenhänge auch für sich radikalisierende Gruppen in anderen regionalen Kontexten (zum Beispiel nicht nur in Westeuropa) sowie in anderen Phänomenbereichen (zum Beispiel Rechtsextremismus) zutreffen können.

Wie lassen sich diese Erkenntnisse auf die Präventionsarbeit übertragen?

Ich fokussiere im  Folgenden  auf universal- und selektiv-präventive Ansätze, die sich an Ansätze aus der politischen Bildungsarbeit und dem Empowerment von jungen Menschen anlehnen. Insbesondere der Blick auf das Spannungsverhältnis zwischen individuellen und kollektiven Emotionen erscheint hier vielversprechend.

Grundsätzlich gilt es festzustellen, dass, so wenig es ausreicht, politische Bildungsarbeit schlicht als die Vermittlung demokratischer Werte aufzufassen, es ebenso wenig ausreicht, einfach andere kollektive Emotionsregeln (seien sie auch inklusiv) zu setzen. Stattdessen bedarf es eines Erarbeitungsprozesses, in dem Pädagog*innen und junge Menschen gemeinsam anhand konkreter Beispiele kollektive Emotionsregeln dekonstruieren. Auf diese Weise werden unterschiedliche Perspektiven sichtbar und können Kompetenzen eingeübt werden. Ähnlich argumentieren Götz Nordbruch in Bezug auf Identität und Identitätsentwicklung in der Bildungsarbeit und Bernt Gebauer im Hinblick auf die Förderung von Konfliktfähigkeit von Schüler*innen wie Pädagog*innen.

Tatsächlich sind Emotionen in Angeboten der Radikalisierungsprävention immer wieder Thema, werden aber häufig nur indirekt aufgegriffen. So zum Beispiel in den Materialien von ufuq.de wie dem Kartenset „The kids are alright“. Das Kartenset veranschaulicht unter anderem, wie Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen Diskussionsthemen und Anregungen rund um (politische) Affekte aktiv angehen können. In der Auseinandersetzung mit internationalen Konflikten und der möglichen persönlichen Betroffenheit von jungen Menschen werden pädagogische Optionen empfohlen, die von der Würdigung von Empathie über Differenzierung, Kontextualisierung und „Einüben eines Perspektivwechsels“ bis hin zum Aushandeln gemeinsamer Formen des Gedenkens reichen. Aber wie könnte das Spannungsverhältnis „individuelle vs. kollektive Emotionen“ direkter angegangen werden?

Allgemein gesprochen können Angebote (weiter)entwickelt werden, deren primäres Ziel es ist, die Komplexität und Ambiguität sowohl individueller als auch kollektiver emotionaler Erfahrungen herauszustellen und Wahrnehmungen homogener Emotionsgemeinschaften zu dekonstruieren. So können junge Menschen in die Lage versetzt werden, das Erfahren von Emotionen (wieder) zu „individualisieren“, also ihre eigenen Emotionen anzuerkennen und nicht in einer exklusiven Emotionsgemeinschaft aufzugehen. Extremistische Gruppen treiben die Konstitution scharf getrennter Emotionsgemeinschaften voran. Also sollte Prävention genau hier ansetzen, die Widerstandsfähigkeit der Individuen gegen emotionale Überwältigung fördern und so der Herausbildung ebensolcher Gemeinschaften entgegenwirken.

Pädagog*innen können anhand von aktuellen Konfliktthemen exemplarisch zeigen, wie soziale Gruppen, die auf den ersten Blick unterschiedlich zu sein scheinen, ähnliche kollektive Emotionen ausdrücken. Gleichsam kann sichtbar gemacht werden, dass selbst in einer Gruppe wie dem Klassenzimmer eine Vielfalt an unterschiedlichen Emotionen zu einem Thema empfunden werden kann. Kurz gesagt: Die Schüler*innen werden dazu befähigt, zu erkennen, dass es bei komplexen, polarisierenden Themen ganz normal ist, mehrdeutige oder gar widersprüchliche Emotionen – die sprichwörtlichen „gemischten Gefühle“ – zu erfahren. Dies sichtbar zu machen und zur Sprache zu bringen, kann dazu beitragen, dass ein*e Schüler*in sich fragt, ob er/sie jene Emotion als „seine/ihre“ anerkennt oder als von anderen vorgegeben empfindet.

Insbesondere im Bereich der selektiven Prävention könnten solche Ansätze gewinnbringend sein, da die anvisierte Zielgruppe vermutlich in einem stärkeren Maße als ihre Peers mit dem ästhetischen und affektiven Anklang des oben skizzierten romantischen Narrativs konfrontiert ist. In kleinen Gruppen könnten sie beispielsweise die geschlechtsspezifischen Anforderungen identifizieren, die islamistische Gruppen in ihren Narrativen verankern. In einem zweiten Schritt wäre zu hinterfragen, welches Management von Gefühlen durch islamistische Erzählungen verlangt wird, d.h. welche Emotionen unterdrückt oder verstärkt werden sollen. Den Teilnehmenden würde ermöglicht, sich mit dem emotionalen Appellcharakter romantischer Narrative kritisch auseinanderzusetzen.

Aber auch im Bereich universeller Prävention können Pädagog*innen emotionszentrierte Kompetenzen vermitteln, mit dem Ziel, die Kapazität junger Menschen zu stärken, den affektiven Reizen extremistischer Narrative zu widerstehen. Derlei Angebote können sich beispielsweise an bestehenden Angeboten zur Förderung von Medienkompetenz in sozialen Medien orientieren und jungen Menschen ermöglichen, Appelle der Befolgung von Emotionen und der Konstruktion von exklusiven Emotionsgemeinschaften identifizieren und kritisch hinterfragen zu lernen.

Dabei gilt natürlich auch für die Arbeit an der emotionalen Selbstbestimmung junger Menschen das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsens, gemäß dem in der pädagogischen Arbeit sinngemäß gerade nicht vorgeschrieben werden darf, auf welche Art und Weise, wie intensiv und mit wem ein Mensch zu fühlen hat. Solchen Aufforderungen zu widerstehen erfordert Aufklärung, Übung und eine gewisse emotionale Reife (auch für Erwachsene). Idealerweise erleben junge Menschen, die in anderen Kontexten nur wenige Möglichkeiten haben, eigene Emotionen auszudrücken, einen geschützten Raum, in dem sie ihre Emotionen ein Stück freier äußern und reflektieren können.

All das bedeutet nicht, dass sich junge (und auch ältere) Menschen insofern emotional „befreien“, als dass sie in jeder Situation unreflektiert ihren Gefühlen freien Lauf lassen sollten – und damit potenziell ihre Mitmenschen verletzen. Emotionsarbeit stärker in den Blick zu nehmen bedeutet, eine häufig unterschätzte Kernkompetenz mündiger Bürger*innen, die für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben essentiell ist, stärker als bisher zu fördern. Es scheint an der Zeit, sich dieses Themas (wieder) anzunehmen.

[1] Hochschild, Arlie R., 2006 [1983]. Das gekaufte Herz: die Kommerzialisierung der Gefühle. Campus Bibliothek.

[2] Hochschild, Arlie R., 2017. Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten, Bielefeld: Campus Verlag.

Zum Weiterlesen

Nordbruch, Götz, Wie können Jugendliche für eine pluralistische Gesellschaft fit gemacht werden? Zwei Thesen zum Verhältnis von Antidiskriminierungsarbeit und Radikalisierungsprävention, www.ufuq.de, Juni 2019.

Gebauer, Bernt, „Free to Speak, Safe to Learn“ – Das Unterrichten kontroverser Themen als Extremismusprävention, www.ufuq.de, September 2018.

Kartenset “The kids are alright” für pädagogische Fachkräfte“, www.ufuq.de, 2018

„Generation Rücksichtslos“ – Forscher schlagen Alarm: Jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche zeigen kaum Mitgefühl für andere, www.news4teachers.de, Februar 2020.